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	<description>über Reportagen</description>
	<pubDate>Tue, 13 May 2008 07:47:38 +0000</pubDate>
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		<title>Sabine Rückert gewinnt Egon Erwin Kisch-Preis 2008</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2008/05/sabine-ruckert-gewinnt-egon-erwin-kisch-preis/</link>
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		<pubDate>Sat, 10 May 2008 00:04:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Auszeichnung]]></category>

		<category><![CDATA[Die Zeit]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[Hinweis: Dies ist die leicht abgeänderte Fassung meines Gastbeitrags bei medienlese.com.
Der diesjährige 31. Egon Erwin Kisch-Preis geht an Sabine Rückert. Die Auszeichnung, die seit vier Jahren im Henri Nannen Preis aufgehoben ist, erhält sie für ihre Reportage “Wie das Böse nach Tessin kam” (erschienen am 21.06.2007 in der Zeit). Das Urteil der Jury:
&#8220;von brennender Aktualität, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Hinweis</strong>: Dies ist die leicht abgeänderte Fassung meines <a href="http://medienlese.com/2008/05/10/reportage-ueber-boeses-tessin-gewinnt-egon-erwin-kisch-preis/">Gastbeitrags bei medienlese.com</a>.</p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-53" style="float: left; margin-left: 10px; margin-right: 10px;" title="rueckert_202" src="http://www.reportagenblog.ch/wp-content/uploads/2008/05/rueckert_202.jpg" alt="© stern / Gruner + Jahr" width="202" height="181" />Der diesjährige 31. Egon Erwin Kisch-Preis geht an Sabine Rückert. Die Auszeichnung, die seit vier Jahren im Henri Nannen Preis aufgehoben ist, erhält sie für ihre Reportage “<a href="http://www.zeit.de/2007/26/Tessin?page=all">Wie das Böse nach Tessin kam</a>” (erschienen am 21.06.2007 in der Zeit). Das <a href="http://www.henri-nannen-preis.de/presse_2008.php?id=47">Urteil der Jury</a>:</p>
<blockquote><p>&#8220;von brennender Aktualität, die Autorin beschreibt den Boden, aus dem eine gespenstisch anmutende Tat wächst; sie führt den Leser auf beklemmende Weise in die Gedankenwelt und Motivationslage eines Jugendlichen ein, der trotz fürsorglicher und bemühter Eltern aus der Realität gleitet und in einer Welt von Computer-Spielen, der Verachtung des Schwachen und Identifizierung mit dem Starken zum Killer wird&#8221;.</p></blockquote>
<p>Tatsächlich ist Sabine Rückert eine äusserst beklemmende, schlüssige <a href="http://www.reportagenblog.ch/2008/04/nominierte-24-sabine-ruckerts-boses-tessin/">Reportage gelungen</a>.</p>
<p>Sabine Rückert versucht keine Expertendiskussion darüber abzuhandeln, ob und wie Videospiele Gewalt auslösen. Sie appelliert stattdessen an den gesunden Menschenverstand: &#8220;Man braucht kein Jugendpsychiater zu sein, um die Wirkung solcher Spiele auf unausgereifte Seelen zu erfassen.&#8221;</p>
<p>Mit dieser Meinung ist Sabine Rückert wohl angreifbar. Ein dezidierte Stellungnahme ist aber gerade der Sinn der Reportage. Damit hat sie sich - meiner Meinung nach zurecht - gegen die drei von der Vorjury mitnominierten Texte durchgesetzt.</p>
<p>Namentlich sind dies <a href="http://www.reportagenblog.ch/2008/03/nominierte-14-jurgen-leinemanns-verflixtes-70-jahr/">Das verflixte 70. Jahr</a> von Jürgen Leinemann, <a href="http://www.reportagenblog.ch/2008/05/nominierte-34-literarische-raubtiere-und-ein-oscar/">Unter Wölfen</a> von Alexander Soltczyk und <a href="http://www.reportagenblog.ch/2008/05/nominierte-34-literarische-raubtiere-und-ein-oscar/">Das leben neben dem anderen</a> von Alexander Osang.</p>
<p>Wenn man der Jury einen Vorwurf machen will, dann den, dass sie mit ihrem Entscheid dem Sensationshunger der Medienbranche huldige. Das stimmt insofern, als hinter &#8220;Wie das Böse nach Tessin kam&#8221; sicher die krasseste Geschichte steckt.</p>
<p>Aber wenn ein Fehlentscheid vorliegt, dann trifft er eher die Vorjury, die bei ihrer <a href="http://www.henri-nannen-preis.de/beste_reportage_egon_erwin_kischpreis_2008.php">Auswahl aus insgesamt 12 Texten</a> gerade die sozial engagiertesten weggelassen hat (z.B. <a href="http://www.zeit.de/2007/11/Illegale?page=all">&#8220;Sklaven in Altona&#8221;</a> oder &#8220;<a href="http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/00/49/dokument.html?id=52559400">Tod in Camp Delta&#8221;</a>).</p>
<p>Für Stirnrunzeln sorgt in dem Zusammenhang eine <a href="http://www.taz.de/1/leben/medien/artikel/1/den-preis-fuer-fleiss/?src=TE&amp;cHash=77e5adfa28">Meldung in der taz</a>, wonach in einer anderen Kategorie des Henri Nannen Preises, jenem für die beste investigative Leistung offenbar ein kritischer Beitrag von der Liste der nominierten verschwand.</p>
<p>Insgesamt übrigens wurden 328 Texte eingereicht (32 in Schweizer Medien) und zwar von 267 Autoren und Autorinnen (Frauen mit rund einem Drittel deutlich untervertreten). Sie erschienen in 92 Zeitungen und Zeitschriften .</p>
<p>Kein Chance auf einen Egon Erwin Kisch-Preis haben reine Online-Produktionen, wie man sie beispielsweise bei <a href="http://www.soundphotographer.de/">Soundphotographer</a>, <a href="http://www.medialism.net">medialism.net</a> oder <a href="http://mediastorm.org">Mediastorm</a> findet, in denen sich das Genre der Reportage gegenwärtig weiterentwickelt. Immerhin erklärte mir die Pressestelle des Henri Nannen Preises, dass &#8220;die Öffnung der bestehenden Kategorien für &#8216;reine&#8217; Online-Beiträge gegenwärtig in der Diskussion&#8221; sei.</p>
<p>Wir drücken die Daumen.</p>
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		<title>Nominierte 3+4: Literarische Raubtiere und ein Oscar</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2008/05/nominierte-34-literarische-raubtiere-und-ein-oscar/</link>
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		<pubDate>Thu, 08 May 2008 22:54:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Der Spiegel]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 9. Mai ist es soweit: In Hamburg wird zum 31. Mal der Egon Erwin Kisch Preis verliehen (seit 2005 offiziell unter dem Namen Henri Nannen Preis für die Beste Reportage).
Von den 328 eingereichten Reportagen aus 92 Zeitungen und Magazinen hat die Jury im März 08 bereits vier ausgewählt. Zwei davon habe ich im Reportagenblog [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 9. Mai ist es soweit: In Hamburg wird zum 31. Mal der Egon Erwin Kisch Preis verliehen (seit 2005 offiziell unter dem Namen Henri Nannen Preis für die Beste Reportage).</p>
<p>Von den 328 eingereichten Reportagen aus 92 Zeitungen und Magazinen hat die Jury im März 08 bereits <a href="http://www.reportagenblog.ch/2008/03/egon-erwin-kisch-preis-die-nominierten/">vier ausgewählt</a>. Zwei davon habe ich im Reportagenblog bereits vorgestellt (<a href="http://www.reportagenblog.ch/2008/03/nominierte-14-jurgen-leinemanns-verflixtes-70-jahr/">Jürgen Leinemann</a> und <a href="http://www.reportagenblog.ch/2008/04/nominierte-24-sabine-ruckerts-boses-tessin/">Sabine Rückert</a>), zwei bin ich schuldig geblieben: Alexander Smoltczyk und Alexander Osang. Voilà les deux.</p>
<p><strong><a href="http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/48/18/dokument.html?id=53278184">Alexander Smoltczyk: Unter Wölfen</a></strong>. Erschienen im Spiegel vom 15. Oktober 2007.</p>
<p>Schriftsteller sind &#8220;einsame, marktscheue Existenzen. Sie ringen mit ihren Romanfiguren, nicht gern mit Managern&#8221;. So stellen wir uns die noble Sphäre der Literatur vor. Und so schildert sie uns Smoltczyk. Doch auch Manuskripte werden gehandelt. Und wie:</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8216;Ed Vicor senkt die Stimme: &#8220;Es war ein Gladiatorenkampf. Noch nie in meiner Laufbahn habe ich für etwas so viel Geld bekommen.&#8217; Und er hätte gern, so heisst es, noch 700&#8242;000 Euro pro Land dazu.&#8221;</p></blockquote>
<p>Dieses Etwas sind zehn zusammengeheftete Seiten (plus die Rechte auf mehr). Diktiert hat sie Rolling-Stones-Gittarist Keith Richards. Nicht ganz wörtlich, aber ungefähr, auf einem einstündigen Tonband.</p>
<p>Gehandelt wird dieses &#8220;Exposé&#8221; am Rand der Frankfurter Buchmesse und zwar von einem Literaturagenten (Ed Victor). Der ist nicht der einzige Agent und Keith Richard nicht der einzige Promi, der in Smoltczyks Reportage vorkommt.</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8216;Wylie ist ein Raubtier&#8217;, sagt Andrew Nurnberg, auch er ein Alphatier der Branche [...]. &#8216;Aber er hat unseren Job prickelnder gemacht. Keiner kann sich seiner Autoren mehr sicher sein.&#8217;&#8221;</p>
<p>&#8220;Er hat unter anderen Salman Rushdie, Susan Sontag und W.G Seebald ihren Stammagenten und Hausverlagen entrissen, allesamt linke Autoren. Aber Wylies sechs- und siebenstelligen Argumenten konnten sie sich nicht entziehen.&#8221;</p></blockquote>
<p>Smoltczyks Thema ist die Branche. Der Text liest sich gut, weil man diese Szene kaum kennt und weil Smoltczyk eine spitze Feder hat. Was bisweilen aber auch ins Geschmacklose kippt (&#8221;Der Deutsche negert eben gern&#8221;).</p>
<p>Zuletzt schüttelt man als Literaturliebhaber resigniert den Kopf ob soviel schnöder Geschäftsttüchtigkeit. Das Kopfschütteln ist indes kalkuliert. Die Reportage erhält einen klaren Fluchtpunkt, der aber nicht in die Tiefe führt, sondern sich damit begnügt zu unterhalten.</p>
<p><strong><a href="http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=50746938">Alexander Osang: Das leben neben dem anderen</a></strong>. Erschienen im Spiegel vom 5. März 2007.</p>
<p>Osangs Reportage handelt vom Schauspieler <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_M%C3%BChe">Ulrich Mühe</a>, der im Film &#8220;<a href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Das_Leben_der_Anderen&amp;stable=0#Weblinks">Das Leben der Anderen</a>&#8221; einen Stasi-Hauptmann spielt und dafür unter anderem mit dem Europäischen Filmpreis für den Besten Schauspieler ausgezeichnet wurde. Der Regisseur des Films, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Florian_Henckel_von_Donnersmarck">Florian Henckel von Donnersmarck</a>, konnte am 25. Februar 2007 in Los Angeles den Preis für den Besten fremdsprachigen Film entgegennehmen.</p>
<p>Ulrich Mühe ist in Sachsen aufgewachsen, ein zurückaltender, ruhiger Typ. Donnersmarck dagegen ist weltmännisch, stammt aus einer schlesischen Adelsfamilie, ist gewöhnt im Mittelpunkt zu stehen.</p>
<blockquote><p>&#8220;Seine [Donnersmarcks] Familienwurzeln lassen sich bis ins 14. Jahrhundert verfolgen, er hat in Oxford und Leningrad studiert, er ist verheiratet, hat zwei Kinder und hat als Junge in New York [...] gespielt [...]. Donnersmarck ist ein beeindruckender Mann, und manchmal schaut ihn Ulrich Mühe an wie seinen Vater.&#8221;</p></blockquote>
<p>Dies obwohl Mühe 20 Jahre älter ist als Donnersmarck mit Jahrgang 1973. Eine wunderschöne kleine Szene ist die:</p>
<blockquote><p>&#8220;Mühe [...] hat Clint Eastwood getroffen und im gesagt, dass er seine Filme mag.<br />
Und was hat Easwood gesagt?<br />
&#8216;Danke&#8217;, sagt Mühe.&#8221;</p></blockquote>
<p>Osang erklärt die Unterschiede zwischen Mühe und Donnersmark, geht ihren Biographien nach, in zahlreichen Schleifen. Dazu begleitet er Ulrich Mühe die vier Tage von dessen Ankunft in Los Angeles bis kurz nach der Preisverleihung.</p>
<p>Und dann gibt es diese Geschichte mit Mühes Ex-Frau Jenny Gröllmann. Donnersmarck hatte nicht nur einen Film gedreht, sondern auch noch ein Buch dazu herausgegeben. In diesem Buch sagt Mühe über seine damalige Frau, sie habe bei der Staatssicherheit als IM gearbeitet. Gröllmann ging gerichtlich gegen die Aussage vor und der Verlag musste das Buch <a href="http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,411194,00.html">zurückziehen</a>.</p>
<p>Alle diese Elemente und Ebenen verweben sich zu einer ziemlich komplexen Geschichte, die sich mir nicht gerade leicht erschlossen hat, was wohl auch damit zu tun hat, dass ich den Film nicht kenne. Am 22. Juli 2007 schliesslich, wenige Wochen nach Veröffentlichung der Reportage, ist Ulrich Mühe an einem Karzinom gestorben.</p>
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		<title>Wallraffs Brötchen</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2008/05/wallraffs-brotchen/</link>
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		<pubDate>Sun, 04 May 2008 21:10:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Die Zeit]]></category>

