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27. August 2007
“Es gibt keine Worte” - so titelt die griechische Zeitung Eleftherotypia in ihrer Sonntagsausgabe auf schwarzem Cover und meint damit die Brände auf Evbia und der Halbinsel Peloponnes. Natürlich findet sie dann doch Worte für die Dutzenden Toten, die Hunderten Obdachlosen, für das Versagen der Feuerwehr, der Regierung.
Bei uns findet man in allen Medien sehr viele Bilder, aber relativ wenige Worte über die Ereignisse. Eine Ausnahme ist Gerd Höhler, er berichtet für den Tagesspiegel und den Spiegel vor Ort:
Ziellos stochert der 73-jährige Achilleas mit seinem Krückstock in der Asche herum. Das hier war die Küche seines kleinen Hauses. In der Ecke stehen die ausgeglühten Reste eines Gasherdes. Das Dach ist eingestürzt, verkohlte Balken und rußgeschwärzte Dachpfannen liegen auf dem Boden. “Alles ist verloren”, sagt der alte Mann resignierend, “das ist das Ende.” [...]
“Mein Haus ist abgebrannt, meine Olivenbäume sind Asche - warum ist die Feuerwehr nicht rechtzeitig gekommen?”
Die Analysen über die Ursachen der Brände sind die bekannten: Brandstifter, Bodenspekulanten, Hirten. Etwas aussergewöhnlich der Fokus auf das Versagen der Feuerwehr (die nicht über genügend Personal verfügt) und die Regierung (die als Feuerbekämpfer lieber Parteifreunde statt qualifizierte Fachleute eingestellt hat). In drei Wochen sind Wahlen.
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Passanten stecken den Soldaten eiskalte Limonade zu
9. August 2007
Ullrich Fichtner - Gewinner des Egon Erwin Kisch-Preises 2004 - war drei Wochen unterwegs mit amerikanischen Truppen im Irak. “Der höllische Frieden” heisst die Titelgeschichte im Spiegel vom 6. August 2007. In ihr kommt Fichtner zum Schluss, die Welt sei beim Thema Irak taub geworden für das Wort Frieden. In Wahrheit sei es den Amerikanern gelungen, vielerorts die Ordnung wiederherzustellen.
Wie kommt er zu diesem Schluss? Indem er auf 15 Seiten zehn Amerikaner sprechen lässt:
- Captain Ian Lauer, “Chef der Charlie-Kompanie” in Ramadi;
- General David Petraeus, “Anführer der Operation ‘Iraqi Freedom’”;
- Feldwebel Bobby Lightner, der wenig sagt, auf einem Bild dafür eine hellblaue Tür eintritt;
- eine amerikanische Krankenschwester, die Menthol-Marlboros raucht;
- Lieutenant Colonel Alfred Mycue: “Wissen Sie, ich bin etwas bayerisch, glaube ich”;
- Brigadekommandeur Colonel Rick Gibbs, “den sie ‘den Alten’ nennen”;
- Militärkaplan Doug Brown - “Heulet über Babel, bringt Balsam für seine Wunden”;
- US-Botschafter Ryan Crocker - “einer der besten Kenner des Nahen Ostens [...], und wenn sich einer auskennt in dieser Weltgegend, dann er”;
- Lieutenant Colonel Eric Welsh “der wie ein Skinhead aussieht, aber im Herzen ist er ein grosser Idealist”;
- Unteroffizier Joe Brown, der auf der Kühlerhaube eines Humvees “zur Feier des Lebens” einen “gellenden Triumpfschrei” ausstösst.
Auch drei Iraker werden gehört:
- Ali Chudeir, Geschäftsführer einer Baufirma in Ramadi, der schon mal ein Festmahl auftischt - “das ist bei [ihm] immer so, wenn die Amerikaner kommen”;
- Polizeioberst Mohammed Sahr al-Din, der “die lockeren Amerikaner” lobt;
- Oberstleutnant Ahmed Chalid, Chef der Anti-Terror-Abteilung: “Wir werden es diesen Analphabeten niemals erlauben, unser Land zu regieren”.
Dreimal lese ich den Satz “Es gibt Anlass zur Hoffnung”. Die ersten beiden Male ist es das Zitat von General Petraeus. Das dritte Mal macht sich Fichtner den Satz selbst zu eigen.
Fichtner schreibt auch: “der Terror schwächelt”. Oder: “Es ist ein Rennen im Gang, jeder Tag im irakischen Kalender ist ein historischer”. Und sogar: “Es wurden Helden geboren”.
