Egon Erwin Kisch-Preis: Die Nominierten

20. March 2008

Folgende Journalisten und ihre Arbeiten wurden gemäss Communiqué vom 20.03.2008 für den diesjährigen Egon Erwin Kisch-Preis nominiert (seit 2005 unter dem Namen Henri-Nannen-Preis):

Alle vier (!) wurden schon früher mit dem Egon Erwin Kisch-Preis ausgezeichnet (bei Jürgen Leinemann ist es allerdings schon eine Weile her). Postiv: alle Texte sind online vollständig nachzulesen - und demnächst hier ausführlicher kommentiert.

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Karl Lüönd über Reporter

11. March 2008

Karl Lüönd, ehemlas Chefredaktor beim Blick, Herausgeber der Zeitschrift Jagd & Natur, Publizist und Autor einer Unternehmensbiographie zu Ringier äusserst sich im Interview mit persönlich zur Rolle des Reporters:

Matthias Ackeret:

“Sie zelebrieren in Ihrem Ringier-Buch immer wieder den Beruf des Reporters. Doch dieser existiert im Zeitalters des Internets und der Gratiszeitungen gar nicht mehr …”

Karl Lüönd:

“Leider haben Sie recht. Ich denke, dies wäre eine Retro-Strategie, die sich wieder lohnen würde. Grosse Journalisten von heute wie Erwin Koch, Constantin Seibt und Esther Girsberger beweisen ihre Qualitäten im Nahkampf und in der direkten Feindberührung. Aber im Allgemeinen verlieren die Journalisten im Laufe der Jahre die Berührung mit dem wirklichen Leben. Schuld daran sind all die Datenbanken, SMD-Recherchen und dieses ganze öde Copy-Engineering.

Die Arbeit des Reporters ist nur begrenzt rationalisierbar, sie ist Manufaktur, nicht industrielle Serienfertigung. Sie ist eine intellektuelle Dienstleistung wie Beratung, Seelsorge, Unterricht. So gesehen wäre eine Rückkehr zu den alten Reporterfähigkeiten — hingehen, schauen, denken, berichten — auch ein Gewinn für die Leser. Es gab und gibt Reporter von geradezu literarischer Qualität: Joseph Roth, Graham Greene, John dos Passos, Tom Wolfe, das sind meine Hausheiligen. Und schauen Sie sich doch Leader-Medien wie den Spiegel an. Seit dort wieder verschiedene eigenartige Aromen, sogenannte Edelfedern, zugelassen sind, ist das Blatt wieder spannend.”

Ich glaube zwar nicht, dass Journalisten wegen den elektronischen Recherchemöglichkeiten einfach so “die Berührung mit dem wirklichen Leben” verlieren. Auch haben die neuen Chefredaktoren von Blumencron und Mascolo nach dem Abgang von Stefan Aust beim Spiegel eben gerade “nicht mehr nur schön geschriebene Reportagen” gewünscht - was man durchaus als Kampfansage auffassen kann.

Das mit der Retro-Strategie ist aber tatsächlich ein Konzept, dem ich etwas abgewinnen kann. Zu den Reportagen beim neu lancierten Blick komme ich später.

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Roman, Reportage, Essay

9. March 2008

In der NZZ vom 8. März 2008 erklärt Angelika Overath auf geistreiche Art den Unterschied zwischen Essay und Reportage:

“… ganz grob kann gesagt werden, dass im Unterschied zu den erzählenden Genres der Essay keine Raumerfahrung vermittelt. Das gibt ihm eine ungeheure Freiheit. “

“Ein Essay kann jede Materialschlacht wagen. Was ihn zusammenhält, ist nicht einmal ein roter Faden. Ihn stützen ein paar rote Punkte vielleicht und die Haltung, der Atem dessen, der spricht. So darf ein Essay alles, was er stilistisch trägt. Die Reportage hingegen darf, unabhängig von ihrem sprachlichen Niveau, vor allem sehr vieles nicht.”

…und denjenigen zwischen Reportage und Roman:

“Was die Reportage von den sogenannten fiktionalen Genres grundsätzlich unterscheidet, ist ihr Verhältnis zur Welt. Eine Reportage muss in dem, was überprüfbar ist, stimmen. Aber ist Faktentreue ein Kriterium, das Literatur ausschliesst?”

“Nicht die Recherche, nicht die Sorgfalt im Hinsehen, nicht einmal die stilistischen Techniken trennen für mich eine Reportage von Kurzgeschichte, Erzählung oder Roman. Den Unterschied macht eine kleine Drehung hin zu psychischen Prozessen.”

“Eine Formulierung wie ‘Sie atmete die Mutter’ ist nur die Umsetzung einer sehr konkreten Erfahrung beim Sortieren der getragenen Wäsche. In einer Reportage wäre dieser Satz suspekt; im Roman aber bewährt sich die Reportertreue zu Details, ohne die sich die radikalen Räume des Empfindens nicht öffnen würden. Damit aber ist der Roman eine Reportage aus der Intimität.”

