Schwarze Schule in Amsterdam
9. March 2008
“Schaut endlich hin!” heisst die gerade erschienene deutsche Übersetzung einer Reportage von Margalith Kleijwegt über die Klasse 2K des Calvijn met Junior College in Amsterdam-West. Das Calvijn gilt als “Schwarze” Schule, weil hier praktisch nur Immigrantenkinder den Unterricht besuchen.
In den Niederlande hat Kleijwegts Reportage Furore gemacht, weil sie kurz nach der Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh im November 2004 herauskam und der Mörder Mohammed Bouyeri zufällig in eben diesem Quartier aufgewachsen war.
Kleijwegt besuchte von Ende 2003 bis 2004 19 Schüler und deren Eltern aus Marokko, der Türkei, Surinam, Indonesien, Kenia, der dominikanischen Republik und in einem einigen Fall auch aus den Niederlanden.
Kleijwegt berichtet von “Terrorkids”, von monatelangen Absenzen, von Einschüchterung und Perspektivenlosigkeit. Bei manchen ihrer Besuche ist Kleijwegt die erste Niederländerin, die überhaupt zu ihnen nachhause kommt. In einigen Familien ist sie nicht willkommen und kann Gespräche nur dank Vermittlung religiöser oder staatlicher Stellen einfädeln. Die meisten Mütter und viel Väter sprechen schlecht oder gar kein Niederländisch und Kleijwegt ist auf die Übersetzungsdienste der Kinder angewiesen. Die Eltern wissen oft nicht, dass ihre Kinder den Unterricht schwänzen oder ihn massiv stören, dass sie andere einschüchtern.
Für viele ist ein konservativer Islam die einzige Rettung, praktisch alle Frauen und Mädchen tragen Kopftücher. Einige Jungs besuchen islamische Internate.
Kleijwegt beleuchtet an den Problemen der Schülerinnen und Schüler vor allem die Rolle ihrer Eltern. Die traditionelle Autorität der Väter ist beschädigt, weil sie oft keine Arbeit haben, weil sie schlecht niederländisch sprechen, weil ihr sozialer Status ganz allgemein tief ist.
Ihre Ferien in Marokko oder der Türkei empfinden die Kinder dagegen als idyllisch, es werden Häuser gebaut, der soziale Status ist hoch. Kein Wunder identifizieren sie sich in dieser Situation lieber mit der Kultur ihrer Herkunftsländer.
Viele Eltern - ganz speziell die Mütter - haben kaum Kontakt zu Niederländern. Sie gehen nicht aus, besuchen keine Elternabende. Und auch ihrer die Kinder sind weitgehend unter sich. Kleijwegt empört sich über die Passivität der Eltern, die ihren Kindern keine echten Grenzen setzen. Und sie fordert Lehrer und Sozialarbeiter auf, mit den Eltern zu sprechen, sie zu besuchen.
Kleijwegts Reportage ist auch für die Schweiz oder Deutschland höchst relevant. Trotzdem bin ich mit dem Buch nicht richtig glücklich geworden. Das liegt einerseits an den banalen Urteilen, mit denen der Text durchtränkt ist:
“Herr Mouali ist ein gut aussehender Mann mit ebenmässigen Gesichtszügen und schönen Augen.”
“Eine hübsche Frau mit grossen Augen, die ständig verlegen gesenkt sind.”
“Frau Tjon, eine zarte Frau aus Suriname…”
An zahlreichen Stellen ist mir Kleijwegt zudem nicht präzise genug - unnötigerweise, kann sie sich doch über ein ganzes Buch ausbreiten. Zum Beispiel hier:
“Ein paar Wochen später berichten die sozialen Instanzen einander, dass es mit Jason Probleme gibt. Nachbarn beschweren sich über den Krach, den er mit seinen Freunden macht. Es wird vermutet, dass Jason Alkohol und Drogen konsumiert. Man versucht alles, aber nichts gelingt.”
Hat Kleijwegt Einsicht in Behördendokumente bekommen? Hat sie selbst mit Nachbarn gesprochen? Wer vermutet Jasons Drogenkonsum? Wer versucht hier was?
Manche Aussagen stehen ohne Zuordnung:
“Das Aufbrausende steckt in der Familie. Amina, Esras ältere Schwester, konnte früher auch heftig und unversöhnlich sein. Inzwischen hat sie diese Phase überwunden und ist nun die Vernunft in Person.”
Wer sagt das? Die Autorin? Gestützt auf was?
Besonders geärgert haben mich eine Art Pseudodialoge, bei denen Kleijwegt Zitatschnippsel der beiden Elternteile wild aneinanderfügt:
“Er: ‘Sie müssen dem richtigen Weg folgen. Ich versuche, ihnen alles über den Islam mit auf den Weg zu geben.’
Sie: ‘Mein Mann und ich könnten es nicht akzeptieren, wenn sich unsere Töchter in Nichtmuslime verlieben. Das erlaubt der Islam nicht. Wir würden versuchen, ihnen deutlich zu machen, dass das nirgendwo hinführt.’
Er: ‘Ich kann nicht ohne den Propheten leben, und auch nicht ohne den Koran. …’”
Ähnlich konzeptlos ist die Gesamtanlage des Buches, was bei den zahlreichen über ein Jahr verteilten Besuchen bei 19 Familien allerdings auch nicht ganz einfach ist.
Insgesamt dennoch ein empfehlenswertes Buch, das an einem ungestörten Nachmittag rasch gelesen ist.
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Amerikaner im Korengal
15. February 2008
Tim Hetherington hat für dieses Bild eines ungenannten amerikanischen Soldaten den World Press Photo Award 2008 gewonnen. Aufgenommen hat Hetherington das Bild in einem Vorposten der US-Truppen im afghanischen Korengal-Tal. Es gehört zu einer Serie von Bildern in einer langen Reportage mit dem Titel “Im Tal des Todes” (auf Englisch).
Das Bild ist unterbelichtet und unscharf, wie mehrere andere auch. Ein Portrait (jenes von Leutnant Matt Piosa) hat eine extrem geringe Tiefenschärfe oder ist gar technisch weichgezeichnet und wirkt wie aus der Frühzeit der Fotografie. Man fühlt sich an Bilder von deutschen Kindersoldaten in den schlammigen Schützengräben des ersten Weltkriegs erinnert.
