Biedere Bohrinsel

28. September 2007

Der Reporter David Hugendick besucht die Bohrinsel Mittelplate in der Nordsee. Sein Text mit dem Titel “Ölrausch im Watt” ist in der Zeit vom 26. September 2007 zu lesen.

Ölrausch - was für ein irreführender Titel! In dieser Reportage gibt es keinen Rausch (auch nicht im wörtlichen Sinne - siehe weiter unten) und kaum Öl. Hier die einzige ölige Stelle, die ich finden konnte:

“Rauchen ist nur in der ‘Schweinebox’ erlaubt, einer kleinen Kammer neben der Tür zum stickigen Bohrkeller. Dort strömt das 60 Grad heiße Öl aus der Tiefe.”

(Warum ausgerechnet hier geraucht werden darf, ist mir ein Rätsel - doch das nur am Rande). Am ehesten gibt es Öl in diesem Text als ätherische Essenz:

“Stahl, Stahl, Stahl, wohin man schaut. Rohre winden sich, Metalltreppen schmiegen sich an Container, wuchtige Muttern ragen aus Ecken hervor, und von oben brummt das Bohrgestänge. Süßlicher Öldunst beschwert die Seeluft.”

Statt eines schmutzigen, verschmierten und lärmenden Kolosses dies:

“Blumen stehen auf dem Empfangstresen, das helle Linoleum gemahnt an ein Hotelfoyer.”

Man trägt Filzpantoffeln. Und am Donnerstag gibts “Eisparty von 20.45 – 21.15″. Keinen Alkohol und anspruchslose Hausmannskost.

“Leise Musik dudelt in der Kantine. Es riecht nach Schmorbraten, Bratkartoffeln und Spülmaschinendampf. Männer in blauen Anzügen laden sich ihre Teller voll und stellen sie auf die Plastiktischdecken. Schichtende. Wenige reden, die meisten sind geschafft. Alleine sitzt Daniel Francke [ein mitreisender Elektriker] da und guckt auf ein [...] Bild an der Wand.”

Der Kontrast zwischen meinen Vorstellungen einer Ölplattform und dem Berichteten könnte grösser nicht sein. Was gibt es Schöneres, als Vorurteile über den Haufen zu werfen! Doch es scheint, als habe der Autor die Einladung gar nicht bemerkt. Die kleinen Detailbeschreibungen sprechen zwar ganz getreu von dieser biederen, aseptischen Flughafenatmosphäre, die auf Mittelplate offenbar herrscht. Doch sie wirken zufällig, ertrinken fast in den vielen Zahlen über Ausmasse, Fördermengen, Bohrtiefe, Ölpreise, Investitionskosten, etc.

Die Zitate - ganz besonders der aufgefangene Dialog - wirken zudem künstlich:

“‘In welcher Zeit sind wir?’, fragt Bohrmeister Mahn.
‘Das Gestein? Kreide, glaub ich’, antwortet ein Kollege.
‘Wann sind noch mal die Dinosaurier ausgestorben?’
‘Vor 100 Millionen Jahren, Hartmut?’
‘Wir haben in der Kreidezeit doch mal einen Knochen gefunden, oder?’ Der Bohrmeister lacht. “

Sprechen diese Menschen wirklich so? Oder posieren sie vor dem Reporter?
Insgesamt - obwohl gut beobachtet und nicht schlecht geschrieben: eine verpasste Chance!

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Selbstversuch am Matterhorn

19. September 2007

Nach einer Nacht in der Hörnlihütte bricht Christoph Zürcher zusammen mit hundert anderen Alpinisten morgens um halb vier auf zur Besteigung des Matterhorns. Fünfhundert Menschen sind bei diesem Unterfangen seit 1865 schon gestorben. Doch Christoph Zürcher kehrt zum Glück lebendig zurück und schreibt eine Reportage: Ernstfall am Matterhorn, erschienen in der Sonntagszeitung vom 9. September 2007.

