Die Schach-Uni am Dupont-Kreisel

18. November 2007

Ende September 2007 erschien im Wasington Post Magazin ein Porträt über Tom Murphy, einen obdachlosen Schachexperten (trotz seines unsteten Lebenswandel trennen ihn nur 108 Punkte von der magischen Grenze von 2200 Punkten, die zum Tragen des Titels eines Schachmeisters berechtigen).

Murphy’s Heimat ist der Dupont-Kreisel in Washington, D.C., wo auf zehn Betontischen und -bänken im Freien Schach gespielt wird.

Der Autor Wells Tower besucht Murphy über Wochen in Washington, reist mit ihm nach New York an ein Schachturnier im Marshall Chess Club und ans World Open in der Nähe von Philadelphia. Der Artikel ist hervorragend.

Das hat sich vermutlich auch Uwe Schmitt, Amerika-Koresondent der Welt gedacht und am 12. November 2007 mit “Das Genie von der Strasse” nachgezogen. Drei Wochen nach dem Artikel in der Post stöbert er Murhpy am Dupont-Kreisel auf, sammelt eine Handvoll Zitate, vermischt sie mit ein paar Betrachtungen über Schach und Hollywood (ohne jeden Zusammenhang) und fasst im weiteren den Artikel von Wells Tower zusammen. Sein einziger Verdienst ist, mich auf das Original gebracht zu haben.

The Days and Knights of Tom Murphy” hingegen ist nicht nur gut recherchiert und beobachtet, es zeigt Schach auch als soziales Phänomen. So etwa der Hinweis auf den plötzlichen Hipe nach dem Sieg von Bobby Fischer über den Russen Boris Spassky von 1972 (stilisiert zum ‘Wettkampf der Systeme’). Das wachsende Interesse bei den Afroamerikanern bis zum ersten schwarzen Grossmeister Maurice Ashley. Sein Potenzial Klassengrenzen aufzubrechen, wie in diesem Ausschnitt:

“With night coming on, Murphy made his way north to a brownstone on West 10th Street, home of the Marshall Chess Club, where the tournament was taking place. Upstairs, players sat at red leather benches, hunched intently over pre-tournament scrimmages. The Marshall had the comforting aroma of an old library. A venerable, lacquered chess table sat before the fireplace. ‘Bobby Fischer played the Capablanca Memorial Tournament on this table,’ read the inscription. Above the mantel hung a framed series of portraits of the Marshall’s members from 1922, which included the surrealist painter Marcel Duchamp. ‘A lot of history here,’ Murphy mused.

All sorts of people were on hand for the tournament: kids who were so small they looked as if they were drowning in their clothes; gawky teenagers with glinting braces; elderly balding men who looked like chicken magnate Frank Perdue; and elderly bespectacled men who looked like Noam Chomsky. Women and girls were at a minimum — two, by my count, in a crowd of 50 or so. Three African Americans had turned out, including Murphy, who was clearly the only street hustler in the house.”

Oder man fiebert mit Murphy mit, wie er einen arroganten Teenager bezwingt. Unbedingt empfehlenswert!

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Uigurische Odyssee

17. November 2007

Erwin Koch erzählt im Magazin des Tagesanzeigers die Geschichte von fünf Uiguren:

  • Abu Bakr Qassim, Sattler aus der Stadt Gulja
  • Adel Abdulhekim, Händler aus Gulja
  • Akdhar Qasem Basit aus Gulja
  • Ahmed Adil aus Kashgar
  • Ayub Haji Mohammed aus Kashgar

Niemandsmenschen lautet der merkwürdige Titel. Man denkt Niemandsland. Und so sieht es auf einigen der Bilder aus, die Philippe Dudouit in einer albanischen Kaserne gemacht hat. Entwurzelt, so wirken die Gesprächsfetzen dieser Reportage. Der erste kommt überraschend nach den ersten zwei Sätzen, die erzählen, dass der Uigure Abu Bakr seine schwangere Frau zurücklässt:

“Wann?, fragt sie.
Bald, sagt er, 31 Jahre alt, und geht.”

Man hat Mühe sich zu orientieren, in dieser Geschichte. Daran sind die vielen Namen schuld, die vielen Stränge, die vielen Orte. Und die Tatsache, dass die Gesprächssituation selbst völlig ausgeblendet ist. Man kann nur vermuten, dass das Gespräch - oder sind es fünf einzelne Gespräche? - irgendwann im Sommer 2007 in Babru, Albanien stattgefunden hat.

