Pulitzer-Preis für Feature Writing
7. April 2008
Den diesjährigen Pulitzer-Preis für “Feature Writing” - eine Art Preis für die beste Reportage - ging dieses Jahr an Gene Weingarten von der Washington Post für Pearls Before Breakfast. Weingarten hatte den Star-Geiger Joshua Bell überredete, als Strassenmusiker verkleidet in einer Metro-Station zu spielen. Wenige Leute merkten, was ihnen da vorgetragen wurde…
Weitere Finalisten sind:
- Thomas Curwen für A hike into horror and an act of courage in Glacier National Park, erschienen in der Los Angeles Times vom 29. April 2007 - die Geschichte einer Grizzlybär-Attacke.
- Kevin Vaughan für The Crossing, eine Serie über den Zusammenstoss zwischen einem Bus und einem Zug, bei dem 1961 zwanzig Kinder umkamen, erschienen in den Rocky Mountain News.
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Amerikaner im Korengal
15. February 2008
Tim Hetherington hat für dieses Bild eines ungenannten amerikanischen Soldaten den World Press Photo Award 2008 gewonnen. Aufgenommen hat Hetherington das Bild in einem Vorposten der US-Truppen im afghanischen Korengal-Tal. Es gehört zu einer Serie von Bildern in einer langen Reportage mit dem Titel “Im Tal des Todes” (auf Englisch).
Das Bild ist unterbelichtet und unscharf, wie mehrere andere auch. Ein Portrait (jenes von Leutnant Matt Piosa) hat eine extrem geringe Tiefenschärfe oder ist gar technisch weichgezeichnet und wirkt wie aus der Frühzeit der Fotografie. Man fühlt sich an Bilder von deutschen Kindersoldaten in den schlammigen Schützengräben des ersten Weltkriegs erinnert.
Doch nun zum Text. Geschrieben hat die Reportage Sebastian Junger, der 2001 ein Interview mit Massoud, dem damaligen Führer der afghanischen Nord-Allianz gemacht hat, indem er ihn einen Monat lange begleitete. “Im Tal des Todes” ist hingegen unter den Bedingungen eines “eingebetteten” Reporters entstanden, in grosser Distanz zur lokalen Bevölkerung.
Erzählt wird der gefährliche Alltag von 20 Soldaten in ihrem Stützpunkt im Dorf Aliabad und im Aussenposten Restrepo (benannt nach einem gefallenen Soldaten).
“Das Korengal wird allgemein als das gefährlichste Tal im Nordosten Afghanistans betrachtet und die zweite Kompanie gilt als Speerspitze der dortigen amerikanischen Streitkräfte. Beinahe ein Fünftel aller Kämpfe in Afghanistan finden in diesem Tal statt und beinahe drei Viertel aller von NATO-Truppen in Afghanistan abgeworfenen Bomen landen in der Gegend.”
Die Tage vergehen damit, von Helikoptern abgeworfene Vorräten zu verstauen, Sandsäcke (mangels Sand) mit zertrümmerten Felsen zu füllen, zerschliessene Kleider zu reparieren.
Doch die Ruhe ist nie von langer Dauer. Wiederholt kommt es zu Kampfhandlungen: ratternde Maschinengewehre, Einschüsse in nächster Nähe, Granaten:
“Die unmitelbarste Gefahr ist ein Granaten-Angriff vom Flussbett her. Jemand muss dafür sorgen, dass - wer auch immer dort unten ist - getötet oder zurückgeschlagen wird, bevor er noch näher kommt. Das bedeutet, den Schutz des Vorpostens zu verlassen und - völlig exponiert - vom Rand des Grabens zu schiessen. Rice geht zu einer Lücke in der Verschanzung und tritt hinaus, entlädt mehrere lange Gewehrsalven, tritt dann zurück und verlangt nach 203ern, Granaten, die von einem M16-Werfer abgefeuert werden. Steve Kim spurtet in den Bunker, schappt sich eine Ladung 203er und eine Waffe, spurtet zurück und übergibt sie Rice. Tapferkeit zeigt sich auf viele Arten. In diesem Fall ist sie ein Ergebnis von Rices Sorge für seine Männer, die ihrerseits tapfer sind aus Sorge für ihn und füreinander. Es ist ein sich selbst erhaltender Kreislauf, der so gut funktioniert, dass Offiziere ihre Männer manchmal daran erinnern müssen, im Feuergefecht Deckung zu beziehen.”
Daneben porträtiert Junger praktisch die ganze Truppe: Vorname und Name, Grösse, Muskeln, ihr Umgang mit der Gefahr, ihre Motive, etc. Das alles ist gut gemacht, treffend, ganz aus der Nähe.
Fern dagegen der Gegner:
“Jemand hat Mündungsfeuer ausgemacht bei einem Haus im nächsten Tal unten und die Männer decken es mit Maschinengewehr-Feuer ein. Die weisse Bemalung des Hauses hebt sich deutlich ab. [...]
