Selbstversuch am Matterhorn
19. September 2007
Nach einer Nacht in der Hörnlihütte bricht Christoph Zürcher zusammen mit hundert anderen Alpinisten morgens um halb vier auf zur Besteigung des Matterhorns. Fünfhundert Menschen sind bei diesem Unterfangen seit 1865 schon gestorben. Doch Christoph Zürcher kehrt zum Glück lebendig zurück und schreibt eine Reportage: Ernstfall am Matterhorn, erschienen in der Sonntagszeitung vom 9. September 2007.
Eigentlich ist das schon alles. Sinnlos, eine Zusammenfassung zu schreiben. Doch der Text ist ein Vergnügen. Der Rhythmus sitzt, die Spannung hält, die Schnitte sind hart, die Effekte drastisch. Hier ein kleines Beispiel:
“Ich klammere mich an den Felsen. Meine Kraft schwindet. Schnell. Handlungsbedarf ist offensichtlich. Den linken oder den rechten Fuss bewegen? Die rechte oder die linke Hand? Aber wohin?! Rauf? Runter? Aber vor allem: Wie? Oder ist es nicht doch das Beste, alles so zu lassen, wie es ist? Zumindest bis dieses verdammte Bein nicht mehr so zittert? Das Matterhorn ein Spaziergang?! Ha! Dann rutscht mein Fuss ins Leere.”
Dann sechs lange Abschnitte mit historischen Exkursen bis zur Antwort auf die Frage der Bergsteigerin:
“‘Alles o. k.?’”
Die Antwort kann man sich ausmahlen. Weiter kurvt der Text selbstironisch von Pointe zu Pointe. Nicht jede ist gleich geschmackvoll (”Habe mich selten mit dem Vorschlag einer Frau so einverstanden erklären können” - naja… Die guten seien hier nicht verschenkt - doch es hat einige!).
Schliesslich noch ein Beleg fürs Drastische:
“Wer durch die Ostwand stürzt, schlägt, bis er 1000 Meter weiter unten auf dem Gletscher angekommen ist, ein Dutzend Mal auf. Dabei wird den Unglücklichen nicht nur der Rucksack und der Helm abgerissen, sondern auch die Kleider. Alle. Sogar die Socken. ‘Ganz unten sind sie immer nackt’, sagt Lauber.
In den allermeisten Fällen fehlen den Verunglückten nach einem Sturz aber nicht nur alle Kleider, sondern auch Gliedmassen, [...]“
Insgesamt eine sprachlich und formal hervorragende kleine Reportage, auch wenn man vom Berg (”Die Walliser Alpen um diese Tageszeit, das ist ein Hodler-Gemälde.”), von der Bergsteigerin Bettina (”In der Schweiz gibt es fast 1500 Bergführer. Bergführerinnen gibt es gerade einmal 25.”) vom Hüttenwart Kurt Lauber (”…der Mann, der weiss, was alles schiefgehen kann, richtig schief”) oder gar vom Erzähler eigentlich nicht viel erfährt. L’art pour l’art.
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Familie Bokassa
6. September 2007
Der Artikel wird im Zeit-Magazin Leben angekündigt als “erste von vier Reportagen über ‘Globale Familien’”. Auf dem Titelbild sieht man Jean-Bédel Bokassa auf einem vier Meter hohen Thron sitzen, einem vergoldeten Greifvogel. Papa Bokassa regierte die Zentralafrikanische Republik von 1966 bis 1979. Der Freund von Idi Amin stand wegen Kanibalismus und anderen Verbrechen vor Gericht. Nach einer Amnestie kam er frei und starb vor elf Jahren friedlich bei sich zu Hause in Bangui.
Papa Bokassa zeugte dutzende Nachkommen - wie viele weiss niemand genau. Ihnen ist Stefan Willekes Reportage “Des Kaisers viele Kinder” gewidmet. Im Zentrum steht Sohn Jean-Serge Bokassa, den er in Bangui besucht:
“Das Erste, was man von Bokassa sieht, sind seine Assistenten. ‘Geben Sie mir Ihren Pass’, sagt einer, der sich Protokollchef nennt. ‘Er wartet hinten im Ehrensaal’, sagt ein anderer, ‘wo ist Ihr Koffer?’ Auf dem Gepäckband im Flughafen von Bangui drehen sich die Metallkisten mit den Jagdgewehren von Franzosen und Belgiern [...].”
So fängt Willeke an. Was folgt ist eine bei flüchtigem Lesen verwirrende Verflechtung von Portrait-Elementen über Jean-Serge Bokassa (”Seine Worte klingen weich und rund. Vorsichtig lächelt er”), flüchtigen Eindrücken der Stadt Bangui und anderer Reiseziele (”vorbei an winkende Jungen, die echte Handykarten und falsche Pässe anbieten”) , Rückblicke auf die Regierungsjahre Jean-Bédel Bokassas (”Er [der Sohn Jean-Serge] sagte nicht, dass Papa seinen Thron mit Hermelinfellen polstern liess”), ein Besuch bei Jean-Barthélémy Bokassa in Paris (”Er braucht Stoff für seine nächste Episode, in seinem Weblog“), bei Martine Bokassa auf Korsika (”[ihr] erster Ehemann wurde von Männern getötet, die ihren Vater stürzen wollten.”), eine Konversation mit Kiki Bokassa in Beirut.
