Wallraffs Brötchen
4. May 2008
Nach seinem letztjährigen Einsatz bei zwei Callcentern war Günter Wallraff im Februar 2008 wieder undercover.
“Ich gebe vor, 51 Jahre alt zu sein statt 65, und habe mir die Identität eines Freundes geliehen. Frank K. heisse ich jetzt. [...] Falsche Haare und ein dünner Oberlippenbart verjüngen mich.”
Dieses Mal geht es für das Zeit-Magazin “Leben” nach Stromberg, in die Backfabrik Weinzheimer. Dort werde unter unwürdigen Bedingungen geschuftet, hatte ein Briefschreiber Wallraff alarmiert. Weinzheimer beliefert den Discounter Lidl mit Brötchen.
Der Kunde bezahlt bei Lidl 10.5 Cent für ein Brötchen von Weinzheimer.
Der übliche Stundenlohn bei Weinzheimer beträgt 7.66 Euro brutto.
Wallraff findet eine marode Fabrikationsanlage vor, er stellt mangelnde Hygiene fest, kritisiert die prekäre Arbeitssicherheit und dokumentiert einen völlig menschenverachtenden Umgangston.
“Beim Hochstemmen der Bleche über Kopf zischt es auf der Haut meines rechten Arms, und es bilden sich dicke Brandblasen. [...] Als die stählerne Kette des Bandes plötzlich abspringt, herrscht Chaos. Die Kollegen brüllen sich an, greifen mit den Händen ins laufende Band, um die Kette wieder in die Halterung zu bringen. [...] Der Schimmel [...] blüht permanent [...] an schwer zugänglichen Stellen der Anlage rieselt er an verrotteten Eisenteilen herunter und entwickelt sich im Gärschrank.”
Wallraff stellt sich viele Fragen:
“Wie reagiert ein Betrieb, der in Deutschland produziert [angesichts der Globalisierung] auf den Kostendruck?”
“Kann es sein, dass die Arbeitsbedingungen der sogenannten Dritten Welt bereits Einzug gehalten haben in unsere ’schöne neue Arbeitswelt’?”
“Warum kaufen die Kunden diese Brötchen, die nicht gut schmecken?”
“Was treibt einen Menschen [gemeint ist Firmeninhaber Bernd Westerhorstmann], eine Firma so zu führen? [...] Welchen Teil der Schuld trägt er selbst?”
Alle diese Fragen sind berechtigt und richtig. Doch Wallraff gibt bestenfalls oberflächliche Antworten.
- Auf den Kostendruck reagiert ein Betrieb in Deutschland mit Lohndumping und Verzicht auf Investitionen. Kaum überraschend.
- Einen Vergleich mit Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt bleibt Wallraff schuldig.
- Bei den Kaufmotiven äussert Wallraff Verständnis, wenn “ein Hartz-IV-Empfänger solche Billigbrötchen kauft”. Den übrigen KäuferInnen attestiert Wallraff mangelnde Vernunft.
- Über Westerhorstmanns Motive spekulieren “einige Arbeiter”, “dass er einzig daran interessiert sei, in der Zeit bis zu seinem Ruhestand das Maximum aus dem Betrieb herauszupressen”.
Trotz lobenswertem Engagement finde ich Wallraffs Reportage enttäuschend. Was bleibt ist ein Skandal (unbestreitbar), eine Skandalisierung. Und ein Aufruf zum Boykott:
“Lidl diktiert Weinzheimer die Preise und trägt damit Verantwortung dafür, wie Menschen dort arbeiten müssen. Solange die Arbeiterrechte dort systematisch verletzt werden, sollten die Kunden Lidl und seine dürftigen Brötchen boykottieren.”
Das immerhin ist mutig. Allerdings nicht von Wallraff, sondern von der Zeit.
Und Lidl rechnet vor, dass Aldi, Penny und Netto im Laden keinen Cent mehr für ihre Brötchen verlangen. Ein guter Grund, auch dort nicht mehr einzukaufen.
Update: Wallraff erzählt im Interview mit der Zeit vom 8. Mai 2008 über Reaktionen auf seine Reportage.
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