Wallraffs Brötchen

4. May 2008

Günter Wallraff auf einer Podiumsdiskussion bei den Jugendmedientagen 2006Image via Wikipedia

Nach seinem letztjährigen Einsatz bei zwei Callcentern war Günter Wallraff im Februar 2008 wieder undercover.

“Ich gebe vor, 51 Jahre alt zu sein statt 65, und habe mir die Identität eines Freundes geliehen. Frank K. heisse ich jetzt. [...] Falsche Haare und ein dünner Oberlippenbart verjüngen mich.”

Dieses Mal geht es für das Zeit-Magazin “Leben” nach Stromberg, in die Backfabrik Weinzheimer. Dort werde unter unwürdigen Bedingungen geschuftet, hatte ein Briefschreiber Wallraff alarmiert. Weinzheimer beliefert den Discounter Lidl mit Brötchen.

Der Kunde bezahlt bei Lidl 10.5 Cent für ein Brötchen von Weinzheimer.

Der übliche Stundenlohn bei Weinzheimer beträgt 7.66 Euro brutto.

Wallraff findet eine marode Fabrikationsanlage vor, er stellt mangelnde Hygiene fest, kritisiert die prekäre Arbeitssicherheit und dokumentiert einen völlig menschenverachtenden Umgangston.

“Beim Hochstemmen der Bleche über Kopf zischt es auf der Haut meines rechten Arms, und es bilden sich dicke Brandblasen. [...] Als die stählerne Kette des Bandes plötzlich abspringt, herrscht Chaos. Die Kollegen brüllen sich an, greifen mit den Händen ins laufende Band, um die Kette wieder in die Halterung zu bringen. [...] Der Schimmel [...] blüht permanent [...] an schwer zugänglichen Stellen der Anlage rieselt er an verrotteten Eisenteilen herunter und entwickelt sich im Gärschrank.”

Wallraff stellt sich viele Fragen:

“Wie reagiert ein Betrieb, der in Deutschland produziert [angesichts der Globalisierung] auf den Kostendruck?”

“Kann es sein, dass die Arbeitsbedingungen der sogenannten Dritten Welt bereits Einzug gehalten haben in unsere ’schöne neue Arbeitswelt’?”

“Warum kaufen die Kunden diese Brötchen, die nicht gut schmecken?”

“Was treibt einen Menschen [gemeint ist Firmeninhaber Bernd Westerhorstmann], eine Firma so zu führen? [...] Welchen Teil der Schuld trägt er selbst?”

Alle diese Fragen sind berechtigt und richtig. Doch Wallraff gibt bestenfalls oberflächliche Antworten.

  • Auf den Kostendruck reagiert ein Betrieb in Deutschland mit Lohndumping und Verzicht auf Investitionen. Kaum überraschend.
  • Einen Vergleich mit Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt bleibt Wallraff schuldig.
  • Bei den Kaufmotiven äussert Wallraff Verständnis, wenn “ein Hartz-IV-Empfänger solche Billigbrötchen kauft”. Den übrigen KäuferInnen attestiert Wallraff mangelnde Vernunft.
  • Über Westerhorstmanns Motive spekulieren “einige Arbeiter”, “dass er einzig daran interessiert sei, in der Zeit bis zu seinem Ruhestand das Maximum aus dem Betrieb herauszupressen”.

Trotz lobenswertem Engagement finde ich Wallraffs Reportage enttäuschend. Was bleibt ist ein Skandal (unbestreitbar), eine Skandalisierung. Und ein Aufruf zum Boykott:

“Lidl diktiert Weinzheimer die Preise und trägt damit Verantwortung dafür, wie Menschen dort arbeiten müssen. Solange die Arbeiterrechte dort systematisch verletzt werden, sollten die Kunden Lidl und seine dürftigen Brötchen boykottieren.”

Das immerhin ist mutig. Allerdings nicht von Wallraff, sondern von der Zeit.

Und Lidl rechnet vor, dass Aldi, Penny und Netto im Laden keinen Cent mehr für ihre Brötchen verlangen. Ein guter Grund, auch dort nicht mehr einzukaufen.

Update: Wallraff erzählt im Interview mit der Zeit vom 8. Mai 2008 über Reaktionen auf seine Reportage.

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Nominierte 2/4: Sabine Rückerts böses Tessin

1. April 2008

Sabine Rückert wurde für ihre Reportage “Wie das Böse nach Tessin kam” am 19. März 2008 für den Egon Erwin Kisch-Preis nominiert. Der Text erschien am 21.06.2007 in der Zeit. Rückert war 2002 schon einmal für denselben Preis nominiert, sie gewann damals den zweiten Platz.

Das böse Tessin befindet sich in Mecklenburg. Hingekommen ist das Böse mit einem Doppelmord. Der 17-jährige Felix ersticht (mit Hilfe des gleichaltrigen Torben, über den man im weiteren Verlauf praktisch nichts erfährt) am Abend des 13. Januar 2007 mit mehreren Messern ein benachbartes Ehepaar. Felix ist ein erfolgreicher Gymnasiast, ein “wohlerzogener Sohn, der jedermann höflich grüsste”. Die Tat löst Unverständnis aus. Wie konnte so etwas passieren?