Den Geschäftsmann Chudeir lässt er als Antwort auf die terroristische Bedrohung sagen: “Deshalb müssen die Amerikaner noch lange bleiben”.
Schreibt Fichtner PR für das Weisse Haus? Kann man sich “eingebettet” in die amerikanische Army überhaupt gegen eine solche Instrumentalisierung wehren? Die Befriedigung der Bush-Administration über eine solchen Berichterstattung dürfte jedenfalls gross sein - vielleicht sogar über jene im fernen Deutschland.
Denn General Petraeus und Botschafter Crocker müssen im September 2007 einen Bericht über den Irak abliefern, der als Basis dienen wird für den Entscheid über einen allfälligen Rückzug. Auch die Kolumne von zwei - wie sich später herausstellte wohl doch nicht so - liberalen Demokraten mit dem Titel “A War We Just Might Win” - erschienen am 30. Juli 2007 - kam da sicher wie gerufen.
Hat der Spiegel hier einen allgemeinen Meinungsumschwung der liberalen Medien ausgemacht, den man nicht verpassen wollte? Oder waren die Eindrücke aus dem friedlichen Ramadi - ehemals Hochburg des irakischen Widerstands - für Fichtner so stark?
Seine Hoffnung kulminiert in folgendem Bild:
“Der Platz vor der Moschee [...] füllt sich mit Menschen, das Freitagsgebet ist zu Ende. Kinder hängen sich wie Trauben an die US-Sldaten, sie zupfen an ihren Hosen, sie buhlen um Aufmerksamkeit, einen Blick, eine Süssigkeit, einen Dollar, sie schauen zu den grossen Fremden wie zu Göttern auf.
Die Amerikaner treffen in der Menge Bekannte, [...], sie werden umarmt und geküsst von bärtigen Männern, Passanten stecken ihnen eiskalte Limonadendosen zu, sie sagen ‘Thank you, Mister’.”
Kritischer ist da der britische Independent. Patrick Cockburn analysiert den Erfolg der Amerikaner in Ramadi (dem Hauptort der Provinz Anbar) so:
“Just as it was becoming evident in the US that the surge was not going anywhere very fast, there came good news from Anbar province in western Iraq. The Sunni tribes were rising against al-Qa’ida, which had overplayed its hand by setting up an umbrella organisation for insurgents called the Islamic State of Iraq. In Sunni areas, it was killing rubbish collectors on the grounds that they worked for the government, shooting women in the face because they were not wearing veils, and trying to draft one young man from each family into its forces. Sunni tribal militiamen backed by the US fought al-Qa’ida in insurgent strongholds such as Ramadi, and attacks on American troops there fell away dramatically. The US administration could portray this as a fresh turning-point.
The White House says it is too early to know if the surge is succeeding, and that it will wait for a security report due next month from General David Petraeus, the top US military commander in Iraq, and the US Ambassador to the country, Ryan Crocker.”
Ullrich Fichtners Reportage im Spiegel fehlt die kritische Distanz. Er glaubt, über die amerikanische Besatzung des Iraks berichten zu können, indem er sich mit den amerikanischen Truppen bewegt und ausschliesslich mit ihren Angehörigen und deren irakischen Freunden spricht. Als einzigen “Experten” zitiert er - den amerikanischen Botschafter. Mit der Bevölkerung kann er wegen der prekären Sicherheitslage - ein Widerspruch in sich - und weil er offenbar nur eine Fotografin und keinen Übersetzer bei sich hat, gar nicht sprechen. In dieser Situation kann man eine Reportage über die amerikanischen Truppen, nicht jedoch über die “Ordnung” im Irak schreiben.
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*Name geändert
2. August 2007
Am 29. Juli 2005 stirbt ein 37jähriger Mann bei einem Verkehrsunfall. Er sass auf dem Beifahrersitz. Das Auto fuhr auf einer Überlandstrecke mit 25 Stundenkilometern hinter einem Traktor her, als die Fahrerin links abbog. Den schnell entgegenkommenden BMW auf der Gegenfahrbahn hatte sie nicht gesehen. Auf der Beifahrerseite wurde der Innenraum “bis zum Armaturenbrett” zusammengeschoben. Der Mann stirbt zwei Stunden später im Spital. Ein zweiter Fahrgast - er sass auf dem Rücksitz - kommt mit schweren Verletzungen davon. Die Fahrerin bleibt unverletzt.
Am 1. Juli 2007 erscheint im Ressort “Auto” der Süddeutschen ein Portrait von Anatol Munz über “Marie (Name geändert)” - die Frau, die damals am Steuer sass.
