Roman, Reportage, Essay
9. March 2008
In der NZZ vom 8. März 2008 erklärt Angelika Overath auf geistreiche Art den Unterschied zwischen Essay und Reportage:
“… ganz grob kann gesagt werden, dass im Unterschied zu den erzählenden Genres der Essay keine Raumerfahrung vermittelt. Das gibt ihm eine ungeheure Freiheit. “
“Ein Essay kann jede Materialschlacht wagen. Was ihn zusammenhält, ist nicht einmal ein roter Faden. Ihn stützen ein paar rote Punkte vielleicht und die Haltung, der Atem dessen, der spricht. So darf ein Essay alles, was er stilistisch trägt. Die Reportage hingegen darf, unabhängig von ihrem sprachlichen Niveau, vor allem sehr vieles nicht.”
…und denjenigen zwischen Reportage und Roman:
“Was die Reportage von den sogenannten fiktionalen Genres grundsätzlich unterscheidet, ist ihr Verhältnis zur Welt. Eine Reportage muss in dem, was überprüfbar ist, stimmen. Aber ist Faktentreue ein Kriterium, das Literatur ausschliesst?”
“Nicht die Recherche, nicht die Sorgfalt im Hinsehen, nicht einmal die stilistischen Techniken trennen für mich eine Reportage von Kurzgeschichte, Erzählung oder Roman. Den Unterschied macht eine kleine Drehung hin zu psychischen Prozessen.”
“Eine Formulierung wie ‘Sie atmete die Mutter’ ist nur die Umsetzung einer sehr konkreten Erfahrung beim Sortieren der getragenen Wäsche. In einer Reportage wäre dieser Satz suspekt; im Roman aber bewährt sich die Reportertreue zu Details, ohne die sich die radikalen Räume des Empfindens nicht öffnen würden. Damit aber ist der Roman eine Reportage aus der Intimität.”
Das Material zum Artikel (ein Essay…) stammt aus Overaths Band “Vom Sekundenglück brennender Papierchen” und aus ihrem Roman “Nahe Tage. Roman in einer Nacht”. Angelika Overath gewann 1996 den zweiten Platz des Egon-Erwin-Kisch-Preises.
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