Nominierte 2/4: Sabine Rückerts böses Tessin
1. April 2008
Sabine Rückert wurde für ihre Reportage “Wie das Böse nach Tessin kam” am 19. März 2008 für den Egon Erwin Kisch-Preis nominiert. Der Text erschien am 21.06.2007 in der Zeit. Rückert war 2002 schon einmal für denselben Preis nominiert, sie gewann damals den zweiten Platz.
Das böse Tessin befindet sich in Mecklenburg. Hingekommen ist das Böse mit einem Doppelmord. Der 17-jährige Felix ersticht (mit Hilfe des gleichaltrigen Torben, über den man im weiteren Verlauf praktisch nichts erfährt) am Abend des 13. Januar 2007 mit mehreren Messern ein benachbartes Ehepaar. Felix ist ein erfolgreicher Gymnasiast, ein “wohlerzogener Sohn, der jedermann höflich grüsste”. Die Tat löst Unverständnis aus. Wie konnte so etwas passieren?
Sabine Rückert kommt einer Antwort nahe. Sie tut dies ohne Kontakt zum Täter. Auskunft geben der Vater von Felix, ehemaliger Vorsitzende des Betriebsrates im Zeit-Verlag, die Mutter von Felix, Marionettenspielerin, Felix’ jüngere Schwester Jana und deren Freundin Eyleen (die meisten Quellen lassen sich nur indirekt erschliessen). Ausserdem gibt es die Aufzeichnung eines Polizeinotrufs, ein Tagebuch und eine Loseblattsammlung mit Zeichnungen, Texten.
Der Text stellt Nähe her, indem praktisch alle Ereignisse im Indikativ - in der berichteten Rede, stellenweise als wörtliche Zitate - erzählt werden. Nur ganz selten wird eingestreut, wer da spricht. Auch offensichtlich rekonstruierte Stellen kommen als konsequente Szenen ohne Relativierung daher (sorry, die Dramatik verbietet eigentlich eine so formalistische Betrachtung - aber trotzdem):
“Als Antje E. röchelnd in ihrem Blut liegt, schickt Felix den Freund Torben los: Er soll die Geisel aus dem Schuppen holen. Eyleen soll sich das angerichtet Unheil genau ansehen, dann wird sie wohl auföhren zu grinsen, dann wird sie erkennen, dass die Welt Grund hat, sich vor Felix zu fürchten. [...] Dann sticht er Antje E. noch einmal heftig in den Kopf, während das Mädchen sich abwendet. Und sich aufrichtend, fragt er sie: Glaubst dus jetzt?”
Kurz vor der Tat hatten sich die Jugendlichen den Film Final Fantasy VII angesehen, die filmische Fortsetzung eines Videospiels. Auf seine PlayStation spielte Felix auch Spiele wie Doom oder Prey. Stundenlang. Worum es dabei geht?
“Um ihr Leben wimmernde Männer und Frauen werden vor meinen Augen von einer speziellen Menschenvernichtungsmaschine aufgespießt und zerquetscht, wahnsinnige kleine Kinder zerfetzen und durchbohren einander. [...] Die rechte [Hand] ist blutbesudelt und hält einen blutverkrusteten Schraubenschlüssel, mit dem ich auf alles einhacke, was sich rührt. Meine Gegner zerplatzen, die Organe treten aus. Manchmal treffe ich hilflos umherirrende Personen, die den Außerirdischen entkommen sind. Halb nackt sind sie und vor Angst halb verrückt. ‘Ist besser für dich’, lässt der Computer mich sagen, wenn ich ihnen mit dem Schraubenschlüssel den Schädel zertrümmere. “
Sabine Rückert versucht keine Expertendiskussion darüber abzuhandeln, ob und wie Videospiele Gewalt auslösen (der Sachverständigen-Gutacheter des Gerichts wird nur via Eltern zitiert). Sie appelliert stattdessen an den gesunden Menschenverstand: “Man braucht kein Jugendpsychiater zu sein, um die Wirkung solcher Spiele auf unausgereifte Seelen zu erfassen.”
Die Reportage ist keine intellektuelle Analyse. Sie ist ein Versuch, zu erklären, Verständnis herzustellen ohne Identifikation. Sie ist eine Anklage. Das ist Sabine Rückert hervorragend gelungen.
Einziger Patzer ist der Anfang, wo es in einer Szene heisst: “…man raucht eine Zigarette und weiss beim Anstecken noch nicht, dass es die letzte sein wird”. Man denkt natürlich, wer hier raucht sei das Opfer. Sicher wir der Leser bewusst irregeführt - doch jener, der in dieser Szene raucht - es ist der Vater von Felix - hat da keineswegs seine letzte Zigarette geraucht, er wird vielmehr später zum Kettenraucher. Das Rätsel soll wohl Spannung erzeugen - geht schliesslich aber nicht auf.
Wenig überzeugt mich auch der gesucht bedeutungsschwangere Schluss: “Er [gemeint ist Felix] hat Menschen das Leben genommen. Und diese Erfahrung ist nichts wert. Einfach nur nichts.”
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on May 10th, 2008 at 1:04
[...] Tatsächlich ist Sabine Rückert eine äusserst beklemmende, schlüssige Reportage gelungen. [...]