Sabine Rückert kommt einer Antwort nahe. Sie tut dies ohne Kontakt zum Täter. Auskunft geben der Vater von Felix, ehemaliger Vorsitzende des Betriebsrates im Zeit-Verlag, die Mutter von Felix, Marionettenspielerin, Felix’ jüngere Schwester Jana und deren Freundin Eyleen (die meisten Quellen lassen sich nur indirekt erschliessen). Ausserdem gibt es die Aufzeichnung eines Polizeinotrufs, ein Tagebuch und eine Loseblattsammlung mit Zeichnungen, Texten.

Der Text stellt Nähe her, indem praktisch alle Ereignisse im Indikativ - in der berichteten Rede, stellenweise als wörtliche Zitate - erzählt werden. Nur ganz selten wird eingestreut, wer da spricht. Auch offensichtlich rekonstruierte Stellen kommen als konsequente Szenen ohne Relativierung daher (sorry, die Dramatik verbietet eigentlich eine so formalistische Betrachtung - aber trotzdem):

“Als Antje E. röchelnd in ihrem Blut liegt, schickt Felix den Freund Torben los: Er soll die Geisel aus dem Schuppen holen. Eyleen soll sich das angerichtet Unheil genau ansehen, dann wird sie wohl auföhren zu grinsen, dann wird sie erkennen, dass die Welt Grund hat, sich vor Felix zu fürchten. [...] Dann sticht er Antje E. noch einmal heftig in den Kopf, während das Mädchen sich abwendet. Und sich aufrichtend, fragt er sie: Glaubst dus jetzt?”

Kurz vor der Tat hatten sich die Jugendlichen den Film Final Fantasy VII angesehen, die filmische Fortsetzung eines Videospiels. Auf seine PlayStation spielte Felix auch Spiele wie Doom oder Prey. Stundenlang. Worum es dabei geht?

“Um ihr Leben wimmernde Männer und Frauen werden vor meinen Augen von einer speziellen Menschenvernichtungsmaschine aufgespießt und zerquetscht, wahnsinnige kleine Kinder zerfetzen und durchbohren einander. [...] Die rechte [Hand] ist blutbesudelt und hält einen blutverkrusteten Schraubenschlüssel, mit dem ich auf alles einhacke, was sich rührt. Meine Gegner zerplatzen, die Organe treten aus. Manchmal treffe ich hilflos umherirrende Personen, die den Außerirdischen entkommen sind. Halb nackt sind sie und vor Angst halb verrückt. ‘Ist besser für dich’, lässt der Computer mich sagen, wenn ich ihnen mit dem Schraubenschlüssel den Schädel zertrümmere. “

Sabine Rückert versucht keine Expertendiskussion darüber abzuhandeln, ob und wie Videospiele Gewalt auslösen (der Sachverständigen-Gutacheter des Gerichts wird nur via Eltern zitiert). Sie appelliert stattdessen an den gesunden Menschenverstand: “Man braucht kein Jugendpsychiater zu sein, um die Wirkung solcher Spiele auf unausgereifte Seelen zu erfassen.”

Die Reportage ist keine intellektuelle Analyse. Sie ist ein Versuch, zu erklären, Verständnis herzustellen ohne Identifikation. Sie ist eine Anklage. Das ist Sabine Rückert hervorragend gelungen.

Einziger Patzer ist der Anfang, wo es in einer Szene heisst: “…man raucht eine Zigarette und weiss beim Anstecken noch nicht, dass es die letzte sein wird”. Man denkt natürlich, wer hier raucht sei das Opfer. Sicher wir der Leser bewusst irregeführt - doch jener, der in dieser Szene raucht - es ist der Vater von Felix - hat da keineswegs seine letzte Zigarette geraucht, er wird vielmehr später zum Kettenraucher. Das Rätsel soll wohl Spannung erzeugen - geht schliesslich aber nicht auf.

Wenig überzeugt mich auch der gesucht bedeutungsschwangere Schluss: “Er [gemeint ist Felix] hat Menschen das Leben genommen. Und diese Erfahrung ist nichts wert. Einfach nur nichts.”

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Nominierte 1/4: Jürgen Leinemanns verflixtes 70. Jahr

22. March 2008

Die Jury des Henri Nannen-Preises hat “Das verflixte 70. Jahr” von Jürgen Leinemann für die Kategorie “Reportage” (d.h. für den Egon Erwin Kisch-Preis) nominiert. Von den insgesamt vier Nominationen in dieser Kategorie ist dies zweifellos die kontroverseste. Dass dies auch in der Jury so gewesen sein dürfte, ist daran abzulesen, dass zum ersten Mal überhaupt vier statt drei Beiträge ausgewählt wurden.

Jürgen Leinemann war 35 Jahre lang Journalist beim Spiegel, bis er Anfang 2007, wenige Monate vor seinem 70. Geburtstag, in den Ruhestand trat und kurz darauf an einem lebensbedrohenden Zungenkrebs erkrankte.

