Die tägliche Reportage bei Blick

17. March 2008

Am 5. März 2008 ist ein neuer Blick herausgekommen.  Zu den Neuerungen gehört die tägliche Reportage, angekündigt beispielsweise im Interview von “Schweizer Journalist” mit Chefredaktor Bernhard Weissberg:

“‘Solange wir uns eine grössere Redaktion leisten als die Gratiszeitungen, wo die Leute zumeist an den Pulten sitzen, müssen wird die Journalisten rausschicken.’

‘Sie verlangen ihnen auch täglich eine Reportage ab.’

‘Ja, das ist eine Willenserklärung. Wer nicht 300 Reportagen im Jahr liefern will, der schafft auch nicht 250 oder 200. Wir suchen mit der täglichen Reportage die latente Aktualität. Wir begleiten also zum Beispiel einen Wirtschaftsführer, der in den Schlagzeilen steht, oder schauen uns an einem Brennpunkt um, wie in Thun während der Sexaffäre.’

‘Das schaffen Sie mit diesem Personal nie.’

‘Sie unterschätzen meine Leute: Die wollen selber Reportagen schreiben. Wir bilden also nicht einen Elite-Stosstrupp, sondern  lassen Leute aus allen Ressorts ran. Die Fokusgruppen meinten übrigens, die Reportage wäre ein starker Grund, den Blick zu kaufen. Die ReaderScan-Studien haben uns gezeigt, dass die längsten Texte am besten gelesen werden.’”

Online übrigens ist von den Blick-Reportagen nichts zu sehen (die aktuellste ist vom 23. Februar). Die folgenden sechs Kurzbesprechungen kommen darum ganz ohne Links aus. Entweder man will die Exklusivität unterstreichen oder man traut den Online-Lesern nicht zu, soooo lange Texte zu lesen (die maximale Reportagenlänge beträgt gerade mal 7000 Zeichen)?

Vaduz bei Nacht. Besuch im Schwarzgeld-Tresor Europas (5.03.2008). Lukas Rüttimann und der Fotograf Tomas Wüthrich besuchen Abends im “Städtle” ein Hotel, zwei Restaurants (eines davon scheint zum Hotel zu gehören), eine Bar und das Fürstenschloss (von aussen). Dokumentiert sind Gespräche mit einem Gast, einem Kellner, einem Zimmermädchen, einer Hotelchefin, einem Wächter, einem Wachmann, einem holländischen Kameramann, einem ehemaligen Gemeindepolizisten und einem, der nur “einer” heisst. Ausser dem Gemeindepolizisten sagt keiner mehr als 1-2 belanglose Sätze. Eine Ortsbeschreibung gibts vom Fürstenschloss:

“Statt der weltberühmten Frontansicht - mit den Schneebergen im Hintergrund - wirkt die Burg beim Eindunkeln bedrohlich und düster. Dazu passt, dass ein Kran wie eine riesige Zange nach dem Fürstenschloss zu greifen scheint.”

Auf dem Bild des Schlosses ist vom Kran dann leider nichts zu sehen (beleuchtungsbedingt?). Keine guten Beschreibungen, keine Charakterisierungen, beliebige Zitate. Die Reportage macht keinen tieferen Eindruck.

Das Googly Prinzip (06.03.2008). Angekündigt ist “Google” und zwar mit einem Blick “hinter die Kulissen seines Sitzes in Zürich” verknüpft mit einem “Besuch in den USA”, wo Bernhard Weissberg, Chefredaktor des Blick “das wahre Erfolgsgeheimnis hinter den sechs farbigen Buchstaben der Suchmaschine” entdeckt haben will. Im Text kommt Zürich dann mit keinem Wort mehr vor. Egal. Bei dem Besuch in Mountain View sagt uns Sandy, 24:

“‘It’s easy’”

Das ist alles. “Easy” bezieht sich auf ihre Fähigkeit, rückwärts zu gehen und zu sprechen.

Anfangs sieht es so aus, als ob Teo, 24 auch nicht mehr sagen würde:

“‘It’s fun!’”

Doch dann erklärt er, wonach Google in den Bewerbungen für einen der begehrten Jobs im Unternehmen sucht:

“‘Du musst googly sein!’

‘Was?’

‘Googly. Anders, speziell, eine schräge Seite haben.’

‘Und die Uni? Der Abschluss?’

‘Gut musst du hier sowieso sein. Nein, du brauchst noch das gewisse Etwas dazu!’

Googly also. Was ist den googly an dir, Teo?

