Die tägliche Reportage bei Blick

17. March 2008

Am 5. März 2008 ist ein neuer Blick herausgekommen.  Zu den Neuerungen gehört die tägliche Reportage, angekündigt beispielsweise im Interview von “Schweizer Journalist” mit Chefredaktor Bernhard Weissberg:

“‘Solange wir uns eine grössere Redaktion leisten als die Gratiszeitungen, wo die Leute zumeist an den Pulten sitzen, müssen wird die Journalisten rausschicken.’

‘Sie verlangen ihnen auch täglich eine Reportage ab.’

‘Ja, das ist eine Willenserklärung. Wer nicht 300 Reportagen im Jahr liefern will, der schafft auch nicht 250 oder 200. Wir suchen mit der täglichen Reportage die latente Aktualität. Wir begleiten also zum Beispiel einen Wirtschaftsführer, der in den Schlagzeilen steht, oder schauen uns an einem Brennpunkt um, wie in Thun während der Sexaffäre.’

‘Das schaffen Sie mit diesem Personal nie.’

‘Sie unterschätzen meine Leute: Die wollen selber Reportagen schreiben. Wir bilden also nicht einen Elite-Stosstrupp, sondern  lassen Leute aus allen Ressorts ran. Die Fokusgruppen meinten übrigens, die Reportage wäre ein starker Grund, den Blick zu kaufen. Die ReaderScan-Studien haben uns gezeigt, dass die längsten Texte am besten gelesen werden.’”

Online übrigens ist von den Blick-Reportagen nichts zu sehen (die aktuellste ist vom 23. Februar). Die folgenden sechs Kurzbesprechungen kommen darum ganz ohne Links aus. Entweder man will die Exklusivität unterstreichen oder man traut den Online-Lesern nicht zu, soooo lange Texte zu lesen (die maximale Reportagenlänge beträgt gerade mal 7000 Zeichen)?

Vaduz bei Nacht. Besuch im Schwarzgeld-Tresor Europas (5.03.2008). Lukas Rüttimann und der Fotograf Tomas Wüthrich besuchen Abends im “Städtle” ein Hotel, zwei Restaurants (eines davon scheint zum Hotel zu gehören), eine Bar und das Fürstenschloss (von aussen). Dokumentiert sind Gespräche mit einem Gast, einem Kellner, einem Zimmermädchen, einer Hotelchefin, einem Wächter, einem Wachmann, einem holländischen Kameramann, einem ehemaligen Gemeindepolizisten und einem, der nur “einer” heisst. Ausser dem Gemeindepolizisten sagt keiner mehr als 1-2 belanglose Sätze. Eine Ortsbeschreibung gibts vom Fürstenschloss:

“Statt der weltberühmten Frontansicht - mit den Schneebergen im Hintergrund - wirkt die Burg beim Eindunkeln bedrohlich und düster. Dazu passt, dass ein Kran wie eine riesige Zange nach dem Fürstenschloss zu greifen scheint.”

Auf dem Bild des Schlosses ist vom Kran dann leider nichts zu sehen (beleuchtungsbedingt?). Keine guten Beschreibungen, keine Charakterisierungen, beliebige Zitate. Die Reportage macht keinen tieferen Eindruck.

Das Googly Prinzip (06.03.2008). Angekündigt ist “Google” und zwar mit einem Blick “hinter die Kulissen seines Sitzes in Zürich” verknüpft mit einem “Besuch in den USA”, wo Bernhard Weissberg, Chefredaktor des Blick “das wahre Erfolgsgeheimnis hinter den sechs farbigen Buchstaben der Suchmaschine” entdeckt haben will. Im Text kommt Zürich dann mit keinem Wort mehr vor. Egal. Bei dem Besuch in Mountain View sagt uns Sandy, 24:

“‘It’s easy’”

Das ist alles. “Easy” bezieht sich auf ihre Fähigkeit, rückwärts zu gehen und zu sprechen.

Anfangs sieht es so aus, als ob Teo, 24 auch nicht mehr sagen würde:

“‘It’s fun!’”

Doch dann erklärt er, wonach Google in den Bewerbungen für einen der begehrten Jobs im Unternehmen sucht:

“‘Du musst googly sein!’

‘Was?’

‘Googly. Anders, speziell, eine schräge Seite haben.’

‘Und die Uni? Der Abschluss?’

‘Gut musst du hier sowieso sein. Nein, du brauchst noch das gewisse Etwas dazu!’

Googly also. Was ist den googly an dir, Teo?

‘Ich kann sieben Sprachen, und ich hab alle Fremdsprachen dort gelernt, wo sie gesprochen werden!’”

Teo erzählt noch von einem Kollegen, und natürlich werden Sergey Brin und Larry Page erwähnt. Weissberg versucht sich noch an einer Beschreibung kleiner “Kabäuschen, hell verglast statt grau stoffbespannt wie anderswo” und verbrät, was man über Google sonst noch so weiss. Der Dialog mit Teo ist eindeutig das Witzigste.