Doch nun zum Text. Geschrieben hat die Reportage Sebastian Junger, der 2001 ein Interview mit Massoud, dem damaligen Führer der afghanischen Nord-Allianz gemacht hat, indem er ihn einen Monat lange begleitete. “Im Tal des Todes” ist hingegen unter den Bedingungen eines “eingebetteten” Reporters entstanden, in grosser Distanz zur lokalen Bevölkerung.
Erzählt wird der gefährliche Alltag von 20 Soldaten in ihrem Stützpunkt im Dorf Aliabad und im Aussenposten Restrepo (benannt nach einem gefallenen Soldaten).
“Das Korengal wird allgemein als das gefährlichste Tal im Nordosten Afghanistans betrachtet und die zweite Kompanie gilt als Speerspitze der dortigen amerikanischen Streitkräfte. Beinahe ein Fünftel aller Kämpfe in Afghanistan finden in diesem Tal statt und beinahe drei Viertel aller von NATO-Truppen in Afghanistan abgeworfenen Bomen landen in der Gegend.”
Die Tage vergehen damit, von Helikoptern abgeworfene Vorräten zu verstauen, Sandsäcke (mangels Sand) mit zertrümmerten Felsen zu füllen, zerschliessene Kleider zu reparieren.
Doch die Ruhe ist nie von langer Dauer. Wiederholt kommt es zu Kampfhandlungen: ratternde Maschinengewehre, Einschüsse in nächster Nähe, Granaten:
“Die unmitelbarste Gefahr ist ein Granaten-Angriff vom Flussbett her. Jemand muss dafür sorgen, dass - wer auch immer dort unten ist - getötet oder zurückgeschlagen wird, bevor er noch näher kommt. Das bedeutet, den Schutz des Vorpostens zu verlassen und - völlig exponiert - vom Rand des Grabens zu schiessen. Rice geht zu einer Lücke in der Verschanzung und tritt hinaus, entlädt mehrere lange Gewehrsalven, tritt dann zurück und verlangt nach 203ern, Granaten, die von einem M16-Werfer abgefeuert werden. Steve Kim spurtet in den Bunker, schappt sich eine Ladung 203er und eine Waffe, spurtet zurück und übergibt sie Rice. Tapferkeit zeigt sich auf viele Arten. In diesem Fall ist sie ein Ergebnis von Rices Sorge für seine Männer, die ihrerseits tapfer sind aus Sorge für ihn und füreinander. Es ist ein sich selbst erhaltender Kreislauf, der so gut funktioniert, dass Offiziere ihre Männer manchmal daran erinnern müssen, im Feuergefecht Deckung zu beziehen.”
Daneben porträtiert Junger praktisch die ganze Truppe: Vorname und Name, Grösse, Muskeln, ihr Umgang mit der Gefahr, ihre Motive, etc. Das alles ist gut gemacht, treffend, ganz aus der Nähe.
Fern dagegen der Gegner:
“Jemand hat Mündungsfeuer ausgemacht bei einem Haus im nächsten Tal unten und die Männer decken es mit Maschinengewehr-Feuer ein. Die weisse Bemalung des Hauses hebt sich deutlich ab. [...]
[Ein Apache-Helikopter] wird von dem gleichen Haus beschossen. [...] Der Helikopter schwenkt so stark ein, dass er beinahe kopfüber steht, kommt wie ein riesiges, wütendes Insekt und lässt einen langen Rülpser von 30-Millimeter-Kanonenfeur los. Das Haus zittert unter dem Beschuss und wer auch immer darin ist, schiesst zurück.”
Wer die Guten sind steht ausser Zweifel:
“Der Rauch um das Haus verzieht sich langsam und nach ein paar Minuten sehen wir Leute auf dem Dach stehen. [...] Eine Frau taucht auf mit einem Kind und dann steigt eine weitere Frau hinauf. [...] ‘Sie sind auf dem Dach oben, damit wir sie sehen’, fährt O’Byrne fort. ‘Jetzt kommen die Männer. Wir haben einen Mann in kampffähigem Alter auf dem Dach. Er weiss, dass wir nicht schiessen werden, weil Frauen und Kinder dort sind.’ Die amerikanischen Regeln für Einsätze verbieten Soldaten auf Häuser zu zielen, ausser wenn jemand von dort schiesst [...]“.
Trotzdem ist Sebastian Junger weit davon entfernt, sich für Kriegspropaganda herzugeben. Er macht einfach konsequent , präzise und weitgehend sachlich das, was man als “eingebetteter” Reporter tun kann.
Nur ganz leise ruft ein Satz einem in Erinnerung, dass es auch einen anderen Journalismus geben könnte, der nicht nur die eine Seite befragt, dass “die anderen” vielleicht gar nicht so weit weg sind, zumindest in Höhrweite:
“Die Soldaten der zweiten Kompanie kriechen aus ihren Hütten und tasten nach Waffen in dem elektrisch-blauen Licht vor Anbruch der Dämmerung. [...] Eine lokale Moschee verpasst der morgendlichen Ruhe einen ersten Gebetsruf.”
Könnte man mit diesen Gläubigen gar sprechen? Vielleicht.
P.S. Die Textausschnitte sind von mir aus dem Englischen übersetzt. Für militärtechnische Unzulänglichkeiten bitte ich daher um Nachsicht.
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China von unten
17. December 2007
Nachdem Peter Haffner China letzthin im Westen suchte, bringt Lettre international in seiner neuesten Ausgabe drei Reportagen von Liao Yiwu, einem Lastwagenfahrer, Strassenmusikant, Schriftsteller, Reporter und immer wieder verhafteten Intellektuellen.
Liao Yiwu führt in den 1990er-Jahren unter dem Pseudonym “Lao Wei” 72 Gespräche mit “einfachen Menschen”. Bisher sind nur zwölf davon auf Französisch und einige wenige auf Englisch erschienen. Im April ist eine englische Buchausgabe geplant.
Die drei Texte im Lettre sind paraktisch komplett als Dialog verfasst. Im ersten besucht Liao Yiwu (ein “älterer Herr”, wie er sich selbst bezeichnet) ein “sogenanntes Pub”. Dort spricht ihn ein 18-jähriges “Fräulein” an:
“‘Mein Herr, ist hier noch frei?’
‘Bitte, wie Sie möchten.’
‘Ob ich mich setzen kann?’
‘Der Platz ist frei, setzen Sie sich!’
