Mit Jacob Holdt in Amerika

11. July 2007

23 Jahre alt, vierzig Dollar in der Tasche - so reist der Däne Jacob Holdt 1970 per Anhalter durch die USA. Er ist auf dem Weg nach Chile, wo der Sozialist Salvador Allende eben Präsident geworden ist.

Doch aus der geplanten Durchreise wird eine fünf Jahre dauernde Begegnung mit Armut, Rassismus, Drogen und - Gastfreundschaft.

Holdt berichtet seine Erlebnisse nachhause. Der Vater kann die Schilderungen seines Sohnes kaum glauben und weil er seinen Augen mehr traut als seinen Ohren, schickt er eine Kamera.

Daraus ist eine Sammlung von rund 15′000 Dias entstanden und 1977 ein Buch: “American Pictures. A personal journey through the American underclass”.

Das Buch gibt es in einer Online-Version (mit 10′900 Bildern - ich habe sie nicht nachgezählt) und es gibt Holdts Bilder in einer Ausstellung, die noch bis am 19. August 2007 in meiner Heimatstadt zu sehen ist.

Das Besondere an Holdts Bildern: Sie sind vieldeutig, rätselhaft, beredt - doch Holdt belässt sie nicht in diesem Myterium, sondern er webt sie ein in eine wortkarge Geschichte, die der Autor herunterliest wie ein Adressbuch.

Da steht zum Beispiel ein Sofa mit Häkeldecke auf einem grün-beigen Flausenteppich. Ein Ehemann sitzt darauf und zwinkert mit einem breiten Lächeln in die Kamera. In seiner Linken hält er einen Revolver, in der Linken ein Gewehr. Neben ihm sitzt eine blonde Frau, die gelockten Haare toupiert. In der rechten Hand ein Gewehr. Neben ihr ein blonder Junge in Shorts, der sein Gewehr anschaut. Neben ihm ein Teenager in kurzem Rock, quadratische Brillengläser auf der Nase, Turnschuhe. In der Rechten ein Gewehr - wohl eine Antiquität. Dazu diese drei Sätze:

Vicky aus Michigan war eine von vielen weissen Frauen, die sich damals trauten, Anhalter mitzunehmen. Sie nahm mich mit nachhause zu ihrer glücklichen Waffen-Familie. Sie sagte, sie brauchten die Gewehre, “um sich vor den Niggern zu schützen”. (Fear and guns)

Oder das Bild einer alten Frau in einem Bretterverschlag, die mit einem kleinen Reisigbesen den Boden fegt:

Als ich durch Alabama trampte, begegnete ich dieser Frau an einer abgelegenen Landstrasse. In drückender Hitze bat ich um einen Schluck Wasser und verbrachte letztendlich viel Zeit bei ihr. Anna King starb später in einem Pflegeheim in Atlanta. (Old woman sweeping shack)

Und noch ein letztes Beispiel:

Diese arme 87-jährige Frau in Alabama bat mich, sie nach Phoenix, Arizona zu fahren. Sie wollte dort sterben. Ich half ihr, die Fenster ihrer verfallenen Hütte nahe Tuskegee mit Brettern zu vernageln. Sie wusste zwar, dass sie nicht mehr zurückkehren würde, aber sie wollte nicht, dass Schwarze aus der Gegend dort einzogen. Während der ganzen Fahrt legte sie die Pistole nicht aus der Hand und hatte eine Heidenangst wegen meiner langen Haare und meines Barts. Sie war so schwach, dass ich sie, immer an ihre Pistole geklammert, tragen musste, wenn sie aus dem Auto wollte. (Auszug aus einem längeren Text)

Über Jacob Holdt könnte man viel erzählen. Er engagiert sich weiterhin gegen Rassismus, hält immer noch Kontakt zu einigen seiner Photosujets und sein unterdessen vergriffenes Buch kann nicht neu aufgelegt werden, weil ihm die 45′000 Dollar für den Druck fehlen. Vielleicht kommt über die laufende Ausstellungsserie noch etwas Geld herein.

 

Zum Schluss noch ein geschichtsloses Bild, das mir nicht aus dem Kopf will: obdachlose Frau.

Gespeichert unter Gesellschaft, Reportage | |

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