China liegt im Westen
3. December 2007
Peter Haffner fährt mit dem Containerschiff MSC Texas von Longbeach in Kalifornien durch den Pazifik nach Xiamen im Südosten Chinas. Die Überfahrt dauert zwei Wochen, in denen Haffner, Amerika-Korrespondent für das Magazin des Tagesanzeigers, 50 Zeitungsartikel über China liest, die er aus der New York Times ausgeschnitten hat.
Daneben parliert er mit dem Kapitän des Schiffs, “Master” Horst Trümper, mit dem ersten Offizier Udo Wölms, mit dem zweiten Offizier Elron Jiongco, mit Lars Hoffsommer dem vierten, mit Jefferson Patriarca, dem Steward und mit, Siegried Küter und Holger Wust, ihres Zeichens erster und zweiter Ingenieur. Die übrigen der 25 Männer zählenden Besatzung (Offiziere aus Deutschland, Mannschaft von den Filippinen) kommen nicht zu Wort. Auch nicht die “‘Kellergeister’, ‘Ölfüsse’ oder ‘Schwarzen’, wie sie im Jargon genannt werden”, die im Maschinenraum wirken.
Doch es wird allgemein nicht viel geredet auf der Reise “per Frachtschiff in die Zukunft“: Von 12′500 Wörtern (inkl. Teile II & III) sind gerade mal 68 direkte Rede. Dafür gibt es einige intensive Bilder. So das Ablegen von Oakland am frühen Morgen:
“Wie Scherenschnitte standen die Portalkrane vor dem Himmel, der am Horizont in Pastelltönen von orange und blau aufglühte. Das Ende der golden Gate Bridge, auf die wir zusteuerten, verschwand im Nebel, der träge von den Hügeln fingerte und in den ersten Sonnenstrahlen schimmerte wie Zuckerwatte. [...] Vor uns lag die grösste Wassermasse des Planeten, graugrün, stahlblau, endlos unter dem hellgrauen Himmel.”
Die Reise ist ein Ort der Reflexion, der Meditation: “Wie die Wüste und das ewige Eis wird auch der Ozean zum Spiegel der Seele; da muss man mit sich allein sein können.” Dieser Eindruck der Abgeklärtheit wird verstärkt durch die Vergangenheit als Erzählzeit und durch die grossen Luftbilder, die jede Folge in der gedruckten Ausgabe eröffnen (je eine Aufnahme der Hafenanlagen von Long Beach, von einem Containerschiff auf grosser tükisblauer Fläche und vom Hafen Hongkongs).
Die einheitliche, sachliche Perspektive der Luftbilder suggeriert Objektivität, veranschaulicht die einebnende Globalisierung, um die es eigentlich in dem Artikel geht. Seine Zeitungslektüre führt Haffner zum Schluss, dass “das amerikanische Jahrhundert wirklich zu Ende gegangen ist und das chinesische begonnen hat.”
Und auch die anschliessende Reise nach Shanghai bestärkt ihn in diesem Schluss:
“Wie ich mit all diesen Studenten redete, wurde mir klar, wie stark das Gefühl in China ist, eine Renaissance der Geschichte zu erleben – die Rückkehr zu historischer Grösse.”
Europa - so Haffners Analyse - habe eben erst begonnen, China überhaupt wahrzunehmen. Haffner hingegen lebt in Kalifornien, im Goldenen Westen, dort “wo vom Computer über die Fitnessmoden bis zum Web 2.0 die Zukunft immer wieder neu erfunden” wird. Und dort spürt man, dass weiter im Westen, am anderen Ende des Pazifiks “China aus dem Windschatten der Weltgeschichte in deren Zentrum rückt.”
Uns dies mitzuteilen ist Haffners Ziel. Und er tut dies auf eine suggestive, eindringliche Art. Der Artikel ist mit langen Faktenblöcken durchsetzt - mindestens 50% - doch sind diese so elegant eingefädelt, dass man sie in einem Zug herunter schluckt. Sie sind auch leicht verdaulich, da sie ausnahmslos glatt ins Schema vom chinesischen Überholmanöver hineinpassen.