‘Ich kann sieben Sprachen, und ich hab alle Fremdsprachen dort gelernt, wo sie gesprochen werden!’”

Teo erzählt noch von einem Kollegen, und natürlich werden Sergey Brin und Larry Page erwähnt. Weissberg versucht sich noch an einer Beschreibung kleiner “Kabäuschen, hell verglast statt grau stoffbespannt wie anderswo” und verbrät, was man über Google sonst noch so weiss. Der Dialog mit Teo ist eindeutig das Witzigste.

Die Golan Cowboys (07.03.2008). Der Artikel ist eine Übersetzung, bei der leider so vieles schief ging, dass eine Besprechung hier kaum in Frage kommt. So etwa die Einführung der Golanhöhen als “ein Gebiet, welches das Ziel hitziger Debatten um das Eigentumsrecht ist” oder der wunderbare Schlussatz:

“Die Cowboys leben ihr Leben - jeden Morgen neu.”

Gut immerhin, die Idee aus dem selten genutzten Fundus fremdsprachiger Reportagen zu schöpfen.

Im Sawiri-Land (08.03.2008). Ins Bergdorf Andermatt, wo der Ägypter Samih Sawiri eine riesige Tourismus-Anlage plant, führt Hanspeter Bundi - einer, der ohne Frage Reportagen schreiben kann. Doch in seiner Blick-Reportage stolpert man zuerst einmal - und zwar über den Imperfekt. Warum schildert er seinen Besuch in Andermatt bloss in der Vergangenheit?

Kaum ist man über diesen Stolperstein hinweg, findet man sich verwirrt. Eigentlich kündigt sich mit jedem Absatz eine lange, ausladende Reportage an - doch die ist zu Ende, kaum hat sie begonnen. Mit gut 7000 Zeichen ist Sawiri-Land die bislang längste Blick-Reportage, doch das ist für diese Geschichte zu wenig.

“‘Er war hell begeistert, als er an jenem Anend heimkam’, sagte mir Regula Zopp, seine Frau, die in Gurtnellen aufgewachsen ist, wo die Berge eng und dunkel beieinander stehen. Ich traf sie im Stall, der mitten in der gleissenden Ebene steht. Regula Zopp kauerte hinter den Kühen, setzte die Saugnäpfe der Melkmaschine an, und während sie sprach, strich sie fein über das Euter der Tiere, damit die Milch leichter fliesse.”

Beobachten, das kann Bundi. Premiere auch des “Ichs”.

Ballett-Traum (10.03.2008). Karin Baltisberger verfolgt das Casting von fünf 11- bzw. 12-Jährigen in der Tanz Akademie Zürich. Interessant ist das eigentlich nur dort, wo gegen Clichés verstossen wird:

“‘Eines Tages kam Thierry heim: ‘Mami, ich will ins Ballett.’ Karin Jaquemet, studierte Landwirtin aus Dielsdorf, schluckte leer. [...] Einen Monat später trainierte er mit lauter Mädchen. [...] Die bodenständige Mutter mit Kurzhaarschnitt und blauem Faserpelzpulli holt tief Luft [...]. ‘Ich dachte nur: brotlose Kunst. Ein Pilot oder Arzt wäre mir lieber gewesen. [...] ‘Meine Tochter spielt Fussball auf hohem Niveau. Wir sind jetzt halt die Familie mit den komischen Kindern.’”

Gut geschrieben, für die Lokalberichterstattung sogar exzellent, über die Zürcher Seefeldstrasse hinaus aber vier Fünftel zu lang.

Jobben im Callcenter (11.03.2008). “Callcenter heisst die Käfighaltung von Angestellten. Eingestellt ist man schnell. Ich habe es versucht.” Hatte nicht Günther Wallraff eben dies vor einen Jahr schon getan? Muss ich mir diese Geschichte - aus Schweizer Perspektive selbstverständlich - nochmals antun? Es tut weniger weh als gedacht.

Dies liegt vor allem an Matthias Pfanders Tempo, mit dem er die einfache Story schnörkellos zu Ende bringt. “‘Man muss gut drauf sein, um Erfolg zu haben’, sagt die Personalverantwortliche. ‘Aber wir ziehen den Kunden nicht über den Tisch.’” Zuerst gehts bergauf (”Meine Quote ist nach dem ersten Tag beeindruckend: 10 Prozent”), dann bergab (”Meine Quote [...] liegt bei null.”) aber das ist jetzt egal: “Ich habe gekündigt”.

Kein Engagement, weder für die Täter noch für die Opfer.

