Blaue Augen in Mügeln
29. October 2007
Am 19. August 2007 kommt es im sächsischen Mügeln zu einer Schlägerei. Acht Inder werden von einem aggressiven Mob verfolgt. Rechtsextreme rufen “Ausländer raus” und auch “Hier regiert der nationale Widerstand”. Kai Biermann schreibt in der Zeit kurz darauf eine Reportage. Im Oktober 2007 war Biermann abermals in Mügeln, zusammen mit der Antirassismus-Trainerin Manuela Ritz. Titel dieser Reportage: “Wer schweigt, scheint zuzustimmen“.
Formal ist der Text keine Glanzleistung. Es gibt nur zwei Szenen: eine als Einstieg (Manuela Ritz steht vor dem Mügelner Kinderheim, in das ihre Mutter sie einst eingeliefert hatte) und eine halbe als es darum geht, das Antirassismustraining zu beschreiben. Die aus Amerika übernommene Methode heisst blue-eyed und funktionerte im konkreten Fall so:
Die Klasse 9a der Goethe-Schule wird in Blauaugen und Braunaugen eingeteilt, wobei die Braunaugen Privilegien geniessen, die Blauaugen dagegen von den drei erwachsenen Trainern willkürlich diskriminiert und getrietzt werden. Die Braunaugen dürfen mitmachen, zuschauen oder sich für ihre Mitschüler wehren. Am Schluss werden die Erfahrungen von Diskriminierten und Privilegierten besprochen.
Der Text hat nur eine echte Protagonistin (Manuela Ritz), die nur oberflächlich porträtiert wird (eine gute Beobachtung, die aber nicht als Gegenbeweis genügt: “Sie geht durch die Straßen, eine kleine, aufrechte Frau mit stacheligen Dreadlocks und geradem Blick”).
Trotzdem ist “Wer schweigt, scheint zuzustimmen” eine lohnende Reportage. Hervorragend gefällt mir Kai Biermanns Herangehensweise. Ein Thema wurde in den nationalen Medien hundertfach breitgeschlagen (hier nur die Ergebnisse auf Spiegel Online). Das tönte ungefähr so:
“Unter Nazi-Parolen soll ein rasender Mob am Wochenende acht Inder durch das sächsische Mügeln gehetzt haben”
“‘Die Inder haben angefangen’, sagt Nils Zahsowk, 20, Vorsitzender des Mügelner Jugendclubs.”
“Die Behörden in Mügeln hatten Hinweise, dass Neonazis das Volksfest besuchen wollten.”
“Die Angriffe auf acht ihrer Landsleute im sächsischen Mügeln haben viele Inder beunruhigt.”
“Knapp zwei Wochen nach der Hetzjagd auf acht Inder im sächsischen Mügeln ermittelt die Staatsanwaltschaft inzwischen gegen zwölf Tatverdächtige.”
“Mehr als hundert Zeugen haben sie vernommen - doch noch immer haben die Ermittler kein klares Bild, warum das Stadtfest in Mügeln vor rund einem Monat in einem Gewaltexzess endete.”
“Zwei Monate nach den Übergriffen auf acht Inder im sächsischen Mügeln hat die Staatsanwaltschaft Leipzig zwei Männer angeklagt.”
Die Berichte gehen reihum zur Polizei, zu Augenzeugen, zum Bürgermeister, zu den Opfern, den Tätern, der Staatsanwaltschaft, zu den gewöhnlichen Bürgern, etc.
Und endlich kommt nun einer, der versucht zu den Ursachen vorzustossen und vielleicht sogar eine Therapie zu insinuieren (über dieses Thema gibt es bei der Zeit eine lange Diskussion). Und er tut das nicht abstrakt mit Expertenwissen, sondern vor Ort. Mit einer selbst von Rassismus Betroffenen (Manuela Ritz’ Vater ein kenianischer Austauschstudent).
Engagierter Journalismus, den ich gerne lese.
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Der Schuh einer Frau
19. October 2007
Hansjörg Schertenleib porträtiert im Magazin des Zürcher Tagesanzeigers einen Schuh-Fetischisten. Um es gleich vorweg zu nehmen: “Der Mann, dem die Welt zu Füssen liegt“, wie der Titel genau verkehrt herum für den Artikel wirbt, dieser Mann bleibt merkwürdig unfassbar. Vielleicht ist das gewollt, bewusste Anonymisierung:
“Nein, ich werde Andreas H. nicht beschreiben. Er möchte nicht fotografiert werden, warum sollte er sich da beschreiben lassen? Er sieht aus wie tausend andere Männer seines Alters [vierzig, höchstens fünfzig] auch. Er ist ein Jedermann.”
Oder Schertenleib hat Hemmungen näher hinzusehen:
“[Er ist ein] Mann, der als Besitzer einer kleinen Druckerei vorbildlich funktioniert und durch nichts auffällt, ein Mann, in dem gleichzeitig aber ein anderer Mann auf seine Befreiung wartet [...].”
“‘Manchmal fürchte ich, dass mich meine Obsession irgendwann dazu bringt, richtig zu entgleisen.’ Was er mit ‘richtig entgleisen’ meine, frage ich. ‘Das ist es ja, was mir Angst macht: dass ich nicht weiss, was das heisst, richtig entgleisen.’”