‘Das ist doch eine Ansage, dann setz’ ich mich halt. Bestellen Sie mir bitte eine Flasche Bier. Ich ein Jiashibo.’
‘Ich soll Ihnen ein Bier bestellen? Ich kenne Sie doch gar nicht.’
‘Du hast mich doch eingeladen, noch zehn Minuten, und wir sind alte Bekannte. Ich sehe nicht schlecht aus, bekäme sicher neun von zehn Punkten. Und wenn jemand wie du sich alleine in einer Diskobar umschaut, heißt das dann nicht, daß er ein hübsches Mädchen kennenlernen möchte?’”
In diesem Tempo geht der Dialog weiter. Das “Fräulein Hallo” - so der Titel der online nur als Auszug erhältlichen Geschichte - entpuppt sich übrigens nicht als Animierdame, nicht als Prostituierte.
“‘Ich bin vor dem Fernseher gross geworden. [...] Mit 15 wurde ich eins der Mädchen in den Coiffeur-Salons, ich habe viele Männer getroffen, doch mit denen ist es nie zu was gekommen [...] mit sechzehneinhalb, bin ich mit einem Mann zusammengezogen, weil die Miete für zwei ein wenig billiger war.’”
Im zweiten Text unterhält sich Liao Yiwu mit dem Klomanager Zhou Minggui, im dritten mit dem Tagelöhner Zhao Er. Die Menschen, die Liao Yiwu porträtiert leben elend, doch die Gespräche sind voller Witz und Ironie. Manchmal liegt es an einer heraufbeschworenen Erinnerung an bessere Zeiten, manchmal überrascht der Gesprächsverlauf.
Von der Form her handelt es sich trotz dem durchgehenden Dialog nicht um Interviews. Es sind weder Statements noch Einschätzungen oder Berichte von Ereignissen, die Liao Yiwu erfragt. Die Texte gehen eher als Porträts durch oder als Reportagen im Stil von Truman Capotes “Konversationsporträts”. Ich wünsche mir undbedingt mehr davon - hoffentlich übersetzt Hans Peter Hoffmann noch weitere Texte Liao Yiwus ins Deutsche.
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China liegt im Westen
3. December 2007
Peter Haffner fährt mit dem Containerschiff MSC Texas von Longbeach in Kalifornien durch den Pazifik nach Xiamen im Südosten Chinas. Die Überfahrt dauert zwei Wochen, in denen Haffner, Amerika-Korrespondent für das Magazin des Tagesanzeigers, 50 Zeitungsartikel über China liest, die er aus der New York Times ausgeschnitten hat.
Daneben parliert er mit dem Kapitän des Schiffs, “Master” Horst Trümper, mit dem ersten Offizier Udo Wölms, mit dem zweiten Offizier Elron Jiongco, mit Lars Hoffsommer dem vierten, mit Jefferson Patriarca, dem Steward und mit, Siegried Küter und Holger Wust, ihres Zeichens erster und zweiter Ingenieur. Die übrigen der 25 Männer zählenden Besatzung (Offiziere aus Deutschland, Mannschaft von den Filippinen) kommen nicht zu Wort. Auch nicht die “‘Kellergeister’, ‘Ölfüsse’ oder ‘Schwarzen’, wie sie im Jargon genannt werden”, die im Maschinenraum wirken.
Doch es wird allgemein nicht viel geredet auf der Reise “per Frachtschiff in die Zukunft“: Von 12′500 Wörtern (inkl. Teile II & III) sind gerade mal 68 direkte Rede. Dafür gibt es einige intensive Bilder. So das Ablegen von Oakland am frühen Morgen:
“Wie Scherenschnitte standen die Portalkrane vor dem Himmel, der am Horizont in Pastelltönen von orange und blau aufglühte. Das Ende der golden Gate Bridge, auf die wir zusteuerten, verschwand im Nebel, der träge von den Hügeln fingerte und in den ersten Sonnenstrahlen schimmerte wie Zuckerwatte. [...] Vor uns lag die grösste Wassermasse des Planeten, graugrün, stahlblau, endlos unter dem hellgrauen Himmel.”
Die Reise ist ein Ort der Reflexion, der Meditation: “Wie die Wüste und das ewige Eis wird auch der Ozean zum Spiegel der Seele; da muss man mit sich allein sein können.” Dieser Eindruck der Abgeklärtheit wird verstärkt durch die Vergangenheit als Erzählzeit und durch die grossen Luftbilder, die jede Folge in der gedruckten Ausgabe eröffnen (je eine Aufnahme der Hafenanlagen von Long Beach, von einem Containerschiff auf grosser tükisblauer Fläche und vom Hafen Hongkongs).
Die einheitliche, sachliche Perspektive der Luftbilder suggeriert Objektivität, veranschaulicht die einebnende Globalisierung, um die es eigentlich in dem Artikel geht. Seine Zeitungslektüre führt Haffner zum Schluss, dass “das amerikanische Jahrhundert wirklich zu Ende gegangen ist und das chinesische begonnen hat.”
Und auch die anschliessende Reise nach Shanghai bestärkt ihn in diesem Schluss:
“Wie ich mit all diesen Studenten redete, wurde mir klar, wie stark das Gefühl in China ist, eine Renaissance der Geschichte zu erleben – die Rückkehr zu historischer Grösse.”
Europa - so Haffners Analyse - habe eben erst begonnen, China überhaupt wahrzunehmen. Haffner hingegen lebt in Kalifornien, im Goldenen Westen, dort “wo vom Computer über die Fitnessmoden bis zum Web 2.0 die Zukunft immer wieder neu erfunden” wird. Und dort spürt man, dass weiter im Westen, am anderen Ende des Pazifiks “China aus dem Windschatten der Weltgeschichte in deren Zentrum rückt.”
Uns dies mitzuteilen ist Haffners Ziel. Und er tut dies auf eine suggestive, eindringliche Art. Der Artikel ist mit langen Faktenblöcken durchsetzt - mindestens 50% - doch sind diese so elegant eingefädelt, dass man sie in einem Zug herunter schluckt. Sie sind auch leicht verdaulich, da sie ausnahmslos glatt ins Schema vom chinesischen Überholmanöver hineinpassen.