Die Reise selbst ist dagegen mehr eine Inszenierung als dass sie Gegenstand der Analyse wäre. Die Episoden sind knapp gehalten, gewürzt mit Witz, Abenteuer und Erotik. Etwas gar plump sind die beiden Kliffhänger, die jeweils bis zur nächsten Folge in einer Woche die Spannung aufrecht erhalten sollen:
“Schliesslich fragte sie [eine ältere Dame in einem kalifornischen Gesundheitszentrum] mich, ob ich beabsichtige, in China Sex zu haben. Es war, wie sich herausstellen sollte, eine sehr vernünftige Frage.” (von Teil I zu Teil II)
“Dann kam ein halbes Dutzend Mädchen in einem nagelneuen Kleinbus angefahren; junge Dinger mit tiefsitzenden Jeans…’I can change clothes for you!’” (von Teil II zu Teil III)
Ganz distinguiert und gleichzeitig begeisternd dagegen der Schluss:
“Den letzten Tag vor der Rückkehr nach Kalifornien verbracht ich im Shanghai Art Museum. Es zeigte eine Werkschau von Chen Jialing. [...] Die Bilder atmeten jene meditative Stille, wie man sie in den Gemälden eines Mark Rothko findet. [...] Wenn die Kunst eines fremden Landes einen so zu bezaubern vermag, dachte ich, hat das Land als Ganzes gewonnen. [...] Ich dachte an meine jungen Freunde [...]. Sie hatten recht, es war Zeit, Chinesisch zu lernen - die Sprache der Neuen Welt.”
Ich kann nicht leugnen, dass ich Peter Haffners Reportage mit Vergnügen gelesen habe. Trotzdem möchte ich nicht unbedingt mehr davon. Ich verdanke Haffner keine neuen Einsichten. Er ist nicht von Kalifornien nach China gefahren, um genau hinzuschauen, mir dem Leser die Augen zu öffnen. Er hat vielmehr inszeniert, was vom Schreibtisch aus schon gewusst werden konnte.
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Uigurische Odyssee
17. November 2007
Erwin Koch erzählt im Magazin des Tagesanzeigers die Geschichte von fünf Uiguren:
- Abu Bakr Qassim, Sattler aus der Stadt Gulja
- Adel Abdulhekim, Händler aus Gulja
- Akdhar Qasem Basit aus Gulja
- Ahmed Adil aus Kashgar
- Ayub Haji Mohammed aus Kashgar
Niemandsmenschen lautet der merkwürdige Titel. Man denkt Niemandsland. Und so sieht es auf einigen der Bilder aus, die Philippe Dudouit in einer albanischen Kaserne gemacht hat. Entwurzelt, so wirken die Gesprächsfetzen dieser Reportage. Der erste kommt überraschend nach den ersten zwei Sätzen, die erzählen, dass der Uigure Abu Bakr seine schwangere Frau zurücklässt:
“Wann?, fragt sie.
Bald, sagt er, 31 Jahre alt, und geht.”
Man hat Mühe sich zu orientieren, in dieser Geschichte. Daran sind die vielen Namen schuld, die vielen Stränge, die vielen Orte. Und die Tatsache, dass die Gesprächssituation selbst völlig ausgeblendet ist. Man kann nur vermuten, dass das Gespräch - oder sind es fünf einzelne Gespräche? - irgendwann im Sommer 2007 in Babru, Albanien stattgefunden hat.
Dieser Dialog soll in Torbaz, Kirgisien stattgefunden haben, zwischen Abu Bakr und einem Landsmann:
“Meine früheste Erinnerung [...] ist, dass ich als Kind immer nur alte Kleider trug, weil wir kein Geld hatten. Ich trug Kleider mit Löchern bis 1985, als ich in der Lederfabrik der Chinesen zu arbeiten begann.
Und meine früheste Erinnerung, erzählt Adel[...], ist, dass ich mich, auf der Suche nach Schafen, in den Bergen verirrte, drei Tage lang, und dabei fast erfroren bin.”
Das Gespräch wird unterbrochen von Abu Bakrs Frau:
“Zwillinge!, zwei Knaben!”
Dann erzählt Abu Bakr weiter - ob seinem Landsmann oder dem Reporter, man weiss es nicht genau:
“Meinen Vater [...] schlossen die Chinesen zwei Jahre lang ins Gefängnis, weil sie ihn beim Beten erwischten. Sie hängten ihn an die Decke, machten Feuer unter seinen Füssen.”