		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[Image via Wikipedia

Nach seinem letztjährigen Einsatz bei zwei Callcentern war Günter Wallraff im Februar 2008 wieder undercover.
&#8220;Ich gebe vor, 51 Jahre alt zu sein statt 65, und habe mir die Identität eines Freundes geliehen. Frank K. heisse ich jetzt. [...] Falsche Haare und ein dünner Oberlippenbart verjüngen mich.&#8221;
Dieses Mal geht es für das Zeit-Magazin &#8220;Leben&#8221; [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="zemanta-img" style="margin: 1em; float: right;"><a href="http://commons.wikipedia.org/wiki/Image:G%C3%BCnter_Wallraff_%28Jugendmedientage_2006%29.jpg" target="_blank"><img style="border: medium none; display: block;" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/00/G%C3%BCnter_Wallraff_%28Jugendmedientage_2006%29.jpg/202px-G%C3%BCnter_Wallraff_%28Jugendmedientage_2006%29.jpg" alt="Günter Wallraff auf einer Podiumsdiskussion bei den Jugendmedientagen 2006" /></a>Image via <a href="http://commons.wikipedia.org/wiki/Image:G%C3%BCnter_Wallraff_%28Jugendmedientage_2006%29.jpg" target="_blank">Wikipedia</a></p>
</div>
<p>Nach seinem <a href="http://www.reportagenblog.ch/2007/07/wallraff-ist-zuruck">letztjährigen Einsatz</a> bei zwei Callcentern war <a class="zem_slink" title="Günter Wallraff" rel="homepage" href="http://www.guenter-wallraff.com" target="_blank">Günter Wallraff</a> im Februar 2008 wieder undercover.</p>
<blockquote><p>&#8220;Ich gebe vor, 51 Jahre alt zu sein statt 65, und habe mir die Identität eines Freundes geliehen. Frank K. heisse ich jetzt. [...] Falsche Haare und ein dünner Oberlippenbart verjüngen mich.&#8221;</p></blockquote>
<p>Dieses Mal geht es für das Zeit-Magazin &#8220;Leben&#8221; nach <a title="Stromberg (Hunsrück)" rel="wikipedia" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Stromberg_%28Hunsr%C3%BCck%29" target="_blank">Stromberg</a>, in die <a href="http://weinzheimer.de/">Backfabrik Weinzheimer</a>.  Dort werde unter unwürdigen Bedingungen geschuftet, hatte ein Briefschreiber Wallraff alarmiert. Weinzheimer beliefert den Discounter Lidl mit Brötchen.</p>
<p>Der Kunde bezahlt bei Lidl 10.5 Cent für ein Brötchen von Weinzheimer.</p>
<p>Der übliche Stundenlohn bei Weinzheimer beträgt 7.66 Euro brutto.</p>
<p>Wallraff findet eine marode Fabrikationsanlage vor, er stellt mangelnde Hygiene fest, kritisiert die prekäre Arbeitssicherheit und dokumentiert einen völlig menschenverachtenden Umgangston.</p>
<blockquote><p>&#8220;Beim Hochstemmen der Bleche über Kopf zischt es auf der Haut meines rechten Arms, und es bilden sich dicke Brandblasen. [...] Als die stählerne Kette des Bandes plötzlich abspringt, herrscht Chaos. Die Kollegen brüllen sich an, greifen mit den Händen ins laufende Band, um die Kette wieder in die Halterung zu bringen. [...] Der Schimmel [...] blüht permanent [...] an schwer zugänglichen Stellen der Anlage rieselt er an verrotteten Eisenteilen herunter und entwickelt sich im Gärschrank.&#8221;</p></blockquote>
<p>Wallraff stellt sich viele Fragen:</p>
<blockquote><p>&#8220;Wie reagiert ein Betrieb, der in Deutschland produziert [angesichts der Globalisierung] auf den Kostendruck?&#8221;</p>
<p>&#8220;Kann es sein, dass die Arbeitsbedingungen der sogenannten Dritten Welt bereits Einzug gehalten haben in unsere &#8217;schöne neue Arbeitswelt&#8217;?&#8221;</p>
<p>&#8220;Warum kaufen die Kunden diese Brötchen, die nicht gut schmecken?&#8221;</p>
<p>&#8220;Was treibt einen Menschen [gemeint ist Firmeninhaber Bernd Westerhorstmann], eine Firma so zu führen? [...] Welchen Teil der Schuld trägt er selbst?&#8221;</p></blockquote>
<p>Alle diese Fragen sind berechtigt und richtig. Doch Wallraff gibt bestenfalls oberflächliche Antworten.</p>
<ul>
<li>Auf den Kostendruck reagiert ein Betrieb in Deutschland mit Lohndumping und Verzicht auf Investitionen. Kaum überraschend.</li>
<li>Einen Vergleich mit Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt bleibt Wallraff schuldig.</li>
<li>Bei den Kaufmotiven äussert Wallraff Verständnis, wenn &#8220;ein Hartz-IV-Empfänger solche Billigbrötchen kauft&#8221;. Den übrigen KäuferInnen attestiert Wallraff mangelnde Vernunft.</li>
<li>Über Westerhorstmanns Motive spekulieren &#8220;einige Arbeiter&#8221;, &#8220;dass er einzig daran interessiert sei, in der Zeit bis zu seinem Ruhestand das Maximum aus dem Betrieb herauszupressen&#8221;.</li>
</ul>
<p>Trotz lobenswertem Engagement finde ich Wallraffs Reportage enttäuschend. Was bleibt ist ein Skandal (unbestreitbar), eine Skandalisierung. Und ein Aufruf zum Boykott:</p>
<blockquote><p>&#8220;Lidl diktiert Weinzheimer die Preise und trägt damit Verantwortung dafür, wie Menschen dort arbeiten müssen. Solange die Arbeiterrechte dort systematisch verletzt werden, sollten die Kunden Lidl und seine dürftigen Brötchen boykottieren.&#8221;</p></blockquote>
<p>Das immerhin ist mutig. Allerdings nicht von Wallraff, sondern von der Zeit.</p>
<p>Und Lidl <a href="http://www.lidl.de/cps/rde/xchg/lidl_de/hs.xsl/11530_42319.htm">rechnet vor</a>, dass Aldi, Penny und Netto im Laden keinen Cent mehr für ihre Brötchen verlangen. Ein guter Grund, auch dort nicht mehr einzukaufen.</p>
<p><strong>Update</strong>: Wallraff erzählt im <a href="http://www.zeit.de/online/2008/19/wallraff-lidl-broetchen?page=all">Interview mit der Zeit</a> vom 8. Mai 2008 über Reaktionen auf seine Reportage.</p>
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		<item>
		<title>Pulitzer-Preis für Feature Writing</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2008/04/pulitzer-preis-fur-feature-writing/</link>
		<comments>http://www.reportagenblog.ch/2008/04/pulitzer-preis-fur-feature-writing/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 07 Apr 2008 21:59:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Auszeichnung]]></category>

		<category><![CDATA[Englisch]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[Den diesjährigen Pulitzer-Preis für &#8220;Feature Writing&#8221; - eine Art Preis für die beste Reportage - ging dieses Jahr an Gene Weingarten von der Washington Post für Pearls Before Breakfast. Weingarten hatte den Star-Geiger Joshua Bell überredete, als Strassenmusiker verkleidet in einer Metro-Station zu spielen. Wenige Leute merkten, was ihnen da vorgetragen wurde&#8230;
Weitere Finalisten sind:

Thomas Curwen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Den diesjährigen Pulitzer-Preis für &#8220;<a href="http://www.pulitzer.org/year/2008/feature-writing/">Feature Writing</a>&#8221; - eine Art Preis für die beste Reportage - ging dieses Jahr an <a href="hhttp://www.pulitzer.org/year/2008/feature-writing/bio">Gene Weingarten</a> von der Washington Post für <a href="http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2007/04/04/AR2007040401721.html">Pearls Before Breakfast</a>. Weingarten hatte den Star-Geiger Joshua Bell überredete, als Strassenmusiker verkleidet in einer Metro-Station zu spielen. Wenige Leute merkten, was ihnen da vorgetragen wurde&#8230;</p>
<p>Weitere Finalisten sind:</p>
<ul>
<li>Thomas Curwen für <a href="http://www.latimes.com/news/local/la-trw-attackedbyagrizzly29apr29,0,1134132,full.story">A hike into horror and an act of courage in Glacier National Park</a>, erschienen in der Los Angeles Times vom 29. April 2007 - die Geschichte einer Grizzlybär-Attacke.</li>
<li>Kevin Vaughan für <a href="http://cfapp2.rockymountainnews.com/crossing/index.cfm">The Crossing</a>, eine Serie über den Zusammenstoss zwischen einem Bus und einem Zug, bei dem 1961 zwanzig Kinder umkamen, erschienen in den Rocky Mountain News.</li>
</ul>
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		</item>
		<item>
		<title>Nominierte 2/4: Sabine Rückerts böses Tessin</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2008/04/nominierte-24-sabine-ruckerts-boses-tessin/</link>
		<comments>http://www.reportagenblog.ch/2008/04/nominierte-24-sabine-ruckerts-boses-tessin/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 31 Mar 2008 23:27:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Die Zeit]]></category>

		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.reportagenblog.ch/?p=45</guid>
		<description><![CDATA[Sabine Rückert wurde für ihre Reportage &#8220;Wie das Böse nach Tessin kam&#8221; am 19. März 2008 für den Egon Erwin Kisch-Preis nominiert. Der Text erschien am 21.06.2007 in der Zeit. Rückert war 2002 schon einmal für denselben Preis nominiert, sie gewann damals den zweiten Platz.
Das böse Tessin befindet sich in Mecklenburg. Hingekommen ist das Böse [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sabine Rückert wurde für ihre Reportage &#8220;<a href="http://www.zeit.de/2007/26/Tessin?page=all">Wie das Böse nach Tessin kam</a>&#8221; am 19. März 2008 für den Egon Erwin Kisch-Preis nominiert. Der Text erschien am 21.06.2007 in der Zeit. Rückert war 2002 schon einmal für denselben Preis nominiert, sie gewann damals den zweiten Platz.</p>
<p>Das böse <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tessin_b._Boizenburg">Tessin</a> befindet sich in Mecklenburg. Hingekommen ist das Böse mit einem Doppelmord. Der 17-jährige Felix ersticht (mit Hilfe des gleichaltrigen Torben, über den man im weiteren Verlauf praktisch nichts erfährt) am Abend des 13. Januar 2007 mit mehreren Messern ein benachbartes Ehepaar. Felix ist ein erfolgreicher Gymnasiast, ein &#8220;wohlerzogener Sohn, der jedermann höflich grüsste&#8221;. Die Tat löst Unverständnis aus. Wie konnte so etwas passieren?</p>
<p>Sabine Rückert kommt einer Antwort nahe. Sie tut dies ohne Kontakt zum Täter. Auskunft geben der Vater von Felix, ehemaliger Vorsitzende des Betriebsrates im Zeit-Verlag, die Mutter von Felix, Marionettenspielerin, Felix&#8217; jüngere Schwester Jana und deren Freundin Eyleen (die meisten Quellen lassen sich nur indirekt erschliessen). Ausserdem gibt es die Aufzeichnung eines Polizeinotrufs, ein Tagebuch und eine Loseblattsammlung mit Zeichnungen, Texten.</p>
<p>Der Text stellt Nähe her, indem praktisch alle Ereignisse im Indikativ - in der berichteten Rede, stellenweise als wörtliche Zitate - erzählt werden. Nur ganz selten wird eingestreut, wer da spricht. Auch offensichtlich rekonstruierte Stellen kommen als konsequente Szenen ohne Relativierung daher (sorry, die Dramatik verbietet eigentlich eine so formalistische Betrachtung - aber trotzdem):</p>
<blockquote><p>&#8220;Als Antje E. röchelnd in ihrem Blut liegt, schickt Felix den Freund Torben los: Er soll die Geisel aus dem Schuppen holen. Eyleen soll sich das angerichtet Unheil genau ansehen, dann wird sie wohl auföhren zu grinsen, dann wird sie erkennen, dass die Welt Grund hat, sich vor Felix zu fürchten. [...] Dann sticht er Antje E. noch einmal heftig in den Kopf, während das Mädchen sich abwendet. Und sich aufrichtend, fragt er sie: Glaubst dus jetzt?&#8221;</p></blockquote>
<p>Kurz vor der Tat hatten sich die Jugendlichen den Film Final Fantasy VII angesehen, die filmische Fortsetzung eines Videospiels. Auf seine PlayStation spielte Felix auch Spiele wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Doom">Doom</a> oder  <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Prey_(Computerspiel)">Prey</a>. Stundenlang. Worum es dabei geht?</p>
<blockquote><p>&#8220;Um ihr Leben wimmernde Männer und Frauen werden vor meinen Augen von einer speziellen Menschenvernichtungsmaschine aufgespießt und zerquetscht, wahnsinnige kleine Kinder zerfetzen und durchbohren einander. [...] Die rechte [Hand] ist blutbesudelt und hält einen blutverkrusteten Schraubenschlüssel, mit dem ich auf alles einhacke, was sich rührt. Meine Gegner zerplatzen, die Organe treten aus. Manchmal treffe ich hilflos umherirrende Personen, die den Außerirdischen entkommen sind. Halb nackt sind sie und vor Angst halb verrückt. &#8216;Ist besser für dich&#8217;, lässt der Computer mich sagen, wenn ich ihnen mit dem Schraubenschlüssel den Schädel zertrümmere. &#8220;</p></blockquote>
<p>Sabine Rückert versucht keine Expertendiskussion darüber abzuhandeln, ob und wie Videospiele Gewalt auslösen (der Sachverständigen-Gutacheter des Gerichts wird nur via Eltern zitiert). Sie appelliert stattdessen an den gesunden Menschenverstand: &#8220;Man braucht kein Jugendpsychiater zu sein, um die Wirkung solcher Spiele auf unausgereifte Seelen zu erfassen.&#8221;</p>
<p>Die Reportage ist keine intellektuelle Analyse. Sie ist ein Versuch, zu erklären, Verständnis herzustellen ohne Identifikation. Sie ist eine Anklage. Das ist Sabine Rückert hervorragend gelungen.</p>
<p>Einziger Patzer ist der Anfang, wo es in einer Szene heisst: &#8220;&#8230;man raucht eine Zigarette und weiss beim Anstecken noch nicht, dass es die letzte sein wird&#8221;. Man denkt natürlich, wer hier raucht sei das Opfer. Sicher wir der Leser bewusst irregeführt - doch jener, der in dieser Szene raucht - es ist der Vater von Felix - hat da keineswegs seine letzte Zigarette geraucht, er wird vielmehr später zum Kettenraucher. Das Rätsel soll wohl Spannung erzeugen - geht schliesslich aber nicht auf.</p>
<p>Wenig überzeugt mich auch der gesucht bedeutungsschwangere Schluss: &#8220;Er [gemeint ist Felix] hat Menschen das Leben genommen. Und diese Erfahrung ist nichts wert. Einfach nur nichts.&#8221;</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Nominierte 1/4: Jürgen Leinemanns verflixtes 70. Jahr</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2008/03/nominierte-14-jurgen-leinemanns-verflixtes-70-jahr/</link>
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		<pubDate>Fri, 21 Mar 2008 23:00:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Der Spiegel]]></category>