Dieser Dialog soll in Torbaz, Kirgisien stattgefunden haben, zwischen Abu Bakr und einem Landsmann:

“Meine früheste Erinnerung [...] ist, dass ich als Kind immer nur alte Kleider trug, weil wir kein Geld hatten. Ich trug Kleider mit Löchern bis 1985, als ich in der Lederfabrik der Chinesen zu arbeiten begann.
Und meine früheste Erinnerung, erzählt Adel[...], ist, dass ich mich, auf der Suche nach Schafen, in den Bergen verirrte, drei Tage lang, und dabei fast erfroren bin.”

Das Gespräch wird unterbrochen von Abu Bakrs Frau:

“Zwillinge!, zwei Knaben!”

Dann erzählt Abu Bakr weiter - ob seinem Landsmann oder dem Reporter, man weiss es nicht genau:

“Meinen Vater [...] schlossen die Chinesen zwei Jahre lang ins Gefängnis, weil sie ihn beim Beten erwischten. Sie hängten ihn an die Decke, machten Feuer unter seinen Füssen.”

Man tut dem Text Gewalt an, ihn so auseinanderzustückeln. Dies vor allem, weil er in Kochs fast liturgischem Stil geschrieben ist. Rhythmisch, mit absichtsvoll gesetzten Schnitten. Hier trotzdem kurz die weitere Handlung:

Als Folge des Versuchs, in die Türkei zu gelangen, überqueren die beiden Uiguren am 26. Juli 2001 die Grenze nach Afganistan, reisen weiter in ein Dorf, in dem nur Uiguren leben, “am Fuss einiger Berge, die Tora Bora heissen”.

Dort treffen die beiden auf Akdhar Qasem Basit aus Gulja und Ahmed Adil aus Kashgar.

Am 11. oder 12. Oktober 2001 wird die Gruppe von insgesamt 30 Männern von amerikanischen Bomben getroffen. Es überleben 17.

Es schliesst sich ihnen der fünfte Schicksalsgenosse, Ayub Haji Mohammed an.

“Ich bin [...] auf dem Weg nach Amerika, um dort Arzt zu werden. In Pakistan sagten sie mir, besser, du gehst nach Afghanistan.”

Nach dem Bombenangriff irren die Überlebenden durch Kälte und Schnee, landen schliesslich wieder in Pakistan, wo sie sich aus Angst vor einer Auslieferung an China als Usbeken ausgeben und schliesslich für 5000 Dollar an die Amerikaner verkauft werden. Man bringt sie zurück nach Afganistan:

“Wer wir wirklich sind, verraten wir nur den Amerikanern, flüstert Abu Bakr.” (Denn: “Wir sind Uiguren, Freunde Amerikas, weil Feinde der Chinesen”).

“Über dem Gefängnis weht die Fahne der USA.
Unsere Rettung, sagt Abu Bakr.
Sprichst du Englisch?
Nein.
Warum sprichst du kein Englisch, du Hurensohn?
Wir sind Uiguren, geflohen aus China, wir sind keine Terroristen, wir lieben Amerika, wir sind auf eurer Seite.
Ich bin auf dem Weg nach Amerika, weint Ayub, der Jüngste, um dort Arzt zu werden.
Nach Amerika wirst du kommen, lacht ein Soldat.”

Sie kommen bis Guantanamo. Dort werden sie verhört:

“Denkst du, die Welt wäre besser, wenn sie islamisch wäre?
Nein.”

Demütigungen:

“Ein Soldat schenkt Ayub, dem Jüngsten, einen Apfel, Ayub trägt ihn in den Käfig, ein Wärter findet den Apfel, am Apfel fehlt der Stiel. Wo ist der Stiel?, schreit der Wärter.
Wo ist der Stiel, du Hurensohn, was hast du gottverdammt mit dem Stiel gemacht, wo hast du den Stiel versteckt?
Achtundzwanzig Tage Einzelhaft.”

Man erkennt ihre Unschuld:

Ein Rechtsanwalt aus Boston [...] darf Abu Bakr und Adel besuchen, [...er] trifft sie in einer Sperrholzhütte ohne Fenster, Hände und Füsse an einen Bolzen gekettet, der tief im Boden steckt. Der Anwalt, fast zufällig, erfährt, dass die beiden von allen Vorwürfen längst befreit sind, keiner hat es den Uiguren je gesagt. [...] Abu Bakr ruft seine Frau an, er weiss nichts zu reden, sie weint. Die Zwillinge sind fünf Jahre alt.”