“Matthias (Name geändert) [...] wurde nur 37 Jahre alt, weil sie, Marie, eine Sekunde lang nicht aufgepasst hatte. Weil sie einen Wagen übersehen hatte [...]. Seitdem lebt Marie mit einer Schuld, mit der man eigentlich nicht lebe kann.”
Am 30. Juli 2007 erscheint in der Süddeutschen eine Replik von Andrea Bistrich:
“Als ich an jenem Wochenende die Zeitung aufschlug, war ich nicht vorbereitet. Niemand hatte mich gewarnt, niemand hatte mir gesagt, ‘pass auf, da gibt es einen Artikel, der dir nicht gut tun wird, lies ihn lieber nicht’. Schon nach den ersten Zeilen war kein Zweifel möglich: ‘Matthias’ war in Wirklichkeit Chris, mein Freund, mein Lebenspartner.”
“Unter 5361 tödlichen Verkehrsunfällen im Jahr 2005 war dieser Fall ausgewählt worden, stellvertretend für all die anderen. Ich dagegen fühle mich ‘zwangskonfrontiert’. Wieder musste ich mich gegen meinen freien Willen mit etwas auseinandersetzen, für das ich mich noch nicht bereit fühlte.”
“Chris’ Mutter ist fassungslos, als sie von dem Artikel erfährt. Sie weint und kann sich kaum beruhigen. ‘Darf man den Schmerz anderer so in die Öffentlichkeit tragen?’ Dabei könnte die Reportage ein wichtiger, ein lehrreicher Text für jeden von uns sein. [...] Doch wir Angehörigen waren die Vergessenen bei diesem Unfall, bei der Wiedergutmachung (es gab keine) und zuletzt auch in dem Zeitungsartikel.”
Die Replik von Andrea Bistrich hat mich berührt:
“Immer wieder rief ich ihn auf dem Handy an, nur um seine Stimme auf der Mailbox-Ansage zu hören: ‘Hallo, hier ist Chris. Nach dem Signal könnt ihr eine Nachricht hinterlassen.’” -
Aber auch irritiert. Zunächst einmal, weil der Text nicht wie ein Leserbrief geschrieben ist, sondern journalistisch. Diese Irritation ist schnell beseitigt: Andrea Bistrich ist Journalistin.
Doch mich irritiert noch mehr: Was genau stört sie an dem Porträt von Anatol Munz? Was hatte er falsch gemacht? Er hatte über den Tod eines Menschen geschrieben und dabei offenbar Gefühle verletzt.
Das Portrait basiert offensichtlich auf einer Begehung des Unfallorts mit der Verursacherin Marie. Daneben gibt es einen kurzen Auszug aus dem Polizeibericht - andere Quellen scheinen nicht auf.
Munz schreibt aus der Perspektive von Marie - es ist ein Portrait. Munz schildert das Allgemeine am Beispiel des Individuellen - eine verbreitete journalistische Praxis. Wie kann man da einklagen, es seien die Angehörigen vergessen gegangen?
Vielleicht, wenn man den Fall liest als einen von “5361 tödlichen Verkehrsunfällen im Jahr 2005″. Stellvertretend für alle Opfer steht hier ein Portrait über Marie.
Eine solche Lesart mag Empörung, Wut auslösen. Marie ist nicht das einzige Opfer. Chris - die unbestreitbare Hauptperson des Dramas - soll nicht allein aus Maries Erinnerung zu uns, den Lesern sprechen. Der Artikl von Munz wird dem Unfall in dieser Lesart nicht gerecht.
Doch für mich hat Munz lediglich danach gefragt, wie jemand damit umgeht, den Unfalltod eines Menschen verursacht zu haben. Das Portrait steht dabei nicht stellvertretend für all die vielen Menschen, die von den 5361 Verkehrsunfällen des Jahres 2005 direkt oder indirekt betroffen sind.
Die Replik von Andrea Bistrich verwirrt - und beeindruckt - aber vielleicht auch deshalb, weil sie offen und öffentlich über ihren Schmerz schreibt und auf den Schutz der Anonymität verzichtet. Sie klagt die “Zwangskonfrontation” an, Chris’s Mutter fragt sogar, ob man den Schmerz anderer so in die Öffentlichkeit tragen dürfe. Andrea Bistrich bekämpft Feuer mit Feuer und tritt selbst an die Öffentlichkeit.
Im Juli 2005 hatte Andrea Bistrich in Beirut den Nahost-Korespondenten des Independent interviewt, Chris fotografierte. Am 3. September erinnerte sich Robert Fisk an den Besuch - auch das ist öffentlich.
Wie viel Öffentlichkeit braucht es? Wie viel ist gut?
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