Sabine Rückert gewinnt Egon Erwin Kisch-Preis 2008

10. May 2008

Hinweis: Dies ist die leicht abgeänderte Fassung meines Gastbeitrags bei medienlese.com.

© stern / Gruner + JahrDer diesjährige 31. Egon Erwin Kisch-Preis geht an Sabine Rückert. Die Auszeichnung, die seit vier Jahren im Henri Nannen Preis aufgehoben ist, erhält sie für ihre Reportage “Wie das Böse nach Tessin kam” (erschienen am 21.06.2007 in der Zeit). Das Urteil der Jury:

“von brennender Aktualität, die Autorin beschreibt den Boden, aus dem eine gespenstisch anmutende Tat wächst; sie führt den Leser auf beklemmende Weise in die Gedankenwelt und Motivationslage eines Jugendlichen ein, der trotz fürsorglicher und bemühter Eltern aus der Realität gleitet und in einer Welt von Computer-Spielen, der Verachtung des Schwachen und Identifizierung mit dem Starken zum Killer wird”.

Tatsächlich ist Sabine Rückert eine äusserst beklemmende, schlüssige Reportage gelungen.

Sabine Rückert versucht keine Expertendiskussion darüber abzuhandeln, ob und wie Videospiele Gewalt auslösen. Sie appelliert stattdessen an den gesunden Menschenverstand: “Man braucht kein Jugendpsychiater zu sein, um die Wirkung solcher Spiele auf unausgereifte Seelen zu erfassen.”

Mit dieser Meinung ist Sabine Rückert wohl angreifbar. Ein dezidierte Stellungnahme ist aber gerade der Sinn der Reportage. Damit hat sie sich - meiner Meinung nach zurecht - gegen die drei von der Vorjury mitnominierten Texte durchgesetzt.

Namentlich sind dies Das verflixte 70. Jahr von Jürgen Leinemann, Unter Wölfen von Alexander Soltczyk und Das leben neben dem anderen von Alexander Osang.

Wenn man der Jury einen Vorwurf machen will, dann den, dass sie mit ihrem Entscheid dem Sensationshunger der Medienbranche huldige. Das stimmt insofern, als hinter “Wie das Böse nach Tessin kam” sicher die krasseste Geschichte steckt.

Aber wenn ein Fehlentscheid vorliegt, dann trifft er eher die Vorjury, die bei ihrer Auswahl aus insgesamt 12 Texten gerade die sozial engagiertesten weggelassen hat (z.B. “Sklaven in Altona” oder “Tod in Camp Delta”).

Für Stirnrunzeln sorgt in dem Zusammenhang eine Meldung in der taz, wonach in einer anderen Kategorie des Henri Nannen Preises, jenem für die beste investigative Leistung offenbar ein kritischer Beitrag von der Liste der nominierten verschwand.

Insgesamt übrigens wurden 328 Texte eingereicht (32 in Schweizer Medien) und zwar von 267 Autoren und Autorinnen (Frauen mit rund einem Drittel deutlich untervertreten). Sie erschienen in 92 Zeitungen und Zeitschriften .

Kein Chance auf einen Egon Erwin Kisch-Preis haben reine Online-Produktionen, wie man sie beispielsweise bei Soundphotographer, medialism.net oder Mediastorm findet, in denen sich das Genre der Reportage gegenwärtig weiterentwickelt. Immerhin erklärte mir die Pressestelle des Henri Nannen Preises, dass “die Öffnung der bestehenden Kategorien für ‘reine’ Online-Beiträge gegenwärtig in der Diskussion” sei.

Wir drücken die Daumen.

Gespeichert unter Auszeichnung, Die Zeit, Reportage | |

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