		<category><![CDATA[Die Zeit]]></category>

		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Jury des Henri Nannen-Preises hat &#8220;Das verflixte 70. Jahr&#8221; von Jürgen Leinemann für die Kategorie &#8220;Reportage&#8221; (d.h. für den Egon Erwin Kisch-Preis) nominiert. Von den insgesamt vier Nominationen in dieser Kategorie ist dies zweifellos die kontroverseste. Dass dies auch in der Jury so gewesen sein dürfte, ist daran abzulesen, dass zum ersten Mal überhaupt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Jury des Henri Nannen-Preises hat &#8220;<a href="http://www.zeit.de/2007/40/Juergen-Leinemann?page=all">Das verflixte 70. Jahr</a>&#8221; von Jürgen Leinemann für die Kategorie &#8220;Reportage&#8221; (d.h. für den Egon Erwin Kisch-Preis) <a href="/2008/03/egon-erwin-kisch-preis-die-nominierten/">nominiert</a>. Von den insgesamt vier Nominationen in dieser Kategorie ist dies zweifellos die kontroverseste. Dass dies auch in der Jury so gewesen sein dürfte, ist daran abzulesen, dass zum ersten Mal überhaupt vier statt drei Beiträge ausgewählt wurden.</p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Leinemann">Jürgen Leinemann</a> war 35 Jahre lang Journalist beim Spiegel, bis er Anfang 2007, wenige Monate vor seinem 70. Geburtstag, in den Ruhestand trat und kurz darauf an einem lebensbedrohenden Zungenkrebs erkrankte.</p>
<p>Wie der Titel vermuten lässt, ist Leinemanns Text autobiographisch. Er ist gut geschrieben und man wünschte, die Nominierung habe die Kraft, Krankheit - ja gar den Tod - zu verscheuchen. Doch die Frage ist: kann man ihn als Reportage lesen?</p>
<p>Natürlich haben Reportagen fast zwangsläufig einen autobiografischen Anteil indem sie dokumentieren, was ihr Autor erlebt hat. Es steht nirgends geschrieben, wie gross dieser Anteil sein darf, wie gross er sein muss.</p>
<p>Es gibt Reportagen, in denen macht sich der Autor fast unsichtbar. Er taucht ein in seinen oder seine Protagonistin, schildert von dem Material nur, was diese gesehen, erlebt haben kann.</p>
<p>Und es gibt Reportagen, in denen ist der Autor selbst der Protagonist, der im Zentrum steht. Dass dies nicht immer funktioniert, kommentiert <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Wolfe">Tom Wolfe</a> (The New Journalism, 1973) am Beispiel von <a href="/2007/11/norman-mailer-gestorben/">Norman Mailer</a>. Dieser hatte die autobiografische Methode erfolgreich bei seinem &#8220;Marsch aufs Pentagon&#8221; (The Armies of the Night, 1968) angewandt, scheiterte jedoch (nach Ansichts Wolfes) kläglich beim Versuch, auch die erste Mondlandung (Of a Fire on the Moon, 1970) in dieser Art zu inszenieren:</p>
<blockquote><p>&#8220;Why did it fail so badly? Because this time he was not, in fact, a leading character in the event, and his use of an autobiographical point of view merely set up a clumsy and tedious distraction in the foreground, viz., himself.&#8221;</p></blockquote>
<p>Scheitert Jürgen Leinemann? Nicht als Erzähler. Die kleinen Dialoge mit dem stürmischen Dr. W. beispielsweise sind hervorragend:</p>
<blockquote><p>&#8220;Eher beiläufig teilt er mir mit: &#8216;Sie müssen operiert werden.&#8217;<br />
&#8216;Wann?&#8217;, frage ich. &#8216; Jetzt&#8217;, sagt er. &#8216;Jetzt? Was heisst das?&#8217; &#8216;Jetzt heisst sofort.&#8217;</p>
<p>[...]</p>
<p>Als die silberne Lifttür zugeglitten ist, sehen wir uns zum ersten mal an. &#8216;Und wer operiert mich jetzt?&#8217;, will ich wissen. &#8216;Ich&#8217;, sagt er.<br />
Wie lange so eine Fahrstuhlreise über sechzehn Etagen sein kann. Dr. W. blickt mich an. &#8216;Schöne Scheisse, was?&#8217; Mir treten die Tränen in die Augen, ich nicke. Er drückt mir die Hand: &#8216;Ich werde mein Bestes tun, das kriegen wir schon hin.&#8217; Er sieht mir in die Augen, und ich glaube ihm. Vertrauen kann sehr plötzlich entstehen.&#8221;</p></blockquote>
<p>Trotzdem wird auch gerade an dieser Stelle eine Schwäche sichtbar: Jürgen Leinemann schreibt aus der Ich-Perspektive, aber er behandelt sich nicht wie eine Figur, die charakterisiert, entwickelt, inszeniert werden muss. Darum bleibt er selbst in dem Text merkwürdig blass. Oder sollte dies beabsichtigt sein? Ausdruckt von Bescheidenheit, von Demut (der Text nimmt gegen Ende eine religiöse Wende)?</p>
<p>Aber wie passen dann Passagen ins Bild, bei denen Leinemann seinen Abschied beim Spiegel mit sämtlichen Namen des politischen Who is who Deutschlands schmückt, angefangen bei Richard von Weizsächer über Gerhard Schörder bis Angela Merkel?</p>
<p>Doch zurück zur Ausgangsfrage nach der Textgattung. Lesen wir hier eine Reportage? Wenn es eine wäre, wovon handelte sie?  Von Alter, Krankheit, Schmerz, von Glauben, von Tod könnte man argumentieren, doch wäre dies ein Vorwand. Der Text handelt von Jürgen Leinemann. Und das darf er auch.</p>
<p>Jürgen Leinemann hat einen Ausschnitt aus seiner Lebensgeschichte erzählt. Und er bedient sich Mitteln, die zum Repertoire auch - aber keineswegs nur - der Reportage gehören: Zitate, Dialoge, Ortsbeschreibungen, Subjektivität, Perspektive, Stimmungsbilder, etc. Man gratuliert ihm gerne dazu. Doch für den Egon Erwin Kisch-Preis gehört er nicht  nominiert.</p>
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		<item>
		<title>Egon Erwin Kisch-Preis: Die Nominierten</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2008/03/egon-erwin-kisch-preis-die-nominierten/</link>
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		<pubDate>Thu, 20 Mar 2008 10:54:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Autoren]]></category>

		<category><![CDATA[Meta]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[Folgende Journalisten und ihre Arbeiten wurden gemäss Communiqué vom 20.03.2008 für den diesjährigen Egon Erwin Kisch-Preis nominiert (seit 2005 unter dem Namen Henri-Nannen-Preis):

Jürgen Leinemann, Das verflixte 70. Jahr (Zeit Magazin Leben)
Alexander Osang, Das Leben neben dem anderen (Der Spiegel)
Sabine Rückert, Wie das Böse nach Tessin kam (nein, nicht in die Schweiz, sondern in Mecklenburg) (Zeit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Folgende Journalisten und ihre Arbeiten wurden <a href="http://www.henri-nannen-preis.de/presse_2008.php?id=43">gemäss Communiqué</a> vom 20.03.2008 für den diesjährigen Egon Erwin Kisch-Preis nominiert (seit 2005 unter dem Namen Henri-Nannen-Preis):</p>
<ul>
<li><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Leinemann">Jürgen Leinemann</a>, <a href="http://www.henri-nannen-preis.de/beste_reportage_egon_erwin_kischpreis_2008.php?id=109">Das verflixte 70. Jahr</a> (Zeit Magazin Leben)</li>
<li><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Osang">Alexander Osang</a>, <a href="http://www.henri-nannen-preis.de/beste_reportage_egon_erwin_kischpreis_2008.php?id=93">Das Leben neben dem anderen</a> (Der Spiegel)</li>
<li><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sabine_R%C3%BCckert">Sabine Rückert</a>, <a href="http://www.henri-nannen-preis.de/beste_reportage_egon_erwin_kischpreis_2008.php?id=97">Wie das Böse nach Tessin kam</a> (nein, nicht in die Schweiz, sondern in Mecklenburg) (Zeit Magazin Leben)</li>
<li><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Smoltczyk">Alexander Smoltczyk</a>, <a href="http://www.henri-nannen-preis.de/beste_reportage_egon_erwin_kischpreis_2008.php?id=91">Unter Wölfen</a> (Der Spiegel)</li>
</ul>
<p>Alle vier (!) wurden schon früher mit dem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Egon-Erwin-Kisch-Preis">Egon Erwin Kisch-Preis</a> ausgezeichnet (bei Jürgen Leinemann ist es allerdings schon eine Weile her). Postiv: alle Texte sind online vollständig nachzulesen - und demnächst hier ausführlicher kommentiert.</p>
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		<item>
		<title>Die tägliche Reportage bei Blick</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2008/03/die-tagliche-reportage-bei-blick/</link>
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		<pubDate>Mon, 17 Mar 2008 01:04:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