Verwirrung als Stilmittel ist riskant, aber hier ist sie geglückt. Die Familie Bokassa tritt mit individuellen unterscheidbaren Gesichtern auf. Doch beim Lesen bringt man Namen, Verwandtschaftsbeziehungen, Generationen und Orte immer wieder durcheinander. Es entsteht das Bild von einem Kollektiv. Zugespitzt wird diese Verwirrung selbst Thema in dieser Szene bei einem Besuch in Kolongo:
“Hier stand früher eine Villa des Herrschers. Romeo und Julia hießen die beiden Löwen, die der Kaiser mit Regimegegnern fütterte. ‘Das erzählen sich die Leute, aber ich habe davon nichts mitbekommen’, sagt der Sohn.
In einer überwucherten Ruine baut sich Jean-Serge Bokassa unter dem Deckengemälde eines napoleonischen Adlers auf. Scharen von Kindern sammeln sich um ihn, aber keines von ihnen wagt, die Stille durch ein vorlautes Wort zu gefährden, bis es der vornehme Herr von sich aus tut. ‘Ich bin Jean-Serge Bokassa.’ Die Kinder sehen ihn staunend an. Woher sollen sie ihn kennen? Sein Vater war schon tot, als sie geboren wurden. [...] ‘Ich bin Bokassa’, sagt er, und das ist das Einzige, was er den Kindern mitgibt, einen interessanten Namen.
Als er drei Tage später dorthin zurückkehrt, rennen ihm die Kinder schon entgegen. [...] Die Kinder haben die Nachricht zu den Erwachsenen gebracht: Ein Mann mit dem Namen Bokassa war hier, genau unter dem Adler. Alles wirbelt jetzt wild durcheinander, das Gestern und das Heute, hundert Hände greifen nach Bokassa, und einem alten Mann aus der Siedlung wird vor Aufregung schwindlig. Selig krächzt er: ‘Der Kaiser ist zurück.’”
Den Abschluss macht Willeke mit einer Reihe von Statements von zentralen Figuren, womit er diese nochmals Revue passieren lässt :
“‘Er macht langsam, was Papa schnell machte’, sagt seine Schwester auf Korsika, ‘er macht politisch, was Papa militärisch machte.’ ‘Sein Vater war beispiellos’, sagt der weisse Geschichtenerzähler in Paris, ‘aber auch er ist schon sehr gut.’ ‘Er hat mir geschrieben, er plane etwas Wichtiges’, sagt seine Schwester in Beirut, ‘aber ich weiss nicht, was.’”
Und ganz zuletzt spricht nochmals wie am Anfang ein Assistent:
“‘Ich schlage vor, wir einigen uns jetzt auf 200 Dollar’, sagt sein Kommunikationsberater. “
Stefan Willeke hat bereits zweimal den Egon-Erwin-Kisch-Preis gewonnen. 2003 mit “Der Herr der Pleiten” und 2005 mit “Herr Mo holt die Fabrik“.
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*Name geändert
2. August 2007
Am 29. Juli 2005 stirbt ein 37jähriger Mann bei einem Verkehrsunfall. Er sass auf dem Beifahrersitz. Das Auto fuhr auf einer Überlandstrecke mit 25 Stundenkilometern hinter einem Traktor her, als die Fahrerin links abbog. Den schnell entgegenkommenden BMW auf der Gegenfahrbahn hatte sie nicht gesehen. Auf der Beifahrerseite wurde der Innenraum “bis zum Armaturenbrett” zusammengeschoben. Der Mann stirbt zwei Stunden später im Spital. Ein zweiter Fahrgast - er sass auf dem Rücksitz - kommt mit schweren Verletzungen davon. Die Fahrerin bleibt unverletzt.
Am 1. Juli 2007 erscheint im Ressort “Auto” der Süddeutschen ein Portrait von Anatol Munz über “Marie (Name geändert)” - die Frau, die damals am Steuer sass.
“Matthias (Name geändert) [...] wurde nur 37 Jahre alt, weil sie, Marie, eine Sekunde lang nicht aufgepasst hatte. Weil sie einen Wagen übersehen hatte [...]. Seitdem lebt Marie mit einer Schuld, mit der man eigentlich nicht lebe kann.”
Am 30. Juli 2007 erscheint in der Süddeutschen eine Replik von Andrea Bistrich:
“Als ich an jenem Wochenende die Zeitung aufschlug, war ich nicht vorbereitet. Niemand hatte mich gewarnt, niemand hatte mir gesagt, ‘pass auf, da gibt es einen Artikel, der dir nicht gut tun wird, lies ihn lieber nicht’. Schon nach den ersten Zeilen war kein Zweifel möglich: ‘Matthias’ war in Wirklichkeit Chris, mein Freund, mein Lebenspartner.”
“Unter 5361 tödlichen Verkehrsunfällen im Jahr 2005 war dieser Fall ausgewählt worden, stellvertretend für all die anderen. Ich dagegen fühle mich ‘zwangskonfrontiert’. Wieder musste ich mich gegen meinen freien Willen mit etwas auseinandersetzen, für das ich mich noch nicht bereit fühlte.”
