China von unten
17. December 2007
Nachdem Peter Haffner China letzthin im Westen suchte, bringt Lettre international in seiner neuesten Ausgabe drei Reportagen von Liao Yiwu, einem Lastwagenfahrer, Strassenmusikant, Schriftsteller, Reporter und immer wieder verhafteten Intellektuellen.
Liao Yiwu führt in den 1990er-Jahren unter dem Pseudonym “Lao Wei” 72 Gespräche mit “einfachen Menschen”. Bisher sind nur zwölf davon auf Französisch und einige wenige auf Englisch erschienen. Im April ist eine englische Buchausgabe geplant.
Die drei Texte im Lettre sind paraktisch komplett als Dialog verfasst. Im ersten besucht Liao Yiwu (ein “älterer Herr”, wie er sich selbst bezeichnet) ein “sogenanntes Pub”. Dort spricht ihn ein 18-jähriges “Fräulein” an:
“‘Mein Herr, ist hier noch frei?’
‘Bitte, wie Sie möchten.’
‘Ob ich mich setzen kann?’
‘Der Platz ist frei, setzen Sie sich!’
‘Das ist doch eine Ansage, dann setz’ ich mich halt. Bestellen Sie mir bitte eine Flasche Bier. Ich ein Jiashibo.’
‘Ich soll Ihnen ein Bier bestellen? Ich kenne Sie doch gar nicht.’
‘Du hast mich doch eingeladen, noch zehn Minuten, und wir sind alte Bekannte. Ich sehe nicht schlecht aus, bekäme sicher neun von zehn Punkten. Und wenn jemand wie du sich alleine in einer Diskobar umschaut, heißt das dann nicht, daß er ein hübsches Mädchen kennenlernen möchte?’”
In diesem Tempo geht der Dialog weiter. Das “Fräulein Hallo” - so der Titel der online nur als Auszug erhältlichen Geschichte - entpuppt sich übrigens nicht als Animierdame, nicht als Prostituierte.
“‘Ich bin vor dem Fernseher gross geworden. [...] Mit 15 wurde ich eins der Mädchen in den Coiffeur-Salons, ich habe viele Männer getroffen, doch mit denen ist es nie zu was gekommen [...] mit sechzehneinhalb, bin ich mit einem Mann zusammengezogen, weil die Miete für zwei ein wenig billiger war.’”
Im zweiten Text unterhält sich Liao Yiwu mit dem Klomanager Zhou Minggui, im dritten mit dem Tagelöhner Zhao Er. Die Menschen, die Liao Yiwu porträtiert leben elend, doch die Gespräche sind voller Witz und Ironie. Manchmal liegt es an einer heraufbeschworenen Erinnerung an bessere Zeiten, manchmal überrascht der Gesprächsverlauf.
Von der Form her handelt es sich trotz dem durchgehenden Dialog nicht um Interviews. Es sind weder Statements noch Einschätzungen oder Berichte von Ereignissen, die Liao Yiwu erfragt. Die Texte gehen eher als Porträts durch oder als Reportagen im Stil von Truman Capotes “Konversationsporträts”. Ich wünsche mir undbedingt mehr davon - hoffentlich übersetzt Hans Peter Hoffmann noch weitere Texte Liao Yiwus ins Deutsche.
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China liegt im Westen
3. December 2007
Peter Haffner fährt mit dem Containerschiff MSC Texas von Longbeach in Kalifornien durch den Pazifik nach Xiamen im Südosten Chinas. Die Überfahrt dauert zwei Wochen, in denen Haffner, Amerika-Korrespondent für das Magazin des Tagesanzeigers, 50 Zeitungsartikel über China liest, die er aus der New York Times ausgeschnitten hat.
Daneben parliert er mit dem Kapitän des Schiffs, “Master” Horst Trümper, mit dem ersten Offizier Udo Wölms, mit dem zweiten Offizier Elron Jiongco, mit Lars Hoffsommer dem vierten, mit Jefferson Patriarca, dem Steward und mit, Siegried Küter und Holger Wust, ihres Zeichens erster und zweiter Ingenieur. Die übrigen der 25 Männer zählenden Besatzung (Offiziere aus Deutschland, Mannschaft von den Filippinen) kommen nicht zu Wort. Auch nicht die “‘Kellergeister’, ‘Ölfüsse’ oder ‘Schwarzen’, wie sie im Jargon genannt werden”, die im Maschinenraum wirken.