		<category><![CDATA[Tagespresse]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 5. März 2008 ist ein neuer Blick herausgekommen.  Zu den Neuerungen gehört die tägliche Reportage, angekündigt beispielsweise im Interview von &#8220;Schweizer Journalist&#8221; mit Chefredaktor Bernhard Weissberg:
&#8220;&#8216;Solange wir uns eine grössere Redaktion leisten als die Gratiszeitungen, wo die Leute zumeist an den Pulten sitzen, müssen wird die Journalisten rausschicken.&#8217;
&#8216;Sie verlangen ihnen auch täglich eine Reportage [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 5. März 2008 ist ein neuer Blick herausgekommen.  Zu den Neuerungen gehört die tägliche Reportage, angekündigt beispielsweise im Interview von &#8220;<a href="http://www.schweizer-journalist.ch/index.cfm?todo=zei&amp;page=48">Schweizer Journalist</a>&#8221; mit Chefredaktor Bernhard Weissberg:</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8216;Solange wir uns eine grössere Redaktion leisten als die Gratiszeitungen, wo die Leute zumeist an den Pulten sitzen, müssen wird die Journalisten rausschicken.&#8217;</p>
<p>&#8216;Sie verlangen ihnen auch täglich eine Reportage ab.&#8217;</p>
<p>&#8216;Ja, das ist eine Willenserklärung. Wer nicht 300 Reportagen im Jahr liefern will, der schafft auch nicht 250 oder 200. Wir suchen mit der täglichen Reportage die latente Aktualität. Wir begleiten also zum Beispiel einen Wirtschaftsführer, der in den Schlagzeilen steht, oder schauen uns an einem Brennpunkt um, wie in Thun während der Sexaffäre.&#8217;</p>
<p>&#8216;Das schaffen Sie mit diesem Personal nie.&#8217;</p>
<p>&#8216;Sie unterschätzen meine Leute: Die wollen selber Reportagen schreiben. Wir bilden also nicht einen Elite-Stosstrupp, sondern  lassen Leute aus allen Ressorts ran. Die Fokusgruppen meinten übrigens, die Reportage wäre ein starker Grund, den Blick zu kaufen. Die ReaderScan-Studien haben uns gezeigt, dass die längsten Texte am besten gelesen werden.&#8217;&#8221;</p></blockquote>
<p>Online übrigens ist von den <a href="http://www.blick.ch/news/reportage/">Blick-Reportagen</a> nichts zu sehen (die aktuellste ist vom 23. Februar). Die folgenden sechs Kurzbesprechungen kommen darum ganz ohne Links aus. Entweder man will die Exklusivität unterstreichen oder man traut den Online-Lesern nicht zu, soooo lange Texte zu lesen (die maximale Reportagenlänge beträgt gerade mal 7000 Zeichen)?</p>
<p><strong>Vaduz bei Nacht. Besuch im Schwarzgeld-Tresor Europas</strong> (5.03.2008). Lukas Rüttimann und der Fotograf Tomas Wüthrich besuchen Abends im &#8220;Städtle&#8221; ein Hotel, zwei Restaurants (eines davon scheint zum Hotel zu gehören), eine Bar und das Fürstenschloss (von aussen). Dokumentiert sind Gespräche mit einem Gast, einem Kellner, einem Zimmermädchen, einer Hotelchefin, einem Wächter, einem Wachmann, einem holländischen Kameramann, einem ehemaligen Gemeindepolizisten und einem, der nur &#8220;einer&#8221; heisst. Ausser dem Gemeindepolizisten sagt keiner mehr als 1-2 belanglose Sätze. Eine Ortsbeschreibung gibts vom Fürstenschloss:</p>
<blockquote><p>&#8220;Statt der weltberühmten Frontansicht - mit den Schneebergen im Hintergrund - wirkt die Burg beim Eindunkeln bedrohlich und düster. Dazu passt, dass ein Kran wie eine riesige Zange nach dem Fürstenschloss zu greifen scheint.&#8221;</p></blockquote>
<p>Auf dem Bild des Schlosses ist vom Kran dann leider nichts zu sehen (beleuchtungsbedingt?). Keine guten Beschreibungen, keine Charakterisierungen, beliebige Zitate. Die Reportage macht keinen tieferen Eindruck.</p>
<p><strong>Das Googly Prinzip</strong> (06.03.2008). Angekündigt ist &#8220;Google&#8221; und zwar mit einem Blick &#8220;hinter die Kulissen seines Sitzes in Zürich&#8221; verknüpft mit einem &#8220;Besuch in den USA&#8221;, wo Bernhard Weissberg, Chefredaktor des Blick &#8220;das wahre Erfolgsgeheimnis hinter den sechs farbigen Buchstaben der Suchmaschine&#8221; entdeckt haben will. Im Text kommt Zürich dann mit keinem Wort mehr vor. Egal. Bei dem Besuch in Mountain View sagt uns Sandy, 24:</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8216;It&#8217;s easy&#8217;&#8221;</p></blockquote>
<p>Das ist alles. &#8220;Easy&#8221; bezieht sich auf ihre Fähigkeit, rückwärts zu gehen und zu sprechen.</p>
<p>Anfangs sieht es so aus, als ob Teo, 24 auch nicht mehr sagen würde:</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8216;It&#8217;s fun!&#8217;&#8221;</p></blockquote>
<p>Doch dann erklärt er, wonach Google in den Bewerbungen für einen der begehrten Jobs im Unternehmen sucht:</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8216;Du musst googly sein!&#8217;</p>
<p>&#8216;Was?&#8217;</p>
<p>&#8216;Googly. Anders, speziell, eine schräge Seite haben.&#8217;</p>
<p>&#8216;Und die Uni? Der Abschluss?&#8217;</p>
<p>&#8216;Gut musst du hier sowieso sein. Nein, du brauchst noch das gewisse Etwas dazu!&#8217;</p>
<p>Googly also. Was ist den googly an dir, Teo?</p>
<p>&#8216;Ich kann sieben Sprachen, und ich hab alle Fremdsprachen dort gelernt, wo sie gesprochen werden!&#8217;&#8221;</p></blockquote>
<p>Teo erzählt noch von einem Kollegen, und natürlich werden Sergey Brin und Larry Page erwähnt. Weissberg versucht sich noch an einer Beschreibung kleiner &#8220;Kabäuschen, hell verglast statt grau stoffbespannt wie anderswo&#8221; und verbrät, was man über Google sonst noch so weiss. Der Dialog mit Teo ist eindeutig das Witzigste.</p>
<p><strong>Die Golan Cowboys</strong> (07.03.2008). Der Artikel ist eine Übersetzung, bei der leider so vieles schief ging, dass eine Besprechung hier kaum in Frage kommt. So etwa die Einführung der Golanhöhen als &#8220;ein Gebiet, welches das Ziel hitziger Debatten um das Eigentumsrecht ist&#8221; oder der wunderbare Schlussatz:</p>
<blockquote><p>&#8220;Die Cowboys leben ihr Leben - jeden Morgen neu.&#8221;</p></blockquote>
<p>Gut immerhin, die Idee aus dem  selten genutzten Fundus fremdsprachiger Reportagen zu schöpfen.</p>
<p><strong>Im Sawiri-Land</strong> (08.03.2008). Ins Bergdorf Andermatt, wo der Ägypter Samih Sawiri eine riesige Tourismus-Anlage plant, führt Hanspeter Bundi - einer, der ohne Frage Reportagen schreiben kann. Doch in seiner Blick-Reportage stolpert man zuerst einmal - und zwar über den Imperfekt. Warum schildert er seinen Besuch in Andermatt bloss in der Vergangenheit?</p>
<p>Kaum ist man über diesen Stolperstein hinweg, findet man sich verwirrt. Eigentlich kündigt sich mit jedem Absatz eine lange, ausladende Reportage an - doch die ist zu Ende, kaum hat sie begonnen. Mit gut 7000 Zeichen ist Sawiri-Land die bislang längste Blick-Reportage, doch das ist für diese Geschichte zu wenig.</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8216;Er war hell begeistert, als er an jenem Anend heimkam&#8217;, sagte mir Regula Zopp, seine Frau, die in Gurtnellen aufgewachsen ist, wo die Berge eng und dunkel beieinander stehen. Ich traf sie im Stall, der mitten in der gleissenden Ebene steht. Regula Zopp kauerte hinter den Kühen, setzte die Saugnäpfe der Melkmaschine an, und während sie sprach, strich sie fein über das Euter der Tiere, damit die Milch leichter fliesse.&#8221;</p></blockquote>
<p>Beobachten, das kann Bundi. Premiere auch des &#8220;Ichs&#8221;.</p>
<p><strong>Ballett-Traum</strong> (10.03.2008). Karin Baltisberger verfolgt das Casting von fünf 11- bzw. 12-Jährigen in der Tanz Akademie Zürich. Interessant ist das eigentlich nur dort, wo gegen Clichés verstossen wird:</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8216;Eines Tages kam Thierry heim: &#8216;Mami, ich will ins Ballett.&#8217; Karin Jaquemet, studierte Landwirtin aus Dielsdorf, schluckte leer. [...] Einen Monat später trainierte er mit lauter Mädchen. [...] Die bodenständige Mutter mit Kurzhaarschnitt und blauem Faserpelzpulli holt tief Luft [...]. &#8216;Ich dachte nur: brotlose Kunst. Ein Pilot oder Arzt wäre mir lieber gewesen. [...] &#8216;Meine Tochter spielt Fussball auf hohem Niveau. Wir sind jetzt halt die Familie mit den komischen Kindern.&#8217;&#8221;</p></blockquote>
<p>Gut geschrieben, für die Lokalberichterstattung sogar exzellent, über die Zürcher Seefeldstrasse hinaus aber vier Fünftel zu lang.</p>
<p><strong>Jobben im Callcenter</strong> (11.03.2008). &#8220;Callcenter heisst die Käfighaltung von Angestellten. Eingestellt ist man schnell. Ich habe es versucht.&#8221; Hatte nicht <a href="http://www.reportagenblog.ch/2007/07/wallraff-ist-zuruck/">Günther Wallraff</a> eben dies vor einen Jahr schon getan? Muss ich mir diese Geschichte - aus Schweizer Perspektive selbstverständlich - nochmals antun? Es tut weniger weh als gedacht.</p>
<p>Dies liegt vor allem an Matthias Pfanders Tempo, mit dem er die einfache Story schnörkellos zu Ende bringt. &#8220;&#8216;Man muss gut drauf sein, um Erfolg zu haben&#8217;, sagt die Personalverantwortliche. &#8216;Aber wir ziehen den Kunden nicht über den Tisch.&#8217;&#8221; Zuerst gehts bergauf (&#8221;Meine Quote ist nach dem ersten Tag beeindruckend: 10 Prozent&#8221;), dann bergab (&#8221;Meine Quote [...] liegt bei null.&#8221;) aber das ist jetzt egal: &#8220;Ich habe gekündigt&#8221;.</p>
<p>Kein Engagement, weder für die Täter noch für die Opfer.</p>
<p><strong>Fazit</strong>:  Soviel also nach einer Woche Blick-Reportage. Im Einzelnen selten Qualität, viel Belanglosigkeit aber dennoch eine überraschende Vielfalt, Mut zum Experiment. Jeder Text ist eine &#8220;echte&#8221; Reportage mit Vor-Ort-, Personen- und Sach-Ebene. Mit Dialog (Weissberg), Details (Bundi), Ausland, Lokalem, mit einem Selbstversuch.</p>
<p>Ich wünsche den Reportagen generell mehr (soziales) Engagement und Hanspeter Bundi mehr Glück mit der geforderten Kürze. Zum regelmässigen Blick-Leser bin ich allerdings nicht konvertiert.</p>
<blockquote></blockquote>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Karl Lüönd über Reporter</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2008/03/karl-luond-uber-reporter/</link>
		<comments>http://www.reportagenblog.ch/2008/03/karl-luond-uber-reporter/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 11 Mar 2008 14:01:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Meta]]></category>

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		<description><![CDATA[Karl Lüönd, ehemlas Chefredaktor beim Blick, Herausgeber der Zeitschrift Jagd &#38; Natur, Publizist und Autor einer Unternehmensbiographie zu Ringier äusserst sich im Interview mit persönlich zur Rolle des Reporters:
Matthias Ackeret:
&#8220;Sie zelebrieren in Ihrem Ringier-Buch immer wieder den Beruf des Reporters. Doch dieser existiert im Zeitalters des Internets und der Gratiszeitungen gar nicht mehr &#8230;&#8221;
Karl Lüönd:
&#8220;Leider [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.tolhusen.ch">Karl Lüönd</a>, ehemlas Chefredaktor beim Blick, Herausgeber der Zeitschrift <a href="http://www.jagdnatur.ch">Jagd &amp; Natur</a>, Publizist und Autor einer <a href="http://www.nzz-libro.ch/de/detail.php?actuel=1&amp;pageNum_articlegroup=&amp;totalRows_articlegroup=&amp;up_oberKatNr=&amp;up_katNr=&amp;up_oberArtikelNr=&amp;up_oberArtikelNr=562">Unternehmensbiographie zu Ringier</a> äusserst sich im <a href="http://www.persoenlich.com/news/show_news.cfm?newsid=74174">Interview mit persönlich</a> zur Rolle des Reporters:</p>
<p>Matthias Ackeret:</p>
<blockquote><p>&#8220;Sie zelebrieren in Ihrem Ringier-Buch immer wieder den Beruf des Reporters. Doch dieser existiert im Zeitalters des Internets und der Gratiszeitungen gar nicht mehr &#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>Karl Lüönd:</p>
<blockquote><p>&#8220;Leider haben Sie recht. Ich denke, dies wäre eine <strong>Retro-Strategie</strong>, die sich wieder lohnen würde. Grosse Journalisten von heute wie Erwin Koch, Constantin Seibt und Esther Girsberger beweisen ihre Qualitäten im Nahkampf und in der direkten Feindberührung. Aber im Allgemeinen verlieren die Journalisten im Laufe der Jahre die Berührung mit dem wirklichen Leben. Schuld daran sind all die Datenbanken, SMD-Recherchen und dieses ganze öde Copy-Engineering.</p>
<p>Die Arbeit des Reporters ist nur begrenzt rationalisierbar, sie ist Manufaktur, nicht industrielle Serienfertigung. Sie ist eine intellektuelle Dienstleistung wie Beratung, Seelsorge, Unterricht. So gesehen wäre eine Rückkehr zu den alten Reporterfähigkeiten &#8212; hingehen, schauen, denken, berichten &#8212; auch ein Gewinn für die Leser. Es gab und gibt Reporter von geradezu literarischer Qualität: Joseph Roth, Graham Greene, John dos Passos, Tom Wolfe, das sind meine Hausheiligen. Und schauen Sie sich doch Leader-Medien wie den Spiegel an. Seit dort wieder verschiedene eigenartige Aromen, sogenannte Edelfedern, zugelassen sind, ist das Blatt wieder spannend.&#8221;</p></blockquote>
<p>Ich glaube zwar nicht, dass Journalisten wegen den elektronischen Recherchemöglichkeiten einfach so  &#8220;die Berührung mit dem wirklichen Leben&#8221; verlieren. Auch haben die neuen Chefredaktoren von Blumencron und Mascolo nach dem Abgang von Stefan Aust beim Spiegel eben gerade &#8220;<a href="http://www.tagesspiegel.de/medien-news/-Spiegel-;art15532,2471436">nicht mehr nur schön geschriebene Reportagen</a>&#8221; gewünscht - was man durchaus als Kampfansage auffassen kann.</p>
<p>Das mit der Retro-Strategie ist aber tatsächlich ein Konzept, dem ich etwas abgewinnen kann. Zu den Reportagen beim neu lancierten Blick komme ich später.</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Roman, Reportage, Essay</title>
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		<pubDate>Sun, 09 Mar 2008 21:57:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Meta]]></category>

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		<description><![CDATA[In der NZZ vom 8. März 2008 erklärt Angelika Overath auf geistreiche Art den Unterschied zwischen Essay und Reportage:
&#8220;&#8230; ganz grob kann gesagt werden, dass im Unterschied zu den erzählenden Genres der Essay keine Raumerfahrung vermittelt. Das gibt ihm eine ungeheure Freiheit. &#8220;
&#8220;Ein Essay kann jede Materialschlacht wagen. Was ihn zusammenhält, ist nicht einmal ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In der <a href="http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/warum_ich_reporterin_bin_auch_wenn_ich_romane_schreibe_1.685195.html">NZZ vom 8. März 2008</a> erklärt <a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/110800/">Angelika</a> <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Angelika_Overath">Overath</a> auf geistreiche Art den Unterschied zwischen <strong>Essay und Reportage</strong>:</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8230; ganz grob kann gesagt werden, dass im Unterschied zu den erzählenden Genres der Essay keine Raumerfahrung vermittelt. Das gibt ihm eine ungeheure Freiheit. &#8220;</p></blockquote>
<blockquote><p>&#8220;Ein Essay kann jede Materialschlacht wagen. Was ihn zusammenhält, ist nicht einmal ein roter Faden. Ihn stützen ein paar rote Punkte vielleicht und die Haltung, der Atem dessen, der spricht. So darf ein Essay alles, was er stilistisch trägt. Die Reportage hingegen darf, unabhängig von ihrem sprachlichen Niveau, vor allem sehr vieles nicht.&#8221;</p></blockquote>
<p>&#8230;und denjenigen zwischen <strong>Reportage und Roman</strong>:</p>
<blockquote><p>&#8220;Was die Reportage von den sogenannten fiktionalen Genres grundsätzlich unterscheidet, ist ihr Verhältnis zur Welt. Eine Reportage muss in dem, was überprüfbar ist, stimmen. Aber ist Faktentreue ein Kriterium, das Literatur ausschliesst?&#8221;</p></blockquote>
<blockquote><p>&#8220;Nicht die Recherche, nicht die Sorgfalt im Hinsehen, nicht einmal die stilistischen Techniken trennen für mich eine Reportage von Kurzgeschichte, Erzählung oder Roman. Den Unterschied macht eine kleine Drehung hin zu psychischen Prozessen.&#8221;</p></blockquote>
<blockquote><p>&#8220;Eine Formulierung wie &#8216;Sie atmete die Mutter&#8217; ist nur die Umsetzung einer sehr konkreten Erfahrung beim Sortieren der getragenen Wäsche. In einer Reportage wäre dieser Satz suspekt; im Roman aber bewährt sich die Reportertreue zu Details, ohne die sich die radikalen Räume des Empfindens nicht öffnen würden. Damit aber ist der Roman eine Reportage aus der Intimität.&#8221;</p></blockquote>
<p>Das Material zum <a href="http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/warum_ich_reporterin_bin_auch_wenn_ich_romane_schreibe_1.685195.html">Artikel</a> (ein Essay&#8230;) stammt aus Overaths Band &#8220;Vom Sekundenglück brennender Papierchen&#8221; und aus ihrem Roman &#8220;Nahe Tage. Roman in einer Nacht&#8221;.  Angelika Overath gewann 1996 den zweiten Platz des Egon-Erwin-Kisch-Preises.</p>
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		<title>Schwarze Schule in Amsterdam</title>
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		<pubDate>Sun, 09 Mar 2008 13:34:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Ausland]]></category>