Fazit: Soviel also nach einer Woche Blick-Reportage. Im Einzelnen selten Qualität, viel Belanglosigkeit aber dennoch eine überraschende Vielfalt, Mut zum Experiment. Jeder Text ist eine “echte” Reportage mit Vor-Ort-, Personen- und Sach-Ebene. Mit Dialog (Weissberg), Details (Bundi), Ausland, Lokalem, mit einem Selbstversuch.

Ich wünsche den Reportagen generell mehr (soziales) Engagement und Hanspeter Bundi mehr Glück mit der geforderten Kürze. Zum regelmässigen Blick-Leser bin ich allerdings nicht konvertiert.

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Die Schach-Uni am Dupont-Kreisel

18. November 2007

Ende September 2007 erschien im Wasington Post Magazin ein Porträt über Tom Murphy, einen obdachlosen Schachexperten (trotz seines unsteten Lebenswandel trennen ihn nur 108 Punkte von der magischen Grenze von 2200 Punkten, die zum Tragen des Titels eines Schachmeisters berechtigen).

Murphy’s Heimat ist der Dupont-Kreisel in Washington, D.C., wo auf zehn Betontischen und -bänken im Freien Schach gespielt wird.

Der Autor Wells Tower besucht Murphy über Wochen in Washington, reist mit ihm nach New York an ein Schachturnier im Marshall Chess Club und ans World Open in der Nähe von Philadelphia. Der Artikel ist hervorragend.

Das hat sich vermutlich auch Uwe Schmitt, Amerika-Koresondent der Welt gedacht und am 12. November 2007 mit “Das Genie von der Strasse” nachgezogen. Drei Wochen nach dem Artikel in der Post stöbert er Murhpy am Dupont-Kreisel auf, sammelt eine Handvoll Zitate, vermischt sie mit ein paar Betrachtungen über Schach und Hollywood (ohne jeden Zusammenhang) und fasst im weiteren den Artikel von Wells Tower zusammen. Sein einziger Verdienst ist, mich auf das Original gebracht zu haben.

The Days and Knights of Tom Murphy” hingegen ist nicht nur gut recherchiert und beobachtet, es zeigt Schach auch als soziales Phänomen. So etwa der Hinweis auf den plötzlichen Hipe nach dem Sieg von Bobby Fischer über den Russen Boris Spassky von 1972 (stilisiert zum ‘Wettkampf der Systeme’). Das wachsende Interesse bei den Afroamerikanern bis zum ersten schwarzen Grossmeister Maurice Ashley. Sein Potenzial Klassengrenzen aufzubrechen, wie in diesem Ausschnitt:

“With night coming on, Murphy made his way north to a brownstone on West 10th Street, home of the Marshall Chess Club, where the tournament was taking place. Upstairs, players sat at red leather benches, hunched intently over pre-tournament scrimmages. The Marshall had the comforting aroma of an old library. A venerable, lacquered chess table sat before the fireplace. ‘Bobby Fischer played the Capablanca Memorial Tournament on this table,’ read the inscription. Above the mantel hung a framed series of portraits of the Marshall’s members from 1922, which included the surrealist painter Marcel Duchamp. ‘A lot of history here,’ Murphy mused.

All sorts of people were on hand for the tournament: kids who were so small they looked as if they were drowning in their clothes; gawky teenagers with glinting braces; elderly balding men who looked like chicken magnate Frank Perdue; and elderly bespectacled men who looked like Noam Chomsky. Women and girls were at a minimum — two, by my count, in a crowd of 50 or so. Three African Americans had turned out, including Murphy, who was clearly the only street hustler in the house.”

Oder man fiebert mit Murphy mit, wie er einen arroganten Teenager bezwingt. Unbedingt empfehlenswert!

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Urlaub im Iran

3. November 2007

Sonja Zekri hat vierzehn Tage Urlaub gemacht im Iran. Dabei hat sie gleich auch noch eine Reise-Reportage geschrieben: Jenseits von Mullah-City: Als Frau durch Iran:

“Doch, es gibt einen Moment, in dem man froh über das Kopftuch ist. Es sind 48 Grad zu Füßen von Tschora Sanbil, dem stummelartigen Überbleibsel einer 3250 Jahre alten mesopotamischen Stufenpyramide [...]. Am Morgen, in den Ruinen von Schusch, kam die Hitze von oben.

Jetzt am Nachmittag strahlt sie von allen Seiten. Jeder Halm, jedes Staubkorn glüht, und die Luft atmet sich wie flüssiges Blei.

