Schwarze Schule in Amsterdam
9. March 2008
“Schaut endlich hin!” heisst die gerade erschienene deutsche Übersetzung einer Reportage von Margalith Kleijwegt über die Klasse 2K des Calvijn met Junior College in Amsterdam-West. Das Calvijn gilt als “Schwarze” Schule, weil hier praktisch nur Immigrantenkinder den Unterricht besuchen.
In den Niederlande hat Kleijwegts Reportage Furore gemacht, weil sie kurz nach der Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh im November 2004 herauskam und der Mörder Mohammed Bouyeri zufällig in eben diesem Quartier aufgewachsen war.
Kleijwegt besuchte von Ende 2003 bis 2004 19 Schüler und deren Eltern aus Marokko, der Türkei, Surinam, Indonesien, Kenia, der dominikanischen Republik und in einem einigen Fall auch aus den Niederlanden.
Kleijwegt berichtet von “Terrorkids”, von monatelangen Absenzen, von Einschüchterung und Perspektivenlosigkeit. Bei manchen ihrer Besuche ist Kleijwegt die erste Niederländerin, die überhaupt zu ihnen nachhause kommt. In einigen Familien ist sie nicht willkommen und kann Gespräche nur dank Vermittlung religiöser oder staatlicher Stellen einfädeln. Die meisten Mütter und viel Väter sprechen schlecht oder gar kein Niederländisch und Kleijwegt ist auf die Übersetzungsdienste der Kinder angewiesen. Die Eltern wissen oft nicht, dass ihre Kinder den Unterricht schwänzen oder ihn massiv stören, dass sie andere einschüchtern.
Für viele ist ein konservativer Islam die einzige Rettung, praktisch alle Frauen und Mädchen tragen Kopftücher. Einige Jungs besuchen islamische Internate.
Kleijwegt beleuchtet an den Problemen der Schülerinnen und Schüler vor allem die Rolle ihrer Eltern. Die traditionelle Autorität der Väter ist beschädigt, weil sie oft keine Arbeit haben, weil sie schlecht niederländisch sprechen, weil ihr sozialer Status ganz allgemein tief ist.
Ihre Ferien in Marokko oder der Türkei empfinden die Kinder dagegen als idyllisch, es werden Häuser gebaut, der soziale Status ist hoch. Kein Wunder identifizieren sie sich in dieser Situation lieber mit der Kultur ihrer Herkunftsländer.
Viele Eltern - ganz speziell die Mütter - haben kaum Kontakt zu Niederländern. Sie gehen nicht aus, besuchen keine Elternabende. Und auch ihrer die Kinder sind weitgehend unter sich. Kleijwegt empört sich über die Passivität der Eltern, die ihren Kindern keine echten Grenzen setzen. Und sie fordert Lehrer und Sozialarbeiter auf, mit den Eltern zu sprechen, sie zu besuchen.
Kleijwegts Reportage ist auch für die Schweiz oder Deutschland höchst relevant. Trotzdem bin ich mit dem Buch nicht richtig glücklich geworden. Das liegt einerseits an den banalen Urteilen, mit denen der Text durchtränkt ist:
“Herr Mouali ist ein gut aussehender Mann mit ebenmässigen Gesichtszügen und schönen Augen.”
“Eine hübsche Frau mit grossen Augen, die ständig verlegen gesenkt sind.”
“Frau Tjon, eine zarte Frau aus Suriname…”
An zahlreichen Stellen ist mir Kleijwegt zudem nicht präzise genug - unnötigerweise, kann sie sich doch über ein ganzes Buch ausbreiten. Zum Beispiel hier:
“Ein paar Wochen später berichten die sozialen Instanzen einander, dass es mit Jason Probleme gibt. Nachbarn beschweren sich über den Krach, den er mit seinen Freunden macht. Es wird vermutet, dass Jason Alkohol und Drogen konsumiert. Man versucht alles, aber nichts gelingt.”
Hat Kleijwegt Einsicht in Behördendokumente bekommen? Hat sie selbst mit Nachbarn gesprochen? Wer vermutet Jasons Drogenkonsum? Wer versucht hier was?
Manche Aussagen stehen ohne Zuordnung:
“Das Aufbrausende steckt in der Familie. Amina, Esras ältere Schwester, konnte früher auch heftig und unversöhnlich sein. Inzwischen hat sie diese Phase überwunden und ist nun die Vernunft in Person.”
Wer sagt das? Die Autorin? Gestützt auf was?
Besonders geärgert haben mich eine Art Pseudodialoge, bei denen Kleijwegt Zitatschnippsel der beiden Elternteile wild aneinanderfügt:
“Er: ‘Sie müssen dem richtigen Weg folgen. Ich versuche, ihnen alles über den Islam mit auf den Weg zu geben.’
Sie: ‘Mein Mann und ich könnten es nicht akzeptieren, wenn sich unsere Töchter in Nichtmuslime verlieben. Das erlaubt der Islam nicht. Wir würden versuchen, ihnen deutlich zu machen, dass das nirgendwo hinführt.’
Er: ‘Ich kann nicht ohne den Propheten leben, und auch nicht ohne den Koran. …’”
Ähnlich konzeptlos ist die Gesamtanlage des Buches, was bei den zahlreichen über ein Jahr verteilten Besuchen bei 19 Familien allerdings auch nicht ganz einfach ist.
Insgesamt dennoch ein empfehlenswertes Buch, das an einem ungestörten Nachmittag rasch gelesen ist.
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