Man tut dem Text Gewalt an, ihn so auseinanderzustückeln. Dies vor allem, weil er in Kochs fast liturgischem Stil geschrieben ist. Rhythmisch, mit absichtsvoll gesetzten Schnitten. Hier trotzdem kurz die weitere Handlung:
Als Folge des Versuchs, in die Türkei zu gelangen, überqueren die beiden Uiguren am 26. Juli 2001 die Grenze nach Afganistan, reisen weiter in ein Dorf, in dem nur Uiguren leben, “am Fuss einiger Berge, die Tora Bora heissen”.
Dort treffen die beiden auf Akdhar Qasem Basit aus Gulja und Ahmed Adil aus Kashgar.
Am 11. oder 12. Oktober 2001 wird die Gruppe von insgesamt 30 Männern von amerikanischen Bomben getroffen. Es überleben 17.
Es schliesst sich ihnen der fünfte Schicksalsgenosse, Ayub Haji Mohammed an.
“Ich bin [...] auf dem Weg nach Amerika, um dort Arzt zu werden. In Pakistan sagten sie mir, besser, du gehst nach Afghanistan.”
Nach dem Bombenangriff irren die Überlebenden durch Kälte und Schnee, landen schliesslich wieder in Pakistan, wo sie sich aus Angst vor einer Auslieferung an China als Usbeken ausgeben und schliesslich für 5000 Dollar an die Amerikaner verkauft werden. Man bringt sie zurück nach Afganistan:
“Wer wir wirklich sind, verraten wir nur den Amerikanern, flüstert Abu Bakr.” (Denn: “Wir sind Uiguren, Freunde Amerikas, weil Feinde der Chinesen”).
“Über dem Gefängnis weht die Fahne der USA.
Unsere Rettung, sagt Abu Bakr.
Sprichst du Englisch?
Nein.
Warum sprichst du kein Englisch, du Hurensohn?
Wir sind Uiguren, geflohen aus China, wir sind keine Terroristen, wir lieben Amerika, wir sind auf eurer Seite.
Ich bin auf dem Weg nach Amerika, weint Ayub, der Jüngste, um dort Arzt zu werden.
Nach Amerika wirst du kommen, lacht ein Soldat.”
Sie kommen bis Guantanamo. Dort werden sie verhört:
“Denkst du, die Welt wäre besser, wenn sie islamisch wäre?
Nein.”
Demütigungen:
“Ein Soldat schenkt Ayub, dem Jüngsten, einen Apfel, Ayub trägt ihn in den Käfig, ein Wärter findet den Apfel, am Apfel fehlt der Stiel. Wo ist der Stiel?, schreit der Wärter.
Wo ist der Stiel, du Hurensohn, was hast du gottverdammt mit dem Stiel gemacht, wo hast du den Stiel versteckt?
Achtundzwanzig Tage Einzelhaft.”
Man erkennt ihre Unschuld:
Ein Rechtsanwalt aus Boston [...] darf Abu Bakr und Adel besuchen, [...er] trifft sie in einer Sperrholzhütte ohne Fenster, Hände und Füsse an einen Bolzen gekettet, der tief im Boden steckt. Der Anwalt, fast zufällig, erfährt, dass die beiden von allen Vorwürfen längst befreit sind, keiner hat es den Uiguren je gesagt. [...] Abu Bakr ruft seine Frau an, er weiss nichts zu reden, sie weint. Die Zwillinge sind fünf Jahre alt.”
Kein Land will die Uiguren aufnehmen. Schliesslich erteilt Albaniens Ministerpräsident Berisha die Einreiseerlaubnis. Am Rand von Tirana werden die Uiguren in einer alten Kaserne untergebracht.
“Einmal tritt ein Vertreter des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen UNHCR in den Hof und fragt, wie es gehe.
Wir sterben aus Langeweile.
Dafür ist Albanien zuständig, sagt der Mann.”
Es gibt keine Entschuldigung, keine Wiedergutmachung, keine Unterstützung. Es ist ein Skandal.
Trotzdem zielt Erwin Kochs Reportage nicht auf Empörung. Roger Willemsens “Hier spricht Guantánamo” hat mich viel wütender gemacht. Vielleicht liegt es daran, dass ich da noch unwissender war.