Die Gewöhnlichkeit, die Schertenleib so herausstreicht und aus der Andreas H.’s obsessives Verhalten ausbricht, bleibt für mich abstrakt. Die Obsession ihrerseits ist und bleibt mir fremd. Ich kann mir kein Bild machen von diesem Andreas H., was bei einem Porträt einigermassen fatal ist. Es findet keine Identifikation statt. Was übrig bleibt ist die Lust an der Sensation. Die Technik, wenn man dem so sagen will, erinnert mich an das Verfahren, mit dem man am Fernsehen den Umriss von Interiewpartnern nur ganz grob gepixelt wiedergibt. Gleiche Parallele bezüglich Rezeption.
Eine Ausnahme ist diese kurze Anekdote:
“‘Als Kinder haben mein Bruder und ich jeden Mittwoch und jeden Samstag gebadet. Danach durften wir uns zu unserer Mutter ins Elternbett legen, und sie hat uns Geschichten vorgelesen. Mein Bruder hat sich in ihren Arm geschmiegt, ich rollte mich zu ihren Füssen zusammen. Ich erinnere mich, dass ich meine Augen nicht von ihren Füssen lassen konnte und sie angefasst und gestreichelt und dabei sexuelle Lust empfunden habe.’”
Um diese Distanziertheit zu vermeiden und gleichwohl die Anonymität des Fetischisten zu schützen, hätte Schertenleib näher an dessen Sprache dran bleiben müssen, z.B. mit Dialogen. Oder er hätte den Ort, an dem Andreas H. die Objekte seiner Begierde aufbewahrt genauer beschreiben können:
“Andreas H. hat die Mansarde mit deckenhohen Regalen ausgestattet, auf denen er seine riesige Schuhsammlung aufgebaut hat, Schuh neben Schuh, mit dem Lineal ausgerichtet, ‘geordnet nach Höhe der Absätze, ohne auf Material, Farbe oder Schuhtyp Rücksicht zu nehmen’. Bis auf die Regale mit den Schuhen und eine Matratze ist das Zimmer, das noch niemand anders betreten hat denn er selbst, leer.
Das ist alles an Beschreibung. Keine Details, keine Gerüche, Geräusche, nichts. Es scheint, dass Schertenleib sich nicht selbst in dieser Mansarde aufgehalten hat und sie sich auch nicht genauer hat beschreiben lassen.
Hansjörg Schertenleib hat viele Bücher geschrieben (von denen ich keines gelesen habe). Ich bin mir sicher, dass er die Techniken beherrscht, mit denen man aus dem Bericht über Andreas H. ein echtes Porträt, eine Reportage hätte machen können. Schade, dass er es nicht tut.
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Reportage-Werkzeuge
15. October 2007
Roy Peter Clark hat vor einigen Jahren bei Poynter Online 50 grundlegende Schreibwerkzeuge vorgestellt und erklärt (online nur noch über Archive.org vollständig erreichbar - dafür gibt es sie neu auch als Buch). Als begeisterter Fan der Writing Tools bin ich die Liste nochmals durchgegangen mit der Frage: Welche sind speziell gute Reportagenwerkeuge? Hier sind sie - es sind ganze 8 (zusammen mit einigen Textausschnitten):
- Dig for the concrete and specific: the name of the dog. [...] In St. Petersburg, editors and writing coaches warn reporters not to return to the office without “the name of the dog.” [...] It reminds the reporter to keep her eyes and ears opened.
- Reveal character traits. [...] Watch people’s behavior, appearance, and speech. Write down the character adjectives that come to mind: obnoxious, affectionate, caring, confused. Now write down the specific details that led you to those conclusions.
- Narrative Opportunities. [...] Journalists [...] too often [...] write dull reports. [...] Reports convey information. Stories create experience. [...] The report points us there. The story puts us there.
- Quotes differ from dialogue. [...] The report points us there. The story puts us there. [...] Quotes are ‘about’ the action, not ‘in’ the action. [...] dialogue presents the reader with a form of action.
- Writing Cinematically. 1. Aerial view; 2. Establishing shot: The writer stands back to capture the setting; 3. Middle distance: The camera moves closer to the action, close enough to see the key players and their interaction. 4. Close-up: The camera gets in the face of the subject, close enough to detect [...] the full range of human emotions; 5. Extreme close-up: This writer focuses on an important detail that would be invisible from a distance.
- Report for scenes; place them in sequence. Tom Wolfe argues that realism, in fiction or non-fiction, is built upon “scene-by-scene construction, telling the story by moving from scene to scene and resorting as little as possible to sheer historical narrative.”
- Foreshadow climactic events. Plant important clues early in the story. [...] In dramatic literature, this technique is sometimes referred to as Chekov’s Gun. In a letter he penned in 1889, Russian playwright Anton Chekov wrote: “One must not put a loaded rifle on the stage if no one is thinking of firing it.”
- Good questions drive good stories. [...] This narrative strategy is so powerful it needs a name, and Tom French has given it one. He calls it “the engine” of the story. [...] Reports must anticipate the reader’s questions and answer them. [...] Storytellers take these questions to a narrative level, creating in the reader a curiosity that can only be quenched by reaching the end of the story.
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