		<category><![CDATA[Buch]]></category>

		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Schaut endlich hin!&#8221; heisst die gerade erschienene deutsche Übersetzung einer Reportage von Margalith Kleijwegt über die Klasse 2K des Calvijn met Junior College in Amsterdam-West. Das Calvijn gilt als &#8220;Schwarze&#8221; Schule, weil hier praktisch nur Immigrantenkinder den Unterricht besuchen.
In den Niederlande hat Kleijwegts Reportage Furore gemacht, weil sie kurz nach der Ermordung des Filmemachers Theo [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.reportagenblog.ch/wp-content/uploads/2008/03/kleijwegt.jpg" title="Margalith Kleijwegt: Schaut endlich hin!" alt="Margalith Kleijwegt: Schaut endlich hin!" align="left" />&#8220;<a href="http://www.herdershop24.de/index.php?shp=2&amp;cl=details&amp;anid=1512216">Schaut endlich hin!</a>&#8221; heisst die gerade erschienene deutsche Übersetzung einer Reportage von <a href="http://www.vn.nl/BijVN/Redactie/ArtikelRedactie/OverMargalithKleijwegt.htm">Margalith Kleijwegt</a> über die Klasse 2K des <a href="http://www.calvijnmetjuniorcollege.nl/">Calvijn met Junior College</a> in <a href="http://www.amsterdamtourist.nl/de/home/ueber+amsterdam/stadtviertelinfo/amsterdam-west/geschichte.aspx">Amsterdam-West</a>. Das Calvijn gilt als <a href="http://www.wienerzeitung.at/Desktopdefault.aspx?TabID=3946&amp;Alias=wzo&amp;lexikon=Bildung&amp;letter=B&amp;cob=4485">&#8220;Schwarze&#8221; Schule</a>, weil hier praktisch nur Immigrantenkinder den Unterricht besuchen.</p>
<p>In den Niederlande hat <a href="http://www.vn.nl/VNWebshop/Boeken/BoekenVanVrijNederland/BoekVN/OnzichtbareOuders,DeBuurtVanMohammedB..htm">Kleijwegts Reportage</a> Furore gemacht, weil sie kurz nach der Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh im November 2004 herauskam und der Mörder Mohammed Bouyeri zufällig in eben diesem Quartier aufgewachsen war.</p>
<p>Kleijwegt besuchte von Ende 2003 bis 2004 19 Schüler und deren Eltern aus Marokko, der Türkei,  Surinam,  Indonesien, Kenia, der dominikanischen Republik und in einem einigen Fall auch aus den Niederlanden.</p>
<p>Kleijwegt berichtet von &#8220;Terrorkids&#8221;, von monatelangen Absenzen, von Einschüchterung und Perspektivenlosigkeit. Bei manchen ihrer Besuche ist Kleijwegt die erste Niederländerin, die überhaupt zu ihnen nachhause kommt. In einigen Familien ist sie nicht willkommen und kann Gespräche nur dank Vermittlung religiöser oder staatlicher Stellen einfädeln. Die meisten Mütter und viel Väter sprechen schlecht oder gar kein Niederländisch und Kleijwegt ist auf die Übersetzungsdienste der Kinder angewiesen. Die Eltern wissen oft nicht, dass ihre Kinder den Unterricht schwänzen oder ihn massiv stören, dass sie andere einschüchtern.</p>
<p>Für viele ist ein konservativer Islam die einzige Rettung, praktisch alle Frauen und Mädchen tragen Kopftücher. Einige Jungs besuchen islamische Internate.</p>
<p>Kleijwegt beleuchtet an den Problemen der Schülerinnen und Schüler vor allem die Rolle ihrer Eltern. Die traditionelle Autorität der Väter ist beschädigt, weil sie oft keine Arbeit haben, weil sie schlecht niederländisch sprechen, weil ihr sozialer Status ganz allgemein tief ist.</p>
<p>Ihre Ferien in Marokko oder der Türkei empfinden die Kinder dagegen als idyllisch, es werden Häuser gebaut, der soziale Status ist hoch. Kein Wunder identifizieren sie sich in dieser Situation lieber mit der Kultur ihrer Herkunftsländer.</p>
<p>Viele Eltern - ganz speziell die Mütter - haben kaum Kontakt zu Niederländern. Sie gehen nicht aus, besuchen keine Elternabende. Und auch ihrer  die Kinder sind weitgehend unter sich. Kleijwegt empört sich über die Passivität der Eltern, die ihren Kindern keine echten Grenzen setzen. Und sie fordert Lehrer und Sozialarbeiter auf, mit den Eltern zu sprechen, sie zu besuchen.</p>
<p>Kleijwegts Reportage ist auch für die Schweiz oder Deutschland höchst relevant. Trotzdem bin ich mit dem Buch nicht richtig glücklich geworden. Das liegt einerseits an den banalen Urteilen, mit denen der Text durchtränkt ist:</p>
<blockquote><p>&#8220;Herr Mouali ist ein gut aussehender Mann mit ebenmässigen Gesichtszügen und schönen Augen.&#8221;</p>
<p>&#8220;Eine hübsche Frau mit grossen Augen, die ständig verlegen gesenkt sind.&#8221;</p>
<p>&#8220;Frau Tjon, eine zarte Frau aus Suriname&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>An zahlreichen Stellen ist mir Kleijwegt zudem nicht präzise genug - unnötigerweise, kann sie sich doch über ein ganzes Buch ausbreiten. Zum Beispiel hier:</p>
<blockquote><p>&#8220;Ein paar Wochen später berichten die sozialen Instanzen einander, dass es mit Jason Probleme gibt. Nachbarn beschweren sich über den Krach, den er mit seinen Freunden macht. Es wird vermutet, dass Jason Alkohol und Drogen konsumiert. Man versucht alles, aber nichts gelingt.&#8221;</p></blockquote>
<p>Hat Kleijwegt Einsicht in Behördendokumente bekommen? Hat sie selbst mit Nachbarn gesprochen? Wer vermutet Jasons Drogenkonsum? Wer versucht hier was?</p>
<p>Manche Aussagen stehen ohne Zuordnung:</p>
<blockquote><p>&#8220;Das Aufbrausende steckt in der Familie. Amina, Esras ältere Schwester, konnte früher auch heftig und unversöhnlich sein. Inzwischen hat sie diese Phase überwunden und ist nun die Vernunft in Person.&#8221;</p></blockquote>
<p>Wer sagt das? Die Autorin? Gestützt auf was?</p>
<p>Besonders geärgert haben mich eine Art Pseudodialoge, bei denen Kleijwegt Zitatschnippsel der beiden Elternteile wild aneinanderfügt:</p>
<blockquote><p>&#8220;Er: &#8216;Sie müssen dem richtigen Weg folgen. Ich versuche, ihnen alles über den Islam mit auf den Weg zu geben.&#8217;<br />
Sie: &#8216;Mein Mann und ich könnten es nicht akzeptieren, wenn sich unsere Töchter in Nichtmuslime verlieben. Das erlaubt der Islam nicht. Wir würden versuchen, ihnen deutlich zu machen, dass das nirgendwo hinführt.&#8217;<br />
Er: &#8216;Ich kann nicht ohne den Propheten leben, und auch nicht ohne den Koran. &#8230;&#8217;&#8221;</p></blockquote>
<p>Ähnlich konzeptlos ist die Gesamtanlage des Buches, was bei den zahlreichen über ein Jahr verteilten Besuchen bei 19 Familien allerdings auch nicht ganz einfach ist.</p>
<p>Insgesamt dennoch ein empfehlenswertes Buch, das an einem ungestörten Nachmittag rasch gelesen ist.</p>
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		</item>
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		<title>Amerikaner im Korengal</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2008/02/amerikaner-im-korengal/</link>
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		<pubDate>Fri, 15 Feb 2008 00:41:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Ausland]]></category>

		<category><![CDATA[Englisch]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[
Tim Hetherington hat für dieses Bild eines ungenannten amerikanischen Soldaten den  World Press Photo Award 2008 gewonnen. Aufgenommen hat Hetherington das Bild in einem Vorposten der US-Truppen im afghanischen Korengal-Tal. Es gehört zu einer Serie von Bildern in einer langen Reportage mit dem Titel &#8220;Im Tal des Todes&#8221; (auf Englisch).
Das Bild ist unterbelichtet und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.reportagenblog.ch/wp-content/uploads/2008/02/timhetherington.jpg" title="An American soldier at the Restrepo bunker"><img src="http://www.reportagenblog.ch/wp-content/uploads/2008/02/timhetherington.jpg" alt="An American soldier at the Restrepo bunker" /></a></p>
<p>Tim Hetherington hat für dieses Bild eines ungenannten amerikanischen Soldaten den  <a href="http://www.worldpressphoto.org/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=1168">World Press Photo Award 2008</a> gewonnen. Aufgenommen hat Hetherington das Bild in einem Vorposten der US-Truppen im afghanischen Korengal-Tal. Es gehört zu einer <a href="http://www.vanityfair.com/politics/features/2008/01/afghanportraits_slideshow200801">Serie von Bildern</a> in einer langen Reportage mit dem Titel &#8220;<a href="http://www.vanityfair.com/politics/features/2008/01/afghanistan200801">Im Tal des Todes</a>&#8221; (auf Englisch).</p>
<p>Das Bild ist unterbelichtet und unscharf, wie mehrere andere auch. Ein Portrait (jenes von <a href="http://www.vanityfair.com/politics/features/2008/01/afghanportraits_slideshow200801?slide=1">Leutnant Matt Piosa</a>) hat eine extrem geringe Tiefenschärfe oder ist gar technisch weichgezeichnet und wirkt wie aus der Frühzeit der Fotografie. Man fühlt sich an Bilder von deutschen Kindersoldaten in den schlammigen Schützengräben des ersten Weltkriegs erinnert.</p>
<p>Doch nun zum Text. Geschrieben hat die Reportage <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Sebastian_Junger">Sebastian Junger</a>, der 2001 ein <a href="http://www.nationalgeographic.com/adventure/0103/life.html">Interview mit Massoud</a>, dem damaligen Führer der afghanischen Nord-Allianz gemacht hat, indem er ihn einen Monat lange begleitete. &#8220;<strong>Im Tal des Todes</strong>&#8221; ist hingegen unter den Bedingungen eines &#8220;eingebetteten&#8221; Reporters entstanden, in grosser Distanz zur lokalen Bevölkerung.</p>
<p>Erzählt wird der gefährliche Alltag von 20 Soldaten in ihrem Stützpunkt im Dorf Aliabad und im Aussenposten Restrepo (benannt nach einem gefallenen Soldaten).</p>
<blockquote><p>&#8220;Das Korengal wird allgemein als das gefährlichste Tal im Nordosten Afghanistans betrachtet und die zweite Kompanie gilt als Speerspitze  der dortigen amerikanischen Streitkräfte. Beinahe ein Fünftel aller Kämpfe in Afghanistan finden in diesem Tal statt und beinahe drei Viertel aller von NATO-Truppen in Afghanistan abgeworfenen Bomen landen in der Gegend.&#8221;</p></blockquote>
<p>Die Tage vergehen damit, von Helikoptern abgeworfene Vorräten zu verstauen, Sandsäcke (mangels Sand) mit zertrümmerten Felsen zu füllen, zerschliessene Kleider zu reparieren.</p>
<p>Doch die Ruhe ist nie von langer Dauer. Wiederholt kommt es zu Kampfhandlungen: ratternde Maschinengewehre, Einschüsse in nächster Nähe, Granaten:</p>
<blockquote><p>&#8220;Die unmitelbarste Gefahr ist ein Granaten-Angriff vom Flussbett her. Jemand muss dafür sorgen, dass - wer auch immer dort unten ist - getötet oder zurückgeschlagen wird, bevor er noch näher kommt. Das bedeutet, den Schutz des Vorpostens zu verlassen und - völlig exponiert - vom Rand des Grabens zu schiessen. Rice geht zu einer Lücke in der Verschanzung und tritt hinaus, entlädt mehrere lange Gewehrsalven, tritt dann zurück und verlangt nach 203ern, Granaten, die von einem M16-Werfer abgefeuert werden. Steve Kim spurtet in den Bunker, schappt sich eine Ladung 203er und eine Waffe, spurtet zurück und übergibt sie Rice. Tapferkeit zeigt sich auf viele Arten. In diesem Fall ist sie ein Ergebnis von Rices Sorge für seine Männer, die ihrerseits tapfer sind aus Sorge für ihn und füreinander. Es ist ein sich selbst erhaltender Kreislauf, der so gut funktioniert, dass Offiziere ihre Männer manchmal daran erinnern müssen, im Feuergefecht Deckung zu beziehen.&#8221;</p></blockquote>
<p>Daneben porträtiert Junger praktisch die ganze Truppe: Vorname und Name, Grösse, Muskeln, ihr Umgang mit der Gefahr, ihre Motive, etc. Das alles ist gut gemacht, treffend, ganz aus der Nähe.</p>
<p>Fern dagegen der Gegner:</p>
<blockquote><p>&#8220;Jemand hat Mündungsfeuer ausgemacht bei einem Haus im nächsten Tal unten und die Männer decken es mit Maschinengewehr-Feuer ein. Die weisse Bemalung des Hauses hebt sich deutlich ab. [...]</p>
<p>[Ein Apache-Helikopter] wird von dem gleichen Haus beschossen. [...] Der Helikopter schwenkt so stark ein, dass er beinahe kopfüber steht, kommt wie ein riesiges, wütendes Insekt und lässt einen langen Rülpser  von 30-Millimeter-Kanonenfeur los. Das Haus zittert unter dem Beschuss und wer auch immer darin ist, schiesst zurück.&#8221;</p></blockquote>
<p>Wer die Guten sind steht ausser Zweifel:</p>
<blockquote><p>&#8220;Der Rauch um das Haus verzieht sich langsam und nach ein paar Minuten sehen wir Leute auf dem Dach stehen. [...] Eine Frau taucht auf mit einem Kind und dann steigt eine weitere Frau hinauf. [...] &#8216;Sie sind auf dem Dach oben, damit wir sie sehen&#8217;, fährt O&#8217;Byrne fort. &#8216;Jetzt kommen die Männer.  Wir haben einen Mann in kampffähigem Alter auf dem Dach. Er weiss, dass wir nicht schiessen werden, weil Frauen und Kinder dort sind.&#8217; Die amerikanischen Regeln für Einsätze verbieten Soldaten auf Häuser zu zielen, ausser wenn jemand von dort schiesst [...]&#8220;.</p></blockquote>
<p>Trotzdem ist Sebastian Junger weit davon entfernt, sich für Kriegspropaganda herzugeben. Er macht einfach konsequent , präzise und weitgehend sachlich das, was man als &#8220;eingebetteter&#8221; Reporter tun kann.</p>
<p>Nur ganz leise ruft ein Satz einem in Erinnerung, dass es auch einen anderen Journalismus geben könnte, der nicht nur die eine Seite befragt, dass &#8220;die anderen&#8221; vielleicht gar nicht so weit weg sind, zumindest in Höhrweite:</p>
<blockquote><p>&#8220;Die Soldaten der zweiten Kompanie kriechen aus ihren Hütten und tasten nach Waffen in dem elektrisch-blauen Licht vor Anbruch der Dämmerung. [...] Eine lokale Moschee verpasst der morgendlichen Ruhe einen ersten Gebetsruf.&#8221;</p></blockquote>
<p>Könnte man mit diesen Gläubigen gar sprechen? Vielleicht.</p>
<p>P.S. Die Textausschnitte sind von mir aus dem Englischen übersetzt. Für militärtechnische Unzulänglichkeiten bitte ich daher um Nachsicht.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Umzug</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2008/01/umzug/</link>
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		<pubDate>Sun, 20 Jan 2008 00:34:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[Neben mir türmen sich Kartonschachteln. &#8220;Büro&#8221;, &#8220;Fotos&#8221;, &#8220;Gold Standard&#8221;, &#8220;Küche - Schneidmasch.&#8221;, &#8220;Estrich&#8221;. Auf den geerbten Kisten vermischen sich die Beschriftungen von mindestens drei verschiedenen Umzügen. Unserer war wohl der kürzeste - rund achthundert Meter weit nach Osten. Kein Anlass für eine Reportage. Darum hier ein anderer Umzug.
Über tausend Menschen sind ab 2005 aus Otzenrath [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Neben mir türmen sich Kartonschachteln. &#8220;Büro&#8221;, &#8220;Fotos&#8221;, &#8220;Gold Standard&#8221;, &#8220;Küche - Schneidmasch.&#8221;, &#8220;Estrich&#8221;. Auf den geerbten Kisten vermischen sich die Beschriftungen von mindestens drei verschiedenen Umzügen. Unserer war wohl der kürzeste - rund achthundert Meter weit nach Osten. Kein Anlass für eine Reportage. Darum hier ein anderer Umzug.</p>
<p>Über tausend Menschen sind ab 2005 aus <strong>Otzenrath</strong> im nordrhein-westfählischen Braunkohlerevier nach <strong>Neu-Otzenrath</strong> umgezogen, rund viereinhalb Kilometer weit in nördlicher Richtung (wenn man <a href="http://maps.google.com/maps/mm?ie=UTF8&amp;hl=de&amp;ll=51.088537,6.468029&amp;spn=0.05251,0.160675&amp;t=h&amp;z=13&amp;om=0">Googles Geographie</a> Glauben schenkt). Alt-Otzenrath wie es mittlerweilen heisst, &#8220;musste dem Tagebau weichen&#8221;.</p>
<p>Während das vollständig neu aus dem Boden gestampfte Neu-Otzenrath medial noch kaum dokumentiert ist (nur wenige aber <a href="http://www.eisfeldweb.de/galerie/details.php?image_id=1379">eindrückliche Bilder</a>), wurden über die letzten Monate dutzende von Reportagen über den immer einsameren und zerfallenden ursprüngliche Ort geschrieben, geknippst und gedreht.</p>
<p>Ein Beispiel ist die vierteilige <a href="http://www.einseitig.info/html/content.php?txtid=357">Reportage von Marie van Bilk</a> vom Herbst 2005. Es lebten damals noch &#8220;ungefähr 17 Menschen&#8221; in Otzenrath. Eine von ihnen ist Inge Broska, die ihr Haus kurzerhand zum <a href="http://www.hausmuseum.de/">Hausmuseum</a> erklärt hatte:</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8216;Damals haben wir mit ganz Vielen aus dem Dorf gegen den Tagebau gekämpft und es waren nahezu 95% dagegen und die gingen auch alle immer zu den Versammlungen [...]. Doch der Widerstand der bröckelte ab, nicht nur weil die Leute nicht mehr kämpfen wollten, sondern weil die einfach &#8230;vielleicht&#8230;&#8217; Inge stoppt [...].&#8221;</p></blockquote>
<p>Das minutiös aufgezeichnete Gespräch hat Längen aber auch einige Glanzlichter. Zum Thema <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rekultivierung">Rekultivierung</a> meint Inge Broska:</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8216;[...] das Zurücknehmen durch die Natur ist [...] eine Sackgasse. Jetzt muss man auch sagen, dass diese Rekultivierung, wovon ja auch gesprochen wird, eine ganz ekelhafte und langweilige Sache ist. Das ist eine Monokultur aus aufgeschütteten Trümmern und Pappeln.&#8217;&#8221;</p></blockquote>
<p>Oder zur Art, wie die Menschen Abschied nehmen:</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8216;Meistens sind es Männer, die fotografieren und die Frauen sitzen im Auto und weinen. Das hab ich nicht nur einmal gesehen, bisher.&#8217; [...] &#8216;Neulich hab ich gesehen, wie der Baggerführer seine eigene Wohnung abgerissen hat. Der hat sehr betreten geguckt, das muss ich schon sagen.&#8217;&#8221;</p></blockquote>
<p>Einen <a href="http://www.fotocommunity.de/pc/pc/display/7743714">Besuche mit der Kamera</a> hat (unter zahlreichen anderen) <a href="http://www.olaf-koester.de/">Olaf Köster</a> dem Ort abgestatten, den letzten im Januar 2007. Keine Gespräche, dafür genaue Beobachtungen.</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>China von unten</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2007/12/china-von-unten/</link>
		<comments>http://www.reportagenblog.ch/2007/12/china-von-unten/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 17 Dec 2007 00:28:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Ausland]]></category>