Ja, in diesem Moment sind wir froh über das Kopftuch [...].

Den Rest der Zeit ist der Hidschab das, was man vermutet: Der Kompromiss, den eine Touristin eingeht, um ein Land zu besuchen, dessen Ideologie reisende Frauen ohne männliche Verwandte eigentlich nicht vorsieht [...].”

Damit ist der Rahmen gesetzt für den Bericht über eine zufällige Reise zwischen Schusch, Yazd, Schiras, Bischapur, Isfahan, Qom (die exakte Reihenfolge ist unwichtig und hat sich mir nicht erschlossen). Sonja Zekri spielt mit Klischees vom Iran (repressiv, gefährlich, diskriminierend, lustfeindlich) und kratzt an deren Oberfläche:

“Boxenstop in Bischapur, einer Ruinenstadt in einem Flusstal. [...] Unten, am Ufer, herrscht Camping-Stimmung. Die Jugend tobt im Wasser, die Mädchen baden in Hose und Bluse, die nass mehr enthüllen als sie verbergen, über einem Leitungsrohr hängt ein Kopftuch.”

“Auf dem Dach [...] drängeln sich die jungen Leute auf den bettartigen Riesensofas. Die Mädchen rauchen Wasserpfeife. Im ersten Stock spielt eine Blondine Billard.”

“Der Fahrer hatte mit den Mullahs noch nie etwas im Sinn und schätzt ein kühles Bier, obwohl das eine umständliche Sache ist.”

“In Isfahan kann man Safran-Eis essen und von eleganten Brücken zusehen, wie sich die Jugend in schwimmenden Schwänen Seeschlachten liefert. [...] Plötzlich taucht aus dem Nichts eine Verschleierte auf und weist Frauen mit einem glatten Lächeln auf verrutschte Kopftücher hin. [...] Dann spuckt die Kulisse dieses Sommerabends eine zweite Verschleierte aus, schließlich einen Polizisten, der betreten guckt. Ein paar Worte werden gewechselt, dann führt er die Mädchen ab, flankiert von den Frauen wie von schwarzen Krähen.”

Oder diese Stelle über das erzkonservative Qom, die “Mullah-City”. Ali Abdi und seine Freundin Niuscha sammeln Unterschriften:

“Die Kampagne will die haarsträubendsten Gesetze ändern: dass das Schmerzensgeld für Frauen nur halb so hoch ist wie jenes für Männer; dass die Aussagen von Frauen vor Gericht nur halb so viel zählen wie jene von Männern; dass Mädchen ab 13 Jahren verheiratet werden dürfen; das Scheidungsrecht; die Polygamie. ‘400 Frauen und Männer sammeln seit einem Jahr Unterschriften’, sagt Ali Abdi, ‘unser Ziel ist eine Million.’ Wie viele haben Sie bis jetzt? - ‘Die genaue Zahl ist ein Geheimnis.’ - Sind Sie nah dran? - ‘Nein.’” (mehr dazu bei Wikipedia)

Diese Episode gegen Ende des Artikels lässt fast vergessen, dass man hier eine Journalistin im Urlaub begleitet. Diesen Umstand mach erst der Schluss etwas abrupt wieder deutlich:

“Aber nichts, was man aus dem Iran mitnehmen kann, ist so verwirrend wie das Gefühl, sich gut erholt zu haben.”

Hmm, so könnte man sich doch eigentlich guten Bürgerjournalismus vorstellen. Journalismus gewissermassen im Nebenjob. Das ist keine Herabwürdigung Sonja Zekris Arbeit, im Gegenteil (einige Plattitüden verzeiht man: “die Ziegel des Ziggurat würden schmelzen, wenn sie könnten”, “Auf den ersten Blick passt vieles nicht zusammen in Iran. Auf den zweiten auch nicht.”).

Mehr über den Iran: Steinigung im Iran

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*Name geändert

2. August 2007

Am 29. Juli 2005 stirbt ein 37jähriger Mann bei einem Verkehrsunfall. Er sass auf dem Beifahrersitz. Das Auto fuhr auf einer Überlandstrecke mit 25 Stundenkilometern hinter einem Traktor her, als die Fahrerin links abbog. Den schnell entgegenkommenden BMW auf der Gegenfahrbahn hatte sie nicht gesehen. Auf der Beifahrerseite wurde der Innenraum “bis zum Armaturenbrett” zusammengeschoben. Der Mann stirbt zwei Stunden später im Spital. Ein zweiter Fahrgast - er sass auf dem Rücksitz - kommt mit schweren Verletzungen davon. Die Fahrerin bleibt unverletzt.