Die Reise selbst ist dagegen mehr eine Inszenierung als dass sie Gegenstand der Analyse wäre. Die Episoden sind knapp gehalten, gewürzt mit Witz, Abenteuer und Erotik. Etwas gar plump sind die beiden Kliffhänger, die jeweils bis zur nächsten Folge in einer Woche die Spannung aufrecht erhalten sollen:
“Schliesslich fragte sie [eine ältere Dame in einem kalifornischen Gesundheitszentrum] mich, ob ich beabsichtige, in China Sex zu haben. Es war, wie sich herausstellen sollte, eine sehr vernünftige Frage.” (von Teil I zu Teil II)
“Dann kam ein halbes Dutzend Mädchen in einem nagelneuen Kleinbus angefahren; junge Dinger mit tiefsitzenden Jeans…’I can change clothes for you!’” (von Teil II zu Teil III)
Ganz distinguiert und gleichzeitig begeisternd dagegen der Schluss:
“Den letzten Tag vor der Rückkehr nach Kalifornien verbracht ich im Shanghai Art Museum. Es zeigte eine Werkschau von Chen Jialing. [...] Die Bilder atmeten jene meditative Stille, wie man sie in den Gemälden eines Mark Rothko findet. [...] Wenn die Kunst eines fremden Landes einen so zu bezaubern vermag, dachte ich, hat das Land als Ganzes gewonnen. [...] Ich dachte an meine jungen Freunde [...]. Sie hatten recht, es war Zeit, Chinesisch zu lernen - die Sprache der Neuen Welt.”
Ich kann nicht leugnen, dass ich Peter Haffners Reportage mit Vergnügen gelesen habe. Trotzdem möchte ich nicht unbedingt mehr davon. Ich verdanke Haffner keine neuen Einsichten. Er ist nicht von Kalifornien nach China gefahren, um genau hinzuschauen, mir dem Leser die Augen zu öffnen. Er hat vielmehr inszeniert, was vom Schreibtisch aus schon gewusst werden konnte.
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Uigurische Odyssee
17. November 2007
Erwin Koch erzählt im Magazin des Tagesanzeigers die Geschichte von fünf Uiguren:
- Abu Bakr Qassim, Sattler aus der Stadt Gulja
- Adel Abdulhekim, Händler aus Gulja
- Akdhar Qasem Basit aus Gulja
- Ahmed Adil aus Kashgar
- Ayub Haji Mohammed aus Kashgar
Niemandsmenschen lautet der merkwürdige Titel. Man denkt Niemandsland. Und so sieht es auf einigen der Bilder aus, die Philippe Dudouit in einer albanischen Kaserne gemacht hat. Entwurzelt, so wirken die Gesprächsfetzen dieser Reportage. Der erste kommt überraschend nach den ersten zwei Sätzen, die erzählen, dass der Uigure Abu Bakr seine schwangere Frau zurücklässt:
“Wann?, fragt sie.
Bald, sagt er, 31 Jahre alt, und geht.”
Man hat Mühe sich zu orientieren, in dieser Geschichte. Daran sind die vielen Namen schuld, die vielen Stränge, die vielen Orte. Und die Tatsache, dass die Gesprächssituation selbst völlig ausgeblendet ist. Man kann nur vermuten, dass das Gespräch - oder sind es fünf einzelne Gespräche? - irgendwann im Sommer 2007 in Babru, Albanien stattgefunden hat.
Dieser Dialog soll in Torbaz, Kirgisien stattgefunden haben, zwischen Abu Bakr und einem Landsmann:
“Meine früheste Erinnerung [...] ist, dass ich als Kind immer nur alte Kleider trug, weil wir kein Geld hatten. Ich trug Kleider mit Löchern bis 1985, als ich in der Lederfabrik der Chinesen zu arbeiten begann.
Und meine früheste Erinnerung, erzählt Adel[...], ist, dass ich mich, auf der Suche nach Schafen, in den Bergen verirrte, drei Tage lang, und dabei fast erfroren bin.”
Das Gespräch wird unterbrochen von Abu Bakrs Frau:
“Zwillinge!, zwei Knaben!”
Dann erzählt Abu Bakr weiter - ob seinem Landsmann oder dem Reporter, man weiss es nicht genau:
“Meinen Vater [...] schlossen die Chinesen zwei Jahre lang ins Gefängnis, weil sie ihn beim Beten erwischten. Sie hängten ihn an die Decke, machten Feuer unter seinen Füssen.”
Man tut dem Text Gewalt an, ihn so auseinanderzustückeln. Dies vor allem, weil er in Kochs fast liturgischem Stil geschrieben ist. Rhythmisch, mit absichtsvoll gesetzten Schnitten. Hier trotzdem kurz die weitere Handlung:
Als Folge des Versuchs, in die Türkei zu gelangen, überqueren die beiden Uiguren am 26. Juli 2001 die Grenze nach Afganistan, reisen weiter in ein Dorf, in dem nur Uiguren leben, “am Fuss einiger Berge, die Tora Bora heissen”.
Dort treffen die beiden auf Akdhar Qasem Basit aus Gulja und Ahmed Adil aus Kashgar.
Am 11. oder 12. Oktober 2001 wird die Gruppe von insgesamt 30 Männern von amerikanischen Bomben getroffen. Es überleben 17.
Es schliesst sich ihnen der fünfte Schicksalsgenosse, Ayub Haji Mohammed an.
“Ich bin [...] auf dem Weg nach Amerika, um dort Arzt zu werden. In Pakistan sagten sie mir, besser, du gehst nach Afghanistan.”
Nach dem Bombenangriff irren die Überlebenden durch Kälte und Schnee, landen schliesslich wieder in Pakistan, wo sie sich aus Angst vor einer Auslieferung an China als Usbeken ausgeben und schliesslich für 5000 Dollar an die Amerikaner verkauft werden. Man bringt sie zurück nach Afganistan:
“Wer wir wirklich sind, verraten wir nur den Amerikanern, flüstert Abu Bakr.” (Denn: “Wir sind Uiguren, Freunde Amerikas, weil Feinde der Chinesen”).
“Über dem Gefängnis weht die Fahne der USA.
Unsere Rettung, sagt Abu Bakr.
Sprichst du Englisch?
Nein.
Warum sprichst du kein Englisch, du Hurensohn?
Wir sind Uiguren, geflohen aus China, wir sind keine Terroristen, wir lieben Amerika, wir sind auf eurer Seite.
Ich bin auf dem Weg nach Amerika, weint Ayub, der Jüngste, um dort Arzt zu werden.
Nach Amerika wirst du kommen, lacht ein Soldat.”