“Chris’ Mutter ist fassungslos, als sie von dem Artikel erfährt. Sie weint und kann sich kaum beruhigen. ‘Darf man den Schmerz anderer so in die Öffentlichkeit tragen?’ Dabei könnte die Reportage ein wichtiger, ein lehrreicher Text für jeden von uns sein. [...] Doch wir Angehörigen waren die Vergessenen bei diesem Unfall, bei der Wiedergutmachung (es gab keine) und zuletzt auch in dem Zeitungsartikel.”
Die Replik von Andrea Bistrich hat mich berührt:
“Immer wieder rief ich ihn auf dem Handy an, nur um seine Stimme auf der Mailbox-Ansage zu hören: ‘Hallo, hier ist Chris. Nach dem Signal könnt ihr eine Nachricht hinterlassen.’” -
Aber auch irritiert. Zunächst einmal, weil der Text nicht wie ein Leserbrief geschrieben ist, sondern journalistisch. Diese Irritation ist schnell beseitigt: Andrea Bistrich ist Journalistin.
Doch mich irritiert noch mehr: Was genau stört sie an dem Porträt von Anatol Munz? Was hatte er falsch gemacht? Er hatte über den Tod eines Menschen geschrieben und dabei offenbar Gefühle verletzt.
Das Portrait basiert offensichtlich auf einer Begehung des Unfallorts mit der Verursacherin Marie. Daneben gibt es einen kurzen Auszug aus dem Polizeibericht - andere Quellen scheinen nicht auf.
Munz schreibt aus der Perspektive von Marie - es ist ein Portrait. Munz schildert das Allgemeine am Beispiel des Individuellen - eine verbreitete journalistische Praxis. Wie kann man da einklagen, es seien die Angehörigen vergessen gegangen?
Vielleicht, wenn man den Fall liest als einen von “5361 tödlichen Verkehrsunfällen im Jahr 2005″. Stellvertretend für alle Opfer steht hier ein Portrait über Marie.
Eine solche Lesart mag Empörung, Wut auslösen. Marie ist nicht das einzige Opfer. Chris - die unbestreitbare Hauptperson des Dramas - soll nicht allein aus Maries Erinnerung zu uns, den Lesern sprechen. Der Artikl von Munz wird dem Unfall in dieser Lesart nicht gerecht.
Doch für mich hat Munz lediglich danach gefragt, wie jemand damit umgeht, den Unfalltod eines Menschen verursacht zu haben. Das Portrait steht dabei nicht stellvertretend für all die vielen Menschen, die von den 5361 Verkehrsunfällen des Jahres 2005 direkt oder indirekt betroffen sind.
Die Replik von Andrea Bistrich verwirrt - und beeindruckt - aber vielleicht auch deshalb, weil sie offen und öffentlich über ihren Schmerz schreibt und auf den Schutz der Anonymität verzichtet. Sie klagt die “Zwangskonfrontation” an, Chris’s Mutter fragt sogar, ob man den Schmerz anderer so in die Öffentlichkeit tragen dürfe. Andrea Bistrich bekämpft Feuer mit Feuer und tritt selbst an die Öffentlichkeit.
Im Juli 2005 hatte Andrea Bistrich in Beirut den Nahost-Korespondenten des Independent interviewt, Chris fotografierte. Am 3. September erinnerte sich Robert Fisk an den Besuch - auch das ist öffentlich.
Wie viel Öffentlichkeit braucht es? Wie viel ist gut?
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Wallraff ist zurück
27. July 2007
Von 1983 bis 1985 nannte Günter Wallraff sich “Ali” und arbeitete bei verschiedenen Grossunternehmen in Deutschland. In dem Buch “Ganz unten” beschrieb er später die haarsträubenden Bedingungen und Schikanen, die ihm, dem vermeintlichen Türken, widerfahren waren.
2007 hat Wallraff - nach einer längeren Pause - wieder in dieselbe Trickkiste gegriffen:
“Ich trage falsche Haare, Kontaktlinsen, habe meinen Schnauzbart abrasiert, und das Marathontraining des vergangenen Jahres hat mich zusätzlich verjüngt. Ich bin 49 und heisse von nun an Michael G.”
Seine verdeckte Recherche bei zwei Callcentern ist am 24. Mai 2007 in der ersten Nummer des ZEITmagazins Leben erschienen unter dem Titel “Günter Wallraff ist zurück“. Die Reportage löste ein enormes Echo aus (schier unglaubliche 108′000 Treffer für die Suchbegriffe wallraff+callcenter bei Google).
Im neusten ZEITmagazin Leben legt Wallraff nochmals nach (der Artikel ist online nicht erhältlich). Er gibt Berichte wieder von Callcenter-Angestellten, die sich ihm anvertraut hätten und er recherchiert - ganz konventionell - die Praktiken von einigen Marktführern (um sich gegen den Vorwurf zu wehren, er habe halt bei den zwei Unternehmen, in denen er verdeckt recherchierte gerade zufällig zwei schwarze Schafe erwischt). Zum Schluss plädiert Wallraff für eine Verbot, “ungebetene Verträge am Telefon abzuschliessen”.
Weil es das Reportagenblog damals noch nicht gab, und weil die Aktualität durchaus immer noch gegeben ist, hier noch etwas mehr aus und zur Hauptgeschichte vom Mai 2007. Nach einem kurzen Abriss über die Branche schreibt Wallraff dort:
“Ich will zu CallOn, dem zweitgrössten Vermarkter von Lotterielosen in Deutschland. [...] Zu diesem Zweck habe ich mich auf eine Anzeige in einer Regionalzeitung gemeldet. Zwei Tage später werde ich in den Köln-Turm einbestellt, wir sind ein Dutzend Bewerber.”
