*Name geändert
2. August 2007
Am 29. Juli 2005 stirbt ein 37jähriger Mann bei einem Verkehrsunfall. Er sass auf dem Beifahrersitz. Das Auto fuhr auf einer Überlandstrecke mit 25 Stundenkilometern hinter einem Traktor her, als die Fahrerin links abbog. Den schnell entgegenkommenden BMW auf der Gegenfahrbahn hatte sie nicht gesehen. Auf der Beifahrerseite wurde der Innenraum “bis zum Armaturenbrett” zusammengeschoben. Der Mann stirbt zwei Stunden später im Spital. Ein zweiter Fahrgast - er sass auf dem Rücksitz - kommt mit schweren Verletzungen davon. Die Fahrerin bleibt unverletzt.
Am 1. Juli 2007 erscheint im Ressort “Auto” der Süddeutschen ein Portrait von Anatol Munz über “Marie (Name geändert)” - die Frau, die damals am Steuer sass.
“Matthias (Name geändert) [...] wurde nur 37 Jahre alt, weil sie, Marie, eine Sekunde lang nicht aufgepasst hatte. Weil sie einen Wagen übersehen hatte [...]. Seitdem lebt Marie mit einer Schuld, mit der man eigentlich nicht lebe kann.”
Am 30. Juli 2007 erscheint in der Süddeutschen eine Replik von Andrea Bistrich:
“Als ich an jenem Wochenende die Zeitung aufschlug, war ich nicht vorbereitet. Niemand hatte mich gewarnt, niemand hatte mir gesagt, ‘pass auf, da gibt es einen Artikel, der dir nicht gut tun wird, lies ihn lieber nicht’. Schon nach den ersten Zeilen war kein Zweifel möglich: ‘Matthias’ war in Wirklichkeit Chris, mein Freund, mein Lebenspartner.”
“Unter 5361 tödlichen Verkehrsunfällen im Jahr 2005 war dieser Fall ausgewählt worden, stellvertretend für all die anderen. Ich dagegen fühle mich ‘zwangskonfrontiert’. Wieder musste ich mich gegen meinen freien Willen mit etwas auseinandersetzen, für das ich mich noch nicht bereit fühlte.”
“Chris’ Mutter ist fassungslos, als sie von dem Artikel erfährt. Sie weint und kann sich kaum beruhigen. ‘Darf man den Schmerz anderer so in die Öffentlichkeit tragen?’ Dabei könnte die Reportage ein wichtiger, ein lehrreicher Text für jeden von uns sein. [...] Doch wir Angehörigen waren die Vergessenen bei diesem Unfall, bei der Wiedergutmachung (es gab keine) und zuletzt auch in dem Zeitungsartikel.”
Die Replik von Andrea Bistrich hat mich berührt:
“Immer wieder rief ich ihn auf dem Handy an, nur um seine Stimme auf der Mailbox-Ansage zu hören: ‘Hallo, hier ist Chris. Nach dem Signal könnt ihr eine Nachricht hinterlassen.’” -
Aber auch irritiert. Zunächst einmal, weil der Text nicht wie ein Leserbrief geschrieben ist, sondern journalistisch. Diese Irritation ist schnell beseitigt: Andrea Bistrich ist Journalistin.
Doch mich irritiert noch mehr: Was genau stört sie an dem Porträt von Anatol Munz? Was hatte er falsch gemacht? Er hatte über den Tod eines Menschen geschrieben und dabei offenbar Gefühle verletzt.
Das Portrait basiert offensichtlich auf einer Begehung des Unfallorts mit der Verursacherin Marie. Daneben gibt es einen kurzen Auszug aus dem Polizeibericht - andere Quellen scheinen nicht auf.
Munz schreibt aus der Perspektive von Marie - es ist ein Portrait. Munz schildert das Allgemeine am Beispiel des Individuellen - eine verbreitete journalistische Praxis. Wie kann man da einklagen, es seien die Angehörigen vergessen gegangen?
Vielleicht, wenn man den Fall liest als einen von “5361 tödlichen Verkehrsunfällen im Jahr 2005″. Stellvertretend für alle Opfer steht hier ein Portrait über Marie.
Eine solche Lesart mag Empörung, Wut auslösen. Marie ist nicht das einzige Opfer. Chris - die unbestreitbare Hauptperson des Dramas - soll nicht allein aus Maries Erinnerung zu uns, den Lesern sprechen. Der Artikl von Munz wird dem Unfall in dieser Lesart nicht gerecht.
Doch für mich hat Munz lediglich danach gefragt, wie jemand damit umgeht, den Unfalltod eines Menschen verursacht zu haben. Das Portrait steht dabei nicht stellvertretend für all die vielen Menschen, die von den 5361 Verkehrsunfällen des Jahres 2005 direkt oder indirekt betroffen sind.
Die Replik von Andrea Bistrich verwirrt - und beeindruckt - aber vielleicht auch deshalb, weil sie offen und öffentlich über ihren Schmerz schreibt und auf den Schutz der Anonymität verzichtet. Sie klagt die “Zwangskonfrontation” an, Chris’s Mutter fragt sogar, ob man den Schmerz anderer so in die Öffentlichkeit tragen dürfe. Andrea Bistrich bekämpft Feuer mit Feuer und tritt selbst an die Öffentlichkeit.
Im Juli 2005 hatte Andrea Bistrich in Beirut den Nahost-Korespondenten des Independent interviewt, Chris fotografierte. Am 3. September erinnerte sich Robert Fisk an den Besuch - auch das ist öffentlich.
Wie viel Öffentlichkeit braucht es? Wie viel ist gut?
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