[Ein Apache-Helikopter] wird von dem gleichen Haus beschossen. [...] Der Helikopter schwenkt so stark ein, dass er beinahe kopfüber steht, kommt wie ein riesiges, wütendes Insekt und lässt einen langen Rülpser von 30-Millimeter-Kanonenfeur los. Das Haus zittert unter dem Beschuss und wer auch immer darin ist, schiesst zurück.”
Wer die Guten sind steht ausser Zweifel:
“Der Rauch um das Haus verzieht sich langsam und nach ein paar Minuten sehen wir Leute auf dem Dach stehen. [...] Eine Frau taucht auf mit einem Kind und dann steigt eine weitere Frau hinauf. [...] ‘Sie sind auf dem Dach oben, damit wir sie sehen’, fährt O’Byrne fort. ‘Jetzt kommen die Männer. Wir haben einen Mann in kampffähigem Alter auf dem Dach. Er weiss, dass wir nicht schiessen werden, weil Frauen und Kinder dort sind.’ Die amerikanischen Regeln für Einsätze verbieten Soldaten auf Häuser zu zielen, ausser wenn jemand von dort schiesst [...]“.
Trotzdem ist Sebastian Junger weit davon entfernt, sich für Kriegspropaganda herzugeben. Er macht einfach konsequent , präzise und weitgehend sachlich das, was man als “eingebetteter” Reporter tun kann.
Nur ganz leise ruft ein Satz einem in Erinnerung, dass es auch einen anderen Journalismus geben könnte, der nicht nur die eine Seite befragt, dass “die anderen” vielleicht gar nicht so weit weg sind, zumindest in Höhrweite:
“Die Soldaten der zweiten Kompanie kriechen aus ihren Hütten und tasten nach Waffen in dem elektrisch-blauen Licht vor Anbruch der Dämmerung. [...] Eine lokale Moschee verpasst der morgendlichen Ruhe einen ersten Gebetsruf.”
Könnte man mit diesen Gläubigen gar sprechen? Vielleicht.
P.S. Die Textausschnitte sind von mir aus dem Englischen übersetzt. Für militärtechnische Unzulänglichkeiten bitte ich daher um Nachsicht.
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Die Schach-Uni am Dupont-Kreisel
18. November 2007
Ende September 2007 erschien im Wasington Post Magazin ein Porträt über Tom Murphy, einen obdachlosen Schachexperten (trotz seines unsteten Lebenswandel trennen ihn nur 108 Punkte von der magischen Grenze von 2200 Punkten, die zum Tragen des Titels eines Schachmeisters berechtigen).
Murphy’s Heimat ist der Dupont-Kreisel in Washington, D.C., wo auf zehn Betontischen und -bänken im Freien Schach gespielt wird.
Der Autor Wells Tower besucht Murphy über Wochen in Washington, reist mit ihm nach New York an ein Schachturnier im Marshall Chess Club und ans World Open in der Nähe von Philadelphia. Der Artikel ist hervorragend.
Das hat sich vermutlich auch Uwe Schmitt, Amerika-Koresondent der Welt gedacht und am 12. November 2007 mit “Das Genie von der Strasse” nachgezogen. Drei Wochen nach dem Artikel in der Post stöbert er Murhpy am Dupont-Kreisel auf, sammelt eine Handvoll Zitate, vermischt sie mit ein paar Betrachtungen über Schach und Hollywood (ohne jeden Zusammenhang) und fasst im weiteren den Artikel von Wells Tower zusammen. Sein einziger Verdienst ist, mich auf das Original gebracht zu haben.
“The Days and Knights of Tom Murphy” hingegen ist nicht nur gut recherchiert und beobachtet, es zeigt Schach auch als soziales Phänomen. So etwa der Hinweis auf den plötzlichen Hipe nach dem Sieg von Bobby Fischer über den Russen Boris Spassky von 1972 (stilisiert zum ‘Wettkampf der Systeme’). Das wachsende Interesse bei den Afroamerikanern bis zum ersten schwarzen Grossmeister Maurice Ashley. Sein Potenzial Klassengrenzen aufzubrechen, wie in diesem Ausschnitt:
“With night coming on, Murphy made his way north to a brownstone on West 10th Street, home of the Marshall Chess Club, where the tournament was taking place. Upstairs, players sat at red leather benches, hunched intently over pre-tournament scrimmages. The Marshall had the comforting aroma of an old library. A venerable, lacquered chess table sat before the fireplace. ‘Bobby Fischer played the Capablanca Memorial Tournament on this table,’ read the inscription. Above the mantel hung a framed series of portraits of the Marshall’s members from 1922, which included the surrealist painter Marcel Duchamp. ‘A lot of history here,’ Murphy mused.
All sorts of people were on hand for the tournament: kids who were so small they looked as if they were drowning in their clothes; gawky teenagers with glinting braces; elderly balding men who looked like chicken magnate Frank Perdue; and elderly bespectacled men who looked like Noam Chomsky. Women and girls were at a minimum — two, by my count, in a crowd of 50 or so. Three African Americans had turned out, including Murphy, who was clearly the only street hustler in the house.”
Oder man fiebert mit Murphy mit, wie er einen arroganten Teenager bezwingt. Unbedingt empfehlenswert!
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