Wallraff ist zurück

27. July 2007

Von 1983 bis 1985 nannte Günter Wallraff sich “Ali” und arbeitete bei verschiedenen Grossunternehmen in Deutschland. In dem Buch “Ganz unten” beschrieb er später die haarsträubenden Bedingungen und Schikanen, die ihm, dem vermeintlichen Türken, widerfahren waren.

2007 hat Wallraff - nach einer längeren Pause - wieder in dieselbe Trickkiste gegriffen:

“Ich trage falsche Haare, Kontaktlinsen, habe meinen Schnauzbart abrasiert, und das Marathontraining des vergangenen Jahres hat mich zusätzlich verjüngt. Ich bin 49 und heisse von nun an Michael G.”

Seine verdeckte Recherche bei zwei Callcentern ist am 24. Mai 2007 in der ersten Nummer des ZEITmagazins Leben erschienen unter dem Titel “Günter Wallraff ist zurück“. Die Reportage löste ein enormes Echo aus (schier unglaubliche 108′000 Treffer für die Suchbegriffe wallraff+callcenter bei Google).

Im neusten ZEITmagazin Leben legt Wallraff nochmals nach (der Artikel ist online nicht erhältlich). Er gibt Berichte wieder von Callcenter-Angestellten, die sich ihm anvertraut hätten und er recherchiert - ganz konventionell - die Praktiken von einigen Marktführern (um sich gegen den Vorwurf zu wehren, er habe halt bei den zwei Unternehmen, in denen er verdeckt recherchierte gerade zufällig zwei schwarze Schafe erwischt). Zum Schluss plädiert Wallraff für eine Verbot, “ungebetene Verträge am Telefon abzuschliessen”.

Weil es das Reportagenblog damals noch nicht gab, und weil die Aktualität durchaus immer noch gegeben ist, hier noch etwas mehr aus und zur Hauptgeschichte vom Mai 2007. Nach einem kurzen Abriss über die Branche schreibt Wallraff dort:

“Ich will zu CallOn, dem zweitgrössten Vermarkter von Lotterielosen in Deutschland. [...] Zu diesem Zweck habe ich mich auf eine Anzeige in einer Regionalzeitung gemeldet. Zwei Tage später werde ich in den Köln-Turm einbestellt, wir sind ein Dutzend Bewerber.”

Wallraff besteht das Vorstellungsgespräch (”Der Teamchef prüft, ob wir gewandt oder stockend reden”) und darf zu einem Tag unbezahlter Probearbeit kommen. Nach kurzer Instruktion tätigt er die ersten Anrufe:

“Ein älterer Man klagt: ‘Ich lebe von Hartz IV. Wissen Sie, die zwölf Euro bräuchte ich dringend, aber zum Leben.’ - ‘Dann entschuldigen Sie bitte die Störung’, sage ich, ‘es tut mir aufrichtig leid.’ Der Coach reagiert verärgert: ‘Da hast du ja einen Sentimentalen hingelegt!’. Als ich ihm den Fall schildere, sagt er nur: ‘Ihr braucht hier keine Gewissensbisse zu haben. Euer Gewissen könnt ihr zu Hause lassen!’”

Wallraff gelingt - kaum verwunderlich - kein einziger Verkaufsabschluss und sein Engagement bei CallOn ist damit beendet. Während das Personal bei CallOn (ein Teamleiter, ein Instruktor, ein Coach und Frank, “ein Vollprofi”) zwar durchwegs schlecht wegkommt und beim Verbreiten von Unwahrheiten beobachtet wird bzw. beim Einfuchsen amoralischer Tricks, so beginnt das wahre Bestiarium doch erst beim nächsten Callcenter. Den Tipp, sich bei ZIU-International zu bewerben, bekommt Wallraff von einer Arbeitskollegin, die früher dort gearbeitet hatte:

“Mein Job soll es sein, Auszüge des Jugendschutzgesetzes an Kneipiers, Wirte und Imbissbudenbesitezr zu verkaufen. Das Papier mit dem aktuellen Jugendschutzgesetz wird von ZIU in einen Ikea-Rahmen gesteckt, der 4,50 Euro kostet, und per Barnachnahme für 69 Euro an den Käufer geschickt. Dass man sich den Text im Internet kostenlos herunterladen kann, wissen die wenigsten Wirte.”