Wie der Titel vermuten lässt, ist Leinemanns Text autobiographisch. Er ist gut geschrieben und man wünschte, die Nominierung habe die Kraft, Krankheit - ja gar den Tod - zu verscheuchen. Doch die Frage ist: kann man ihn als Reportage lesen?

Natürlich haben Reportagen fast zwangsläufig einen autobiografischen Anteil indem sie dokumentieren, was ihr Autor erlebt hat. Es steht nirgends geschrieben, wie gross dieser Anteil sein darf, wie gross er sein muss.

Es gibt Reportagen, in denen macht sich der Autor fast unsichtbar. Er taucht ein in seinen oder seine Protagonistin, schildert von dem Material nur, was diese gesehen, erlebt haben kann.

Und es gibt Reportagen, in denen ist der Autor selbst der Protagonist, der im Zentrum steht. Dass dies nicht immer funktioniert, kommentiert Tom Wolfe (The New Journalism, 1973) am Beispiel von Norman Mailer. Dieser hatte die autobiografische Methode erfolgreich bei seinem “Marsch aufs Pentagon” (The Armies of the Night, 1968) angewandt, scheiterte jedoch (nach Ansichts Wolfes) kläglich beim Versuch, auch die erste Mondlandung (Of a Fire on the Moon, 1970) in dieser Art zu inszenieren:

“Why did it fail so badly? Because this time he was not, in fact, a leading character in the event, and his use of an autobiographical point of view merely set up a clumsy and tedious distraction in the foreground, viz., himself.”

Scheitert Jürgen Leinemann? Nicht als Erzähler. Die kleinen Dialoge mit dem stürmischen Dr. W. beispielsweise sind hervorragend:

“Eher beiläufig teilt er mir mit: ‘Sie müssen operiert werden.’
‘Wann?’, frage ich. ‘ Jetzt’, sagt er. ‘Jetzt? Was heisst das?’ ‘Jetzt heisst sofort.’

[...]

Als die silberne Lifttür zugeglitten ist, sehen wir uns zum ersten mal an. ‘Und wer operiert mich jetzt?’, will ich wissen. ‘Ich’, sagt er.
Wie lange so eine Fahrstuhlreise über sechzehn Etagen sein kann. Dr. W. blickt mich an. ‘Schöne Scheisse, was?’ Mir treten die Tränen in die Augen, ich nicke. Er drückt mir die Hand: ‘Ich werde mein Bestes tun, das kriegen wir schon hin.’ Er sieht mir in die Augen, und ich glaube ihm. Vertrauen kann sehr plötzlich entstehen.”

Trotzdem wird auch gerade an dieser Stelle eine Schwäche sichtbar: Jürgen Leinemann schreibt aus der Ich-Perspektive, aber er behandelt sich nicht wie eine Figur, die charakterisiert, entwickelt, inszeniert werden muss. Darum bleibt er selbst in dem Text merkwürdig blass. Oder sollte dies beabsichtigt sein? Ausdruckt von Bescheidenheit, von Demut (der Text nimmt gegen Ende eine religiöse Wende)?

Aber wie passen dann Passagen ins Bild, bei denen Leinemann seinen Abschied beim Spiegel mit sämtlichen Namen des politischen Who is who Deutschlands schmückt, angefangen bei Richard von Weizsächer über Gerhard Schörder bis Angela Merkel?

Doch zurück zur Ausgangsfrage nach der Textgattung. Lesen wir hier eine Reportage? Wenn es eine wäre, wovon handelte sie? Von Alter, Krankheit, Schmerz, von Glauben, von Tod könnte man argumentieren, doch wäre dies ein Vorwand. Der Text handelt von Jürgen Leinemann. Und das darf er auch.

Jürgen Leinemann hat einen Ausschnitt aus seiner Lebensgeschichte erzählt. Und er bedient sich Mitteln, die zum Repertoire auch - aber keineswegs nur - der Reportage gehören: Zitate, Dialoge, Ortsbeschreibungen, Subjektivität, Perspektive, Stimmungsbilder, etc. Man gratuliert ihm gerne dazu. Doch für den Egon Erwin Kisch-Preis gehört er nicht nominiert.

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Schwarze Schule in Amsterdam

9. March 2008

Margalith Kleijwegt: Schaut endlich hin!Schaut endlich hin!” heisst die gerade erschienene deutsche Übersetzung einer Reportage von Margalith Kleijwegt über die Klasse 2K des Calvijn met Junior College in Amsterdam-West. Das Calvijn gilt als “Schwarze” Schule, weil hier praktisch nur Immigrantenkinder den Unterricht besuchen.

In den Niederlande hat Kleijwegts Reportage Furore gemacht, weil sie kurz nach der Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh im November 2004 herauskam und der Mörder Mohammed Bouyeri zufällig in eben diesem Quartier aufgewachsen war.

Kleijwegt besuchte von Ende 2003 bis 2004 19 Schüler und deren Eltern aus Marokko, der Türkei, Surinam, Indonesien, Kenia, der dominikanischen Republik und in einem einigen Fall auch aus den Niederlanden.