Wallraff besteht das Vorstellungsgespräch (”Der Teamchef prüft, ob wir gewandt oder stockend reden”) und darf zu einem Tag unbezahlter Probearbeit kommen. Nach kurzer Instruktion tätigt er die ersten Anrufe:
“Ein älterer Man klagt: ‘Ich lebe von Hartz IV. Wissen Sie, die zwölf Euro bräuchte ich dringend, aber zum Leben.’ - ‘Dann entschuldigen Sie bitte die Störung’, sage ich, ‘es tut mir aufrichtig leid.’ Der Coach reagiert verärgert: ‘Da hast du ja einen Sentimentalen hingelegt!’. Als ich ihm den Fall schildere, sagt er nur: ‘Ihr braucht hier keine Gewissensbisse zu haben. Euer Gewissen könnt ihr zu Hause lassen!’”
Wallraff gelingt - kaum verwunderlich - kein einziger Verkaufsabschluss und sein Engagement bei CallOn ist damit beendet. Während das Personal bei CallOn (ein Teamleiter, ein Instruktor, ein Coach und Frank, “ein Vollprofi”) zwar durchwegs schlecht wegkommt und beim Verbreiten von Unwahrheiten beobachtet wird bzw. beim Einfuchsen amoralischer Tricks, so beginnt das wahre Bestiarium doch erst beim nächsten Callcenter. Den Tipp, sich bei ZIU-International zu bewerben, bekommt Wallraff von einer Arbeitskollegin, die früher dort gearbeitet hatte:
“Mein Job soll es sein, Auszüge des Jugendschutzgesetzes an Kneipiers, Wirte und Imbissbudenbesitezr zu verkaufen. Das Papier mit dem aktuellen Jugendschutzgesetz wird von ZIU in einen Ikea-Rahmen gesteckt, der 4,50 Euro kostet, und per Barnachnahme für 69 Euro an den Käufer geschickt. Dass man sich den Text im Internet kostenlos herunterladen kann, wissen die wenigsten Wirte.”
In Wallraffs Team gibt es zunächst den Leiter Murat. Am Apparat tönt der so:
“‘Ich rufe im Auftrag des Deutschen Jugenschutzes an. Jetzt gehe Sie erst mal nachschauen, von wann Ihre Jugendschutztafel überhaupt ist’, ordnet er an und zwinkert mir dabei zu. [...] ‘Wenn das Ordnungsamt kommt, zahlen Sie 300 Euro Strafe. Versehen Sie, das sind Gesetze, Pflicht. Wir kommen sonst mit dem Ordnungsamt vorbei.’”
Weiter ist da Clarissa, sie zieht es vor, “ihre Verkaufsgespräche unter einem Tarnnamen zu führen. “Ich habe de Namen der Frau angenommen, die ich am meisten hasse”.
Und schliesslich ist da noch Manuela, “die Dienstälteste”:
“‘Haben Sie denn irgendetwas zu verbergen? …Weil wir uns nicht in der Dritten Welt befinden, sondern in Deutschland. Auch Sie müssen lernen, wie man sich in Deutschland verhält. Haben Sie was zum Schreiben in der Hand? Können sie überhaupt schreiben?! …’”
Dann, am zweiten Arbeitstag muss Wallraff seinen bequemen Beobachterposten aufgeben und sich selber die Finger schmutzig machen:
“Dann gibt mir der Teamleiter zu verstehen: ‘Jetzt mach endlich mal ‘n Abschluss. Geh an die Ausländer ran!’ Mein Selbstversuch führt nun zu einer mir selbst unheimlichen Persönlichkeitsveränderung: Um dazugehören, muss ich vom Mitspieler zum Mittäter werden. Nach dem ersten Erfolg gratulieren mir der Chef und der Teamleiter, die anderen applaudieren. Ich bin aufgenommen in die Betrugsfamilie.”
Hier ist der eigentliche Wendepunkt der Reportage. Weiter kann und will Wallraff nicht gehen, am nächsten Tag entschuldigt er sich mit einem Zahnarzttermin und haut ab. Drei Tage Callcenter-Agent gegenüber zwei Jahren als türkischem Gastarbeiter. Ist diese Rolle so viel schwieriger auszuhalten? Dabei hatte Wallraff wenige Absätze vor dieser Stelle schon für Verständnis werben lassen:
“Es seien oft Verzweifelte, die über lange Zeit arbeitslos gewesen seine und sich an den letzten Strohhalm klammerten. Die nun am Telefon Energie und gute Laune versprühen müssten, obwohl es ihnen dreckig gehe.”
Damit lassen sich die verschiedenen Richtungen aufzeige, welche Wallraffs Callcenter-Reportage hätte nehmen können:
- Skandal um eine schmutzige Branche. In diese Richtung geht der Nachtrag im neusten ZEITmagazin Leben (siehe ganz oben). Die ursprüngliche Reportage belegt diese These mit zwei Firmen und drei Tagen Recherche allerdings nur mangelhaft.
