Wallraff ist zurück

27. July 2007

Von 1983 bis 1985 nannte Günter Wallraff sich “Ali” und arbeitete bei verschiedenen Grossunternehmen in Deutschland. In dem Buch “Ganz unten” beschrieb er später die haarsträubenden Bedingungen und Schikanen, die ihm, dem vermeintlichen Türken, widerfahren waren.

2007 hat Wallraff - nach einer längeren Pause - wieder in dieselbe Trickkiste gegriffen:

“Ich trage falsche Haare, Kontaktlinsen, habe meinen Schnauzbart abrasiert, und das Marathontraining des vergangenen Jahres hat mich zusätzlich verjüngt. Ich bin 49 und heisse von nun an Michael G.”

Seine verdeckte Recherche bei zwei Callcentern ist am 24. Mai 2007 in der ersten Nummer des ZEITmagazins Leben erschienen unter dem Titel “Günter Wallraff ist zurück“. Die Reportage löste ein enormes Echo aus (schier unglaubliche 108′000 Treffer für die Suchbegriffe wallraff+callcenter bei Google).

Im neusten ZEITmagazin Leben legt Wallraff nochmals nach (der Artikel ist online nicht erhältlich). Er gibt Berichte wieder von Callcenter-Angestellten, die sich ihm anvertraut hätten und er recherchiert - ganz konventionell - die Praktiken von einigen Marktführern (um sich gegen den Vorwurf zu wehren, er habe halt bei den zwei Unternehmen, in denen er verdeckt recherchierte gerade zufällig zwei schwarze Schafe erwischt). Zum Schluss plädiert Wallraff für eine Verbot, “ungebetene Verträge am Telefon abzuschliessen”.

Weil es das Reportagenblog damals noch nicht gab, und weil die Aktualität durchaus immer noch gegeben ist, hier noch etwas mehr aus und zur Hauptgeschichte vom Mai 2007. Nach einem kurzen Abriss über die Branche schreibt Wallraff dort:

“Ich will zu CallOn, dem zweitgrössten Vermarkter von Lotterielosen in Deutschland. [...] Zu diesem Zweck habe ich mich auf eine Anzeige in einer Regionalzeitung gemeldet. Zwei Tage später werde ich in den Köln-Turm einbestellt, wir sind ein Dutzend Bewerber.”

Wallraff besteht das Vorstellungsgespräch (”Der Teamchef prüft, ob wir gewandt oder stockend reden”) und darf zu einem Tag unbezahlter Probearbeit kommen. Nach kurzer Instruktion tätigt er die ersten Anrufe:

“Ein älterer Man klagt: ‘Ich lebe von Hartz IV. Wissen Sie, die zwölf Euro bräuchte ich dringend, aber zum Leben.’ - ‘Dann entschuldigen Sie bitte die Störung’, sage ich, ‘es tut mir aufrichtig leid.’ Der Coach reagiert verärgert: ‘Da hast du ja einen Sentimentalen hingelegt!’. Als ich ihm den Fall schildere, sagt er nur: ‘Ihr braucht hier keine Gewissensbisse zu haben. Euer Gewissen könnt ihr zu Hause lassen!’”

Wallraff gelingt - kaum verwunderlich - kein einziger Verkaufsabschluss und sein Engagement bei CallOn ist damit beendet. Während das Personal bei CallOn (ein Teamleiter, ein Instruktor, ein Coach und Frank, “ein Vollprofi”) zwar durchwegs schlecht wegkommt und beim Verbreiten von Unwahrheiten beobachtet wird bzw. beim Einfuchsen amoralischer Tricks, so beginnt das wahre Bestiarium doch erst beim nächsten Callcenter. Den Tipp, sich bei ZIU-International zu bewerben, bekommt Wallraff von einer Arbeitskollegin, die früher dort gearbeitet hatte:

“Mein Job soll es sein, Auszüge des Jugendschutzgesetzes an Kneipiers, Wirte und Imbissbudenbesitezr zu verkaufen. Das Papier mit dem aktuellen Jugendschutzgesetz wird von ZIU in einen Ikea-Rahmen gesteckt, der 4,50 Euro kostet, und per Barnachnahme für 69 Euro an den Käufer geschickt. Dass man sich den Text im Internet kostenlos herunterladen kann, wissen die wenigsten Wirte.”

