Steinigung im Iran
24. July 2007
Mokarrameh Ebrahimi schwebt in Lebensgefahr. Ein Richter hat die 43-jährige Frau verurteilt, wegen Ehebruch. Sie sitzt seit acht (oder elf) Jahren im Gefängnis von Choobindar, zusammen mit ihrem elfjährigen Kind (und einem zweiten Kind, wie eine andere Quelle berichtet).
“Mokarrame stammt aus Islamashahr. Nach ihren Angaben zwang ihr erster Ehemann und Vater dreier Kinder sie zur Prostitution. Mokarrame flüchtete von zuhause, nachdem sie Jafar kennen gelernt hatte. Das Paar fand Zuflucht in der Stadt Takestan. Nachdem die beiden zusammen ein Kind bekommen hatten, beschlossen sie, nach vier Jahren nach Islamshahr zurückzukehren. Wegen einer Klage von Mokarrames erstem Ehemann wurden die beiden verhaftet und warteten acht Jahre im Gefängnis von Choobandar auf ihr Urteil.” (Judiciary Spokesman on Stoning of Jafar Kiani)
Auch Jafar Kiani, der Mann mit dem Kokarrame den Ehebruch begangen haben soll, sass im Gefängnis. Bis am 6. (oder 5.) Juli 2007, als er in das Dorf Aghche-Kand gebracht wurde, sieben Kilometer von Takestan entfernt, 90 Kilometer nordwestlich von Teheran.
In der Mittagszeit, zwischen 11 und 2 Uhr, wie sich ein Zeuge erinnert, wurde Jafar Kiani am 6. Juli 2007 gesteinigt. Das berichtet die Bloggerin und Journalistin Asieh Amini, die kurz danach nach Aghche-Kand gereist war (bei Women’s Field):
Das Dorf selbst ist ruhig; nur ein paar alte Männer sitzen an den Straßenrändern. Ein Kind lässt die Beine von einer Mauer baumeln. [...] Ein Motorradfahrer kommt vorbei. Ich winke. Er hält. Er bestätigt die Meldung ohne zu zögern und deutet auf die Ausläufer der Berge. “Sind Sie sich sicher?”, frage ich.
“Hab’s selbst gesehen.”
“Aus der Nähe?”
“Nein”, er lacht, “aus der Ferne. Sie hätten niemanden in die Nähe gelassen.”
“Warum?”
Er zeigt in die Ferne: “Hier waren überall Agenten. Der Schotterweg da drüben wurde auf beiden Seiten gesperrt, und nur Beamte kamen durch.”
“Wie viele waren es?”
“Keine Ahnung. Viele. 50 oder 60 vielleicht.”
“Sie sind sich also sicher, dass niemand aus dem Dorf die Steine geworfen hat?”
“Da bin ich mir sicher. Niemand.” (Übersetzung: Global Voices)
Asieh Amini lässt sich zum Ort der Steinigung führen:
Wir gehen näher. Steine und Felsbrocken mit eingetrocknetem, geronnenem Blut liegen um einen Haufen herum. Einige sind blutbespritzt. Einige sind so schwarz und rot von Blut, dass man sofort weiss, wozu sie gebraucht wurden. Fassungslos frage ich “Sind dies die Steine, die sie geworfen haben? Sie sind viel zu gross”. [Der Führer] zuckt mit den Schultern. [...] Es geht weniger darum, dass die Steine grösser gewesen sein könnten, als vorgeschrieben. Es geht darum, dass die Grösse der Steine bedeutet, dass die Scharfrichter weniger darum besorgt waren, bei der Steinigung dem Buchstaben des Gesetzes zu folgen, als vielmehr damit fertig zu werden.
Nach der Besichtigung des Hinrichtungsplatzes begibt sich Asieh Amini nach Takestan und versucht (erfolglos) den Richter ausfindig zu machen, der das Urteil vollstrecken liess, obwohl dieses von höherer Stelle ausgesetzt worden war.
Der Druck von Aktivisten (unter anderen von amnesty international) hatte den iranische Justizapparat offenbar dazu gebracht, die ursprünglich für den 17. bzw. 21. Juni geplanten Steinigungen des Paares aufzuschieben - nur um wenige Tage im Fall von Jafar Kiani, auf vorerst unbestimmte Zeit in dem von Mokarrameh Ebrahimi.
Die Mainstream-Medien haben kurz nach der Hinrichtung über das Ereignis mit Agenturmeldungen berichtet (online verfügbar z.B. der Spiegel, die Berner Zeitung) und das Eidgenössische Departement des Äusseren hat bei der iranischen Regierung protestiert.
Die Berichterstattung folgte dabei dem einfachen Schema des (im wörtlichen Sinn) steinzeitlichen Irans gegenüber dem aufgeklärten, aber machtlosen Westen. Dabei werden zahlreiche Nuancen unter den Tisch gewischt, z.B.:
- Die Tatsache, dass die Hinrichtung in einen isolierten Ort verschoben werden musste und dass die Dorfbevölkerung möglicherweise mit Absicht nicht daran teilnahm,
- die Wiedersprüche innerhalb des iranischen Justizapparats,
- die Verurteilung von Steinigungen durch einen Geistlichen, Ayatollah Montazer,
- die Gründe, welche im Iran zu Ehebruch führen…
Und selbstverständlich gibt es eine Petition gegen die Steinigungen im Iran. Unterschreiben!
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