Das Material zum Artikel (ein Essay…) stammt aus Overaths Band “Vom Sekundenglück brennender Papierchen” und aus ihrem Roman “Nahe Tage. Roman in einer Nacht”.  Angelika Overath gewann 1996 den zweiten Platz des Egon-Erwin-Kisch-Preises.

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Egon Erwin Kisch Preis 2008

2. November 2007

Der Stern und das Verlagshaus Gruner + Jahr teilen mit, dass der Wettbewerb für den Henri Nannen Preis 2008 eröffnet sei. Der Preis wird in fünf Kategorien verliehen, darunter auch für die beste Reportage. Bis 2005 hiess dieser noch Egon Erwin Kisch Preis, was ich eigentlich sympathischer finde. Verliehen wird er - so die Ankündigung - am 9. Mai 2008 im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, zu gewinnen gibt es 5′000 Euro.

“Bis zum 15. Januar 2008 können” - so die Medienmitteilung weiter - “Journalisten und Leser Texte und Fotostrecken einreichen, die im Jahr 2007 in deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht worden sind.”

Diese Einladung an die Leserschaft ist ja löblich - allerdings sind die Hürden leider ziemlich hoch:

  1. Das Anmeldeformular gibt es nur als Download (pdf oder rtf). Einmal ausgefüllt muss man es per Post nach Hamburg schicken. Wie wär’s mit einem Online-Formular?
  2. Zusammen mit dem ausgedruckten und ausgefüllten Formular muss man den Originalartikel einschicken. Kein Problem, ich habe ja immer eine Reserve vorrätig…
  3. “Zusätzlich bitte sechs Ausfertigungen des veröffentlichten Textes (möglichst ohne Fotos) einreichen”. Kein Kommentar.
  4. Jetzt muss ich nur noch Namen, Vornamen, Strasse, Postleitzahl, Ort, Telefon, Fax - und ach wie modern - Email - nicht meiner selbst, nein, des Autors eintragen.

Ja, ich glaube die wollen wirklich unbedingt meine Meinung erfahren. Oder etwa doch nicht?

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Reportage-Werkzeuge

15. October 2007

Roy Peter Clark hat vor einigen Jahren bei Poynter Online 50 grundlegende Schreibwerkzeuge vorgestellt und erklärt (online nur noch über Archive.org vollständig erreichbar - dafür gibt es sie neu auch als Buch). Als begeisterter Fan der Writing Tools bin ich die Liste nochmals durchgegangen mit der Frage: Welche sind speziell gute Reportagenwerkeuge? Hier sind sie - es sind ganze 8 (zusammen mit einigen Textausschnitten):

  • Dig for the concrete and specific: the name of the dog. [...] In St. Petersburg, editors and writing coaches warn reporters not to return to the office without “the name of the dog.” [...] It reminds the reporter to keep her eyes and ears opened.
  • Reveal character traits. [...] Watch people’s behavior, appearance, and speech. Write down the character adjectives that come to mind: obnoxious, affectionate, caring, confused. Now write down the specific details that led you to those conclusions.
  • Narrative Opportunities. [...] Journalists [...] too often [...] write dull reports. [...] Reports convey information. Stories create experience. [...] The report points us there. The story puts us there.
  • Quotes differ from dialogue. [...] The report points us there. The story puts us there. [...] Quotes are ‘about’ the action, not ‘in’ the action. [...] dialogue presents the reader with a form of action.
  • Writing Cinematically. 1. Aerial view; 2. Establishing shot: The writer stands back to capture the setting; 3. Middle distance: The camera moves closer to the action, close enough to see the key players and their interaction. 4. Close-up: The camera gets in the face of the subject, close enough to detect [...] the full range of human emotions; 5. Extreme close-up: This writer focuses on an important detail that would be invisible from a distance.
  • Report for scenes; place them in sequence. Tom Wolfe argues that realism, in fiction or non-fiction, is built upon “scene-by-scene construction, telling the story by moving from scene to scene and resorting as little as possible to sheer historical narrative.”
  • Foreshadow climactic events. Plant important clues early in the story. [...] In dramatic literature, this technique is sometimes referred to as Chekov’s Gun. In a letter he penned in 1889, Russian playwright Anton Chekov wrote: “One must not put a loaded rifle on the stage if no one is thinking of firing it.”
  • Good questions drive good stories. [...] This narrative strategy is so powerful it needs a name, and Tom French has given it one. He calls it “the engine” of the story. [...] Reports must anticipate the reader’s questions and answer them. [...] Storytellers take these questions to a narrative level, creating in the reader a curiosity that can only be quenched by reaching the end of the story.

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