Ende einer Lederfabrik

4. July 2007

Der 27. Juli 2006 war der letzte Tag der Kripper-Lederfabrik in der Nähe von Bonn. Monatelang stand die Fabrik leer, bis das Unternehmen schliesslich liquidiert wurde. Volker Lannert und Benjamin O’Daniel lassen sich für ihre Audio-Foto-Reportage von einem ehemaligen Mitarbeit durch das verlassene Gebäude führen und dokumentieren die Versteigerung.

Die stimmungsvollen Fotografien - oft im Streif- oder Gegenlicht - zeigen viele Details. Eine von Grünspan überzogene Temperaturanzeige. Ausgestanzte Lederflocken auf einen Holpflock. Der Begleitkommentar - zur Hauptsache von einem ehemaligen Mitarbeiter gesprochen - ist mit Geräuschen der Maschinen (wann wurden die aufgenomen?), Stimmen des Auktionators, der Bietenden ergänzt.

“In Glanzzeiten gabs hier 120 Mitarbeiter. Ich hab’ die Stechuhr gesehen, da waren 120 Fächer für Mitarbeiter. Als ich hier eingestellt wurde, waren es noch 50, Jahre später nur noch 30 und zum Schluss noch 20 Leute.”

Es gibt Stellen, wo Bild und Ton eng aufeinander abgestimmt sind, z.B. bei der Erklärung eines pneumatischen Spannrahmens:

“Acht bis zehn, zwölf Klammern an einem Fell. Vier Mitarbeiter, zwei hinten, zwei vorne, die also hier das Leder auf diesen Spannrahmen aufgespannt haben, wie mit Wäscheklammern.”

Bei andere Partien des etwas über 6 Minuten langen Hauptteils sind Kommentar und Fotografie nur lose aufeinander bezogen. Die Abfollge der Bilder ist oft etwas schnell, zu schnell für mich. Neben dem Hauptteil gibt es noch 4 kürzere Episoden von rund einer halben Minute.

Insgesamt erzeugt die Reportage einen lebhaften Eindruck, ich konnte das Leder riechen und fühlte mich zuletzt ganz nostalgisch.

Die Form der mehrteiligen Audio-Foto-Reportage ist keine revolutionäre Umsetzung fürs Internet, aber eine funktionierende. Um als Augenzeugenbericht zu wirken, braucht eine Reportage die Führung des Autors, sie braucht eine gewisse Linearität. Im Web möchte man aber auch ein bisschen selbst Regisseur sein - auswählen, herumklicken, neu kombinieren, kommentieren, etc. Von all dem bieten Volker Lannert und Benjamin O’Daniel gerade das Minimum. Interessant wäre zum Beispiel, wenn man einzelne (speziell gekennzeichnete) Fotos anklicken könnte und dadruch in eine Zusatzschlaufe geführt würde.

“Die Zerschlagung der Kripper-Lederfabrik” ist bei Medialism.net erschienen. Am 25. Juni 2007 online gegangen, soll dort “über kurz oder lang ein kleines, aber feines Multimedia-Magazin, eine Sammlung neuer multimedialer Formen” entstehen. Viel Glück!

Gespeichert unter Gesellschaft, Reportage, Web | |

One Response to ' Ende einer Lederfabrik '

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  1. odan said,

    on July 13th, 2007 at 16:43

    Vielen Dank für die Kritik und die Glückwünsche! Vielleicht etwas spät für eine Antwort, aber trotzdem.

    Zum Punkt Abstimmung Ton/Bild: Jede Reportage braucht irgendwo Fakten, und dort wo sie genannt werden, “klumpt” die Geschichte irgendwie. Das ist auch häufig bei Text-Reportagen so. Schwer zu lösen.

    Dann zum ein bisschen selbst Regisseur sein: Davon können wir wirklich nur ein Minumum liefern.Durch einige Zusatzfeatures wie die vier zusätzlichen Kurzfilme unten und die Möglichkeit durch die einzelnen Fotos zu switchen (dritter Button von rechts auf der Zeitleiste und auf der Leiste selbst) ein bisschen auf Entdeckungstour zu gehen, je nach Interesse und Zeit.

    Zu der Schnelligkeit der Fotoabfolge: Darüber haben wir lange diskutiert. Für Fotobegeisterte ist die Abfolge meistens zu schnell, auf der anderen Seite finden es “mäßig interessierte” vielleicht zu langweilig, wenn die Fotos jeweils sechs bis acht Sekunden lang laufen.

    Wir basteln weiter, auf jeden Fall ein Format das Spaß macht! :-)

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