Kleijwegt berichtet von “Terrorkids”, von monatelangen Absenzen, von Einschüchterung und Perspektivenlosigkeit. Bei manchen ihrer Besuche ist Kleijwegt die erste Niederländerin, die überhaupt zu ihnen nachhause kommt. In einigen Familien ist sie nicht willkommen und kann Gespräche nur dank Vermittlung religiöser oder staatlicher Stellen einfädeln. Die meisten Mütter und viel Väter sprechen schlecht oder gar kein Niederländisch und Kleijwegt ist auf die Übersetzungsdienste der Kinder angewiesen. Die Eltern wissen oft nicht, dass ihre Kinder den Unterricht schwänzen oder ihn massiv stören, dass sie andere einschüchtern.

Für viele ist ein konservativer Islam die einzige Rettung, praktisch alle Frauen und Mädchen tragen Kopftücher. Einige Jungs besuchen islamische Internate.

Kleijwegt beleuchtet an den Problemen der Schülerinnen und Schüler vor allem die Rolle ihrer Eltern. Die traditionelle Autorität der Väter ist beschädigt, weil sie oft keine Arbeit haben, weil sie schlecht niederländisch sprechen, weil ihr sozialer Status ganz allgemein tief ist.

Ihre Ferien in Marokko oder der Türkei empfinden die Kinder dagegen als idyllisch, es werden Häuser gebaut, der soziale Status ist hoch. Kein Wunder identifizieren sie sich in dieser Situation lieber mit der Kultur ihrer Herkunftsländer.

Viele Eltern - ganz speziell die Mütter - haben kaum Kontakt zu Niederländern. Sie gehen nicht aus, besuchen keine Elternabende. Und auch ihrer die Kinder sind weitgehend unter sich. Kleijwegt empört sich über die Passivität der Eltern, die ihren Kindern keine echten Grenzen setzen. Und sie fordert Lehrer und Sozialarbeiter auf, mit den Eltern zu sprechen, sie zu besuchen.

Kleijwegts Reportage ist auch für die Schweiz oder Deutschland höchst relevant. Trotzdem bin ich mit dem Buch nicht richtig glücklich geworden. Das liegt einerseits an den banalen Urteilen, mit denen der Text durchtränkt ist:

“Herr Mouali ist ein gut aussehender Mann mit ebenmässigen Gesichtszügen und schönen Augen.”

“Eine hübsche Frau mit grossen Augen, die ständig verlegen gesenkt sind.”

“Frau Tjon, eine zarte Frau aus Suriname…”

An zahlreichen Stellen ist mir Kleijwegt zudem nicht präzise genug - unnötigerweise, kann sie sich doch über ein ganzes Buch ausbreiten. Zum Beispiel hier:

“Ein paar Wochen später berichten die sozialen Instanzen einander, dass es mit Jason Probleme gibt. Nachbarn beschweren sich über den Krach, den er mit seinen Freunden macht. Es wird vermutet, dass Jason Alkohol und Drogen konsumiert. Man versucht alles, aber nichts gelingt.”

Hat Kleijwegt Einsicht in Behördendokumente bekommen? Hat sie selbst mit Nachbarn gesprochen? Wer vermutet Jasons Drogenkonsum? Wer versucht hier was?

Manche Aussagen stehen ohne Zuordnung:

“Das Aufbrausende steckt in der Familie. Amina, Esras ältere Schwester, konnte früher auch heftig und unversöhnlich sein. Inzwischen hat sie diese Phase überwunden und ist nun die Vernunft in Person.”

Wer sagt das? Die Autorin? Gestützt auf was?

Besonders geärgert haben mich eine Art Pseudodialoge, bei denen Kleijwegt Zitatschnippsel der beiden Elternteile wild aneinanderfügt:

“Er: ‘Sie müssen dem richtigen Weg folgen. Ich versuche, ihnen alles über den Islam mit auf den Weg zu geben.’
Sie: ‘Mein Mann und ich könnten es nicht akzeptieren, wenn sich unsere Töchter in Nichtmuslime verlieben. Das erlaubt der Islam nicht. Wir würden versuchen, ihnen deutlich zu machen, dass das nirgendwo hinführt.’
Er: ‘Ich kann nicht ohne den Propheten leben, und auch nicht ohne den Koran. …’”

Ähnlich konzeptlos ist die Gesamtanlage des Buches, was bei den zahlreichen über ein Jahr verteilten Besuchen bei 19 Familien allerdings auch nicht ganz einfach ist.

Insgesamt dennoch ein empfehlenswertes Buch, das an einem ungestörten Nachmittag rasch gelesen ist.

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Umzug

20. January 2008

Neben mir türmen sich Kartonschachteln. “Büro”, “Fotos”, “Gold Standard”, “Küche - Schneidmasch.”, “Estrich”. Auf den geerbten Kisten vermischen sich die Beschriftungen von mindestens drei verschiedenen Umzügen. Unserer war wohl der kürzeste - rund achthundert Meter weit nach Osten. Kein Anlass für eine Reportage. Darum hier ein anderer Umzug.