Sie kommen bis Guantanamo. Dort werden sie verhört:
“Denkst du, die Welt wäre besser, wenn sie islamisch wäre?
Nein.”
Demütigungen:
“Ein Soldat schenkt Ayub, dem Jüngsten, einen Apfel, Ayub trägt ihn in den Käfig, ein Wärter findet den Apfel, am Apfel fehlt der Stiel. Wo ist der Stiel?, schreit der Wärter.
Wo ist der Stiel, du Hurensohn, was hast du gottverdammt mit dem Stiel gemacht, wo hast du den Stiel versteckt?
Achtundzwanzig Tage Einzelhaft.”
Man erkennt ihre Unschuld:
Ein Rechtsanwalt aus Boston [...] darf Abu Bakr und Adel besuchen, [...er] trifft sie in einer Sperrholzhütte ohne Fenster, Hände und Füsse an einen Bolzen gekettet, der tief im Boden steckt. Der Anwalt, fast zufällig, erfährt, dass die beiden von allen Vorwürfen längst befreit sind, keiner hat es den Uiguren je gesagt. [...] Abu Bakr ruft seine Frau an, er weiss nichts zu reden, sie weint. Die Zwillinge sind fünf Jahre alt.”
Kein Land will die Uiguren aufnehmen. Schliesslich erteilt Albaniens Ministerpräsident Berisha die Einreiseerlaubnis. Am Rand von Tirana werden die Uiguren in einer alten Kaserne untergebracht.
“Einmal tritt ein Vertreter des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen UNHCR in den Hof und fragt, wie es gehe.
Wir sterben aus Langeweile.
Dafür ist Albanien zuständig, sagt der Mann.”
Es gibt keine Entschuldigung, keine Wiedergutmachung, keine Unterstützung. Es ist ein Skandal.
Trotzdem zielt Erwin Kochs Reportage nicht auf Empörung. Roger Willemsens “Hier spricht Guantánamo” hat mich viel wütender gemacht. Vielleicht liegt es daran, dass ich da noch unwissender war.
“Niemandsmenschen” lässt einem mit dem Wunsch zurück, diesen Menschen zu helfen. Das hat Human Rights Watch getan (dort heisst Adel Abdulhekim offenbar “Abel Abdu al´Hakim”) und man kann die Organisation finanziell unterstützen.
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Urlaub im Iran
3. November 2007
Sonja Zekri hat vierzehn Tage Urlaub gemacht im Iran. Dabei hat sie gleich auch noch eine Reise-Reportage geschrieben: Jenseits von Mullah-City: Als Frau durch Iran:
“Doch, es gibt einen Moment, in dem man froh über das Kopftuch ist. Es sind 48 Grad zu Füßen von Tschora Sanbil, dem stummelartigen Überbleibsel einer 3250 Jahre alten mesopotamischen Stufenpyramide [...]. Am Morgen, in den Ruinen von Schusch, kam die Hitze von oben.
Jetzt am Nachmittag strahlt sie von allen Seiten. Jeder Halm, jedes Staubkorn glüht, und die Luft atmet sich wie flüssiges Blei.
Ja, in diesem Moment sind wir froh über das Kopftuch [...].
Den Rest der Zeit ist der Hidschab das, was man vermutet: Der Kompromiss, den eine Touristin eingeht, um ein Land zu besuchen, dessen Ideologie reisende Frauen ohne männliche Verwandte eigentlich nicht vorsieht [...].”
Damit ist der Rahmen gesetzt für den Bericht über eine zufällige Reise zwischen Schusch, Yazd, Schiras, Bischapur, Isfahan, Qom (die exakte Reihenfolge ist unwichtig und hat sich mir nicht erschlossen). Sonja Zekri spielt mit Klischees vom Iran (repressiv, gefährlich, diskriminierend, lustfeindlich) und kratzt an deren Oberfläche:
“Boxenstop in Bischapur, einer Ruinenstadt in einem Flusstal. [...] Unten, am Ufer, herrscht Camping-Stimmung. Die Jugend tobt im Wasser, die Mädchen baden in Hose und Bluse, die nass mehr enthüllen als sie verbergen, über einem Leitungsrohr hängt ein Kopftuch.”
“Auf dem Dach [...] drängeln sich die jungen Leute auf den bettartigen Riesensofas. Die Mädchen rauchen Wasserpfeife. Im ersten Stock spielt eine Blondine Billard.”
“Der Fahrer hatte mit den Mullahs noch nie etwas im Sinn und schätzt ein kühles Bier, obwohl das eine umständliche Sache ist.”
“In Isfahan kann man Safran-Eis essen und von eleganten Brücken zusehen, wie sich die Jugend in schwimmenden Schwänen Seeschlachten liefert. [...] Plötzlich taucht aus dem Nichts eine Verschleierte auf und weist Frauen mit einem glatten Lächeln auf verrutschte Kopftücher hin. [...] Dann spuckt die Kulisse dieses Sommerabends eine zweite Verschleierte aus, schließlich einen Polizisten, der betreten guckt. Ein paar Worte werden gewechselt, dann führt er die Mädchen ab, flankiert von den Frauen wie von schwarzen Krähen.”
Oder diese Stelle über das erzkonservative Qom, die “Mullah-City”. Ali Abdi und seine Freundin Niuscha sammeln Unterschriften:
“Die Kampagne will die haarsträubendsten Gesetze ändern: dass das Schmerzensgeld für Frauen nur halb so hoch ist wie jenes für Männer; dass die Aussagen von Frauen vor Gericht nur halb so viel zählen wie jene von Männern; dass Mädchen ab 13 Jahren verheiratet werden dürfen; das Scheidungsrecht; die Polygamie. ‘400 Frauen und Männer sammeln seit einem Jahr Unterschriften’, sagt Ali Abdi, ‘unser Ziel ist eine Million.’ Wie viele haben Sie bis jetzt? - ‘Die genaue Zahl ist ein Geheimnis.’ - Sind Sie nah dran? - ‘Nein.’” (mehr dazu bei Wikipedia)
Diese Episode gegen Ende des Artikels lässt fast vergessen, dass man hier eine Journalistin im Urlaub begleitet. Diesen Umstand mach erst der Schluss etwas abrupt wieder deutlich:
“Aber nichts, was man aus dem Iran mitnehmen kann, ist so verwirrend wie das Gefühl, sich gut erholt zu haben.”