Am 1. Juli 2007 erscheint im Ressort “Auto” der Süddeutschen ein Portrait von Anatol Munz über “Marie (Name geändert)” - die Frau, die damals am Steuer sass.

“Matthias (Name geändert) [...] wurde nur 37 Jahre alt, weil sie, Marie, eine Sekunde lang nicht aufgepasst hatte. Weil sie einen Wagen übersehen hatte [...]. Seitdem lebt Marie mit einer Schuld, mit der man eigentlich nicht lebe kann.”

Am 30. Juli 2007 erscheint in der Süddeutschen eine Replik von Andrea Bistrich:

“Als ich an jenem Wochenende die Zeitung aufschlug, war ich nicht vorbereitet. Niemand hatte mich gewarnt, niemand hatte mir gesagt, ‘pass auf, da gibt es einen Artikel, der dir nicht gut tun wird, lies ihn lieber nicht’. Schon nach den ersten Zeilen war kein Zweifel möglich: ‘Matthias’ war in Wirklichkeit Chris, mein Freund, mein Lebenspartner.”

“Unter 5361 tödlichen Verkehrsunfällen im Jahr 2005 war dieser Fall ausgewählt worden, stellvertretend für all die anderen. Ich dagegen fühle mich ‘zwangskonfrontiert’. Wieder musste ich mich gegen meinen freien Willen mit etwas auseinandersetzen, für das ich mich noch nicht bereit fühlte.”

“Chris’ Mutter ist fassungslos, als sie von dem Artikel erfährt. Sie weint und kann sich kaum beruhigen. ‘Darf man den Schmerz anderer so in die Öffentlichkeit tragen?’ Dabei könnte die Reportage ein wichtiger, ein lehrreicher Text für jeden von uns sein. [...] Doch wir Angehörigen waren die Vergessenen bei diesem Unfall, bei der Wiedergutmachung (es gab keine) und zuletzt auch in dem Zeitungsartikel.”

Die Replik von Andrea Bistrich hat mich berührt:

“Immer wieder rief ich ihn auf dem Handy an, nur um seine Stimme auf der Mailbox-Ansage zu hören: ‘Hallo, hier ist Chris. Nach dem Signal könnt ihr eine Nachricht hinterlassen.’” -

Aber auch irritiert. Zunächst einmal, weil der Text nicht wie ein Leserbrief geschrieben ist, sondern journalistisch. Diese Irritation ist schnell beseitigt: Andrea Bistrich ist Journalistin.

Doch mich irritiert noch mehr: Was genau stört sie an dem Porträt von Anatol Munz? Was hatte er falsch gemacht? Er hatte über den Tod eines Menschen geschrieben und dabei offenbar Gefühle verletzt.

Das Portrait basiert offensichtlich auf einer Begehung des Unfallorts mit der Verursacherin Marie. Daneben gibt es einen kurzen Auszug aus dem Polizeibericht - andere Quellen scheinen nicht auf.

Munz schreibt aus der Perspektive von Marie - es ist ein Portrait. Munz schildert das Allgemeine am Beispiel des Individuellen - eine verbreitete journalistische Praxis. Wie kann man da einklagen, es seien die Angehörigen vergessen gegangen?

Vielleicht, wenn man den Fall liest als einen von “5361 tödlichen Verkehrsunfällen im Jahr 2005″. Stellvertretend für alle Opfer steht hier ein Portrait über Marie.

Eine solche Lesart mag Empörung, Wut auslösen. Marie ist nicht das einzige Opfer. Chris - die unbestreitbare Hauptperson des Dramas - soll nicht allein aus Maries Erinnerung zu uns, den Lesern sprechen. Der Artikl von Munz wird dem Unfall in dieser Lesart nicht gerecht.

Doch für mich hat Munz lediglich danach gefragt, wie jemand damit umgeht, den Unfalltod eines Menschen verursacht zu haben. Das Portrait steht dabei nicht stellvertretend für all die vielen Menschen, die von den 5361 Verkehrsunfällen des Jahres 2005 direkt oder indirekt betroffen sind.

Die Replik von Andrea Bistrich verwirrt - und beeindruckt - aber vielleicht auch deshalb, weil sie offen und öffentlich über ihren Schmerz schreibt und auf den Schutz der Anonymität verzichtet. Sie klagt die “Zwangskonfrontation” an, Chris’s Mutter fragt sogar, ob man den Schmerz anderer so in die Öffentlichkeit tragen dürfe. Andrea Bistrich bekämpft Feuer mit Feuer und tritt selbst an die Öffentlichkeit.