“Niemandsmenschen” lässt einem mit dem Wunsch zurück, diesen Menschen zu helfen. Das hat Human Rights Watch getan (dort heisst Adel Abdulhekim offenbar “Abel Abdu al´Hakim”) und man kann die Organisation finanziell unterstützen.
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Der Schuh einer Frau
19. October 2007
Hansjörg Schertenleib porträtiert im Magazin des Zürcher Tagesanzeigers einen Schuh-Fetischisten. Um es gleich vorweg zu nehmen: “Der Mann, dem die Welt zu Füssen liegt“, wie der Titel genau verkehrt herum für den Artikel wirbt, dieser Mann bleibt merkwürdig unfassbar. Vielleicht ist das gewollt, bewusste Anonymisierung:
“Nein, ich werde Andreas H. nicht beschreiben. Er möchte nicht fotografiert werden, warum sollte er sich da beschreiben lassen? Er sieht aus wie tausend andere Männer seines Alters [vierzig, höchstens fünfzig] auch. Er ist ein Jedermann.”
Oder Schertenleib hat Hemmungen näher hinzusehen:
“[Er ist ein] Mann, der als Besitzer einer kleinen Druckerei vorbildlich funktioniert und durch nichts auffällt, ein Mann, in dem gleichzeitig aber ein anderer Mann auf seine Befreiung wartet [...].”
“‘Manchmal fürchte ich, dass mich meine Obsession irgendwann dazu bringt, richtig zu entgleisen.’ Was er mit ‘richtig entgleisen’ meine, frage ich. ‘Das ist es ja, was mir Angst macht: dass ich nicht weiss, was das heisst, richtig entgleisen.’”
Die Gewöhnlichkeit, die Schertenleib so herausstreicht und aus der Andreas H.’s obsessives Verhalten ausbricht, bleibt für mich abstrakt. Die Obsession ihrerseits ist und bleibt mir fremd. Ich kann mir kein Bild machen von diesem Andreas H., was bei einem Porträt einigermassen fatal ist. Es findet keine Identifikation statt. Was übrig bleibt ist die Lust an der Sensation. Die Technik, wenn man dem so sagen will, erinnert mich an das Verfahren, mit dem man am Fernsehen den Umriss von Interiewpartnern nur ganz grob gepixelt wiedergibt. Gleiche Parallele bezüglich Rezeption.
Eine Ausnahme ist diese kurze Anekdote:
“‘Als Kinder haben mein Bruder und ich jeden Mittwoch und jeden Samstag gebadet. Danach durften wir uns zu unserer Mutter ins Elternbett legen, und sie hat uns Geschichten vorgelesen. Mein Bruder hat sich in ihren Arm geschmiegt, ich rollte mich zu ihren Füssen zusammen. Ich erinnere mich, dass ich meine Augen nicht von ihren Füssen lassen konnte und sie angefasst und gestreichelt und dabei sexuelle Lust empfunden habe.’”
Um diese Distanziertheit zu vermeiden und gleichwohl die Anonymität des Fetischisten zu schützen, hätte Schertenleib näher an dessen Sprache dran bleiben müssen, z.B. mit Dialogen. Oder er hätte den Ort, an dem Andreas H. die Objekte seiner Begierde aufbewahrt genauer beschreiben können:
“Andreas H. hat die Mansarde mit deckenhohen Regalen ausgestattet, auf denen er seine riesige Schuhsammlung aufgebaut hat, Schuh neben Schuh, mit dem Lineal ausgerichtet, ‘geordnet nach Höhe der Absätze, ohne auf Material, Farbe oder Schuhtyp Rücksicht zu nehmen’. Bis auf die Regale mit den Schuhen und eine Matratze ist das Zimmer, das noch niemand anders betreten hat denn er selbst, leer.
Das ist alles an Beschreibung. Keine Details, keine Gerüche, Geräusche, nichts. Es scheint, dass Schertenleib sich nicht selbst in dieser Mansarde aufgehalten hat und sie sich auch nicht genauer hat beschreiben lassen.
Hansjörg Schertenleib hat viele Bücher geschrieben (von denen ich keines gelesen habe). Ich bin mir sicher, dass er die Techniken beherrscht, mit denen man aus dem Bericht über Andreas H. ein echtes Porträt, eine Reportage hätte machen können. Schade, dass er es nicht tut.
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