Der Schuh einer Frau

19. October 2007

Hansjörg Schertenleib porträtiert im Magazin des Zürcher Tagesanzeigers einen Schuh-Fetischisten. Um es gleich vorweg zu nehmen: “Der Mann, dem die Welt zu Füssen liegt“, wie der Titel genau verkehrt herum für den Artikel wirbt, dieser Mann bleibt merkwürdig unfassbar. Vielleicht ist das gewollt, bewusste Anonymisierung:

“Nein, ich werde Andreas H. nicht beschreiben. Er möchte nicht fotografiert werden, warum sollte er sich da beschreiben lassen? Er sieht aus wie tausend andere Männer seines Alters [vierzig, höchstens fünfzig] auch. Er ist ein Jedermann.”

Oder Schertenleib hat Hemmungen näher hinzusehen:

“[Er ist ein] Mann, der als Besitzer einer kleinen Druckerei vorbildlich funktioniert und durch nichts auffällt, ein Mann, in dem gleichzeitig aber ein anderer Mann auf seine Befreiung wartet [...].”

“‘Manchmal fürchte ich, dass mich meine Obsession irgendwann dazu bringt, richtig zu entgleisen.’ Was er mit ‘richtig entgleisen’ meine, frage ich. ‘Das ist es ja, was mir Angst macht: dass ich nicht weiss, was das heisst, richtig entgleisen.’”

Die Gewöhnlichkeit, die Schertenleib so herausstreicht und aus der Andreas H.’s obsessives Verhalten ausbricht, bleibt für mich abstrakt. Die Obsession ihrerseits ist und bleibt mir fremd. Ich kann mir kein Bild machen von diesem Andreas H., was bei einem Porträt einigermassen fatal ist. Es findet keine Identifikation statt. Was übrig bleibt ist die Lust an der Sensation. Die Technik, wenn man dem so sagen will, erinnert mich an das Verfahren, mit dem man am Fernsehen den Umriss von Interiewpartnern nur ganz grob gepixelt wiedergibt. Gleiche Parallele bezüglich Rezeption.

Eine Ausnahme ist diese kurze Anekdote:

“‘Als Kinder haben mein Bruder und ich jeden Mittwoch und jeden Samstag gebadet. Danach durften wir uns zu unserer Mutter ins Elternbett legen, und sie hat uns Geschichten vorgelesen. Mein Bruder hat sich in ihren Arm geschmiegt, ich rollte mich zu ihren Füssen zusammen. Ich erinnere mich, dass ich meine Augen nicht von ihren Füssen lassen konnte und sie angefasst und gestreichelt und dabei sexuelle Lust empfunden habe.’”

Um diese Distanziertheit zu vermeiden und gleichwohl die Anonymität des Fetischisten zu schützen, hätte Schertenleib näher an dessen Sprache dran bleiben müssen, z.B. mit Dialogen. Oder er hätte den Ort, an dem Andreas H. die Objekte seiner Begierde aufbewahrt genauer beschreiben können:

“Andreas H. hat die Mansarde mit deckenhohen Regalen ausgestattet, auf denen er seine riesige Schuhsammlung aufgebaut hat, Schuh neben Schuh, mit dem Lineal ausgerichtet, ‘geordnet nach Höhe der Absätze, ohne auf Material, Farbe oder Schuhtyp Rücksicht zu nehmen’. Bis auf die Regale mit den Schuhen und eine Matratze ist das Zimmer, das noch niemand anders betreten hat denn er selbst, leer.

Das ist alles an Beschreibung. Keine Details, keine Gerüche, Geräusche, nichts. Es scheint, dass Schertenleib sich nicht selbst in dieser Mansarde aufgehalten hat und sie sich auch nicht genauer hat beschreiben lassen.

Hansjörg Schertenleib hat viele Bücher geschrieben (von denen ich keines gelesen habe). Ich bin mir sicher, dass er die Techniken beherrscht, mit denen man aus dem Bericht über Andreas H. ein echtes Porträt, eine Reportage hätte machen können. Schade, dass er es nicht tut.

Gespeichert unter Das Magazin, Gesellschaft, Reportage | |

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