Im Juli 2005 hatte Andrea Bistrich in Beirut den Nahost-Korespondenten des Independent interviewt, Chris fotografierte. Am 3. September erinnerte sich Robert Fisk an den Besuch - auch das ist öffentlich.

Wie viel Öffentlichkeit braucht es? Wie viel ist gut?

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Falsche Reportagen bei der NZZ

20. July 2007

Seit ihrem Relaunch vom 6. Juli 2007 sind die Inhalte der NZZ online neu strukturiert. Unter “Magazin” gibt es jetzt eine Rubrik “Reportagen” (die man sich mit einem Trick sogar als RSS abonnieren kann). Das hat mich natürlich gefreut! Doch leider nicht lange.

Über die Beträge selbst mag ich ja an sich gar nicht meckern. Auch nicht über den hier:

Eisenerz – eine Stadt rüstet sich für eine kleinere Zukunft

Zusammen mit dem Bild eines Tagebau-Bergwerks attraktiv aufgemacht, erwarte ich von dem Titel eine abwegige, interessante Geschichte und bin mit dem ersten Abschnitt auch schon auf dem besten Weg dazu:

Besonders modisch sind sie nicht, die Schuhe im Schaufenster des Schusterladens “Am Platzl 1″ in Eisenerz. Dafür aber sehen sie bequem und sehr gesund aus. Auch die Damenkleider in der Auslage von Mode Sagmeister nebenan wirken zeitlos praktisch. Ein paar Schritte weiter, im Fenster von Foto Freisinger, guckt ein Grüppchen Erstkommunikanten mit ernsten Mienen auf den Freiheitsplatz.

Doch dann merke ich gleich: Die “rund zwei Dutzende Kinder”, die in “diesem Frühling den Leib Christi empfangen” haben sind nur dazu da, mir zu demonstrieren, dass in dem “am meisten überalterten Gemeinwesen Österreichs” bei 5560 Einwohnern zwei Dutzend Erstkommunikanten ganz wenig sind. Tschüss Erstkommunikanten.
Ein wenig springt mein Herz dann doch noch, wenn es weiter geht:

Bei Janzer am Freiheitsplatz zum Beispiel liegt bloss Krempel im Fenster. Ein Kinderstuhl mit abgeschossenem Kunststoffbezug, drei defekte Nähmaschinen samt Fadenspulen sowie altertümliche Lichtschalter und Sicherungsdosen aus Porzellan verstauben neben zwei vergessenen Plüschtierchen. Im Krämerladen gegenüber der Liebfrauenkirche behauptet ein Kleber über einigen vergammelten Waschpulverpackungen schreiend grün auf gelb: “Ihr Kaufmann hat’s”. Auf einem Zettel steht “Zu verkaufen”, und auch eine Telefonnummer ist notiert. Gewählt hat sie noch niemand.

Natürlich möchte man schon wissen, woher denn der Autor weiss, dass eine bestimmte Telefonnummer nie gewählt wurde. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass die Beschreibungen nur belanglose Beispiele sind mit der Aufgabe, zu illustrieren, was den Artikel als Thema durchzieht: Die Gemeinde Eisenerz verliert ihre Einwohner, die jungen zuallererst.

Nichts erfahre ich in meiner weiteren Lektüre über die Adresse “Am Platzl 1″, über den Modeverkäufer “Sagmeister”, über den Fotografen “Freisinger”, über “Janzer” mit seinem “Krempel”.

Reden dürfen dafür der Bürgermeister Gerhard Freiinger, sein Parteifreund Christian Berger, der Soziologe Rainer Rosegger, der Finanzstadtrat Horst Litschinger. Dazu gibt es etwas geschichtlichen Hintergrund, Aufklärung über die österreichische Parteipolitik.

Nicht, dass ich etwas dagegen hätte. Vielleicht gibt es nichts Bewegenderes zu sagen über Eisenenrz. Aber meine Erwartungen werden enttäuscht, wenn mir die NZZ diesen Artikel als “Reportage” verkauft - zusammen mit den 4 seit dem Relaunch sonst noch hier erschienenen:

Die NZZ bedient sich des Begriffs “Reportage” also offensichtlich für beliebige Artikel, die keiner Tagesaktualität geschuldet und etwas länger sind als der Durchschnitt. Ein schwaches Konzept.

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