		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

		<category><![CDATA[Lettre]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[Nachdem Peter Haffner China letzthin im Westen suchte, bringt Lettre international in seiner neuesten Ausgabe drei Reportagen von Liao Yiwu, einem Lastwagenfahrer, Strassenmusikant, Schriftsteller, Reporter und immer wieder verhafteten Intellektuellen.
Liao Yiwu führt in den 1990er-Jahren unter dem Pseudonym &#8220;Lao Wei&#8221; 72 Gespräche mit &#8220;einfachen Menschen&#8221;. Bisher sind nur zwölf davon auf Französisch und einige wenige [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nachdem Peter Haffner China letzthin <a href="/2007/12/china-liegt-im-westen/">im Westen suchte</a>, bringt Lettre international in seiner neuesten Ausgabe drei Reportagen von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Liao_Yiwu">Liao Yiwu</a>, einem Lastwagenfahrer, Strassenmusikant, Schriftsteller, Reporter und immer wieder verhafteten Intellektuellen.</p>
<p>Liao Yiwu führt in den 1990er-Jahren unter dem Pseudonym &#8220;Lao Wei&#8221; 72 Gespräche mit &#8220;einfachen Menschen&#8221;. Bisher sind nur zwölf davon <a href="http://www.bleudechine.fr/index.php?page=fiche&amp;collection=Bleu%20de%20Chine&amp;titre=66">auf Französisch</a> und einige <a href="http://www.theparisreview.org/viewmedia.php/prmMID/5686">wenige auf Englisch</a> erschienen. Im April ist eine englische <a href="http://www.amazon.de/gp/product/037542542X/">Buchausgabe</a> geplant.</p>
<p>Die drei Texte im Lettre sind paraktisch komplett als Dialog verfasst. Im ersten besucht Liao Yiwu (ein &#8220;älterer Herr&#8221;, wie er sich selbst bezeichnet) ein &#8220;sogenanntes Pub&#8221;. Dort spricht ihn ein 18-jähriges &#8220;Fräulein&#8221; an:</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8216;Mein Herr, ist hier noch frei?&#8217;<br />
&#8216;Bitte, wie Sie möchten.&#8217;<br />
&#8216;Ob ich mich setzen kann?&#8217;<br />
&#8216;Der Platz ist frei, setzen Sie sich!&#8217;<br />
&#8216;Das ist doch eine Ansage, dann setz’ ich mich halt. Bestellen Sie mir bitte eine Flasche Bier. Ich ein Jiashibo.&#8217;<br />
&#8216;Ich soll Ihnen ein Bier bestellen? Ich kenne Sie doch gar nicht.&#8217;<br />
&#8216;Du hast mich doch eingeladen, noch zehn Minuten, und wir sind alte Bekannte. Ich sehe nicht schlecht aus, bekäme sicher neun von zehn Punkten. Und wenn jemand wie du sich alleine in einer Diskobar umschaut, heißt das dann nicht, daß er ein hübsches Mädchen kennenlernen möchte?&#8217;&#8221;</p></blockquote>
<p>In diesem Tempo geht der Dialog weiter. Das &#8220;<a href="http://www.lettre.de/aktuell/79_Liao_Yiwu.html">Fräulein Hallo</a>&#8221; - so der Titel der online nur als Auszug erhältlichen Geschichte -  entpuppt sich übrigens nicht als Animierdame, nicht als Prostituierte.</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8216;Ich bin vor dem Fernseher gross geworden. [...] Mit 15 wurde ich eins der Mädchen in den Coiffeur-Salons, ich habe viele Männer getroffen, doch mit denen ist es nie zu was gekommen [...] mit sechzehneinhalb, bin ich mit einem Mann zusammengezogen, weil die Miete für zwei ein wenig billiger war.&#8217;&#8221;</p></blockquote>
<p>Im zweiten Text unterhält sich Liao Yiwu mit dem Klomanager Zhou Minggui, im dritten mit dem Tagelöhner Zhao Er. Die Menschen, die Liao Yiwu porträtiert leben elend, doch die Gespräche sind voller Witz und Ironie. Manchmal liegt es an einer heraufbeschworenen Erinnerung an bessere Zeiten, manchmal überrascht der Gesprächsverlauf.</p>
<p>Von der Form her handelt es sich trotz dem durchgehenden Dialog nicht um Interviews. Es sind weder Statements noch Einschätzungen oder Berichte von Ereignissen, die Liao Yiwu erfragt. Die Texte gehen eher als Porträts durch oder als Reportagen im Stil von Truman Capotes &#8220;Konversationsporträts&#8221;. Ich wünsche mir undbedingt mehr davon - hoffentlich übersetzt <a href="http://www.aenneglienkeagentur.de/autoren/autoren_hoffmann.htm">Hans Peter Hoffmann</a>  noch weitere Texte Liao Yiwus ins Deutsche.</p>
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		<title>China liegt im Westen</title>
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		<pubDate>Sun, 02 Dec 2007 23:40:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Ausland]]></category>

		<category><![CDATA[Das Magazin]]></category>

		<category><![CDATA[Reise]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[Peter Haffner fährt mit dem Containerschiff MSC Texas von Longbeach in Kalifornien durch den Pazifik nach Xiamen im Südosten Chinas. Die Überfahrt dauert zwei Wochen, in denen Haffner, Amerika-Korrespondent für das Magazin des Tagesanzeigers, 50 Zeitungsartikel über China liest, die er aus der New York Times ausgeschnitten hat.
Daneben parliert er mit dem Kapitän des Schiffs, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Peter Haffner fährt mit dem Containerschiff <a href="http://www.sailwx.info/shiptrack/shipposition.phtml?call=DCSY2">MSC Texas</a> von Longbeach in Kalifornien durch den Pazifik nach Xiamen im Südosten Chinas. Die Überfahrt dauert zwei Wochen, in denen Haffner, Amerika-Korrespondent für das Magazin des Tagesanzeigers, <a href="http://query.nytimes.com/search/query?frow=0&amp;n=10&amp;srcht=a&amp;query=&amp;srchst=nyt&amp;submit.x=40&amp;submit.y=13&amp;submit=sub&amp;hdlquery=china&amp;bylquery=&amp;daterange=period&amp;mon1=08&amp;day1=01&amp;year1=2007&amp;mon2=08&amp;day2=31&amp;year2=2007">50 Zeitungsartikel</a> über China liest, die er aus der New York Times ausgeschnitten hat.</p>
<p>Daneben parliert er mit dem Kapitän des Schiffs, &#8220;Master&#8221; Horst Trümper, mit dem ersten Offizier Udo Wölms, mit dem zweiten Offizier Elron Jiongco,  mit  Lars Hoffsommer dem vierten, mit Jefferson Patriarca, dem Steward und mit, Siegried Küter und Holger Wust, ihres Zeichens erster und zweiter Ingenieur. Die übrigen der 25 Männer zählenden Besatzung (Offiziere aus Deutschland, Mannschaft von den Filippinen) kommen nicht zu Wort. Auch nicht die &#8220;&#8216;Kellergeister&#8217;, &#8216;Ölfüsse&#8217; oder &#8216;Schwarzen&#8217;, wie sie im Jargon genannt werden&#8221;, die im Maschinenraum wirken.</p>
<p>Doch es wird allgemein nicht viel geredet auf der Reise &#8220;<a href="http://www.dasmagazin.ch/index.php/Per_Frachtschiff_in_die_Zukunft">per Frachtschiff in die Zukunft</a>&#8220;: Von 12&#8242;500 Wörtern (inkl. Teile <a href="http://www.dasmagazin.ch/index.php/Per_Frachtschiff_in_die_Zukunft_%28II%29">II</a> &amp; <a href="http://www.dasmagazin.ch/index.php/Per_Frachtschiff_in_die_Zukunft_%28III%29">III</a>) sind gerade mal 68 direkte Rede. Dafür gibt es einige intensive Bilder. So das Ablegen von Oakland am frühen Morgen:</p>
<blockquote><p>&#8220;Wie Scherenschnitte standen die Portalkrane vor dem Himmel, der am Horizont in Pastelltönen von orange und blau aufglühte. Das Ende der golden Gate Bridge, auf die wir zusteuerten, verschwand im Nebel, der träge von den Hügeln fingerte und in den ersten Sonnenstrahlen schimmerte wie Zuckerwatte. [...] Vor uns lag die grösste Wassermasse des Planeten, graugrün, stahlblau, endlos unter dem hellgrauen Himmel.&#8221;</p></blockquote>
<p>Die Reise ist ein Ort der Reflexion, der Meditation: &#8220;Wie die Wüste und das ewige Eis wird auch der Ozean zum Spiegel der Seele; da muss man mit sich allein sein können.&#8221; Dieser Eindruck der Abgeklärtheit wird verstärkt durch die Vergangenheit als Erzählzeit und durch die grossen Luftbilder, die jede Folge in der gedruckten Ausgabe eröffnen (je eine Aufnahme der Hafenanlagen von Long Beach, von einem Containerschiff auf grosser tükisblauer Fläche und vom Hafen Hongkongs).</p>
<p>Die einheitliche, sachliche Perspektive der Luftbilder suggeriert Objektivität, veranschaulicht die einebnende Globalisierung, um die es eigentlich in dem Artikel geht. Seine Zeitungslektüre führt Haffner zum Schluss, dass &#8220;das amerikanische Jahrhundert wirklich zu Ende gegangen ist und das chinesische begonnen hat.&#8221;</p>
<p>Und auch die anschliessende Reise nach Shanghai bestärkt ihn in diesem Schluss:</p>
<blockquote><p>&#8220;Wie ich mit all diesen Studenten redete, wurde mir klar, wie stark das Gefühl in China ist, eine Renaissance der Geschichte zu erleben – die Rückkehr zu historischer Grösse.&#8221;</p></blockquote>
<p>Europa - so Haffners Analyse - habe eben erst begonnen, China überhaupt wahrzunehmen. Haffner hingegen lebt in Kalifornien, im Goldenen Westen, dort &#8220;wo vom Computer über die Fitnessmoden bis zum Web 2.0 die Zukunft immer wieder neu erfunden&#8221; wird. Und dort spürt man, dass weiter im Westen, am anderen Ende des Pazifiks &#8220;China aus dem Windschatten der Weltgeschichte in deren Zentrum rückt.&#8221;</p>
<p>Uns dies mitzuteilen ist Haffners  Ziel. Und er tut dies auf eine suggestive, eindringliche Art. Der Artikel ist mit langen Faktenblöcken durchsetzt - mindestens 50% - doch sind diese so elegant eingefädelt, dass man sie in einem Zug herunter schluckt. Sie sind auch leicht verdaulich, da sie ausnahmslos glatt ins Schema vom chinesischen Überholmanöver hineinpassen.</p>
<p>Die Reise selbst ist dagegen mehr eine Inszenierung als dass sie Gegenstand der Analyse wäre. Die Episoden sind knapp gehalten, gewürzt mit Witz, Abenteuer und Erotik. Etwas gar plump sind die beiden <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Cliffhanger">Kliffhänger</a>, die jeweils bis zur nächsten Folge in einer Woche die Spannung aufrecht erhalten sollen:</p>
<blockquote><p>&#8220;Schliesslich fragte sie [eine ältere Dame in einem kalifornischen Gesundheitszentrum] mich, ob ich beabsichtige, in China Sex zu haben. Es war, wie sich herausstellen sollte, eine sehr vernünftige Frage.&#8221; (von Teil I zu Teil II)</p>
<p>&#8220;Dann kam ein halbes Dutzend Mädchen in einem nagelneuen Kleinbus angefahren; junge Dinger mit tiefsitzenden Jeans&#8230;&#8217;I can change clothes for you!&#8217;&#8221; (von Teil II zu Teil III)</p></blockquote>
<p>Ganz distinguiert und gleichzeitig begeisternd dagegen der Schluss:</p>
<blockquote><p>&#8220;Den letzten Tag vor der Rückkehr nach Kalifornien verbracht ich im Shanghai Art Museum. Es zeigte eine Werkschau von <a href="http://www.artnetworking.com/allpic1.asp?authorid=ChenJiaLing2164740908">Chen Jialing</a>. [...] Die Bilder atmeten jene meditative Stille, wie man sie in den Gemälden eines Mark Rothko findet. [...] Wenn die Kunst eines fremden Landes einen so zu bezaubern vermag, dachte ich, hat das Land als Ganzes gewonnen. [...] Ich dachte an meine jungen Freunde [...]. Sie hatten recht, es war Zeit, Chinesisch zu lernen - die Sprache der Neuen Welt.&#8221;</p></blockquote>
<p>Ich kann nicht leugnen, dass ich Peter Haffners Reportage mit Vergnügen gelesen habe. Trotzdem möchte ich nicht unbedingt mehr davon. Ich verdanke Haffner keine neuen Einsichten. Er ist  nicht von Kalifornien nach China gefahren, um genau hinzuschauen, mir dem Leser die Augen zu öffnen. Er hat vielmehr inszeniert, was vom Schreibtisch aus schon gewusst werden konnte.</p>
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		<title>Die Schach-Uni am Dupont-Kreisel</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2007/11/die-schach-uni-am-dupont-kreisel/</link>
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		<pubDate>Sun, 18 Nov 2007 15:39:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Englisch]]></category>

