Selbstversuch am Matterhorn

19. September 2007

Nach einer Nacht in der Hörnlihütte bricht Christoph Zürcher zusammen mit hundert anderen Alpinisten morgens um halb vier auf zur Besteigung des Matterhorns. Fünfhundert Menschen sind bei diesem Unterfangen seit 1865 schon gestorben. Doch Christoph Zürcher kehrt zum Glück lebendig zurück und schreibt eine Reportage: Ernstfall am Matterhorn, erschienen in der Sonntagszeitung vom 9. September 2007.

Eigentlich ist das schon alles. Sinnlos, eine Zusammenfassung zu schreiben. Doch der Text ist ein Vergnügen. Der Rhythmus sitzt, die Spannung hält, die Schnitte sind hart, die Effekte drastisch. Hier ein kleines Beispiel:

“Ich klammere mich an den Felsen. Meine Kraft schwindet. Schnell. Handlungsbedarf ist offensichtlich. Den linken oder den rechten Fuss bewegen? Die rechte oder die linke Hand? Aber wohin?! Rauf? Runter? Aber vor allem: Wie? Oder ist es nicht doch das Beste, alles so zu lassen, wie es ist? Zumindest bis dieses verdammte Bein nicht mehr so zittert? Das Matterhorn ein Spaziergang?! Ha! Dann rutscht mein Fuss ins Leere.”

Dann sechs lange Abschnitte mit historischen Exkursen bis zur Antwort auf die Frage der Bergsteigerin:

“‘Alles o. k.?’”

Die Antwort kann man sich ausmahlen. Weiter kurvt der Text selbstironisch von Pointe zu Pointe. Nicht jede ist gleich geschmackvoll (”Habe mich selten mit dem Vorschlag einer Frau so einverstanden erklären können” - naja… Die guten seien hier nicht verschenkt - doch es hat einige!).

Schliesslich noch ein Beleg fürs Drastische:

“Wer durch die Ostwand stürzt, schlägt, bis er 1000 Meter weiter unten auf dem Gletscher angekommen ist, ein Dutzend Mal auf. Dabei wird den Unglücklichen nicht nur der Rucksack und der Helm abgerissen, sondern auch die Kleider. Alle. Sogar die Socken. ‘Ganz unten sind sie immer nackt’, sagt Lauber.
In den allermeisten Fällen fehlen den Verunglückten nach einem Sturz aber nicht nur alle Kleider, sondern auch Gliedmassen, [...]“

Insgesamt eine sprachlich und formal hervorragende kleine Reportage, auch wenn man vom Berg (”Die Walliser Alpen um diese Tageszeit, das ist ein Hodler-Gemälde.”), von der Bergsteigerin Bettina (”In der Schweiz gibt es fast 1500 Bergführer. Bergführerinnen gibt es gerade einmal 25.”) vom Hüttenwart Kurt Lauber (”…der Mann, der weiss, was alles schiefgehen kann, richtig schief”) oder gar vom Erzähler eigentlich nicht viel erfährt. L’art pour l’art.

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Δεν υπάρχουν λέξεις

27. August 2007

Es gibt keine Worte” - so titelt die griechische Zeitung Eleftherotypia in ihrer Sonntagsausgabe auf schwarzem Cover und meint damit die Brände auf Evbia und der Halbinsel Peloponnes. Natürlich findet sie dann doch Worte für die Dutzenden Toten, die Hunderten Obdachlosen, für das Versagen der Feuerwehr, der Regierung.

Bei uns findet man in allen Medien sehr viele Bilder, aber relativ wenige Worte über die Ereignisse. Eine Ausnahme ist Gerd Höhler, er berichtet für den Tagesspiegel und den Spiegel vor Ort:

Ziellos stochert der 73-jährige Achilleas mit seinem Krückstock in der Asche herum. Das hier war die Küche seines kleinen Hauses. In der Ecke stehen die ausgeglühten Reste eines Gasherdes. Das Dach ist eingestürzt, verkohlte Balken und rußgeschwärzte Dachpfannen liegen auf dem Boden. “Alles ist verloren”, sagt der alte Mann resignierend, “das ist das Ende.” [...]