Die Golan Cowboys (07.03.2008). Der Artikel ist eine Übersetzung, bei der leider so vieles schief ging, dass eine Besprechung hier kaum in Frage kommt. So etwa die Einführung der Golanhöhen als “ein Gebiet, welches das Ziel hitziger Debatten um das Eigentumsrecht ist” oder der wunderbare Schlussatz:

“Die Cowboys leben ihr Leben - jeden Morgen neu.”

Gut immerhin, die Idee aus dem selten genutzten Fundus fremdsprachiger Reportagen zu schöpfen.

Im Sawiri-Land (08.03.2008). Ins Bergdorf Andermatt, wo der Ägypter Samih Sawiri eine riesige Tourismus-Anlage plant, führt Hanspeter Bundi - einer, der ohne Frage Reportagen schreiben kann. Doch in seiner Blick-Reportage stolpert man zuerst einmal - und zwar über den Imperfekt. Warum schildert er seinen Besuch in Andermatt bloss in der Vergangenheit?

Kaum ist man über diesen Stolperstein hinweg, findet man sich verwirrt. Eigentlich kündigt sich mit jedem Absatz eine lange, ausladende Reportage an - doch die ist zu Ende, kaum hat sie begonnen. Mit gut 7000 Zeichen ist Sawiri-Land die bislang längste Blick-Reportage, doch das ist für diese Geschichte zu wenig.

“‘Er war hell begeistert, als er an jenem Anend heimkam’, sagte mir Regula Zopp, seine Frau, die in Gurtnellen aufgewachsen ist, wo die Berge eng und dunkel beieinander stehen. Ich traf sie im Stall, der mitten in der gleissenden Ebene steht. Regula Zopp kauerte hinter den Kühen, setzte die Saugnäpfe der Melkmaschine an, und während sie sprach, strich sie fein über das Euter der Tiere, damit die Milch leichter fliesse.”

Beobachten, das kann Bundi. Premiere auch des “Ichs”.

Ballett-Traum (10.03.2008). Karin Baltisberger verfolgt das Casting von fünf 11- bzw. 12-Jährigen in der Tanz Akademie Zürich. Interessant ist das eigentlich nur dort, wo gegen Clichés verstossen wird:

“‘Eines Tages kam Thierry heim: ‘Mami, ich will ins Ballett.’ Karin Jaquemet, studierte Landwirtin aus Dielsdorf, schluckte leer. [...] Einen Monat später trainierte er mit lauter Mädchen. [...] Die bodenständige Mutter mit Kurzhaarschnitt und blauem Faserpelzpulli holt tief Luft [...]. ‘Ich dachte nur: brotlose Kunst. Ein Pilot oder Arzt wäre mir lieber gewesen. [...] ‘Meine Tochter spielt Fussball auf hohem Niveau. Wir sind jetzt halt die Familie mit den komischen Kindern.’”

Gut geschrieben, für die Lokalberichterstattung sogar exzellent, über die Zürcher Seefeldstrasse hinaus aber vier Fünftel zu lang.

Jobben im Callcenter (11.03.2008). “Callcenter heisst die Käfighaltung von Angestellten. Eingestellt ist man schnell. Ich habe es versucht.” Hatte nicht Günther Wallraff eben dies vor einen Jahr schon getan? Muss ich mir diese Geschichte - aus Schweizer Perspektive selbstverständlich - nochmals antun? Es tut weniger weh als gedacht.

Dies liegt vor allem an Matthias Pfanders Tempo, mit dem er die einfache Story schnörkellos zu Ende bringt. “‘Man muss gut drauf sein, um Erfolg zu haben’, sagt die Personalverantwortliche. ‘Aber wir ziehen den Kunden nicht über den Tisch.’” Zuerst gehts bergauf (”Meine Quote ist nach dem ersten Tag beeindruckend: 10 Prozent”), dann bergab (”Meine Quote [...] liegt bei null.”) aber das ist jetzt egal: “Ich habe gekündigt”.

Kein Engagement, weder für die Täter noch für die Opfer.

Fazit: Soviel also nach einer Woche Blick-Reportage. Im Einzelnen selten Qualität, viel Belanglosigkeit aber dennoch eine überraschende Vielfalt, Mut zum Experiment. Jeder Text ist eine “echte” Reportage mit Vor-Ort-, Personen- und Sach-Ebene. Mit Dialog (Weissberg), Details (Bundi), Ausland, Lokalem, mit einem Selbstversuch.

Ich wünsche den Reportagen generell mehr (soziales) Engagement und Hanspeter Bundi mehr Glück mit der geforderten Kürze. Zum regelmässigen Blick-Leser bin ich allerdings nicht konvertiert.

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