Über tausend Menschen sind ab 2005 aus Otzenrath im nordrhein-westfählischen Braunkohlerevier nach Neu-Otzenrath umgezogen, rund viereinhalb Kilometer weit in nördlicher Richtung (wenn man Googles Geographie Glauben schenkt). Alt-Otzenrath wie es mittlerweilen heisst, “musste dem Tagebau weichen”.

Während das vollständig neu aus dem Boden gestampfte Neu-Otzenrath medial noch kaum dokumentiert ist (nur wenige aber eindrückliche Bilder), wurden über die letzten Monate dutzende von Reportagen über den immer einsameren und zerfallenden ursprüngliche Ort geschrieben, geknippst und gedreht.

Ein Beispiel ist die vierteilige Reportage von Marie van Bilk vom Herbst 2005. Es lebten damals noch “ungefähr 17 Menschen” in Otzenrath. Eine von ihnen ist Inge Broska, die ihr Haus kurzerhand zum Hausmuseum erklärt hatte:

“‘Damals haben wir mit ganz Vielen aus dem Dorf gegen den Tagebau gekämpft und es waren nahezu 95% dagegen und die gingen auch alle immer zu den Versammlungen [...]. Doch der Widerstand der bröckelte ab, nicht nur weil die Leute nicht mehr kämpfen wollten, sondern weil die einfach …vielleicht…’ Inge stoppt [...].”

Das minutiös aufgezeichnete Gespräch hat Längen aber auch einige Glanzlichter. Zum Thema Rekultivierung meint Inge Broska:

“‘[...] das Zurücknehmen durch die Natur ist [...] eine Sackgasse. Jetzt muss man auch sagen, dass diese Rekultivierung, wovon ja auch gesprochen wird, eine ganz ekelhafte und langweilige Sache ist. Das ist eine Monokultur aus aufgeschütteten Trümmern und Pappeln.’”

Oder zur Art, wie die Menschen Abschied nehmen:

“‘Meistens sind es Männer, die fotografieren und die Frauen sitzen im Auto und weinen. Das hab ich nicht nur einmal gesehen, bisher.’ [...] ‘Neulich hab ich gesehen, wie der Baggerführer seine eigene Wohnung abgerissen hat. Der hat sehr betreten geguckt, das muss ich schon sagen.’”

Einen Besuche mit der Kamera hat (unter zahlreichen anderen) Olaf Köster dem Ort abgestatten, den letzten im Januar 2007. Keine Gespräche, dafür genaue Beobachtungen.

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China von unten

17. December 2007

Nachdem Peter Haffner China letzthin im Westen suchte, bringt Lettre international in seiner neuesten Ausgabe drei Reportagen von Liao Yiwu, einem Lastwagenfahrer, Strassenmusikant, Schriftsteller, Reporter und immer wieder verhafteten Intellektuellen.

Liao Yiwu führt in den 1990er-Jahren unter dem Pseudonym “Lao Wei” 72 Gespräche mit “einfachen Menschen”. Bisher sind nur zwölf davon auf Französisch und einige wenige auf Englisch erschienen. Im April ist eine englische Buchausgabe geplant.

Die drei Texte im Lettre sind paraktisch komplett als Dialog verfasst. Im ersten besucht Liao Yiwu (ein “älterer Herr”, wie er sich selbst bezeichnet) ein “sogenanntes Pub”. Dort spricht ihn ein 18-jähriges “Fräulein” an:

“‘Mein Herr, ist hier noch frei?’
‘Bitte, wie Sie möchten.’
‘Ob ich mich setzen kann?’
‘Der Platz ist frei, setzen Sie sich!’
‘Das ist doch eine Ansage, dann setz’ ich mich halt. Bestellen Sie mir bitte eine Flasche Bier. Ich ein Jiashibo.’
‘Ich soll Ihnen ein Bier bestellen? Ich kenne Sie doch gar nicht.’
‘Du hast mich doch eingeladen, noch zehn Minuten, und wir sind alte Bekannte. Ich sehe nicht schlecht aus, bekäme sicher neun von zehn Punkten. Und wenn jemand wie du sich alleine in einer Diskobar umschaut, heißt das dann nicht, daß er ein hübsches Mädchen kennenlernen möchte?’”

In diesem Tempo geht der Dialog weiter. Das “Fräulein Hallo” - so der Titel der online nur als Auszug erhältlichen Geschichte -  entpuppt sich übrigens nicht als Animierdame, nicht als Prostituierte.

“‘Ich bin vor dem Fernseher gross geworden. [...] Mit 15 wurde ich eins der Mädchen in den Coiffeur-Salons, ich habe viele Männer getroffen, doch mit denen ist es nie zu was gekommen [...] mit sechzehneinhalb, bin ich mit einem Mann zusammengezogen, weil die Miete für zwei ein wenig billiger war.’”

