Familie Bokassa
6. September 2007
Der Artikel wird im Zeit-Magazin Leben angekündigt als “erste von vier Reportagen über ‘Globale Familien’”. Auf dem Titelbild sieht man Jean-Bédel Bokassa auf einem vier Meter hohen Thron sitzen, einem vergoldeten Greifvogel. Papa Bokassa regierte die Zentralafrikanische Republik von 1966 bis 1979. Der Freund von Idi Amin stand wegen Kanibalismus und anderen Verbrechen vor Gericht. Nach einer Amnestie kam er frei und starb vor elf Jahren friedlich bei sich zu Hause in Bangui.
Papa Bokassa zeugte dutzende Nachkommen - wie viele weiss niemand genau. Ihnen ist Stefan Willekes Reportage “Des Kaisers viele Kinder” gewidmet. Im Zentrum steht Sohn Jean-Serge Bokassa, den er in Bangui besucht:
“Das Erste, was man von Bokassa sieht, sind seine Assistenten. ‘Geben Sie mir Ihren Pass’, sagt einer, der sich Protokollchef nennt. ‘Er wartet hinten im Ehrensaal’, sagt ein anderer, ‘wo ist Ihr Koffer?’ Auf dem Gepäckband im Flughafen von Bangui drehen sich die Metallkisten mit den Jagdgewehren von Franzosen und Belgiern [...].”
So fängt Willeke an. Was folgt ist eine bei flüchtigem Lesen verwirrende Verflechtung von Portrait-Elementen über Jean-Serge Bokassa (”Seine Worte klingen weich und rund. Vorsichtig lächelt er”), flüchtigen Eindrücken der Stadt Bangui und anderer Reiseziele (”vorbei an winkende Jungen, die echte Handykarten und falsche Pässe anbieten”) , Rückblicke auf die Regierungsjahre Jean-Bédel Bokassas (”Er [der Sohn Jean-Serge] sagte nicht, dass Papa seinen Thron mit Hermelinfellen polstern liess”), ein Besuch bei Jean-Barthélémy Bokassa in Paris (”Er braucht Stoff für seine nächste Episode, in seinem Weblog“), bei Martine Bokassa auf Korsika (”[ihr] erster Ehemann wurde von Männern getötet, die ihren Vater stürzen wollten.”), eine Konversation mit Kiki Bokassa in Beirut.
Verwirrung als Stilmittel ist riskant, aber hier ist sie geglückt. Die Familie Bokassa tritt mit individuellen unterscheidbaren Gesichtern auf. Doch beim Lesen bringt man Namen, Verwandtschaftsbeziehungen, Generationen und Orte immer wieder durcheinander. Es entsteht das Bild von einem Kollektiv. Zugespitzt wird diese Verwirrung selbst Thema in dieser Szene bei einem Besuch in Kolongo:
“Hier stand früher eine Villa des Herrschers. Romeo und Julia hießen die beiden Löwen, die der Kaiser mit Regimegegnern fütterte. ‘Das erzählen sich die Leute, aber ich habe davon nichts mitbekommen’, sagt der Sohn.
In einer überwucherten Ruine baut sich Jean-Serge Bokassa unter dem Deckengemälde eines napoleonischen Adlers auf. Scharen von Kindern sammeln sich um ihn, aber keines von ihnen wagt, die Stille durch ein vorlautes Wort zu gefährden, bis es der vornehme Herr von sich aus tut. ‘Ich bin Jean-Serge Bokassa.’ Die Kinder sehen ihn staunend an. Woher sollen sie ihn kennen? Sein Vater war schon tot, als sie geboren wurden. [...] ‘Ich bin Bokassa’, sagt er, und das ist das Einzige, was er den Kindern mitgibt, einen interessanten Namen.
Als er drei Tage später dorthin zurückkehrt, rennen ihm die Kinder schon entgegen. [...] Die Kinder haben die Nachricht zu den Erwachsenen gebracht: Ein Mann mit dem Namen Bokassa war hier, genau unter dem Adler. Alles wirbelt jetzt wild durcheinander, das Gestern und das Heute, hundert Hände greifen nach Bokassa, und einem alten Mann aus der Siedlung wird vor Aufregung schwindlig. Selig krächzt er: ‘Der Kaiser ist zurück.’”
Den Abschluss macht Willeke mit einer Reihe von Statements von zentralen Figuren, womit er diese nochmals Revue passieren lässt :
“‘Er macht langsam, was Papa schnell machte’, sagt seine Schwester auf Korsika, ‘er macht politisch, was Papa militärisch machte.’ ‘Sein Vater war beispiellos’, sagt der weisse Geschichtenerzähler in Paris, ‘aber auch er ist schon sehr gut.’ ‘Er hat mir geschrieben, er plane etwas Wichtiges’, sagt seine Schwester in Beirut, ‘aber ich weiss nicht, was.’”
Und ganz zuletzt spricht nochmals wie am Anfang ein Assistent:
“‘Ich schlage vor, wir einigen uns jetzt auf 200 Dollar’, sagt sein Kommunikationsberater. “
Stefan Willeke hat bereits zweimal den Egon-Erwin-Kisch-Preis gewonnen. 2003 mit “Der Herr der Pleiten” und 2005 mit “Herr Mo holt die Fabrik“.
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