Irrer Nerz

3. July 2007

Britta Stuff konnte am 31. Juni 2007 den 9. Graubünden Nachwuchspreis für Reisejournalisten in Empfang nehmen. Gewonnen hat sie den mit 2000 Franken dotierten Preis für eine Reportage über zwei Zimmermädchen im Grandhotel Kempinski in St. Moritz.

Rosa und Patrizia führen die Autorin während dreier Tage ein in die Kunst der systematisch-aseptischen Zimmerreinigung :

“Rosa [...] arbeitet an einem Ort, an dem Staubkörner Feinde sind, die es zu vernichten gilt, und der Gast ein Freund ist, der immer Recht hat. An dem Stifte in bestimmten Winkeln zu liegen haben und das Shampoo selbst im Fall eines nationalen Notstands vor dem Conditioner stehen muss. [...]

Das Putzritual beginnt: Kopfkissen abziehen, Bettdecke so straff ziehen, dass keine Falte bleibt, Kissen schütteln, Bett machen, Tagesdecke drüber. Kissen so anordnen, dass die Reißverschlüsse zum Fenster zeigen.”

Am nächsten Tag geht es weiter im selben Stil:

“Patrizia kontrolliert alle bereits geputzten Zimmer. Wie ein Adler kreist sie umher, und sieht sie einen Wasserfleck, dann stürzt sie sich auf ihn und poliert ihn zu Tode. [...]

Hier fällt der Vorhang nicht richtig, dort steht ein Kissen schief. Auch an Patrizia ist alles gerade.”

Die Sprache sitzt, die der Rhythmus stimmt, für Witz ist gesorgt. Und dennoch plätschert die Geschichte etwas gar gefällig dahin - bis zu dieser Stelle ganz am Schluss:

“Im letzten Zimmer hängt neben der Tür ein Nerzmantel, weiß wie Schnee. Patrizia, die gerade noch mit eine Flasche Reiniger in der Hand in den Raum stürmen wollte, streift den Mantel zufällig mit der Wange. Sie hält an, klemmt die Flasche unter den Arm und legt die Hände auf das Fell. Sie streichelt den Pelz, vergräbt ihr Gesicht darin. Für einen Moment bleibt die Zeit stehen. “Schön weich”, sagt sie und sieht auf. Dann ist der Moment vorbei.”

Mit dieser Pointe, diesem überraschenden Aufbrechen ist die Geschichte für mich gerettet. Gratulation!

Bei dem Bündner Nachwuchspreis übrigens werden jedes Jahr um die 20 Autorinnen und Autoren aus dem Reise-Journalismus - allesamt unter 32 Jahren - zu einem einwöchigen Recherche-Seminar nach Graubünden eingeladen. Die Tourismusbranche profitiert durch Präsenz in den Medien - im Fall von Britta Stuff in der Welt am Sonntag - der Nachwuchs profitiert von Weiterbildungen - und, wer Glück hat, gar von einem (bescheidenen) Preisgeld. Gutes Konzept. Hoffentlich leidet die journalistische Unabhängigkeit nicht zu sehr?

Gespeichert unter Gesellschaft, Reportage, Sonntagspresse | |

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