Umzug

20. January 2008

Neben mir türmen sich Kartonschachteln. “Büro”, “Fotos”, “Gold Standard”, “Küche - Schneidmasch.”, “Estrich”. Auf den geerbten Kisten vermischen sich die Beschriftungen von mindestens drei verschiedenen Umzügen. Unserer war wohl der kürzeste - rund achthundert Meter weit nach Osten. Kein Anlass für eine Reportage. Darum hier ein anderer Umzug.

Über tausend Menschen sind ab 2005 aus Otzenrath im nordrhein-westfählischen Braunkohlerevier nach Neu-Otzenrath umgezogen, rund viereinhalb Kilometer weit in nördlicher Richtung (wenn man Googles Geographie Glauben schenkt). Alt-Otzenrath wie es mittlerweilen heisst, “musste dem Tagebau weichen”.

Während das vollständig neu aus dem Boden gestampfte Neu-Otzenrath medial noch kaum dokumentiert ist (nur wenige aber eindrückliche Bilder), wurden über die letzten Monate dutzende von Reportagen über den immer einsameren und zerfallenden ursprüngliche Ort geschrieben, geknippst und gedreht.

Ein Beispiel ist die vierteilige Reportage von Marie van Bilk vom Herbst 2005. Es lebten damals noch “ungefähr 17 Menschen” in Otzenrath. Eine von ihnen ist Inge Broska, die ihr Haus kurzerhand zum Hausmuseum erklärt hatte:

“‘Damals haben wir mit ganz Vielen aus dem Dorf gegen den Tagebau gekämpft und es waren nahezu 95% dagegen und die gingen auch alle immer zu den Versammlungen [...]. Doch der Widerstand der bröckelte ab, nicht nur weil die Leute nicht mehr kämpfen wollten, sondern weil die einfach …vielleicht…’ Inge stoppt [...].”

Das minutiös aufgezeichnete Gespräch hat Längen aber auch einige Glanzlichter. Zum Thema Rekultivierung meint Inge Broska:

“‘[...] das Zurücknehmen durch die Natur ist [...] eine Sackgasse. Jetzt muss man auch sagen, dass diese Rekultivierung, wovon ja auch gesprochen wird, eine ganz ekelhafte und langweilige Sache ist. Das ist eine Monokultur aus aufgeschütteten Trümmern und Pappeln.’”

Oder zur Art, wie die Menschen Abschied nehmen:

“‘Meistens sind es Männer, die fotografieren und die Frauen sitzen im Auto und weinen. Das hab ich nicht nur einmal gesehen, bisher.’ [...] ‘Neulich hab ich gesehen, wie der Baggerführer seine eigene Wohnung abgerissen hat. Der hat sehr betreten geguckt, das muss ich schon sagen.’”

Einen Besuche mit der Kamera hat (unter zahlreichen anderen) Olaf Köster dem Ort abgestatten, den letzten im Januar 2007. Keine Gespräche, dafür genaue Beobachtungen.

Gespeichert unter Gesellschaft, Reportage | |

Leave a reply


  • Pages

  • Letzte Beiträge

  • Archiv

  • Suche

  • Meta

  •