“Mein Haus ist abgebrannt, meine Olivenbäume sind Asche - warum ist die Feuerwehr nicht rechtzeitig gekommen?”

Die Analysen über die Ursachen der Brände sind die bekannten: Brandstifter, Bodenspekulanten, Hirten. Etwas aussergewöhnlich der Fokus auf das Versagen der Feuerwehr (die nicht über genügend Personal verfügt) und die Regierung (die als Feuerbekämpfer lieber Parteifreunde statt qualifizierte Fachleute eingestellt hat). In drei Wochen sind Wahlen.

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Irrer Nerz

3. July 2007

Britta Stuff konnte am 31. Juni 2007 den 9. Graubünden Nachwuchspreis für Reisejournalisten in Empfang nehmen. Gewonnen hat sie den mit 2000 Franken dotierten Preis für eine Reportage über zwei Zimmermädchen im Grandhotel Kempinski in St. Moritz.

Rosa und Patrizia führen die Autorin während dreier Tage ein in die Kunst der systematisch-aseptischen Zimmerreinigung :

“Rosa [...] arbeitet an einem Ort, an dem Staubkörner Feinde sind, die es zu vernichten gilt, und der Gast ein Freund ist, der immer Recht hat. An dem Stifte in bestimmten Winkeln zu liegen haben und das Shampoo selbst im Fall eines nationalen Notstands vor dem Conditioner stehen muss. [...]

Das Putzritual beginnt: Kopfkissen abziehen, Bettdecke so straff ziehen, dass keine Falte bleibt, Kissen schütteln, Bett machen, Tagesdecke drüber. Kissen so anordnen, dass die Reißverschlüsse zum Fenster zeigen.”

Am nächsten Tag geht es weiter im selben Stil:

“Patrizia kontrolliert alle bereits geputzten Zimmer. Wie ein Adler kreist sie umher, und sieht sie einen Wasserfleck, dann stürzt sie sich auf ihn und poliert ihn zu Tode. [...]

Hier fällt der Vorhang nicht richtig, dort steht ein Kissen schief. Auch an Patrizia ist alles gerade.”

Die Sprache sitzt, die der Rhythmus stimmt, für Witz ist gesorgt. Und dennoch plätschert die Geschichte etwas gar gefällig dahin - bis zu dieser Stelle ganz am Schluss:

“Im letzten Zimmer hängt neben der Tür ein Nerzmantel, weiß wie Schnee. Patrizia, die gerade noch mit eine Flasche Reiniger in der Hand in den Raum stürmen wollte, streift den Mantel zufällig mit der Wange. Sie hält an, klemmt die Flasche unter den Arm und legt die Hände auf das Fell. Sie streichelt den Pelz, vergräbt ihr Gesicht darin. Für einen Moment bleibt die Zeit stehen. “Schön weich”, sagt sie und sieht auf. Dann ist der Moment vorbei.”

Mit dieser Pointe, diesem überraschenden Aufbrechen ist die Geschichte für mich gerettet. Gratulation!

Bei dem Bündner Nachwuchspreis übrigens werden jedes Jahr um die 20 Autorinnen und Autoren aus dem Reise-Journalismus - allesamt unter 32 Jahren - zu einem einwöchigen Recherche-Seminar nach Graubünden eingeladen. Die Tourismusbranche profitiert durch Präsenz in den Medien - im Fall von Britta Stuff in der Welt am Sonntag - der Nachwuchs profitiert von Weiterbildungen - und, wer Glück hat, gar von einem (bescheidenen) Preisgeld. Gutes Konzept. Hoffentlich leidet die journalistische Unabhängigkeit nicht zu sehr?

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