		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

		<category><![CDATA[Tagespresse]]></category>

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		<description><![CDATA[Ende September 2007 erschien im Wasington Post Magazin ein Porträt über Tom Murphy, einen obdachlosen Schachexperten (trotz seines unsteten Lebenswandel trennen ihn nur 108 Punkte von der magischen Grenze von 2200 Punkten, die zum Tragen des Titels eines Schachmeisters berechtigen).
Murphy&#8217;s Heimat ist der Dupont-Kreisel in Washington, D.C., wo auf zehn Betontischen und -bänken im Freien [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ende September 2007 erschien im Wasington Post Magazin ein <a href="http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2007/09/25/AR2007092501981.html">Porträt über Tom Murphy</a>, einen obdachlosen Schachexperten (trotz seines unsteten Lebenswandel trennen ihn nur 108 Punkte von der magischen Grenze von 2200 Punkten, die zum Tragen des Titels eines Schachmeisters berechtigen).</p>
<p>Murphy&#8217;s Heimat ist der <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Dupont_Circle">Dupont-Kreisel</a> in Washington, D.C., wo auf zehn Betontischen und -bänken im Freien Schach gespielt wird.</p>
<p>Der Autor <a href="http://themillionsblog.com/2004/11/ask-book-question-31st-in-series-who.html">Wells Tower</a> besucht Murphy über Wochen in Washington, reist mit ihm nach New York an ein Schachturnier im <a href="http://newyorkdailyphoto.blogspot.com/2006/11/marshall-chess-club.html">Marshall Chess Club</a> und ans World Open in der Nähe von Philadelphia. Der Artikel ist hervorragend.</p>
<p>Das hat sich vermutlich auch <a href="http://debatte.welt.de/mitglieder/98/Uwe+Schmitt">Uwe Schmitt</a>, Amerika-Koresondent der Welt gedacht und am 12. November 2007 mit &#8220;<a href="http://www.welt.de/welt_print/article1354257/Das_Genie_von_der_Strasse.html">Das Genie von der Strasse</a>&#8221; nachgezogen. Drei Wochen nach dem Artikel in der Post stöbert er Murhpy am Dupont-Kreisel auf, sammelt eine Handvoll Zitate, vermischt sie mit ein paar Betrachtungen über Schach und Hollywood (ohne jeden Zusammenhang) und fasst im weiteren den Artikel von Wells Tower zusammen. Sein einziger Verdienst ist, mich auf das Original gebracht zu haben.</p>
<p>&#8220;<a href="http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2007/09/25/AR2007092501981.html">The Days and Knights of Tom Murphy</a>&#8221; hingegen ist nicht nur gut recherchiert und beobachtet, es zeigt Schach auch als soziales Phänomen. So etwa der Hinweis auf den plötzlichen Hipe nach dem Sieg von Bobby Fischer über den Russen Boris Spassky von 1972 (stilisiert zum &#8216;Wettkampf der Systeme&#8217;). Das wachsende Interesse bei den Afroamerikanern bis zum ersten schwarzen Grossmeister Maurice Ashley. Sein Potenzial Klassengrenzen aufzubrechen, wie in diesem Ausschnitt:</p>
<blockquote><p>&#8220;With night coming on, Murphy made his way north to a brownstone on West 10th Street, home of the Marshall Chess Club, where the tournament was taking place. Upstairs, players sat at red leather benches, hunched intently over pre-tournament scrimmages. The Marshall had the comforting aroma of an old library. A venerable, lacquered chess table sat before the fireplace. &#8216;Bobby Fischer played the Capablanca Memorial Tournament on this table,&#8217; read the inscription. Above the mantel hung a framed series of portraits of the Marshall&#8217;s members from 1922, which included the surrealist painter Marcel Duchamp. &#8216;A lot of history here,&#8217; Murphy mused.</p>
<p>All sorts of people were on hand for the tournament: kids who were so small they looked as if they were drowning in their clothes; gawky teenagers with glinting braces; elderly balding men who looked like chicken magnate Frank Perdue; and elderly bespectacled men who looked like Noam Chomsky. Women and girls were at a minimum &#8212; two, by my count, in a crowd of 50 or so. Three African Americans had turned out, including Murphy, who was clearly the only street hustler in the house.&#8221;</p></blockquote>
<p>Oder man fiebert mit Murphy mit, wie er einen arroganten Teenager bezwingt. Unbedingt empfehlenswert!</p>
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		<title>Uigurische Odyssee</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2007/11/uigurische-odyssee/</link>
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		<pubDate>Sat, 17 Nov 2007 00:12:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Ausland]]></category>

		<category><![CDATA[Das Magazin]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[Erwin Koch erzählt im Magazin des Tagesanzeigers die Geschichte von fünf Uiguren:

Abu Bakr Qassim, Sattler aus der Stadt Gulja
Adel Abdulhekim, Händler aus Gulja
Akdhar Qasem Basit aus Gulja
Ahmed Adil aus Kashgar
Ayub Haji Mohammed aus Kashgar

Niemandsmenschen lautet der merkwürdige Titel. Man denkt Niemandsland. Und so sieht es auf einigen der Bilder aus, die Philippe Dudouit in einer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://lexikon.a-d-s.ch/edit/detail_a.php?id_autor=960">Erwin Koch</a> erzählt im Magazin des Tagesanzeigers die Geschichte von fünf <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Uiguren">Uiguren</a>:</p>
<ul>
<li>Abu Bakr Qassim, Sattler aus der Stadt <a href="http://www.flickr.com/search/?w=all&amp;q=%E4%BC%8A%E5%AE%81&amp;m=text">Gulja</a></li>
<li>Adel Abdulhekim, Händler aus Gulja</li>
<li>Akdhar Qasem Basit aus Gulja</li>
<li>Ahmed Adil aus <a href="http://www.flickr.com/search/?q=%E5%96%80%E4%BB%80&amp;m=tags">Kashgar</a></li>
<li>Ayub Haji Mohammed aus Kashgar</li>
</ul>
<p><a href="http://dasmagazin.ch/index.php/Niemandsmenschen">Niemandsmenschen</a> lautet der merkwürdige Titel. Man denkt Niemandsland. Und so sieht es auf einigen der <a href="http://dasmagazin.ch/index.php/Image:Uiguren02.jpg">Bilder</a> aus, die Philippe Dudouit in einer albanischen Kaserne gemacht hat. Entwurzelt, so wirken die Gesprächsfetzen dieser Reportage. Der erste kommt überraschend nach den ersten zwei Sätzen, die erzählen, dass der Uigure Abu Bakr seine schwangere Frau zurücklässt:</p>
<blockquote><p>&#8220;Wann?, fragt sie.<br />
Bald, sagt er, 31 Jahre alt, und geht.&#8221;</p></blockquote>
<p>Man hat Mühe sich zu orientieren, in dieser Geschichte. Daran sind die vielen Namen schuld, die vielen Stränge, die vielen Orte. Und die Tatsache, dass die Gesprächssituation selbst völlig ausgeblendet ist. Man kann nur vermuten, dass das Gespräch - oder sind es fünf einzelne Gespräche? - irgendwann im Sommer 2007 in Babru, Albanien stattgefunden hat.</p>
<p>Dieser Dialog soll in Torbaz, Kirgisien stattgefunden haben, zwischen Abu Bakr und einem Landsmann:</p>
<blockquote><p>&#8220;Meine früheste Erinnerung [...] ist, dass ich als Kind immer nur alte Kleider trug, weil wir kein Geld hatten. Ich trug Kleider mit Löchern bis 1985, als ich in der Lederfabrik der Chinesen zu arbeiten begann.<br />
Und meine früheste Erinnerung, erzählt Adel[...], ist, dass ich mich, auf der Suche nach Schafen, in den Bergen verirrte, drei Tage lang, und dabei fast erfroren bin.&#8221;</p></blockquote>
<p>Das Gespräch wird unterbrochen von Abu Bakrs Frau:</p>
<blockquote><p>&#8220;Zwillinge!, zwei Knaben!&#8221;</p></blockquote>
<p>Dann erzählt Abu Bakr weiter - ob seinem Landsmann oder dem Reporter, man weiss es nicht genau:</p>
<blockquote><p>&#8220;Meinen Vater [...] schlossen die Chinesen zwei Jahre lang ins Gefängnis, weil sie ihn beim Beten erwischten. Sie hängten ihn an die Decke, machten Feuer unter seinen Füssen.&#8221;</p></blockquote>
<p>Man tut dem Text Gewalt an, ihn so auseinanderzustückeln. Dies vor allem, weil er in Kochs fast liturgischem Stil geschrieben ist. Rhythmisch, mit absichtsvoll gesetzten Schnitten. Hier trotzdem kurz die weitere Handlung:</p>
<p>Als Folge des Versuchs, in die Türkei zu gelangen, überqueren die beiden Uiguren am 26. Juli 2001 die Grenze nach Afganistan, reisen weiter in ein Dorf, in dem nur Uiguren leben, &#8220;am Fuss einiger Berge, die Tora Bora heissen&#8221;.</p>
<p>Dort treffen die beiden auf Akdhar Qasem Basit aus Gulja und Ahmed Adil aus Kashgar.</p>
<p>Am 11. oder 12. Oktober 2001 wird die Gruppe von insgesamt 30 Männern von amerikanischen Bomben getroffen. Es überleben 17.</p>
<p>Es schliesst sich ihnen der fünfte Schicksalsgenosse, Ayub Haji Mohammed an.</p>
<blockquote><p>&#8220;Ich bin [...] auf dem Weg nach Amerika, um dort Arzt zu werden. In Pakistan sagten sie mir, besser, du gehst nach Afghanistan.&#8221;</p></blockquote>
<p>Nach dem Bombenangriff irren die Überlebenden durch Kälte und Schnee, landen schliesslich wieder in Pakistan, wo sie sich aus Angst vor einer Auslieferung an China als Usbeken ausgeben und schliesslich für 5000 Dollar an die Amerikaner verkauft werden. Man bringt sie zurück nach Afganistan:</p>
<blockquote><p>&#8220;Wer wir wirklich sind, verraten wir nur den Amerikanern, flüstert Abu Bakr.&#8221; (Denn: &#8220;Wir sind Uiguren, Freunde Amerikas, weil Feinde der Chinesen&#8221;).</p></blockquote>
<blockquote><p>&#8220;Über dem Gefängnis weht die Fahne der USA.<br />
Unsere Rettung, sagt Abu Bakr.<br />
Sprichst du Englisch?<br />
Nein.<br />
Warum sprichst du kein Englisch, du Hurensohn?<br />
Wir sind Uiguren, geflohen aus China, wir sind keine Terroristen, wir lieben Amerika, wir sind auf eurer Seite.<br />
Ich bin auf dem Weg nach Amerika, weint Ayub, der Jüngste, um dort Arzt zu werden.<br />
Nach Amerika wirst du kommen, lacht ein Soldat.&#8221;</p></blockquote>
<p>Sie kommen bis Guantanamo. Dort werden sie verhört:</p>
<blockquote><p>&#8220;Denkst du, die Welt wäre besser, wenn sie islamisch wäre?<br />
Nein.&#8221;</p></blockquote>
<p>Demütigungen:</p>
<blockquote><p>&#8220;Ein Soldat schenkt Ayub, dem Jüngsten, einen Apfel, Ayub trägt ihn in den Käfig, ein Wärter findet den Apfel, am Apfel fehlt der Stiel. Wo ist der Stiel?, schreit der Wärter.<br />
Wo ist der Stiel, du Hurensohn, was hast du gottverdammt mit dem Stiel gemacht, wo hast du den Stiel versteckt?<br />
Achtundzwanzig Tage Einzelhaft.&#8221;</p></blockquote>
<p>Man erkennt ihre Unschuld:</p>
<blockquote><p>Ein Rechtsanwalt aus Boston [...] darf Abu Bakr und Adel besuchen, [...er] trifft sie in einer Sperrholzhütte ohne Fenster, Hände und Füsse an einen Bolzen gekettet, der tief im Boden steckt. Der Anwalt, fast zufällig, erfährt, dass die beiden von allen Vorwürfen längst befreit sind, keiner hat es den Uiguren je gesagt. [...] Abu Bakr ruft seine Frau an, er weiss nichts zu reden, sie weint. Die Zwillinge sind fünf Jahre alt.&#8221;</p></blockquote>
<p>Kein Land will die Uiguren aufnehmen. Schliesslich erteilt Albaniens Ministerpräsident Berisha die Einreiseerlaubnis. Am Rand von Tirana werden die Uiguren in einer alten Kaserne untergebracht.</p>
<blockquote><p>&#8220;Einmal tritt ein Vertreter des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen UNHCR in den Hof und fragt, wie es gehe.<br />
Wir sterben aus Langeweile.<br />
Dafür ist Albanien zuständig, sagt der Mann.&#8221;</p></blockquote>
<p>Es gibt keine Entschuldigung, keine Wiedergutmachung, keine Unterstützung.  Es ist ein Skandal.</p>
<p>Trotzdem zielt Erwin Kochs Reportage nicht auf Empörung. Roger Willemsens &#8220;<a href="http://http://www.zweitausendeins.de/redaktionelles/?thema=200283">Hier spricht Guantánamo</a>&#8221; hat mich viel wütender gemacht. Vielleicht liegt es daran, dass ich da noch unwissender war.</p>
<p>&#8220;Niemandsmenschen&#8221; lässt einem mit dem Wunsch zurück, diesen Menschen zu helfen. Das hat <a href="http://hrw.org/german/docs/2006/04/19/german13218.htm">Human Rights Watch</a> getan (dort heisst Adel Abdulhekim offenbar &#8220;Abel Abdu al´Hakim&#8221;) und man kann die Organisation <a href="http://hrw.org/german/spenden.htm">finanziell unterstützen</a>.</p>
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		<title>Norman Mailer gestorben</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2007/11/norman-mailer-gestorben/</link>
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		<pubDate>Sun, 11 Nov 2007 23:05:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Autoren]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[Norman Mailer war nicht nur ein bedeutender und engagierter amerikanischer Schriftsteller, er ist auch Autor verschiedener Reportagen. Die berühmteste, &#8220;The Armies of the Night&#8220;, ist eine autobiographische Erzählung in der dritten Person und handelt von einem der grössten Protestmärsche gegen den Vietnam-Krieg, den sogenannten Marsch aufs Pentagon im Oktober 1967 (Textpassage in: Ann Charters, The [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Norman Mailer war nicht nur ein bedeutender und engagierter amerikanischer Schriftsteller, er ist auch Autor verschiedener Reportagen. Die berühmteste, &#8220;<strong>The Armies of the Night</strong>&#8220;, ist eine autobiographische Erzählung in der dritten Person und handelt von einem der grössten Protestmärsche gegen den Vietnam-Krieg, den sogenannten Marsch aufs Pentagon im Oktober 1967 (<a href="http://books.google.com/books?id=i05HZYZjTuUC&amp;pg=PA155&amp;vq=norman+mailer+march+washington+october&amp;hl=de&amp;sig=6_FACN82xrlc2RSSh9167PfjT_4">Textpassage</a> in: Ann Charters, The Portable Sixties Reader, 2003).</p>
<p>Norman Mailers Reportagen gehören zusammen mit Arbeiten von Truman Capote, Hunter S. Thompson, Tom Wolfe und anderen zum Grundstock des New Journalism.</p>
<p>Norman Mailer ist am 10. November 2007 in New York gestorben. Er war 84 Jahre alt.</p>
<p>Nachrufe in der <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/551/142240/">Süddeutschen</a> und in der <a href="http://www.nytimes.com/2007/11/11/books/11mailer.html">New York Times</a>.</p>
<p><a href="http://www.nytimes.com/packages/html/books/mailer-ali.pdf">Ausschnitt aus &#8220;The Fight&#8221;</a> (pdf) in der NYT vom  3. August 1975.</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Urlaub im Iran</title>
		<link>http://www.reportagenblog.ch/2007/11/urlaub-im-iran/</link>
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		<pubDate>Fri, 02 Nov 2007 23:25:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Ausland]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