In Wallraffs Team gibt es zunächst den Leiter Murat. Am Apparat tönt der so:

“‘Ich rufe im Auftrag des Deutschen Jugenschutzes an. Jetzt gehe Sie erst mal nachschauen, von wann Ihre Jugendschutztafel überhaupt ist’, ordnet er an und zwinkert mir dabei zu. [...] ‘Wenn das Ordnungsamt kommt, zahlen Sie 300 Euro Strafe. Versehen Sie, das sind Gesetze, Pflicht. Wir kommen sonst mit dem Ordnungsamt vorbei.’”

Weiter ist da Clarissa, sie zieht es vor, “ihre Verkaufsgespräche unter einem Tarnnamen zu führen. “Ich habe de Namen der Frau angenommen, die ich am meisten hasse”.

Und schliesslich ist da noch Manuela, “die Dienstälteste”:

“‘Haben Sie denn irgendetwas zu verbergen? …Weil wir uns nicht in der Dritten Welt befinden, sondern in Deutschland. Auch Sie müssen lernen, wie man sich in Deutschland verhält. Haben Sie was zum Schreiben in der Hand? Können sie überhaupt schreiben?! …’”

Dann, am zweiten Arbeitstag muss Wallraff seinen bequemen Beobachterposten aufgeben und sich selber die Finger schmutzig machen:

“Dann gibt mir der Teamleiter zu verstehen: ‘Jetzt mach endlich mal ‘n Abschluss. Geh an die Ausländer ran!’ Mein Selbstversuch führt nun zu einer mir selbst unheimlichen Persönlichkeitsveränderung: Um dazugehören, muss ich vom Mitspieler zum Mittäter werden. Nach dem ersten Erfolg gratulieren mir der Chef und der Teamleiter, die anderen applaudieren. Ich bin aufgenommen in die Betrugsfamilie.”

Hier ist der eigentliche Wendepunkt der Reportage. Weiter kann und will Wallraff nicht gehen, am nächsten Tag entschuldigt er sich mit einem Zahnarzttermin und haut ab. Drei Tage Callcenter-Agent gegenüber zwei Jahren als türkischem Gastarbeiter. Ist diese Rolle so viel schwieriger auszuhalten? Dabei hatte Wallraff wenige Absätze vor dieser Stelle schon für Verständnis werben lassen:

“Es seien oft Verzweifelte, die über lange Zeit arbeitslos gewesen seine und sich an den letzten Strohhalm klammerten. Die nun am Telefon Energie und gute Laune versprühen müssten, obwohl es ihnen dreckig gehe.”

Damit lassen sich die verschiedenen Richtungen aufzeige, welche Wallraffs Callcenter-Reportage hätte nehmen können:

  1. Skandal um eine schmutzige Branche. In diese Richtung geht der Nachtrag im neusten ZEITmagazin Leben (siehe ganz oben). Die ursprüngliche Reportage belegt diese These mit zwei Firmen und drei Tagen Recherche allerdings nur mangelhaft.
  2. Warnung vor den bösen Abzockern. Diese Geschichte ist erstens zur genüge bekannt, und es fehlt zweitens auch ein eigentlicher Service-Teil, der erklären würde, wie man sich vor den Machenschaften schützen kann. Die Opfer kommen in der Geschichte auch lediglich als Anekdoten vor - ich identifiziere mich kaum.
  3. Psychogramm eines Callcenter-Agenten. Diese Variante hätte ich eigentlich am liebsten gelesen. Dazu geht Wallraff selbst allerdings zu wenig weit und er lässt auch zu viele Protagonisten auftreten, um dem Seelenzustand eines Telefonverkäufers mit Porträt-Techniken echt näher zu kommen.

Was bleibt? Ein engagierter, gut geschriebener Text mit Appetit auf mehr. Einen direkten Einblick gibt übrigens der Callcenter Agent.

Gespeichert unter Die Zeit, Gesellschaft | | 2 Kommentare

Steinigung im Iran

24. July 2007

Mokarrameh Ebrahimi schwebt in Lebensgefahr. Ein Richter hat die 43-jährige Frau verurteilt, wegen Ehebruch. Sie sitzt seit acht (oder elf) Jahren im Gefängnis von Choobindar, zusammen mit ihrem elfjährigen Kind (und einem zweiten Kind, wie eine andere Quelle berichtet).