Im zweiten Text unterhält sich Liao Yiwu mit dem Klomanager Zhou Minggui, im dritten mit dem Tagelöhner Zhao Er. Die Menschen, die Liao Yiwu porträtiert leben elend, doch die Gespräche sind voller Witz und Ironie. Manchmal liegt es an einer heraufbeschworenen Erinnerung an bessere Zeiten, manchmal überrascht der Gesprächsverlauf.

Von der Form her handelt es sich trotz dem durchgehenden Dialog nicht um Interviews. Es sind weder Statements noch Einschätzungen oder Berichte von Ereignissen, die Liao Yiwu erfragt. Die Texte gehen eher als Porträts durch oder als Reportagen im Stil von Truman Capotes “Konversationsporträts”. Ich wünsche mir undbedingt mehr davon - hoffentlich übersetzt Hans Peter Hoffmann  noch weitere Texte Liao Yiwus ins Deutsche.

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Die Schach-Uni am Dupont-Kreisel

18. November 2007

Ende September 2007 erschien im Wasington Post Magazin ein Porträt über Tom Murphy, einen obdachlosen Schachexperten (trotz seines unsteten Lebenswandel trennen ihn nur 108 Punkte von der magischen Grenze von 2200 Punkten, die zum Tragen des Titels eines Schachmeisters berechtigen).

Murphy’s Heimat ist der Dupont-Kreisel in Washington, D.C., wo auf zehn Betontischen und -bänken im Freien Schach gespielt wird.

Der Autor Wells Tower besucht Murphy über Wochen in Washington, reist mit ihm nach New York an ein Schachturnier im Marshall Chess Club und ans World Open in der Nähe von Philadelphia. Der Artikel ist hervorragend.

Das hat sich vermutlich auch Uwe Schmitt, Amerika-Koresondent der Welt gedacht und am 12. November 2007 mit “Das Genie von der Strasse” nachgezogen. Drei Wochen nach dem Artikel in der Post stöbert er Murhpy am Dupont-Kreisel auf, sammelt eine Handvoll Zitate, vermischt sie mit ein paar Betrachtungen über Schach und Hollywood (ohne jeden Zusammenhang) und fasst im weiteren den Artikel von Wells Tower zusammen. Sein einziger Verdienst ist, mich auf das Original gebracht zu haben.

The Days and Knights of Tom Murphy” hingegen ist nicht nur gut recherchiert und beobachtet, es zeigt Schach auch als soziales Phänomen. So etwa der Hinweis auf den plötzlichen Hipe nach dem Sieg von Bobby Fischer über den Russen Boris Spassky von 1972 (stilisiert zum ‘Wettkampf der Systeme’). Das wachsende Interesse bei den Afroamerikanern bis zum ersten schwarzen Grossmeister Maurice Ashley. Sein Potenzial Klassengrenzen aufzubrechen, wie in diesem Ausschnitt:

“With night coming on, Murphy made his way north to a brownstone on West 10th Street, home of the Marshall Chess Club, where the tournament was taking place. Upstairs, players sat at red leather benches, hunched intently over pre-tournament scrimmages. The Marshall had the comforting aroma of an old library. A venerable, lacquered chess table sat before the fireplace. ‘Bobby Fischer played the Capablanca Memorial Tournament on this table,’ read the inscription. Above the mantel hung a framed series of portraits of the Marshall’s members from 1922, which included the surrealist painter Marcel Duchamp. ‘A lot of history here,’ Murphy mused.

All sorts of people were on hand for the tournament: kids who were so small they looked as if they were drowning in their clothes; gawky teenagers with glinting braces; elderly balding men who looked like chicken magnate Frank Perdue; and elderly bespectacled men who looked like Noam Chomsky. Women and girls were at a minimum — two, by my count, in a crowd of 50 or so. Three African Americans had turned out, including Murphy, who was clearly the only street hustler in the house.”

Oder man fiebert mit Murphy mit, wie er einen arroganten Teenager bezwingt. Unbedingt empfehlenswert!

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Blaue Augen in Mügeln

29. October 2007

Am 19. August 2007 kommt es im sächsischen Mügeln zu einer Schlägerei. Acht Inder werden von einem aggressiven Mob verfolgt. Rechtsextreme rufen “Ausländer raus” und auch “Hier regiert der nationale Widerstand”. Kai Biermann schreibt in der Zeit kurz darauf eine Reportage. Im Oktober 2007 war Biermann abermals in Mügeln, zusammen mit der Antirassismus-Trainerin Manuela Ritz. Titel dieser Reportage: “Wer schweigt, scheint zuzustimmen“.

Formal ist der Text keine Glanzleistung. Es gibt nur zwei Szenen: eine als Einstieg (Manuela Ritz steht vor dem Mügelner Kinderheim, in das ihre Mutter sie einst eingeliefert hatte) und eine halbe als es darum geht, das Antirassismustraining zu beschreiben. Die aus Amerika übernommene Methode heisst blue-eyed und funktionerte im konkreten Fall so:

Die Klasse 9a der Goethe-Schule wird in Blauaugen und Braunaugen eingeteilt, wobei die Braunaugen Privilegien geniessen, die Blauaugen dagegen von den drei erwachsenen Trainern willkürlich diskriminiert und getrietzt werden. Die Braunaugen dürfen mitmachen, zuschauen oder sich für ihre Mitschüler wehren. Am Schluss werden die Erfahrungen von Diskriminierten und Privilegierten besprochen.