- Warnung vor den bösen Abzockern. Diese Geschichte ist erstens zur genüge bekannt, und es fehlt zweitens auch ein eigentlicher Service-Teil, der erklären würde, wie man sich vor den Machenschaften schützen kann. Die Opfer kommen in der Geschichte auch lediglich als Anekdoten vor - ich identifiziere mich kaum.
- Psychogramm eines Callcenter-Agenten. Diese Variante hätte ich eigentlich am liebsten gelesen. Dazu geht Wallraff selbst allerdings zu wenig weit und er lässt auch zu viele Protagonisten auftreten, um dem Seelenzustand eines Telefonverkäufers mit Porträt-Techniken echt näher zu kommen.
Was bleibt? Ein engagierter, gut geschriebener Text mit Appetit auf mehr. Einen direkten Einblick gibt übrigens der Callcenter Agent.
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Steinigung im Iran
24. July 2007
Mokarrameh Ebrahimi schwebt in Lebensgefahr. Ein Richter hat die 43-jährige Frau verurteilt, wegen Ehebruch. Sie sitzt seit acht (oder elf) Jahren im Gefängnis von Choobindar, zusammen mit ihrem elfjährigen Kind (und einem zweiten Kind, wie eine andere Quelle berichtet).
“Mokarrame stammt aus Islamashahr. Nach ihren Angaben zwang ihr erster Ehemann und Vater dreier Kinder sie zur Prostitution. Mokarrame flüchtete von zuhause, nachdem sie Jafar kennen gelernt hatte. Das Paar fand Zuflucht in der Stadt Takestan. Nachdem die beiden zusammen ein Kind bekommen hatten, beschlossen sie, nach vier Jahren nach Islamshahr zurückzukehren. Wegen einer Klage von Mokarrames erstem Ehemann wurden die beiden verhaftet und warteten acht Jahre im Gefängnis von Choobandar auf ihr Urteil.” (Judiciary Spokesman on Stoning of Jafar Kiani)
Auch Jafar Kiani, der Mann mit dem Kokarrame den Ehebruch begangen haben soll, sass im Gefängnis. Bis am 6. (oder 5.) Juli 2007, als er in das Dorf Aghche-Kand gebracht wurde, sieben Kilometer von Takestan entfernt, 90 Kilometer nordwestlich von Teheran.
In der Mittagszeit, zwischen 11 und 2 Uhr, wie sich ein Zeuge erinnert, wurde Jafar Kiani am 6. Juli 2007 gesteinigt. Das berichtet die Bloggerin und Journalistin Asieh Amini, die kurz danach nach Aghche-Kand gereist war (bei Women’s Field):
Das Dorf selbst ist ruhig; nur ein paar alte Männer sitzen an den Straßenrändern. Ein Kind lässt die Beine von einer Mauer baumeln. [...] Ein Motorradfahrer kommt vorbei. Ich winke. Er hält. Er bestätigt die Meldung ohne zu zögern und deutet auf die Ausläufer der Berge. “Sind Sie sich sicher?”, frage ich.
“Hab’s selbst gesehen.”
“Aus der Nähe?”
“Nein”, er lacht, “aus der Ferne. Sie hätten niemanden in die Nähe gelassen.”
“Warum?”
Er zeigt in die Ferne: “Hier waren überall Agenten. Der Schotterweg da drüben wurde auf beiden Seiten gesperrt, und nur Beamte kamen durch.”
“Wie viele waren es?”
“Keine Ahnung. Viele. 50 oder 60 vielleicht.”
“Sie sind sich also sicher, dass niemand aus dem Dorf die Steine geworfen hat?”
“Da bin ich mir sicher. Niemand.” (Übersetzung: Global Voices)
Asieh Amini lässt sich zum Ort der Steinigung führen:
Wir gehen näher. Steine und Felsbrocken mit eingetrocknetem, geronnenem Blut liegen um einen Haufen herum. Einige sind blutbespritzt. Einige sind so schwarz und rot von Blut, dass man sofort weiss, wozu sie gebraucht wurden. Fassungslos frage ich “Sind dies die Steine, die sie geworfen haben? Sie sind viel zu gross”. [Der Führer] zuckt mit den Schultern. [...] Es geht weniger darum, dass die Steine grösser gewesen sein könnten, als vorgeschrieben. Es geht darum, dass die Grösse der Steine bedeutet, dass die Scharfrichter weniger darum besorgt waren, bei der Steinigung dem Buchstaben des Gesetzes zu folgen, als vielmehr damit fertig zu werden.
Nach der Besichtigung des Hinrichtungsplatzes begibt sich Asieh Amini nach Takestan und versucht (erfolglos) den Richter ausfindig zu machen, der das Urteil vollstrecken liess, obwohl dieses von höherer Stelle ausgesetzt worden war.
Der Druck von Aktivisten (unter anderen von amnesty international) hatte den iranische Justizapparat offenbar dazu gebracht, die ursprünglich für den 17. bzw. 21. Juni geplanten Steinigungen des Paares aufzuschieben - nur um wenige Tage im Fall von Jafar Kiani, auf vorerst unbestimmte Zeit in dem von Mokarrameh Ebrahimi.
Die Mainstream-Medien haben kurz nach der Hinrichtung über das Ereignis mit Agenturmeldungen berichtet (online verfügbar z.B. der Spiegel, die Berner Zeitung) und das Eidgenössische Departement des Äusseren hat bei der iranischen Regierung protestiert.