Eigentlich ist das schon alles. Sinnlos, eine Zusammenfassung zu schreiben. Doch der Text ist ein Vergnügen. Der Rhythmus sitzt, die Spannung hält, die Schnitte sind hart, die Effekte drastisch. Hier ein kleines Beispiel:

“Ich klammere mich an den Felsen. Meine Kraft schwindet. Schnell. Handlungsbedarf ist offensichtlich. Den linken oder den rechten Fuss bewegen? Die rechte oder die linke Hand? Aber wohin?! Rauf? Runter? Aber vor allem: Wie? Oder ist es nicht doch das Beste, alles so zu lassen, wie es ist? Zumindest bis dieses verdammte Bein nicht mehr so zittert? Das Matterhorn ein Spaziergang?! Ha! Dann rutscht mein Fuss ins Leere.”

Dann sechs lange Abschnitte mit historischen Exkursen bis zur Antwort auf die Frage der Bergsteigerin:

“‘Alles o. k.?’”

Die Antwort kann man sich ausmahlen. Weiter kurvt der Text selbstironisch von Pointe zu Pointe. Nicht jede ist gleich geschmackvoll (”Habe mich selten mit dem Vorschlag einer Frau so einverstanden erklären können” - naja… Die guten seien hier nicht verschenkt - doch es hat einige!).

Schliesslich noch ein Beleg fürs Drastische:

“Wer durch die Ostwand stürzt, schlägt, bis er 1000 Meter weiter unten auf dem Gletscher angekommen ist, ein Dutzend Mal auf. Dabei wird den Unglücklichen nicht nur der Rucksack und der Helm abgerissen, sondern auch die Kleider. Alle. Sogar die Socken. ‘Ganz unten sind sie immer nackt’, sagt Lauber.
In den allermeisten Fällen fehlen den Verunglückten nach einem Sturz aber nicht nur alle Kleider, sondern auch Gliedmassen, [...]“

Insgesamt eine sprachlich und formal hervorragende kleine Reportage, auch wenn man vom Berg (”Die Walliser Alpen um diese Tageszeit, das ist ein Hodler-Gemälde.”), von der Bergsteigerin Bettina (”In der Schweiz gibt es fast 1500 Bergführer. Bergführerinnen gibt es gerade einmal 25.”) vom Hüttenwart Kurt Lauber (”…der Mann, der weiss, was alles schiefgehen kann, richtig schief”) oder gar vom Erzähler eigentlich nicht viel erfährt. L’art pour l’art.

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Familie Bokassa

6. September 2007

Der Artikel wird im Zeit-Magazin Leben angekündigt als “erste von vier Reportagen über ‘Globale Familien’”. Auf dem Titelbild sieht man Jean-Bédel Bokassa auf einem vier Meter hohen Thron sitzen, einem vergoldeten Greifvogel. Papa Bokassa regierte die Zentralafrikanische Republik von 1966 bis 1979. Der Freund von Idi Amin stand wegen Kanibalismus und anderen Verbrechen vor Gericht. Nach einer Amnestie kam er frei und starb vor elf Jahren friedlich bei sich zu Hause in Bangui.

Papa Bokassa zeugte dutzende Nachkommen - wie viele weiss niemand genau. Ihnen ist Stefan Willekes Reportage “Des Kaisers viele Kinder” gewidmet. Im Zentrum steht Sohn Jean-Serge Bokassa, den er in Bangui besucht:

“Das Erste, was man von Bokassa sieht, sind seine Assistenten. ‘Geben Sie mir Ihren Pass’, sagt einer, der sich Protokollchef nennt. ‘Er wartet hinten im Ehrensaal’, sagt ein anderer, ‘wo ist Ihr Koffer?’ Auf dem Gepäckband im Flughafen von Bangui drehen sich die Metallkisten mit den Jagdgewehren von Franzosen und Belgiern [...].”