Der Text hat nur eine echte Protagonistin (Manuela Ritz), die nur oberflächlich porträtiert wird (eine gute Beobachtung, die aber nicht als Gegenbeweis genügt: “Sie geht durch die Straßen, eine kleine, aufrechte Frau mit stacheligen Dreadlocks und geradem Blick”).

Trotzdem ist “Wer schweigt, scheint zuzustimmen” eine lohnende Reportage. Hervorragend gefällt mir Kai Biermanns Herangehensweise. Ein Thema wurde in den nationalen Medien hundertfach breitgeschlagen (hier nur die Ergebnisse auf Spiegel Online). Das tönte ungefähr so:

“Unter Nazi-Parolen soll ein rasender Mob am Wochenende acht Inder durch das sächsische Mügeln gehetzt haben”

“‘Die Inder haben angefangen’, sagt Nils Zahsowk, 20, Vorsitzender des Mügelner Jugendclubs.”

“Die Behörden in Mügeln hatten Hinweise, dass Neonazis das Volksfest besuchen wollten.”

“Die Angriffe auf acht ihrer Landsleute im sächsischen Mügeln haben viele Inder beunruhigt.”

“Knapp zwei Wochen nach der Hetzjagd auf acht Inder im sächsischen Mügeln ermittelt die Staatsanwaltschaft inzwischen gegen zwölf Tatverdächtige.”

“Mehr als hundert Zeugen haben sie vernommen - doch noch immer haben die Ermittler kein klares Bild, warum das Stadtfest in Mügeln vor rund einem Monat in einem Gewaltexzess endete.”

“Zwei Monate nach den Übergriffen auf acht Inder im sächsischen Mügeln hat die Staatsanwaltschaft Leipzig zwei Männer angeklagt.”

Die Berichte gehen reihum zur Polizei, zu Augenzeugen, zum Bürgermeister, zu den Opfern, den Tätern, der Staatsanwaltschaft, zu den gewöhnlichen Bürgern, etc.

Und endlich kommt nun einer, der versucht zu den Ursachen vorzustossen und vielleicht sogar eine Therapie zu insinuieren (über dieses Thema gibt es bei der Zeit eine lange Diskussion). Und er tut das nicht abstrakt mit Expertenwissen, sondern vor Ort. Mit einer selbst von Rassismus Betroffenen (Manuela Ritz’ Vater ein kenianischer Austauschstudent).

Engagierter Journalismus, den ich gerne lese.

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Der Schuh einer Frau

19. October 2007

Hansjörg Schertenleib porträtiert im Magazin des Zürcher Tagesanzeigers einen Schuh-Fetischisten. Um es gleich vorweg zu nehmen: “Der Mann, dem die Welt zu Füssen liegt“, wie der Titel genau verkehrt herum für den Artikel wirbt, dieser Mann bleibt merkwürdig unfassbar. Vielleicht ist das gewollt, bewusste Anonymisierung:

“Nein, ich werde Andreas H. nicht beschreiben. Er möchte nicht fotografiert werden, warum sollte er sich da beschreiben lassen? Er sieht aus wie tausend andere Männer seines Alters [vierzig, höchstens fünfzig] auch. Er ist ein Jedermann.”

Oder Schertenleib hat Hemmungen näher hinzusehen:

“[Er ist ein] Mann, der als Besitzer einer kleinen Druckerei vorbildlich funktioniert und durch nichts auffällt, ein Mann, in dem gleichzeitig aber ein anderer Mann auf seine Befreiung wartet [...].”

“‘Manchmal fürchte ich, dass mich meine Obsession irgendwann dazu bringt, richtig zu entgleisen.’ Was er mit ‘richtig entgleisen’ meine, frage ich. ‘Das ist es ja, was mir Angst macht: dass ich nicht weiss, was das heisst, richtig entgleisen.’”

Die Gewöhnlichkeit, die Schertenleib so herausstreicht und aus der Andreas H.’s obsessives Verhalten ausbricht, bleibt für mich abstrakt. Die Obsession ihrerseits ist und bleibt mir fremd. Ich kann mir kein Bild machen von diesem Andreas H., was bei einem Porträt einigermassen fatal ist. Es findet keine Identifikation statt. Was übrig bleibt ist die Lust an der Sensation. Die Technik, wenn man dem so sagen will, erinnert mich an das Verfahren, mit dem man am Fernsehen den Umriss von Interiewpartnern nur ganz grob gepixelt wiedergibt. Gleiche Parallele bezüglich Rezeption.

Eine Ausnahme ist diese kurze Anekdote:

“‘Als Kinder haben mein Bruder und ich jeden Mittwoch und jeden Samstag gebadet. Danach durften wir uns zu unserer Mutter ins Elternbett legen, und sie hat uns Geschichten vorgelesen. Mein Bruder hat sich in ihren Arm geschmiegt, ich rollte mich zu ihren Füssen zusammen. Ich erinnere mich, dass ich meine Augen nicht von ihren Füssen lassen konnte und sie angefasst und gestreichelt und dabei sexuelle Lust empfunden habe.’”