Hmm, so könnte man sich doch eigentlich guten Bürgerjournalismus vorstellen. Journalismus gewissermassen im Nebenjob. Das ist keine Herabwürdigung Sonja Zekris Arbeit, im Gegenteil (einige Plattitüden verzeiht man: “die Ziegel des Ziggurat würden schmelzen, wenn sie könnten”, “Auf den ersten Blick passt vieles nicht zusammen in Iran. Auf den zweiten auch nicht.”).
Mehr über den Iran: Steinigung im Iran
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Familie Bokassa
6. September 2007
Der Artikel wird im Zeit-Magazin Leben angekündigt als “erste von vier Reportagen über ‘Globale Familien’”. Auf dem Titelbild sieht man Jean-Bédel Bokassa auf einem vier Meter hohen Thron sitzen, einem vergoldeten Greifvogel. Papa Bokassa regierte die Zentralafrikanische Republik von 1966 bis 1979. Der Freund von Idi Amin stand wegen Kanibalismus und anderen Verbrechen vor Gericht. Nach einer Amnestie kam er frei und starb vor elf Jahren friedlich bei sich zu Hause in Bangui.
Papa Bokassa zeugte dutzende Nachkommen - wie viele weiss niemand genau. Ihnen ist Stefan Willekes Reportage “Des Kaisers viele Kinder” gewidmet. Im Zentrum steht Sohn Jean-Serge Bokassa, den er in Bangui besucht:
“Das Erste, was man von Bokassa sieht, sind seine Assistenten. ‘Geben Sie mir Ihren Pass’, sagt einer, der sich Protokollchef nennt. ‘Er wartet hinten im Ehrensaal’, sagt ein anderer, ‘wo ist Ihr Koffer?’ Auf dem Gepäckband im Flughafen von Bangui drehen sich die Metallkisten mit den Jagdgewehren von Franzosen und Belgiern [...].”
So fängt Willeke an. Was folgt ist eine bei flüchtigem Lesen verwirrende Verflechtung von Portrait-Elementen über Jean-Serge Bokassa (”Seine Worte klingen weich und rund. Vorsichtig lächelt er”), flüchtigen Eindrücken der Stadt Bangui und anderer Reiseziele (”vorbei an winkende Jungen, die echte Handykarten und falsche Pässe anbieten”) , Rückblicke auf die Regierungsjahre Jean-Bédel Bokassas (”Er [der Sohn Jean-Serge] sagte nicht, dass Papa seinen Thron mit Hermelinfellen polstern liess”), ein Besuch bei Jean-Barthélémy Bokassa in Paris (”Er braucht Stoff für seine nächste Episode, in seinem Weblog“), bei Martine Bokassa auf Korsika (”[ihr] erster Ehemann wurde von Männern getötet, die ihren Vater stürzen wollten.”), eine Konversation mit Kiki Bokassa in Beirut.
Verwirrung als Stilmittel ist riskant, aber hier ist sie geglückt. Die Familie Bokassa tritt mit individuellen unterscheidbaren Gesichtern auf. Doch beim Lesen bringt man Namen, Verwandtschaftsbeziehungen, Generationen und Orte immer wieder durcheinander. Es entsteht das Bild von einem Kollektiv. Zugespitzt wird diese Verwirrung selbst Thema in dieser Szene bei einem Besuch in Kolongo:
“Hier stand früher eine Villa des Herrschers. Romeo und Julia hießen die beiden Löwen, die der Kaiser mit Regimegegnern fütterte. ‘Das erzählen sich die Leute, aber ich habe davon nichts mitbekommen’, sagt der Sohn.
In einer überwucherten Ruine baut sich Jean-Serge Bokassa unter dem Deckengemälde eines napoleonischen Adlers auf. Scharen von Kindern sammeln sich um ihn, aber keines von ihnen wagt, die Stille durch ein vorlautes Wort zu gefährden, bis es der vornehme Herr von sich aus tut. ‘Ich bin Jean-Serge Bokassa.’ Die Kinder sehen ihn staunend an. Woher sollen sie ihn kennen? Sein Vater war schon tot, als sie geboren wurden. [...] ‘Ich bin Bokassa’, sagt er, und das ist das Einzige, was er den Kindern mitgibt, einen interessanten Namen.
Als er drei Tage später dorthin zurückkehrt, rennen ihm die Kinder schon entgegen. [...] Die Kinder haben die Nachricht zu den Erwachsenen gebracht: Ein Mann mit dem Namen Bokassa war hier, genau unter dem Adler. Alles wirbelt jetzt wild durcheinander, das Gestern und das Heute, hundert Hände greifen nach Bokassa, und einem alten Mann aus der Siedlung wird vor Aufregung schwindlig. Selig krächzt er: ‘Der Kaiser ist zurück.’”
Den Abschluss macht Willeke mit einer Reihe von Statements von zentralen Figuren, womit er diese nochmals Revue passieren lässt :
“‘Er macht langsam, was Papa schnell machte’, sagt seine Schwester auf Korsika, ‘er macht politisch, was Papa militärisch machte.’ ‘Sein Vater war beispiellos’, sagt der weisse Geschichtenerzähler in Paris, ‘aber auch er ist schon sehr gut.’ ‘Er hat mir geschrieben, er plane etwas Wichtiges’, sagt seine Schwester in Beirut, ‘aber ich weiss nicht, was.’”
Und ganz zuletzt spricht nochmals wie am Anfang ein Assistent:
“‘Ich schlage vor, wir einigen uns jetzt auf 200 Dollar’, sagt sein Kommunikationsberater. “
Stefan Willeke hat bereits zweimal den Egon-Erwin-Kisch-Preis gewonnen. 2003 mit “Der Herr der Pleiten” und 2005 mit “Herr Mo holt die Fabrik“.
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27. August 2007
“Es gibt keine Worte” - so titelt die griechische Zeitung Eleftherotypia in ihrer Sonntagsausgabe auf schwarzem Cover und meint damit die Brände auf Evbia und der Halbinsel Peloponnes. Natürlich findet sie dann doch Worte für die Dutzenden Toten, die Hunderten Obdachlosen, für das Versagen der Feuerwehr, der Regierung.
