Uigurische Odyssee
17. November 2007
Erwin Koch erzählt im Magazin des Tagesanzeigers die Geschichte von fünf Uiguren:
- Abu Bakr Qassim, Sattler aus der Stadt Gulja
- Adel Abdulhekim, Händler aus Gulja
- Akdhar Qasem Basit aus Gulja
- Ahmed Adil aus Kashgar
- Ayub Haji Mohammed aus Kashgar
Niemandsmenschen lautet der merkwürdige Titel. Man denkt Niemandsland. Und so sieht es auf einigen der Bilder aus, die Philippe Dudouit in einer albanischen Kaserne gemacht hat. Entwurzelt, so wirken die Gesprächsfetzen dieser Reportage. Der erste kommt überraschend nach den ersten zwei Sätzen, die erzählen, dass der Uigure Abu Bakr seine schwangere Frau zurücklässt:
“Wann?, fragt sie.
Bald, sagt er, 31 Jahre alt, und geht.”
Man hat Mühe sich zu orientieren, in dieser Geschichte. Daran sind die vielen Namen schuld, die vielen Stränge, die vielen Orte. Und die Tatsache, dass die Gesprächssituation selbst völlig ausgeblendet ist. Man kann nur vermuten, dass das Gespräch - oder sind es fünf einzelne Gespräche? - irgendwann im Sommer 2007 in Babru, Albanien stattgefunden hat.
Dieser Dialog soll in Torbaz, Kirgisien stattgefunden haben, zwischen Abu Bakr und einem Landsmann:
“Meine früheste Erinnerung [...] ist, dass ich als Kind immer nur alte Kleider trug, weil wir kein Geld hatten. Ich trug Kleider mit Löchern bis 1985, als ich in der Lederfabrik der Chinesen zu arbeiten begann.
Und meine früheste Erinnerung, erzählt Adel[...], ist, dass ich mich, auf der Suche nach Schafen, in den Bergen verirrte, drei Tage lang, und dabei fast erfroren bin.”
Das Gespräch wird unterbrochen von Abu Bakrs Frau:
“Zwillinge!, zwei Knaben!”
Dann erzählt Abu Bakr weiter - ob seinem Landsmann oder dem Reporter, man weiss es nicht genau:
“Meinen Vater [...] schlossen die Chinesen zwei Jahre lang ins Gefängnis, weil sie ihn beim Beten erwischten. Sie hängten ihn an die Decke, machten Feuer unter seinen Füssen.”
Man tut dem Text Gewalt an, ihn so auseinanderzustückeln. Dies vor allem, weil er in Kochs fast liturgischem Stil geschrieben ist. Rhythmisch, mit absichtsvoll gesetzten Schnitten. Hier trotzdem kurz die weitere Handlung:
Als Folge des Versuchs, in die Türkei zu gelangen, überqueren die beiden Uiguren am 26. Juli 2001 die Grenze nach Afganistan, reisen weiter in ein Dorf, in dem nur Uiguren leben, “am Fuss einiger Berge, die Tora Bora heissen”.
Dort treffen die beiden auf Akdhar Qasem Basit aus Gulja und Ahmed Adil aus Kashgar.
Am 11. oder 12. Oktober 2001 wird die Gruppe von insgesamt 30 Männern von amerikanischen Bomben getroffen. Es überleben 17.
Es schliesst sich ihnen der fünfte Schicksalsgenosse, Ayub Haji Mohammed an.
“Ich bin [...] auf dem Weg nach Amerika, um dort Arzt zu werden. In Pakistan sagten sie mir, besser, du gehst nach Afghanistan.”
Nach dem Bombenangriff irren die Überlebenden durch Kälte und Schnee, landen schliesslich wieder in Pakistan, wo sie sich aus Angst vor einer Auslieferung an China als Usbeken ausgeben und schliesslich für 5000 Dollar an die Amerikaner verkauft werden. Man bringt sie zurück nach Afganistan:
“Wer wir wirklich sind, verraten wir nur den Amerikanern, flüstert Abu Bakr.” (Denn: “Wir sind Uiguren, Freunde Amerikas, weil Feinde der Chinesen”).
“Über dem Gefängnis weht die Fahne der USA.
Unsere Rettung, sagt Abu Bakr.
Sprichst du Englisch?
Nein.
Warum sprichst du kein Englisch, du Hurensohn?
Wir sind Uiguren, geflohen aus China, wir sind keine Terroristen, wir lieben Amerika, wir sind auf eurer Seite.
Ich bin auf dem Weg nach Amerika, weint Ayub, der Jüngste, um dort Arzt zu werden.
Nach Amerika wirst du kommen, lacht ein Soldat.”
Sie kommen bis Guantanamo. Dort werden sie verhört:
“Denkst du, die Welt wäre besser, wenn sie islamisch wäre?
Nein.”
Demütigungen:
“Ein Soldat schenkt Ayub, dem Jüngsten, einen Apfel, Ayub trägt ihn in den Käfig, ein Wärter findet den Apfel, am Apfel fehlt der Stiel. Wo ist der Stiel?, schreit der Wärter.
Wo ist der Stiel, du Hurensohn, was hast du gottverdammt mit dem Stiel gemacht, wo hast du den Stiel versteckt?
Achtundzwanzig Tage Einzelhaft.”
Man erkennt ihre Unschuld:
Ein Rechtsanwalt aus Boston [...] darf Abu Bakr und Adel besuchen, [...er] trifft sie in einer Sperrholzhütte ohne Fenster, Hände und Füsse an einen Bolzen gekettet, der tief im Boden steckt. Der Anwalt, fast zufällig, erfährt, dass die beiden von allen Vorwürfen längst befreit sind, keiner hat es den Uiguren je gesagt. [...] Abu Bakr ruft seine Frau an, er weiss nichts zu reden, sie weint. Die Zwillinge sind fünf Jahre alt.”
Kein Land will die Uiguren aufnehmen. Schliesslich erteilt Albaniens Ministerpräsident Berisha die Einreiseerlaubnis. Am Rand von Tirana werden die Uiguren in einer alten Kaserne untergebracht.
“Einmal tritt ein Vertreter des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen UNHCR in den Hof und fragt, wie es gehe.
Wir sterben aus Langeweile.
Dafür ist Albanien zuständig, sagt der Mann.”
Es gibt keine Entschuldigung, keine Wiedergutmachung, keine Unterstützung. Es ist ein Skandal.
Trotzdem zielt Erwin Kochs Reportage nicht auf Empörung. Roger Willemsens “Hier spricht Guantánamo” hat mich viel wütender gemacht. Vielleicht liegt es daran, dass ich da noch unwissender war.
“Niemandsmenschen” lässt einem mit dem Wunsch zurück, diesen Menschen zu helfen. Das hat Human Rights Watch getan (dort heisst Adel Abdulhekim offenbar “Abel Abdu al´Hakim”) und man kann die Organisation finanziell unterstützen.
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