In Wallraffs Team gibt es zunächst den Leiter Murat. Am Apparat tönt der so:

“‘Ich rufe im Auftrag des Deutschen Jugenschutzes an. Jetzt gehe Sie erst mal nachschauen, von wann Ihre Jugendschutztafel überhaupt ist’, ordnet er an und zwinkert mir dabei zu. [...] ‘Wenn das Ordnungsamt kommt, zahlen Sie 300 Euro Strafe. Versehen Sie, das sind Gesetze, Pflicht. Wir kommen sonst mit dem Ordnungsamt vorbei.’”

Weiter ist da Clarissa, sie zieht es vor, “ihre Verkaufsgespräche unter einem Tarnnamen zu führen. “Ich habe de Namen der Frau angenommen, die ich am meisten hasse”.

Und schliesslich ist da noch Manuela, “die Dienstälteste”:

“‘Haben Sie denn irgendetwas zu verbergen? …Weil wir uns nicht in der Dritten Welt befinden, sondern in Deutschland. Auch Sie müssen lernen, wie man sich in Deutschland verhält. Haben Sie was zum Schreiben in der Hand? Können sie überhaupt schreiben?! …’”

Dann, am zweiten Arbeitstag muss Wallraff seinen bequemen Beobachterposten aufgeben und sich selber die Finger schmutzig machen:

“Dann gibt mir der Teamleiter zu verstehen: ‘Jetzt mach endlich mal ‘n Abschluss. Geh an die Ausländer ran!’ Mein Selbstversuch führt nun zu einer mir selbst unheimlichen Persönlichkeitsveränderung: Um dazugehören, muss ich vom Mitspieler zum Mittäter werden. Nach dem ersten Erfolg gratulieren mir der Chef und der Teamleiter, die anderen applaudieren. Ich bin aufgenommen in die Betrugsfamilie.”

Hier ist der eigentliche Wendepunkt der Reportage. Weiter kann und will Wallraff nicht gehen, am nächsten Tag entschuldigt er sich mit einem Zahnarzttermin und haut ab. Drei Tage Callcenter-Agent gegenüber zwei Jahren als türkischem Gastarbeiter. Ist diese Rolle so viel schwieriger auszuhalten? Dabei hatte Wallraff wenige Absätze vor dieser Stelle schon für Verständnis werben lassen:

“Es seien oft Verzweifelte, die über lange Zeit arbeitslos gewesen seine und sich an den letzten Strohhalm klammerten. Die nun am Telefon Energie und gute Laune versprühen müssten, obwohl es ihnen dreckig gehe.”

Damit lassen sich die verschiedenen Richtungen aufzeige, welche Wallraffs Callcenter-Reportage hätte nehmen können:

  1. Skandal um eine schmutzige Branche. In diese Richtung geht der Nachtrag im neusten ZEITmagazin Leben (siehe ganz oben). Die ursprüngliche Reportage belegt diese These mit zwei Firmen und drei Tagen Recherche allerdings nur mangelhaft.
  2. Warnung vor den bösen Abzockern. Diese Geschichte ist erstens zur genüge bekannt, und es fehlt zweitens auch ein eigentlicher Service-Teil, der erklären würde, wie man sich vor den Machenschaften schützen kann. Die Opfer kommen in der Geschichte auch lediglich als Anekdoten vor - ich identifiziere mich kaum.
  3. Psychogramm eines Callcenter-Agenten. Diese Variante hätte ich eigentlich am liebsten gelesen. Dazu geht Wallraff selbst allerdings zu wenig weit und er lässt auch zu viele Protagonisten auftreten, um dem Seelenzustand eines Telefonverkäufers mit Porträt-Techniken echt näher zu kommen.

Was bleibt? Ein engagierter, gut geschriebener Text mit Appetit auf mehr. Einen direkten Einblick gibt übrigens der Callcenter Agent.

Gespeichert unter Die Zeit, Gesellschaft | |

2 Responses to ' Wallraff ist zurück '

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  1. on March 17th, 2008 at 2:04

    [...] von Angestellten. Eingestellt ist man schnell. Ich habe es versucht.” Hatte nicht Günther Wallraff eben dies vor einen Jahr schon getan? Muss ich mir diese Geschichte - aus Schweizer Perspektive [...]


  2. on May 4th, 2008 at 22:10

    [...] seinem letztjährigen Einsatz bei zwei Callcentern war Günter Wallraff im Februar 2008 wieder undercover. “Ich gebe vor, [...]

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