Bei uns findet man in allen Medien sehr viele Bilder, aber relativ wenige Worte über die Ereignisse. Eine Ausnahme ist Gerd Höhler, er berichtet für den Tagesspiegel und den Spiegel vor Ort:
Ziellos stochert der 73-jährige Achilleas mit seinem Krückstock in der Asche herum. Das hier war die Küche seines kleinen Hauses. In der Ecke stehen die ausgeglühten Reste eines Gasherdes. Das Dach ist eingestürzt, verkohlte Balken und rußgeschwärzte Dachpfannen liegen auf dem Boden. “Alles ist verloren”, sagt der alte Mann resignierend, “das ist das Ende.” [...]
“Mein Haus ist abgebrannt, meine Olivenbäume sind Asche - warum ist die Feuerwehr nicht rechtzeitig gekommen?”
Die Analysen über die Ursachen der Brände sind die bekannten: Brandstifter, Bodenspekulanten, Hirten. Etwas aussergewöhnlich der Fokus auf das Versagen der Feuerwehr (die nicht über genügend Personal verfügt) und die Regierung (die als Feuerbekämpfer lieber Parteifreunde statt qualifizierte Fachleute eingestellt hat). In drei Wochen sind Wahlen.
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Passanten stecken den Soldaten eiskalte Limonade zu
9. August 2007
Ullrich Fichtner - Gewinner des Egon Erwin Kisch-Preises 2004 - war drei Wochen unterwegs mit amerikanischen Truppen im Irak. “Der höllische Frieden” heisst die Titelgeschichte im Spiegel vom 6. August 2007. In ihr kommt Fichtner zum Schluss, die Welt sei beim Thema Irak taub geworden für das Wort Frieden. In Wahrheit sei es den Amerikanern gelungen, vielerorts die Ordnung wiederherzustellen.
Wie kommt er zu diesem Schluss? Indem er auf 15 Seiten zehn Amerikaner sprechen lässt:
- Captain Ian Lauer, “Chef der Charlie-Kompanie” in Ramadi;
- General David Petraeus, “Anführer der Operation ‘Iraqi Freedom’”;
- Feldwebel Bobby Lightner, der wenig sagt, auf einem Bild dafür eine hellblaue Tür eintritt;
- eine amerikanische Krankenschwester, die Menthol-Marlboros raucht;
- Lieutenant Colonel Alfred Mycue: “Wissen Sie, ich bin etwas bayerisch, glaube ich”;
- Brigadekommandeur Colonel Rick Gibbs, “den sie ‘den Alten’ nennen”;
- Militärkaplan Doug Brown - “Heulet über Babel, bringt Balsam für seine Wunden”;
- US-Botschafter Ryan Crocker - “einer der besten Kenner des Nahen Ostens [...], und wenn sich einer auskennt in dieser Weltgegend, dann er”;
- Lieutenant Colonel Eric Welsh “der wie ein Skinhead aussieht, aber im Herzen ist er ein grosser Idealist”;
- Unteroffizier Joe Brown, der auf der Kühlerhaube eines Humvees “zur Feier des Lebens” einen “gellenden Triumpfschrei” ausstösst.
Auch drei Iraker werden gehört:
- Ali Chudeir, Geschäftsführer einer Baufirma in Ramadi, der schon mal ein Festmahl auftischt - “das ist bei [ihm] immer so, wenn die Amerikaner kommen”;
- Polizeioberst Mohammed Sahr al-Din, der “die lockeren Amerikaner” lobt;
- Oberstleutnant Ahmed Chalid, Chef der Anti-Terror-Abteilung: “Wir werden es diesen Analphabeten niemals erlauben, unser Land zu regieren”.
Dreimal lese ich den Satz “Es gibt Anlass zur Hoffnung”. Die ersten beiden Male ist es das Zitat von General Petraeus. Das dritte Mal macht sich Fichtner den Satz selbst zu eigen.
Fichtner schreibt auch: “der Terror schwächelt”. Oder: “Es ist ein Rennen im Gang, jeder Tag im irakischen Kalender ist ein historischer”. Und sogar: “Es wurden Helden geboren”.
Den Geschäftsmann Chudeir lässt er als Antwort auf die terroristische Bedrohung sagen: “Deshalb müssen die Amerikaner noch lange bleiben”.
Schreibt Fichtner PR für das Weisse Haus? Kann man sich “eingebettet” in die amerikanische Army überhaupt gegen eine solche Instrumentalisierung wehren? Die Befriedigung der Bush-Administration über eine solchen Berichterstattung dürfte jedenfalls gross sein - vielleicht sogar über jene im fernen Deutschland.
Denn General Petraeus und Botschafter Crocker müssen im September 2007 einen Bericht über den Irak abliefern, der als Basis dienen wird für den Entscheid über einen allfälligen Rückzug. Auch die Kolumne von zwei - wie sich später herausstellte wohl doch nicht so - liberalen Demokraten mit dem Titel “A War We Just Might Win” - erschienen am 30. Juli 2007 - kam da sicher wie gerufen.
Hat der Spiegel hier einen allgemeinen Meinungsumschwung der liberalen Medien ausgemacht, den man nicht verpassen wollte? Oder waren die Eindrücke aus dem friedlichen Ramadi - ehemals Hochburg des irakischen Widerstands - für Fichtner so stark?
Seine Hoffnung kulminiert in folgendem Bild:
“Der Platz vor der Moschee [...] füllt sich mit Menschen, das Freitagsgebet ist zu Ende. Kinder hängen sich wie Trauben an die US-Sldaten, sie zupfen an ihren Hosen, sie buhlen um Aufmerksamkeit, einen Blick, eine Süssigkeit, einen Dollar, sie schauen zu den grossen Fremden wie zu Göttern auf.
Die Amerikaner treffen in der Menge Bekannte, [...], sie werden umarmt und geküsst von bärtigen Männern, Passanten stecken ihnen eiskalte Limonadendosen zu, sie sagen ‘Thank you, Mister’.”
Kritischer ist da der britische Independent. Patrick Cockburn analysiert den Erfolg der Amerikaner in Ramadi (dem Hauptort der Provinz Anbar) so:
“Just as it was becoming evident in the US that the surge was not going anywhere very fast, there came good news from Anbar province in western Iraq. The Sunni tribes were rising against al-Qa’ida, which had overplayed its hand by setting up an umbrella organisation for insurgents called the Islamic State of Iraq. In Sunni areas, it was killing rubbish collectors on the grounds that they worked for the government, shooting women in the face because they were not wearing veils, and trying to draft one young man from each family into its forces. Sunni tribal militiamen backed by the US fought al-Qa’ida in insurgent strongholds such as Ramadi, and attacks on American troops there fell away dramatically. The US administration could portray this as a fresh turning-point.