		<category><![CDATA[Tagespresse]]></category>

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		<description><![CDATA[Sonja Zekri hat vierzehn Tage Urlaub gemacht im Iran. Dabei hat sie gleich auch noch eine Reise-Reportage geschrieben:  Jenseits von Mullah-City: Als Frau durch Iran:
&#8220;Doch, es gibt einen Moment, in dem man froh über das Kopftuch ist. Es sind 48 Grad zu Füßen von Tschora Sanbil, dem stummelartigen Überbleibsel einer 3250 Jahre alten mesopotamischen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sonja Zekri hat vierzehn Tage Urlaub gemacht im Iran. Dabei hat sie gleich auch noch eine Reise-Reportage geschrieben:  <a href="http://www.sueddeutsche.de/reise/artikel/906/140608/">Jenseits von Mullah-City: Als Frau durch Iran</a>:</p>
<blockquote><p>&#8220;Doch, es gibt einen Moment, in dem man froh über das Kopftuch ist. Es sind 48 Grad zu Füßen von <a href="http://de.encarta.msn.com/encyclopedia_721538139/Tschogha_Sanbil.html">Tschora Sanbil</a>, dem stummelartigen Überbleibsel einer 3250 Jahre alten mesopotamischen Stufenpyramide [...]. Am Morgen, in den Ruinen von Schusch, kam die Hitze von oben.</p></blockquote>
<blockquote><p>Jetzt am Nachmittag strahlt sie von allen Seiten. Jeder Halm, jedes Staubkorn glüht, und die Luft atmet sich wie flüssiges Blei.</p></blockquote>
<blockquote><p>Ja, in diesem Moment sind wir froh über das Kopftuch [...].</p>
<p>Den Rest der Zeit ist der <a href="http://www.eslam.de/begriffe/v/verhuellung.htm">Hidschab</a> das, was man vermutet: Der Kompromiss, den eine Touristin eingeht, um ein Land zu besuchen, dessen Ideologie reisende Frauen ohne männliche Verwandte eigentlich nicht vorsieht [...].&#8221;</p></blockquote>
<p>Damit ist der Rahmen gesetzt für den Bericht über eine zufällige Reise zwischen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Susa_%28Persien%29">Schusch</a>, <a href="http://www.flickr.com/photos/tags/yazd/">Yazd</a>, <a href="http://www.flickr.com/photos/tags/shiraz/">Schiras</a>, <a href="http://www.flickr.com/photos/tags/bishapur/">Bischapur</a>, <a href="http://www.flickr.com/photos/tags/isfahan/">Isfahan</a>, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Qom">Qom</a> (die exakte Reihenfolge ist unwichtig und hat sich mir nicht erschlossen). Sonja Zekri spielt mit Klischees vom Iran (repressiv, gefährlich, diskriminierend, lustfeindlich) und kratzt an deren Oberfläche:</p>
<blockquote><p>&#8220;Boxenstop in Bischapur, einer Ruinenstadt in einem Flusstal. [...] Unten, am Ufer, herrscht Camping-Stimmung. Die Jugend tobt im Wasser, die Mädchen baden in Hose und Bluse, die nass mehr enthüllen als sie verbergen, über einem Leitungsrohr hängt ein Kopftuch.&#8221;</p></blockquote>
<blockquote><p>&#8220;Auf dem Dach [...] drängeln sich die jungen Leute auf den bettartigen Riesensofas. Die Mädchen rauchen Wasserpfeife. Im ersten Stock spielt eine Blondine Billard.&#8221;</p></blockquote>
<blockquote><p>&#8220;Der Fahrer hatte mit den Mullahs noch nie etwas im Sinn und schätzt ein kühles Bier, obwohl das eine umständliche Sache ist.&#8221;</p></blockquote>
<blockquote><p>&#8220;In Isfahan kann man Safran-Eis essen und von eleganten Brücken zusehen, wie sich die Jugend in schwimmenden Schwänen Seeschlachten liefert. [...] Plötzlich taucht aus dem Nichts eine Verschleierte auf und weist Frauen mit einem glatten Lächeln auf verrutschte Kopftücher hin. [...] Dann spuckt die Kulisse dieses Sommerabends eine zweite Verschleierte aus, schließlich einen Polizisten, der betreten guckt. Ein paar Worte werden gewechselt, dann führt er die Mädchen ab, flankiert von den Frauen wie von schwarzen Krähen.&#8221;</p></blockquote>
<p>Oder diese Stelle über das erzkonservative Qom, die &#8220;Mullah-City&#8221;. Ali Abdi und seine Freundin Niuscha sammeln Unterschriften:</p>
<blockquote><p>&#8220;Die Kampagne will die haarsträubendsten Gesetze ändern: dass das Schmerzensgeld für Frauen nur halb so hoch ist wie jenes für Männer; dass die Aussagen von Frauen vor Gericht nur halb so viel zählen wie jene von Männern; dass Mädchen ab 13 Jahren verheiratet werden dürfen; das Scheidungsrecht; die Polygamie. &#8216;400 Frauen und Männer sammeln seit einem Jahr Unterschriften&#8217;, sagt Ali Abdi, &#8216;unser Ziel ist eine Million.&#8217; Wie viele haben Sie bis jetzt? - &#8216;Die genaue Zahl ist ein Geheimnis.&#8217; - Sind Sie nah dran? - &#8216;Nein.&#8217;&#8221; (mehr dazu bei <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/One_Million_Signatures">Wikipedia</a>)</p></blockquote>
<p>Diese Episode gegen Ende des Artikels lässt fast vergessen, dass man hier eine Journalistin im Urlaub begleitet. Diesen Umstand mach erst der Schluss etwas abrupt wieder deutlich:</p>
<blockquote><p>&#8220;Aber nichts, was man aus dem Iran mitnehmen kann, ist so verwirrend wie das Gefühl, sich gut erholt zu haben.&#8221;</p></blockquote>
<p>Hmm, so könnte man sich doch eigentlich guten Bürgerjournalismus vorstellen.  Journalismus gewissermassen im Nebenjob. Das ist keine Herabwürdigung Sonja Zekris Arbeit, im Gegenteil (einige Plattitüden verzeiht man: &#8220;die Ziegel des Ziggurat würden schmelzen, wenn sie könnten&#8221;, &#8220;Auf den ersten Blick passt vieles nicht zusammen in Iran. Auf den zweiten auch nicht.&#8221;).</p>
<p>Mehr über den Iran: <a href="/2007/07/steinigung-im-iran/">Steinigung im Iran</a></p>
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		<title>Egon Erwin Kisch Preis 2008</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Nov 2007 17:51:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Graf</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Meta]]></category>

		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Stern und das Verlagshaus Gruner + Jahr teilen mit, dass der Wettbewerb für den Henri Nannen Preis 2008 eröffnet sei. Der Preis wird in fünf Kategorien verliehen, darunter auch für die beste Reportage. Bis 2005 hiess dieser noch Egon Erwin Kisch Preis, was ich eigentlich sympathischer finde. Verliehen wird er - so die Ankündigung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Stern und das Verlagshaus Gruner + Jahr <a href="http://www.henri-nannen-preis.de/presse_2007.php?id=39">teilen mit</a>, dass der Wettbewerb für den Henri Nannen Preis 2008 eröffnet sei. Der Preis wird in fünf Kategorien verliehen, darunter auch für die beste Reportage. Bis 2005 hiess dieser noch <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Egon-Erwin-Kisch-Preis">Egon Erwin Kisch Preis</a>, was ich eigentlich sympathischer finde. Verliehen wird er - so die Ankündigung - am 9. Mai 2008 im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, zu gewinnen gibt es 5&#8242;000 Euro.</p>
<p>&#8220;Bis zum 15. Januar 2008 können&#8221; - so die Medienmitteilung weiter - &#8220;Journalisten und <strong>Leser</strong> Texte und Fotostrecken einreichen, die im Jahr 2007 in deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht worden sind.&#8221;</p>
<p>Diese Einladung an die Leserschaft ist ja löblich - allerdings sind die Hürden leider ziemlich hoch:</p>
<ol>
<li> Das Anmeldeformular gibt es nur als <a href="http://www.henri-nannen-preis.de/anmeldeformular.php">Download</a> (pdf oder rtf). Einmal ausgefüllt muss man es <strong>per Post</strong> nach Hamburg schicken. Wie wär&#8217;s mit einem Online-Formular?</li>
<li>Zusammen mit dem ausgedruckten und ausgefüllten Formular muss man den <strong>Originalartikel</strong> einschicken. Kein Problem, ich habe ja immer eine Reserve vorrätig&#8230;</li>
<li>&#8220;Zusätzlich bitte <strong>sechs Ausfertigungen</strong> des veröffentlichten Textes (möglichst ohne Fotos) einreichen&#8221;. Kein Kommentar.</li>
<li>Jetzt muss ich nur noch Namen, Vornamen, Strasse, Postleitzahl, Ort, Telefon, Fax - und ach wie modern - Email - nicht meiner selbst, nein, des Autors eintragen.</li>
</ol>
<p>Ja, ich glaube die wollen wirklich unbedingt meine Meinung erfahren. Oder etwa doch nicht?</p>
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