Kein Land will die Uiguren aufnehmen. Schliesslich erteilt Albaniens Ministerpräsident Berisha die Einreiseerlaubnis. Am Rand von Tirana werden die Uiguren in einer alten Kaserne untergebracht.

“Einmal tritt ein Vertreter des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen UNHCR in den Hof und fragt, wie es gehe.
Wir sterben aus Langeweile.
Dafür ist Albanien zuständig, sagt der Mann.”

Es gibt keine Entschuldigung, keine Wiedergutmachung, keine Unterstützung. Es ist ein Skandal.

Trotzdem zielt Erwin Kochs Reportage nicht auf Empörung. Roger Willemsens “Hier spricht Guantánamo” hat mich viel wütender gemacht. Vielleicht liegt es daran, dass ich da noch unwissender war.

“Niemandsmenschen” lässt einem mit dem Wunsch zurück, diesen Menschen zu helfen. Das hat Human Rights Watch getan (dort heisst Adel Abdulhekim offenbar “Abel Abdu al´Hakim”) und man kann die Organisation finanziell unterstützen.

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Norman Mailer gestorben

12. November 2007

Norman Mailer war nicht nur ein bedeutender und engagierter amerikanischer Schriftsteller, er ist auch Autor verschiedener Reportagen. Die berühmteste, “The Armies of the Night“, ist eine autobiographische Erzählung in der dritten Person und handelt von einem der grössten Protestmärsche gegen den Vietnam-Krieg, den sogenannten Marsch aufs Pentagon im Oktober 1967 (Textpassage in: Ann Charters, The Portable Sixties Reader, 2003).

Norman Mailers Reportagen gehören zusammen mit Arbeiten von Truman Capote, Hunter S. Thompson, Tom Wolfe und anderen zum Grundstock des New Journalism.

Norman Mailer ist am 10. November 2007 in New York gestorben. Er war 84 Jahre alt.

Nachrufe in der Süddeutschen und in der New York Times.

Ausschnitt aus “The Fight” (pdf) in der NYT vom  3. August 1975.

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Urlaub im Iran

3. November 2007

Sonja Zekri hat vierzehn Tage Urlaub gemacht im Iran. Dabei hat sie gleich auch noch eine Reise-Reportage geschrieben: Jenseits von Mullah-City: Als Frau durch Iran:

“Doch, es gibt einen Moment, in dem man froh über das Kopftuch ist. Es sind 48 Grad zu Füßen von Tschora Sanbil, dem stummelartigen Überbleibsel einer 3250 Jahre alten mesopotamischen Stufenpyramide [...]. Am Morgen, in den Ruinen von Schusch, kam die Hitze von oben.

Jetzt am Nachmittag strahlt sie von allen Seiten. Jeder Halm, jedes Staubkorn glüht, und die Luft atmet sich wie flüssiges Blei.

Ja, in diesem Moment sind wir froh über das Kopftuch [...].

Den Rest der Zeit ist der Hidschab das, was man vermutet: Der Kompromiss, den eine Touristin eingeht, um ein Land zu besuchen, dessen Ideologie reisende Frauen ohne männliche Verwandte eigentlich nicht vorsieht [...].”

Damit ist der Rahmen gesetzt für den Bericht über eine zufällige Reise zwischen Schusch, Yazd, Schiras, Bischapur, Isfahan, Qom (die exakte Reihenfolge ist unwichtig und hat sich mir nicht erschlossen). Sonja Zekri spielt mit Klischees vom Iran (repressiv, gefährlich, diskriminierend, lustfeindlich) und kratzt an deren Oberfläche:

“Boxenstop in Bischapur, einer Ruinenstadt in einem Flusstal. [...] Unten, am Ufer, herrscht Camping-Stimmung. Die Jugend tobt im Wasser, die Mädchen baden in Hose und Bluse, die nass mehr enthüllen als sie verbergen, über einem Leitungsrohr hängt ein Kopftuch.”

“Auf dem Dach [...] drängeln sich die jungen Leute auf den bettartigen Riesensofas. Die Mädchen rauchen Wasserpfeife. Im ersten Stock spielt eine Blondine Billard.”

