Passanten stecken den Soldaten eiskalte Limonade zu
9. August 2007
Ullrich Fichtner - Gewinner des Egon Erwin Kisch-Preises 2004 - war drei Wochen unterwegs mit amerikanischen Truppen im Irak. “Der höllische Frieden” heisst die Titelgeschichte im Spiegel vom 6. August 2007. In ihr kommt Fichtner zum Schluss, die Welt sei beim Thema Irak taub geworden für das Wort Frieden. In Wahrheit sei es den Amerikanern gelungen, vielerorts die Ordnung wiederherzustellen.
Wie kommt er zu diesem Schluss? Indem er auf 15 Seiten zehn Amerikaner sprechen lässt:
- Captain Ian Lauer, “Chef der Charlie-Kompanie” in Ramadi;
- General David Petraeus, “Anführer der Operation ‘Iraqi Freedom’”;
- Feldwebel Bobby Lightner, der wenig sagt, auf einem Bild dafür eine hellblaue Tür eintritt;
- eine amerikanische Krankenschwester, die Menthol-Marlboros raucht;
- Lieutenant Colonel Alfred Mycue: “Wissen Sie, ich bin etwas bayerisch, glaube ich”;
- Brigadekommandeur Colonel Rick Gibbs, “den sie ‘den Alten’ nennen”;
- Militärkaplan Doug Brown - “Heulet über Babel, bringt Balsam für seine Wunden”;
- US-Botschafter Ryan Crocker - “einer der besten Kenner des Nahen Ostens [...], und wenn sich einer auskennt in dieser Weltgegend, dann er”;
- Lieutenant Colonel Eric Welsh “der wie ein Skinhead aussieht, aber im Herzen ist er ein grosser Idealist”;
- Unteroffizier Joe Brown, der auf der Kühlerhaube eines Humvees “zur Feier des Lebens” einen “gellenden Triumpfschrei” ausstösst.
Auch drei Iraker werden gehört:
- Ali Chudeir, Geschäftsführer einer Baufirma in Ramadi, der schon mal ein Festmahl auftischt - “das ist bei [ihm] immer so, wenn die Amerikaner kommen”;
- Polizeioberst Mohammed Sahr al-Din, der “die lockeren Amerikaner” lobt;
- Oberstleutnant Ahmed Chalid, Chef der Anti-Terror-Abteilung: “Wir werden es diesen Analphabeten niemals erlauben, unser Land zu regieren”.
Dreimal lese ich den Satz “Es gibt Anlass zur Hoffnung”. Die ersten beiden Male ist es das Zitat von General Petraeus. Das dritte Mal macht sich Fichtner den Satz selbst zu eigen.
Fichtner schreibt auch: “der Terror schwächelt”. Oder: “Es ist ein Rennen im Gang, jeder Tag im irakischen Kalender ist ein historischer”. Und sogar: “Es wurden Helden geboren”.
Den Geschäftsmann Chudeir lässt er als Antwort auf die terroristische Bedrohung sagen: “Deshalb müssen die Amerikaner noch lange bleiben”.
Schreibt Fichtner PR für das Weisse Haus? Kann man sich “eingebettet” in die amerikanische Army überhaupt gegen eine solche Instrumentalisierung wehren? Die Befriedigung der Bush-Administration über eine solchen Berichterstattung dürfte jedenfalls gross sein - vielleicht sogar über jene im fernen Deutschland.
Denn General Petraeus und Botschafter Crocker müssen im September 2007 einen Bericht über den Irak abliefern, der als Basis dienen wird für den Entscheid über einen allfälligen Rückzug. Auch die Kolumne von zwei - wie sich später herausstellte wohl doch nicht so - liberalen Demokraten mit dem Titel “A War We Just Might Win” - erschienen am 30. Juli 2007 - kam da sicher wie gerufen.
Hat der Spiegel hier einen allgemeinen Meinungsumschwung der liberalen Medien ausgemacht, den man nicht verpassen wollte? Oder waren die Eindrücke aus dem friedlichen Ramadi - ehemals Hochburg des irakischen Widerstands - für Fichtner so stark?
Seine Hoffnung kulminiert in folgendem Bild:
“Der Platz vor der Moschee [...] füllt sich mit Menschen, das Freitagsgebet ist zu Ende. Kinder hängen sich wie Trauben an die US-Sldaten, sie zupfen an ihren Hosen, sie buhlen um Aufmerksamkeit, einen Blick, eine Süssigkeit, einen Dollar, sie schauen zu den grossen Fremden wie zu Göttern auf.
Die Amerikaner treffen in der Menge Bekannte, [...], sie werden umarmt und geküsst von bärtigen Männern, Passanten stecken ihnen eiskalte Limonadendosen zu, sie sagen ‘Thank you, Mister’.”
Kritischer ist da der britische Independent. Patrick Cockburn analysiert den Erfolg der Amerikaner in Ramadi (dem Hauptort der Provinz Anbar) so:
“Just as it was becoming evident in the US that the surge was not going anywhere very fast, there came good news from Anbar province in western Iraq. The Sunni tribes were rising against al-Qa’ida, which had overplayed its hand by setting up an umbrella organisation for insurgents called the Islamic State of Iraq. In Sunni areas, it was killing rubbish collectors on the grounds that they worked for the government, shooting women in the face because they were not wearing veils, and trying to draft one young man from each family into its forces. Sunni tribal militiamen backed by the US fought al-Qa’ida in insurgent strongholds such as Ramadi, and attacks on American troops there fell away dramatically. The US administration could portray this as a fresh turning-point.
The White House says it is too early to know if the surge is succeeding, and that it will wait for a security report due next month from General David Petraeus, the top US military commander in Iraq, and the US Ambassador to the country, Ryan Crocker.”
Ullrich Fichtners Reportage im Spiegel fehlt die kritische Distanz. Er glaubt, über die amerikanische Besatzung des Iraks berichten zu können, indem er sich mit den amerikanischen Truppen bewegt und ausschliesslich mit ihren Angehörigen und deren irakischen Freunden spricht. Als einzigen “Experten” zitiert er - den amerikanischen Botschafter. Mit der Bevölkerung kann er wegen der prekären Sicherheitslage - ein Widerspruch in sich - und weil er offenbar nur eine Fotografin und keinen Übersetzer bei sich hat, gar nicht sprechen. In dieser Situation kann man eine Reportage über die amerikanischen Truppen, nicht jedoch über die “Ordnung” im Irak schreiben.
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