Die Berichterstattung folgte dabei dem einfachen Schema des (im wörtlichen Sinn) steinzeitlichen Irans gegenüber dem aufgeklärten, aber machtlosen Westen. Dabei werden zahlreiche Nuancen unter den Tisch gewischt, z.B.:
- Die Tatsache, dass die Hinrichtung in einen isolierten Ort verschoben werden musste und dass die Dorfbevölkerung möglicherweise mit Absicht nicht daran teilnahm,
- die Wiedersprüche innerhalb des iranischen Justizapparats,
- die Verurteilung von Steinigungen durch einen Geistlichen, Ayatollah Montazer,
- die Gründe, welche im Iran zu Ehebruch führen…
Und selbstverständlich gibt es eine Petition gegen die Steinigungen im Iran. Unterschreiben!
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Falsche Reportagen bei der NZZ
20. July 2007
Seit ihrem Relaunch vom 6. Juli 2007 sind die Inhalte der NZZ online neu strukturiert. Unter “Magazin” gibt es jetzt eine Rubrik “Reportagen” (die man sich mit einem Trick sogar als RSS abonnieren kann). Das hat mich natürlich gefreut! Doch leider nicht lange.
Über die Beträge selbst mag ich ja an sich gar nicht meckern. Auch nicht über den hier:
“Eisenerz – eine Stadt rüstet sich für eine kleinere Zukunft“
Zusammen mit dem Bild eines Tagebau-Bergwerks attraktiv aufgemacht, erwarte ich von dem Titel eine abwegige, interessante Geschichte und bin mit dem ersten Abschnitt auch schon auf dem besten Weg dazu:
Besonders modisch sind sie nicht, die Schuhe im Schaufenster des Schusterladens “Am Platzl 1″ in Eisenerz. Dafür aber sehen sie bequem und sehr gesund aus. Auch die Damenkleider in der Auslage von Mode Sagmeister nebenan wirken zeitlos praktisch. Ein paar Schritte weiter, im Fenster von Foto Freisinger, guckt ein Grüppchen Erstkommunikanten mit ernsten Mienen auf den Freiheitsplatz.
Doch dann merke ich gleich: Die “rund zwei Dutzende Kinder”, die in “diesem Frühling den Leib Christi empfangen” haben sind nur dazu da, mir zu demonstrieren, dass in dem “am meisten überalterten Gemeinwesen Österreichs” bei 5560 Einwohnern zwei Dutzend Erstkommunikanten ganz wenig sind. Tschüss Erstkommunikanten.
Ein wenig springt mein Herz dann doch noch, wenn es weiter geht:
Bei Janzer am Freiheitsplatz zum Beispiel liegt bloss Krempel im Fenster. Ein Kinderstuhl mit abgeschossenem Kunststoffbezug, drei defekte Nähmaschinen samt Fadenspulen sowie altertümliche Lichtschalter und Sicherungsdosen aus Porzellan verstauben neben zwei vergessenen Plüschtierchen. Im Krämerladen gegenüber der Liebfrauenkirche behauptet ein Kleber über einigen vergammelten Waschpulverpackungen schreiend grün auf gelb: “Ihr Kaufmann hat’s”. Auf einem Zettel steht “Zu verkaufen”, und auch eine Telefonnummer ist notiert. Gewählt hat sie noch niemand.
Natürlich möchte man schon wissen, woher denn der Autor weiss, dass eine bestimmte Telefonnummer nie gewählt wurde. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass die Beschreibungen nur belanglose Beispiele sind mit der Aufgabe, zu illustrieren, was den Artikel als Thema durchzieht: Die Gemeinde Eisenerz verliert ihre Einwohner, die jungen zuallererst.
Nichts erfahre ich in meiner weiteren Lektüre über die Adresse “Am Platzl 1″, über den Modeverkäufer “Sagmeister”, über den Fotografen “Freisinger”, über “Janzer” mit seinem “Krempel”.
Reden dürfen dafür der Bürgermeister Gerhard Freiinger, sein Parteifreund Christian Berger, der Soziologe Rainer Rosegger, der Finanzstadtrat Horst Litschinger. Dazu gibt es etwas geschichtlichen Hintergrund, Aufklärung über die österreichische Parteipolitik.
Nicht, dass ich etwas dagegen hätte. Vielleicht gibt es nichts Bewegenderes zu sagen über Eisenenrz. Aber meine Erwartungen werden enttäuscht, wenn mir die NZZ diesen Artikel als “Reportage” verkauft - zusammen mit den 4 seit dem Relaunch sonst noch hier erschienenen:
- “Mit Barrikaden gegen Terrorismus und illegale Immigration” - zweifellos vor Ort recherchiert, aber ohne eine einzige eigene Beobachtung (oder habe ich eine übersehen?)
- “Tag und Nacht fliesst Wasser auf die Wiesen” - nur ganz kurz angefietschert.
- “Secondhand im Zeitalter von Ikea und Internet” - abgesehen von je einem (gut gemachten) kurzen Abschnitt über den Altwarenhändler Gareth Almeida am Genfer Flohmarkt zu Beginn und am Ende absolut keine Reportagen-Elemente.
- “Eine Stadt wie Katherine” - Keine einzige eigene Beobachtung (und auch nur ein einziger direkt gesprochener Satz: “G’day, I’m Werner, your driver.”).