So fängt Willeke an. Was folgt ist eine bei flüchtigem Lesen verwirrende Verflechtung von Portrait-Elementen über Jean-Serge Bokassa (”Seine Worte klingen weich und rund. Vorsichtig lächelt er”), flüchtigen Eindrücken der Stadt Bangui und anderer Reiseziele (”vorbei an winkende Jungen, die echte Handykarten und falsche Pässe anbieten”) , Rückblicke auf die Regierungsjahre Jean-Bédel Bokassas (”Er [der Sohn Jean-Serge] sagte nicht, dass Papa seinen Thron mit Hermelinfellen polstern liess”), ein Besuch bei Jean-Barthélémy Bokassa in Paris (”Er braucht Stoff für seine nächste Episode, in seinem Weblog“), bei Martine Bokassa auf Korsika (”[ihr] erster Ehemann wurde von Männern getötet, die ihren Vater stürzen wollten.”), eine Konversation mit Kiki Bokassa in Beirut.

Verwirrung als Stilmittel ist riskant, aber hier ist sie geglückt. Die Familie Bokassa tritt mit individuellen unterscheidbaren Gesichtern auf. Doch beim Lesen bringt man Namen, Verwandtschaftsbeziehungen, Generationen und Orte immer wieder durcheinander. Es entsteht das Bild von einem Kollektiv. Zugespitzt wird diese Verwirrung selbst Thema in dieser Szene bei einem Besuch in Kolongo:

“Hier stand früher eine Villa des Herrschers. Romeo und Julia hießen die beiden Löwen, die der Kaiser mit Regimegegnern fütterte. ‘Das erzählen sich die Leute, aber ich habe davon nichts mitbekommen’, sagt der Sohn.

In einer überwucherten Ruine baut sich Jean-Serge Bokassa unter dem Deckengemälde eines napoleonischen Adlers auf. Scharen von Kindern sammeln sich um ihn, aber keines von ihnen wagt, die Stille durch ein vorlautes Wort zu gefährden, bis es der vornehme Herr von sich aus tut. ‘Ich bin Jean-Serge Bokassa.’ Die Kinder sehen ihn staunend an. Woher sollen sie ihn kennen? Sein Vater war schon tot, als sie geboren wurden. [...] ‘Ich bin Bokassa’, sagt er, und das ist das Einzige, was er den Kindern mitgibt, einen interessanten Namen.

Als er drei Tage später dorthin zurückkehrt, rennen ihm die Kinder schon entgegen. [...] Die Kinder haben die Nachricht zu den Erwachsenen gebracht: Ein Mann mit dem Namen Bokassa war hier, genau unter dem Adler. Alles wirbelt jetzt wild durcheinander, das Gestern und das Heute, hundert Hände greifen nach Bokassa, und einem alten Mann aus der Siedlung wird vor Aufregung schwindlig. Selig krächzt er: ‘Der Kaiser ist zurück.’”

Den Abschluss macht Willeke mit einer Reihe von Statements von zentralen Figuren, womit er diese nochmals Revue passieren lässt :

“‘Er macht langsam, was Papa schnell machte’, sagt seine Schwester auf Korsika, ‘er macht politisch, was Papa militärisch machte.’ ‘Sein Vater war beispiellos’, sagt der weisse Geschichtenerzähler in Paris, ‘aber auch er ist schon sehr gut.’ ‘Er hat mir geschrieben, er plane etwas Wichtiges’, sagt seine Schwester in Beirut, ‘aber ich weiss nicht, was.’”

Und ganz zuletzt spricht nochmals wie am Anfang ein Assistent:

“‘Ich schlage vor, wir einigen uns jetzt auf 200 Dollar’, sagt sein Kommunikationsberater. “

Stefan Willeke hat bereits zweimal den Egon-Erwin-Kisch-Preis gewonnen. 2003 mit “Der Herr der Pleiten” und 2005 mit “Herr Mo holt die Fabrik“.

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