Falsche Reportagen bei der NZZ
20. July 2007
Seit ihrem Relaunch vom 6. Juli 2007 sind die Inhalte der NZZ online neu strukturiert. Unter “Magazin” gibt es jetzt eine Rubrik “Reportagen” (die man sich mit einem Trick sogar als RSS abonnieren kann). Das hat mich natürlich gefreut! Doch leider nicht lange.
Über die Beträge selbst mag ich ja an sich gar nicht meckern. Auch nicht über den hier:
“Eisenerz – eine Stadt rüstet sich für eine kleinere Zukunft“
Zusammen mit dem Bild eines Tagebau-Bergwerks attraktiv aufgemacht, erwarte ich von dem Titel eine abwegige, interessante Geschichte und bin mit dem ersten Abschnitt auch schon auf dem besten Weg dazu:
Besonders modisch sind sie nicht, die Schuhe im Schaufenster des Schusterladens “Am Platzl 1″ in Eisenerz. Dafür aber sehen sie bequem und sehr gesund aus. Auch die Damenkleider in der Auslage von Mode Sagmeister nebenan wirken zeitlos praktisch. Ein paar Schritte weiter, im Fenster von Foto Freisinger, guckt ein Grüppchen Erstkommunikanten mit ernsten Mienen auf den Freiheitsplatz.
Doch dann merke ich gleich: Die “rund zwei Dutzende Kinder”, die in “diesem Frühling den Leib Christi empfangen” haben sind nur dazu da, mir zu demonstrieren, dass in dem “am meisten überalterten Gemeinwesen Österreichs” bei 5560 Einwohnern zwei Dutzend Erstkommunikanten ganz wenig sind. Tschüss Erstkommunikanten.
Ein wenig springt mein Herz dann doch noch, wenn es weiter geht:
Bei Janzer am Freiheitsplatz zum Beispiel liegt bloss Krempel im Fenster. Ein Kinderstuhl mit abgeschossenem Kunststoffbezug, drei defekte Nähmaschinen samt Fadenspulen sowie altertümliche Lichtschalter und Sicherungsdosen aus Porzellan verstauben neben zwei vergessenen Plüschtierchen. Im Krämerladen gegenüber der Liebfrauenkirche behauptet ein Kleber über einigen vergammelten Waschpulverpackungen schreiend grün auf gelb: “Ihr Kaufmann hat’s”. Auf einem Zettel steht “Zu verkaufen”, und auch eine Telefonnummer ist notiert. Gewählt hat sie noch niemand.
Natürlich möchte man schon wissen, woher denn der Autor weiss, dass eine bestimmte Telefonnummer nie gewählt wurde. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass die Beschreibungen nur belanglose Beispiele sind mit der Aufgabe, zu illustrieren, was den Artikel als Thema durchzieht: Die Gemeinde Eisenerz verliert ihre Einwohner, die jungen zuallererst.
Nichts erfahre ich in meiner weiteren Lektüre über die Adresse “Am Platzl 1″, über den Modeverkäufer “Sagmeister”, über den Fotografen “Freisinger”, über “Janzer” mit seinem “Krempel”.
Reden dürfen dafür der Bürgermeister Gerhard Freiinger, sein Parteifreund Christian Berger, der Soziologe Rainer Rosegger, der Finanzstadtrat Horst Litschinger. Dazu gibt es etwas geschichtlichen Hintergrund, Aufklärung über die österreichische Parteipolitik.
Nicht, dass ich etwas dagegen hätte. Vielleicht gibt es nichts Bewegenderes zu sagen über Eisenenrz. Aber meine Erwartungen werden enttäuscht, wenn mir die NZZ diesen Artikel als “Reportage” verkauft - zusammen mit den 4 seit dem Relaunch sonst noch hier erschienenen:
- “Mit Barrikaden gegen Terrorismus und illegale Immigration” - zweifellos vor Ort recherchiert, aber ohne eine einzige eigene Beobachtung (oder habe ich eine übersehen?)
- “Tag und Nacht fliesst Wasser auf die Wiesen” - nur ganz kurz angefietschert.
- “Secondhand im Zeitalter von Ikea und Internet” - abgesehen von je einem (gut gemachten) kurzen Abschnitt über den Altwarenhändler Gareth Almeida am Genfer Flohmarkt zu Beginn und am Ende absolut keine Reportagen-Elemente.
- “Eine Stadt wie Katherine” - Keine einzige eigene Beobachtung (und auch nur ein einziger direkt gesprochener Satz: “G’day, I’m Werner, your driver.”).
Die NZZ bedient sich des Begriffs “Reportage” also offensichtlich für beliebige Artikel, die keiner Tagesaktualität geschuldet und etwas länger sind als der Durchschnitt. Ein schwaches Konzept.
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