Nominierte 1/4: Jürgen Leinemanns verflixtes 70. Jahr
22. March 2008
Die Jury des Henri Nannen-Preises hat “Das verflixte 70. Jahr” von Jürgen Leinemann für die Kategorie “Reportage” (d.h. für den Egon Erwin Kisch-Preis) nominiert. Von den insgesamt vier Nominationen in dieser Kategorie ist dies zweifellos die kontroverseste. Dass dies auch in der Jury so gewesen sein dürfte, ist daran abzulesen, dass zum ersten Mal überhaupt vier statt drei Beiträge ausgewählt wurden.
Jürgen Leinemann war 35 Jahre lang Journalist beim Spiegel, bis er Anfang 2007, wenige Monate vor seinem 70. Geburtstag, in den Ruhestand trat und kurz darauf an einem lebensbedrohenden Zungenkrebs erkrankte.
Wie der Titel vermuten lässt, ist Leinemanns Text autobiographisch. Er ist gut geschrieben und man wünschte, die Nominierung habe die Kraft, Krankheit - ja gar den Tod - zu verscheuchen. Doch die Frage ist: kann man ihn als Reportage lesen?
Natürlich haben Reportagen fast zwangsläufig einen autobiografischen Anteil indem sie dokumentieren, was ihr Autor erlebt hat. Es steht nirgends geschrieben, wie gross dieser Anteil sein darf, wie gross er sein muss.
Es gibt Reportagen, in denen macht sich der Autor fast unsichtbar. Er taucht ein in seinen oder seine Protagonistin, schildert von dem Material nur, was diese gesehen, erlebt haben kann.
Und es gibt Reportagen, in denen ist der Autor selbst der Protagonist, der im Zentrum steht. Dass dies nicht immer funktioniert, kommentiert Tom Wolfe (The New Journalism, 1973) am Beispiel von Norman Mailer. Dieser hatte die autobiografische Methode erfolgreich bei seinem “Marsch aufs Pentagon” (The Armies of the Night, 1968) angewandt, scheiterte jedoch (nach Ansichts Wolfes) kläglich beim Versuch, auch die erste Mondlandung (Of a Fire on the Moon, 1970) in dieser Art zu inszenieren:
“Why did it fail so badly? Because this time he was not, in fact, a leading character in the event, and his use of an autobiographical point of view merely set up a clumsy and tedious distraction in the foreground, viz., himself.”
Scheitert Jürgen Leinemann? Nicht als Erzähler. Die kleinen Dialoge mit dem stürmischen Dr. W. beispielsweise sind hervorragend:
“Eher beiläufig teilt er mir mit: ‘Sie müssen operiert werden.’
‘Wann?’, frage ich. ‘ Jetzt’, sagt er. ‘Jetzt? Was heisst das?’ ‘Jetzt heisst sofort.’[...]
Als die silberne Lifttür zugeglitten ist, sehen wir uns zum ersten mal an. ‘Und wer operiert mich jetzt?’, will ich wissen. ‘Ich’, sagt er.
Wie lange so eine Fahrstuhlreise über sechzehn Etagen sein kann. Dr. W. blickt mich an. ‘Schöne Scheisse, was?’ Mir treten die Tränen in die Augen, ich nicke. Er drückt mir die Hand: ‘Ich werde mein Bestes tun, das kriegen wir schon hin.’ Er sieht mir in die Augen, und ich glaube ihm. Vertrauen kann sehr plötzlich entstehen.”
Trotzdem wird auch gerade an dieser Stelle eine Schwäche sichtbar: Jürgen Leinemann schreibt aus der Ich-Perspektive, aber er behandelt sich nicht wie eine Figur, die charakterisiert, entwickelt, inszeniert werden muss. Darum bleibt er selbst in dem Text merkwürdig blass. Oder sollte dies beabsichtigt sein? Ausdruckt von Bescheidenheit, von Demut (der Text nimmt gegen Ende eine religiöse Wende)?
Aber wie passen dann Passagen ins Bild, bei denen Leinemann seinen Abschied beim Spiegel mit sämtlichen Namen des politischen Who is who Deutschlands schmückt, angefangen bei Richard von Weizsächer über Gerhard Schörder bis Angela Merkel?
Doch zurück zur Ausgangsfrage nach der Textgattung. Lesen wir hier eine Reportage? Wenn es eine wäre, wovon handelte sie? Von Alter, Krankheit, Schmerz, von Glauben, von Tod könnte man argumentieren, doch wäre dies ein Vorwand. Der Text handelt von Jürgen Leinemann. Und das darf er auch.
Jürgen Leinemann hat einen Ausschnitt aus seiner Lebensgeschichte erzählt. Und er bedient sich Mitteln, die zum Repertoire auch - aber keineswegs nur - der Reportage gehören: Zitate, Dialoge, Ortsbeschreibungen, Subjektivität, Perspektive, Stimmungsbilder, etc. Man gratuliert ihm gerne dazu. Doch für den Egon Erwin Kisch-Preis gehört er nicht nominiert.
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on May 9th, 2008 at 1:58
[...] im März 08 bereits vier ausgewählt. Zwei davon habe ich im Reportagenblog bereits vorgestellt (Jürgen Leinemann und Sabine Rückert), zwei bin ich schuldig geblieben: Alexander Smoltczyk und Alexander Osang. [...]
on May 10th, 2008 at 10:50
[...] sind dies Das verflixte 70. Jahr von Jürgen Leinemann, Unter Wölfen von Alexander Soltczyk und Das leben neben dem anderen von [...]