“Der Fahrer hatte mit den Mullahs noch nie etwas im Sinn und schätzt ein kühles Bier, obwohl das eine umständliche Sache ist.”

“In Isfahan kann man Safran-Eis essen und von eleganten Brücken zusehen, wie sich die Jugend in schwimmenden Schwänen Seeschlachten liefert. [...] Plötzlich taucht aus dem Nichts eine Verschleierte auf und weist Frauen mit einem glatten Lächeln auf verrutschte Kopftücher hin. [...] Dann spuckt die Kulisse dieses Sommerabends eine zweite Verschleierte aus, schließlich einen Polizisten, der betreten guckt. Ein paar Worte werden gewechselt, dann führt er die Mädchen ab, flankiert von den Frauen wie von schwarzen Krähen.”

Oder diese Stelle über das erzkonservative Qom, die “Mullah-City”. Ali Abdi und seine Freundin Niuscha sammeln Unterschriften:

“Die Kampagne will die haarsträubendsten Gesetze ändern: dass das Schmerzensgeld für Frauen nur halb so hoch ist wie jenes für Männer; dass die Aussagen von Frauen vor Gericht nur halb so viel zählen wie jene von Männern; dass Mädchen ab 13 Jahren verheiratet werden dürfen; das Scheidungsrecht; die Polygamie. ‘400 Frauen und Männer sammeln seit einem Jahr Unterschriften’, sagt Ali Abdi, ‘unser Ziel ist eine Million.’ Wie viele haben Sie bis jetzt? - ‘Die genaue Zahl ist ein Geheimnis.’ - Sind Sie nah dran? - ‘Nein.’” (mehr dazu bei Wikipedia)

Diese Episode gegen Ende des Artikels lässt fast vergessen, dass man hier eine Journalistin im Urlaub begleitet. Diesen Umstand mach erst der Schluss etwas abrupt wieder deutlich:

“Aber nichts, was man aus dem Iran mitnehmen kann, ist so verwirrend wie das Gefühl, sich gut erholt zu haben.”

Hmm, so könnte man sich doch eigentlich guten Bürgerjournalismus vorstellen. Journalismus gewissermassen im Nebenjob. Das ist keine Herabwürdigung Sonja Zekris Arbeit, im Gegenteil (einige Plattitüden verzeiht man: “die Ziegel des Ziggurat würden schmelzen, wenn sie könnten”, “Auf den ersten Blick passt vieles nicht zusammen in Iran. Auf den zweiten auch nicht.”).

Mehr über den Iran: Steinigung im Iran

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Egon Erwin Kisch Preis 2008

2. November 2007

Der Stern und das Verlagshaus Gruner + Jahr teilen mit, dass der Wettbewerb für den Henri Nannen Preis 2008 eröffnet sei. Der Preis wird in fünf Kategorien verliehen, darunter auch für die beste Reportage. Bis 2005 hiess dieser noch Egon Erwin Kisch Preis, was ich eigentlich sympathischer finde. Verliehen wird er - so die Ankündigung - am 9. Mai 2008 im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, zu gewinnen gibt es 5′000 Euro.

“Bis zum 15. Januar 2008 können” - so die Medienmitteilung weiter - “Journalisten und Leser Texte und Fotostrecken einreichen, die im Jahr 2007 in deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht worden sind.”

Diese Einladung an die Leserschaft ist ja löblich - allerdings sind die Hürden leider ziemlich hoch:

  1. Das Anmeldeformular gibt es nur als Download (pdf oder rtf). Einmal ausgefüllt muss man es per Post nach Hamburg schicken. Wie wär’s mit einem Online-Formular?
  2. Zusammen mit dem ausgedruckten und ausgefüllten Formular muss man den Originalartikel einschicken. Kein Problem, ich habe ja immer eine Reserve vorrätig…
  3. “Zusätzlich bitte sechs Ausfertigungen des veröffentlichten Textes (möglichst ohne Fotos) einreichen”. Kein Kommentar.
  4. Jetzt muss ich nur noch Namen, Vornamen, Strasse, Postleitzahl, Ort, Telefon, Fax - und ach wie modern - Email - nicht meiner selbst, nein, des Autors eintragen.

Ja, ich glaube die wollen wirklich unbedingt meine Meinung erfahren. Oder etwa doch nicht?

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