Die NZZ bedient sich des Begriffs “Reportage” also offensichtlich für beliebige Artikel, die keiner Tagesaktualität geschuldet und etwas länger sind als der Durchschnitt. Ein schwaches Konzept.
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Mit Jacob Holdt in Amerika
11. July 2007
23 Jahre alt, vierzig Dollar in der Tasche - so reist der Däne Jacob Holdt 1970 per Anhalter durch die USA. Er ist auf dem Weg nach Chile, wo der Sozialist Salvador Allende eben Präsident geworden ist.
Doch aus der geplanten Durchreise wird eine fünf Jahre dauernde Begegnung mit Armut, Rassismus, Drogen und - Gastfreundschaft.
Holdt berichtet seine Erlebnisse nachhause. Der Vater kann die Schilderungen seines Sohnes kaum glauben und weil er seinen Augen mehr traut als seinen Ohren, schickt er eine Kamera.
Daraus ist eine Sammlung von rund 15′000 Dias entstanden und 1977 ein Buch: “American Pictures. A personal journey through the American underclass”.
Das Buch gibt es in einer Online-Version (mit 10′900 Bildern - ich habe sie nicht nachgezählt) und es gibt Holdts Bilder in einer Ausstellung, die noch bis am 19. August 2007 in meiner Heimatstadt zu sehen ist.
Das Besondere an Holdts Bildern: Sie sind vieldeutig, rätselhaft, beredt - doch Holdt belässt sie nicht in diesem Myterium, sondern er webt sie ein in eine wortkarge Geschichte, die der Autor herunterliest wie ein Adressbuch.
Da steht zum Beispiel ein Sofa mit Häkeldecke auf einem grün-beigen Flausenteppich. Ein Ehemann sitzt darauf und zwinkert mit einem breiten Lächeln in die Kamera. In seiner Linken hält er einen Revolver, in der Linken ein Gewehr. Neben ihm sitzt eine blonde Frau, die gelockten Haare toupiert. In der rechten Hand ein Gewehr. Neben ihr ein blonder Junge in Shorts, der sein Gewehr anschaut. Neben ihm ein Teenager in kurzem Rock, quadratische Brillengläser auf der Nase, Turnschuhe. In der Rechten ein Gewehr - wohl eine Antiquität. Dazu diese drei Sätze:
Vicky aus Michigan war eine von vielen weissen Frauen, die sich damals trauten, Anhalter mitzunehmen. Sie nahm mich mit nachhause zu ihrer glücklichen Waffen-Familie. Sie sagte, sie brauchten die Gewehre, “um sich vor den Niggern zu schützen”. (Fear and guns)
Oder das Bild einer alten Frau in einem Bretterverschlag, die mit einem kleinen Reisigbesen den Boden fegt:
Als ich durch Alabama trampte, begegnete ich dieser Frau an einer abgelegenen Landstrasse. In drückender Hitze bat ich um einen Schluck Wasser und verbrachte letztendlich viel Zeit bei ihr. Anna King starb später in einem Pflegeheim in Atlanta. (Old woman sweeping shack)
Und noch ein letztes Beispiel:
Diese arme 87-jährige Frau in Alabama bat mich, sie nach Phoenix, Arizona zu fahren. Sie wollte dort sterben. Ich half ihr, die Fenster ihrer verfallenen Hütte nahe Tuskegee mit Brettern zu vernageln. Sie wusste zwar, dass sie nicht mehr zurückkehren würde, aber sie wollte nicht, dass Schwarze aus der Gegend dort einzogen. Während der ganzen Fahrt legte sie die Pistole nicht aus der Hand und hatte eine Heidenangst wegen meiner langen Haare und meines Barts. Sie war so schwach, dass ich sie, immer an ihre Pistole geklammert, tragen musste, wenn sie aus dem Auto wollte. (Auszug aus einem längeren Text)
Über Jacob Holdt könnte man viel erzählen. Er engagiert sich weiterhin gegen Rassismus, hält immer noch Kontakt zu einigen seiner Photosujets und sein unterdessen vergriffenes Buch kann nicht neu aufgelegt werden, weil ihm die 45′000 Dollar für den Druck fehlen. Vielleicht kommt über die laufende Ausstellungsserie noch etwas Geld herein.
Zum Schluss noch ein geschichtsloses Bild, das mir nicht aus dem Kopf will: obdachlose Frau.
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Ende einer Lederfabrik
4. July 2007
Der 27. Juli 2006 war der letzte Tag der Kripper-Lederfabrik in der Nähe von Bonn. Monatelang stand die Fabrik leer, bis das Unternehmen schliesslich liquidiert wurde. Volker Lannert und Benjamin O’Daniel lassen sich für ihre Audio-Foto-Reportage von einem ehemaligen Mitarbeit durch das verlassene Gebäude führen und dokumentieren die Versteigerung.
Die stimmungsvollen Fotografien - oft im Streif- oder Gegenlicht - zeigen viele Details. Eine von Grünspan überzogene Temperaturanzeige. Ausgestanzte Lederflocken auf einen Holpflock. Der Begleitkommentar - zur Hauptsache von einem ehemaligen Mitarbeiter gesprochen - ist mit Geräuschen der Maschinen (wann wurden die aufgenomen?), Stimmen des Auktionators, der Bietenden ergänzt.