The White House says it is too early to know if the surge is succeeding, and that it will wait for a security report due next month from General David Petraeus, the top US military commander in Iraq, and the US Ambassador to the country, Ryan Crocker.”
Ullrich Fichtners Reportage im Spiegel fehlt die kritische Distanz. Er glaubt, über die amerikanische Besatzung des Iraks berichten zu können, indem er sich mit den amerikanischen Truppen bewegt und ausschliesslich mit ihren Angehörigen und deren irakischen Freunden spricht. Als einzigen “Experten” zitiert er - den amerikanischen Botschafter. Mit der Bevölkerung kann er wegen der prekären Sicherheitslage - ein Widerspruch in sich - und weil er offenbar nur eine Fotografin und keinen Übersetzer bei sich hat, gar nicht sprechen. In dieser Situation kann man eine Reportage über die amerikanischen Truppen, nicht jedoch über die “Ordnung” im Irak schreiben.
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Steinigung im Iran
24. July 2007
Mokarrameh Ebrahimi schwebt in Lebensgefahr. Ein Richter hat die 43-jährige Frau verurteilt, wegen Ehebruch. Sie sitzt seit acht (oder elf) Jahren im Gefängnis von Choobindar, zusammen mit ihrem elfjährigen Kind (und einem zweiten Kind, wie eine andere Quelle berichtet).
“Mokarrame stammt aus Islamashahr. Nach ihren Angaben zwang ihr erster Ehemann und Vater dreier Kinder sie zur Prostitution. Mokarrame flüchtete von zuhause, nachdem sie Jafar kennen gelernt hatte. Das Paar fand Zuflucht in der Stadt Takestan. Nachdem die beiden zusammen ein Kind bekommen hatten, beschlossen sie, nach vier Jahren nach Islamshahr zurückzukehren. Wegen einer Klage von Mokarrames erstem Ehemann wurden die beiden verhaftet und warteten acht Jahre im Gefängnis von Choobandar auf ihr Urteil.” (Judiciary Spokesman on Stoning of Jafar Kiani)
Auch Jafar Kiani, der Mann mit dem Kokarrame den Ehebruch begangen haben soll, sass im Gefängnis. Bis am 6. (oder 5.) Juli 2007, als er in das Dorf Aghche-Kand gebracht wurde, sieben Kilometer von Takestan entfernt, 90 Kilometer nordwestlich von Teheran.
In der Mittagszeit, zwischen 11 und 2 Uhr, wie sich ein Zeuge erinnert, wurde Jafar Kiani am 6. Juli 2007 gesteinigt. Das berichtet die Bloggerin und Journalistin Asieh Amini, die kurz danach nach Aghche-Kand gereist war (bei Women’s Field):
Das Dorf selbst ist ruhig; nur ein paar alte Männer sitzen an den Straßenrändern. Ein Kind lässt die Beine von einer Mauer baumeln. [...] Ein Motorradfahrer kommt vorbei. Ich winke. Er hält. Er bestätigt die Meldung ohne zu zögern und deutet auf die Ausläufer der Berge. “Sind Sie sich sicher?”, frage ich.
“Hab’s selbst gesehen.”
“Aus der Nähe?”
“Nein”, er lacht, “aus der Ferne. Sie hätten niemanden in die Nähe gelassen.”
“Warum?”
Er zeigt in die Ferne: “Hier waren überall Agenten. Der Schotterweg da drüben wurde auf beiden Seiten gesperrt, und nur Beamte kamen durch.”
“Wie viele waren es?”
“Keine Ahnung. Viele. 50 oder 60 vielleicht.”
“Sie sind sich also sicher, dass niemand aus dem Dorf die Steine geworfen hat?”
“Da bin ich mir sicher. Niemand.” (Übersetzung: Global Voices)
Asieh Amini lässt sich zum Ort der Steinigung führen:
Wir gehen näher. Steine und Felsbrocken mit eingetrocknetem, geronnenem Blut liegen um einen Haufen herum. Einige sind blutbespritzt. Einige sind so schwarz und rot von Blut, dass man sofort weiss, wozu sie gebraucht wurden. Fassungslos frage ich “Sind dies die Steine, die sie geworfen haben? Sie sind viel zu gross”. [Der Führer] zuckt mit den Schultern. [...] Es geht weniger darum, dass die Steine grösser gewesen sein könnten, als vorgeschrieben. Es geht darum, dass die Grösse der Steine bedeutet, dass die Scharfrichter weniger darum besorgt waren, bei der Steinigung dem Buchstaben des Gesetzes zu folgen, als vielmehr damit fertig zu werden.
Nach der Besichtigung des Hinrichtungsplatzes begibt sich Asieh Amini nach Takestan und versucht (erfolglos) den Richter ausfindig zu machen, der das Urteil vollstrecken liess, obwohl dieses von höherer Stelle ausgesetzt worden war.
Der Druck von Aktivisten (unter anderen von amnesty international) hatte den iranische Justizapparat offenbar dazu gebracht, die ursprünglich für den 17. bzw. 21. Juni geplanten Steinigungen des Paares aufzuschieben - nur um wenige Tage im Fall von Jafar Kiani, auf vorerst unbestimmte Zeit in dem von Mokarrameh Ebrahimi.
Die Mainstream-Medien haben kurz nach der Hinrichtung über das Ereignis mit Agenturmeldungen berichtet (online verfügbar z.B. der Spiegel, die Berner Zeitung) und das Eidgenössische Departement des Äusseren hat bei der iranischen Regierung protestiert.
Die Berichterstattung folgte dabei dem einfachen Schema des (im wörtlichen Sinn) steinzeitlichen Irans gegenüber dem aufgeklärten, aber machtlosen Westen. Dabei werden zahlreiche Nuancen unter den Tisch gewischt, z.B.:
- Die Tatsache, dass die Hinrichtung in einen isolierten Ort verschoben werden musste und dass die Dorfbevölkerung möglicherweise mit Absicht nicht daran teilnahm,
- die Wiedersprüche innerhalb des iranischen Justizapparats,
- die Verurteilung von Steinigungen durch einen Geistlichen, Ayatollah Montazer,
- die Gründe, welche im Iran zu Ehebruch führen…
Und selbstverständlich gibt es eine Petition gegen die Steinigungen im Iran. Unterschreiben!
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