Doch es wird allgemein nicht viel geredet auf der Reise “per Frachtschiff in die Zukunft“: Von 12′500 Wörtern (inkl. Teile II & III) sind gerade mal 68 direkte Rede. Dafür gibt es einige intensive Bilder. So das Ablegen von Oakland am frühen Morgen:
“Wie Scherenschnitte standen die Portalkrane vor dem Himmel, der am Horizont in Pastelltönen von orange und blau aufglühte. Das Ende der golden Gate Bridge, auf die wir zusteuerten, verschwand im Nebel, der träge von den Hügeln fingerte und in den ersten Sonnenstrahlen schimmerte wie Zuckerwatte. [...] Vor uns lag die grösste Wassermasse des Planeten, graugrün, stahlblau, endlos unter dem hellgrauen Himmel.”
Die Reise ist ein Ort der Reflexion, der Meditation: “Wie die Wüste und das ewige Eis wird auch der Ozean zum Spiegel der Seele; da muss man mit sich allein sein können.” Dieser Eindruck der Abgeklärtheit wird verstärkt durch die Vergangenheit als Erzählzeit und durch die grossen Luftbilder, die jede Folge in der gedruckten Ausgabe eröffnen (je eine Aufnahme der Hafenanlagen von Long Beach, von einem Containerschiff auf grosser tükisblauer Fläche und vom Hafen Hongkongs).
Die einheitliche, sachliche Perspektive der Luftbilder suggeriert Objektivität, veranschaulicht die einebnende Globalisierung, um die es eigentlich in dem Artikel geht. Seine Zeitungslektüre führt Haffner zum Schluss, dass “das amerikanische Jahrhundert wirklich zu Ende gegangen ist und das chinesische begonnen hat.”
Und auch die anschliessende Reise nach Shanghai bestärkt ihn in diesem Schluss:
“Wie ich mit all diesen Studenten redete, wurde mir klar, wie stark das Gefühl in China ist, eine Renaissance der Geschichte zu erleben – die Rückkehr zu historischer Grösse.”
Europa - so Haffners Analyse - habe eben erst begonnen, China überhaupt wahrzunehmen. Haffner hingegen lebt in Kalifornien, im Goldenen Westen, dort “wo vom Computer über die Fitnessmoden bis zum Web 2.0 die Zukunft immer wieder neu erfunden” wird. Und dort spürt man, dass weiter im Westen, am anderen Ende des Pazifiks “China aus dem Windschatten der Weltgeschichte in deren Zentrum rückt.”
Uns dies mitzuteilen ist Haffners Ziel. Und er tut dies auf eine suggestive, eindringliche Art. Der Artikel ist mit langen Faktenblöcken durchsetzt - mindestens 50% - doch sind diese so elegant eingefädelt, dass man sie in einem Zug herunter schluckt. Sie sind auch leicht verdaulich, da sie ausnahmslos glatt ins Schema vom chinesischen Überholmanöver hineinpassen.
Die Reise selbst ist dagegen mehr eine Inszenierung als dass sie Gegenstand der Analyse wäre. Die Episoden sind knapp gehalten, gewürzt mit Witz, Abenteuer und Erotik. Etwas gar plump sind die beiden Kliffhänger, die jeweils bis zur nächsten Folge in einer Woche die Spannung aufrecht erhalten sollen:
“Schliesslich fragte sie [eine ältere Dame in einem kalifornischen Gesundheitszentrum] mich, ob ich beabsichtige, in China Sex zu haben. Es war, wie sich herausstellen sollte, eine sehr vernünftige Frage.” (von Teil I zu Teil II)
“Dann kam ein halbes Dutzend Mädchen in einem nagelneuen Kleinbus angefahren; junge Dinger mit tiefsitzenden Jeans…’I can change clothes for you!’” (von Teil II zu Teil III)
Ganz distinguiert und gleichzeitig begeisternd dagegen der Schluss:
“Den letzten Tag vor der Rückkehr nach Kalifornien verbracht ich im Shanghai Art Museum. Es zeigte eine Werkschau von Chen Jialing. [...] Die Bilder atmeten jene meditative Stille, wie man sie in den Gemälden eines Mark Rothko findet. [...] Wenn die Kunst eines fremden Landes einen so zu bezaubern vermag, dachte ich, hat das Land als Ganzes gewonnen. [...] Ich dachte an meine jungen Freunde [...]. Sie hatten recht, es war Zeit, Chinesisch zu lernen - die Sprache der Neuen Welt.”
Ich kann nicht leugnen, dass ich Peter Haffners Reportage mit Vergnügen gelesen habe. Trotzdem möchte ich nicht unbedingt mehr davon. Ich verdanke Haffner keine neuen Einsichten. Er ist nicht von Kalifornien nach China gefahren, um genau hinzuschauen, mir dem Leser die Augen zu öffnen. Er hat vielmehr inszeniert, was vom Schreibtisch aus schon gewusst werden konnte.
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