“In Glanzzeiten gabs hier 120 Mitarbeiter. Ich hab’ die Stechuhr gesehen, da waren 120 Fächer für Mitarbeiter. Als ich hier eingestellt wurde, waren es noch 50, Jahre später nur noch 30 und zum Schluss noch 20 Leute.”
Es gibt Stellen, wo Bild und Ton eng aufeinander abgestimmt sind, z.B. bei der Erklärung eines pneumatischen Spannrahmens:
“Acht bis zehn, zwölf Klammern an einem Fell. Vier Mitarbeiter, zwei hinten, zwei vorne, die also hier das Leder auf diesen Spannrahmen aufgespannt haben, wie mit Wäscheklammern.”
Bei andere Partien des etwas über 6 Minuten langen Hauptteils sind Kommentar und Fotografie nur lose aufeinander bezogen. Die Abfollge der Bilder ist oft etwas schnell, zu schnell für mich. Neben dem Hauptteil gibt es noch 4 kürzere Episoden von rund einer halben Minute.
Insgesamt erzeugt die Reportage einen lebhaften Eindruck, ich konnte das Leder riechen und fühlte mich zuletzt ganz nostalgisch.
Die Form der mehrteiligen Audio-Foto-Reportage ist keine revolutionäre Umsetzung fürs Internet, aber eine funktionierende. Um als Augenzeugenbericht zu wirken, braucht eine Reportage die Führung des Autors, sie braucht eine gewisse Linearität. Im Web möchte man aber auch ein bisschen selbst Regisseur sein - auswählen, herumklicken, neu kombinieren, kommentieren, etc. Von all dem bieten Volker Lannert und Benjamin O’Daniel gerade das Minimum. Interessant wäre zum Beispiel, wenn man einzelne (speziell gekennzeichnete) Fotos anklicken könnte und dadruch in eine Zusatzschlaufe geführt würde.
“Die Zerschlagung der Kripper-Lederfabrik” ist bei Medialism.net erschienen. Am 25. Juni 2007 online gegangen, soll dort “über kurz oder lang ein kleines, aber feines Multimedia-Magazin, eine Sammlung neuer multimedialer Formen” entstehen. Viel Glück!
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Irrer Nerz
3. July 2007
Britta Stuff konnte am 31. Juni 2007 den 9. Graubünden Nachwuchspreis für Reisejournalisten in Empfang nehmen. Gewonnen hat sie den mit 2000 Franken dotierten Preis für eine Reportage über zwei Zimmermädchen im Grandhotel Kempinski in St. Moritz.
Rosa und Patrizia führen die Autorin während dreier Tage ein in die Kunst der systematisch-aseptischen Zimmerreinigung :
“Rosa [...] arbeitet an einem Ort, an dem Staubkörner Feinde sind, die es zu vernichten gilt, und der Gast ein Freund ist, der immer Recht hat. An dem Stifte in bestimmten Winkeln zu liegen haben und das Shampoo selbst im Fall eines nationalen Notstands vor dem Conditioner stehen muss. [...]
Das Putzritual beginnt: Kopfkissen abziehen, Bettdecke so straff ziehen, dass keine Falte bleibt, Kissen schütteln, Bett machen, Tagesdecke drüber. Kissen so anordnen, dass die Reißverschlüsse zum Fenster zeigen.”
Am nächsten Tag geht es weiter im selben Stil:
“Patrizia kontrolliert alle bereits geputzten Zimmer. Wie ein Adler kreist sie umher, und sieht sie einen Wasserfleck, dann stürzt sie sich auf ihn und poliert ihn zu Tode. [...]
Hier fällt der Vorhang nicht richtig, dort steht ein Kissen schief. Auch an Patrizia ist alles gerade.”
Die Sprache sitzt, die der Rhythmus stimmt, für Witz ist gesorgt. Und dennoch plätschert die Geschichte etwas gar gefällig dahin - bis zu dieser Stelle ganz am Schluss:
“Im letzten Zimmer hängt neben der Tür ein Nerzmantel, weiß wie Schnee. Patrizia, die gerade noch mit eine Flasche Reiniger in der Hand in den Raum stürmen wollte, streift den Mantel zufällig mit der Wange. Sie hält an, klemmt die Flasche unter den Arm und legt die Hände auf das Fell. Sie streichelt den Pelz, vergräbt ihr Gesicht darin. Für einen Moment bleibt die Zeit stehen. “Schön weich”, sagt sie und sieht auf. Dann ist der Moment vorbei.”
Mit dieser Pointe, diesem überraschenden Aufbrechen ist die Geschichte für mich gerettet. Gratulation!
Bei dem Bündner Nachwuchspreis übrigens werden jedes Jahr um die 20 Autorinnen und Autoren aus dem Reise-Journalismus - allesamt unter 32 Jahren - zu einem einwöchigen Recherche-Seminar nach Graubünden eingeladen. Die Tourismusbranche profitiert durch Präsenz in den Medien - im Fall von Britta Stuff in der Welt am Sonntag - der Nachwuchs profitiert von Weiterbildungen - und, wer Glück hat, gar von einem (bescheidenen) Preisgeld. Gutes Konzept. Hoffentlich leidet die journalistische Unabhängigkeit nicht zu sehr?
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