Um diese Distanziertheit zu vermeiden und gleichwohl die Anonymität des Fetischisten zu schützen, hätte Schertenleib näher an dessen Sprache dran bleiben müssen, z.B. mit Dialogen. Oder er hätte den Ort, an dem Andreas H. die Objekte seiner Begierde aufbewahrt genauer beschreiben können:

“Andreas H. hat die Mansarde mit deckenhohen Regalen ausgestattet, auf denen er seine riesige Schuhsammlung aufgebaut hat, Schuh neben Schuh, mit dem Lineal ausgerichtet, ‘geordnet nach Höhe der Absätze, ohne auf Material, Farbe oder Schuhtyp Rücksicht zu nehmen’. Bis auf die Regale mit den Schuhen und eine Matratze ist das Zimmer, das noch niemand anders betreten hat denn er selbst, leer.

Das ist alles an Beschreibung. Keine Details, keine Gerüche, Geräusche, nichts. Es scheint, dass Schertenleib sich nicht selbst in dieser Mansarde aufgehalten hat und sie sich auch nicht genauer hat beschreiben lassen.

Hansjörg Schertenleib hat viele Bücher geschrieben (von denen ich keines gelesen habe). Ich bin mir sicher, dass er die Techniken beherrscht, mit denen man aus dem Bericht über Andreas H. ein echtes Porträt, eine Reportage hätte machen können. Schade, dass er es nicht tut.

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Biedere Bohrinsel

28. September 2007

Der Reporter David Hugendick besucht die Bohrinsel Mittelplate in der Nordsee. Sein Text mit dem Titel “Ölrausch im Watt” ist in der Zeit vom 26. September 2007 zu lesen.

Ölrausch - was für ein irreführender Titel! In dieser Reportage gibt es keinen Rausch (auch nicht im wörtlichen Sinne - siehe weiter unten) und kaum Öl. Hier die einzige ölige Stelle, die ich finden konnte:

“Rauchen ist nur in der ‘Schweinebox’ erlaubt, einer kleinen Kammer neben der Tür zum stickigen Bohrkeller. Dort strömt das 60 Grad heiße Öl aus der Tiefe.”

(Warum ausgerechnet hier geraucht werden darf, ist mir ein Rätsel - doch das nur am Rande). Am ehesten gibt es Öl in diesem Text als ätherische Essenz:

“Stahl, Stahl, Stahl, wohin man schaut. Rohre winden sich, Metalltreppen schmiegen sich an Container, wuchtige Muttern ragen aus Ecken hervor, und von oben brummt das Bohrgestänge. Süßlicher Öldunst beschwert die Seeluft.”

Statt eines schmutzigen, verschmierten und lärmenden Kolosses dies:

“Blumen stehen auf dem Empfangstresen, das helle Linoleum gemahnt an ein Hotelfoyer.”

Man trägt Filzpantoffeln. Und am Donnerstag gibts “Eisparty von 20.45 – 21.15″. Keinen Alkohol und anspruchslose Hausmannskost.

“Leise Musik dudelt in der Kantine. Es riecht nach Schmorbraten, Bratkartoffeln und Spülmaschinendampf. Männer in blauen Anzügen laden sich ihre Teller voll und stellen sie auf die Plastiktischdecken. Schichtende. Wenige reden, die meisten sind geschafft. Alleine sitzt Daniel Francke [ein mitreisender Elektriker] da und guckt auf ein [...] Bild an der Wand.”

Der Kontrast zwischen meinen Vorstellungen einer Ölplattform und dem Berichteten könnte grösser nicht sein. Was gibt es Schöneres, als Vorurteile über den Haufen zu werfen! Doch es scheint, als habe der Autor die Einladung gar nicht bemerkt. Die kleinen Detailbeschreibungen sprechen zwar ganz getreu von dieser biederen, aseptischen Flughafenatmosphäre, die auf Mittelplate offenbar herrscht. Doch sie wirken zufällig, ertrinken fast in den vielen Zahlen über Ausmasse, Fördermengen, Bohrtiefe, Ölpreise, Investitionskosten, etc.

Die Zitate - ganz besonders der aufgefangene Dialog - wirken zudem künstlich:

“‘In welcher Zeit sind wir?’, fragt Bohrmeister Mahn.
‘Das Gestein? Kreide, glaub ich’, antwortet ein Kollege.
‘Wann sind noch mal die Dinosaurier ausgestorben?’
‘Vor 100 Millionen Jahren, Hartmut?’
‘Wir haben in der Kreidezeit doch mal einen Knochen gefunden, oder?’ Der Bohrmeister lacht. “

Sprechen diese Menschen wirklich so? Oder posieren sie vor dem Reporter?
Insgesamt - obwohl gut beobachtet und nicht schlecht geschrieben: eine verpasste Chance!

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