“Mokarrame stammt aus Islamashahr. Nach ihren Angaben zwang ihr erster Ehemann und Vater dreier Kinder sie zur Prostitution. Mokarrame flüchtete von zuhause, nachdem sie Jafar kennen gelernt hatte. Das Paar fand Zuflucht in der Stadt Takestan. Nachdem die beiden zusammen ein Kind bekommen hatten, beschlossen sie, nach vier Jahren nach Islamshahr zurückzukehren. Wegen einer Klage von Mokarrames erstem Ehemann wurden die beiden verhaftet und warteten acht Jahre im Gefängnis von Choobandar auf ihr Urteil.” (Judiciary Spokesman on Stoning of Jafar Kiani)

Auch Jafar Kiani, der Mann mit dem Kokarrame den Ehebruch begangen haben soll, sass im Gefängnis. Bis am 6. (oder 5.) Juli 2007, als er in das Dorf Aghche-Kand gebracht wurde, sieben Kilometer von Takestan entfernt, 90 Kilometer nordwestlich von Teheran.

In der Mittagszeit, zwischen 11 und 2 Uhr, wie sich ein Zeuge erinnert, wurde Jafar Kiani am 6. Juli 2007 gesteinigt. Das berichtet die Bloggerin und Journalistin Asieh Amini, die kurz danach nach Aghche-Kand gereist war (bei Women’s Field):

Das Dorf selbst ist ruhig; nur ein paar alte Männer sitzen an den Straßenrändern. Ein Kind lässt die Beine von einer Mauer baumeln. [...] Ein Motorradfahrer kommt vorbei. Ich winke. Er hält. Er bestätigt die Meldung ohne zu zögern und deutet auf die Ausläufer der Berge. “Sind Sie sich sicher?”, frage ich.
“Hab’s selbst gesehen.”
“Aus der Nähe?”
“Nein”, er lacht, “aus der Ferne. Sie hätten niemanden in die Nähe gelassen.”
“Warum?”
Er zeigt in die Ferne: “Hier waren überall Agenten. Der Schotterweg da drüben wurde auf beiden Seiten gesperrt, und nur Beamte kamen durch.”
“Wie viele waren es?”
“Keine Ahnung. Viele. 50 oder 60 vielleicht.”
“Sie sind sich also sicher, dass niemand aus dem Dorf die Steine geworfen hat?”
“Da bin ich mir sicher. Niemand.” (Übersetzung: Global Voices)

Asieh Amini lässt sich zum Ort der Steinigung führen:

Wir gehen näher. Steine und Felsbrocken mit eingetrocknetem, geronnenem Blut liegen um einen Haufen herum. Einige sind blutbespritzt. Einige sind so schwarz und rot von Blut, dass man sofort weiss, wozu sie gebraucht wurden. Fassungslos frage ich “Sind dies die Steine, die sie geworfen haben? Sie sind viel zu gross”. [Der Führer] zuckt mit den Schultern. [...] Es geht weniger darum, dass die Steine grösser gewesen sein könnten, als vorgeschrieben. Es geht darum, dass die Grösse der Steine bedeutet, dass die Scharfrichter weniger darum besorgt waren, bei der Steinigung dem Buchstaben des Gesetzes zu folgen, als vielmehr damit fertig zu werden.

Nach der Besichtigung des Hinrichtungsplatzes begibt sich Asieh Amini nach Takestan und versucht (erfolglos) den Richter ausfindig zu machen, der das Urteil vollstrecken liess, obwohl dieses von höherer Stelle ausgesetzt worden war.

Der Druck von Aktivisten (unter anderen von amnesty international) hatte den iranische Justizapparat offenbar dazu gebracht, die ursprünglich für den 17. bzw. 21. Juni geplanten Steinigungen des Paares aufzuschieben - nur um wenige Tage im Fall von Jafar Kiani, auf vorerst unbestimmte Zeit in dem von Mokarrameh Ebrahimi.

Die Mainstream-Medien haben kurz nach der Hinrichtung über das Ereignis mit Agenturmeldungen berichtet (online verfügbar z.B. der Spiegel, die Berner Zeitung) und das Eidgenössische Departement des Äusseren hat bei der iranischen Regierung protestiert.

Die Berichterstattung folgte dabei dem einfachen Schema des (im wörtlichen Sinn) steinzeitlichen Irans gegenüber dem aufgeklärten, aber machtlosen Westen. Dabei werden zahlreiche Nuancen unter den Tisch gewischt, z.B.:

Und selbstverständlich gibt es eine Petition gegen die Steinigungen im Iran. Unterschreiben!

Gespeichert unter Ausland, Gesellschaft, Politik, Reportage | | 0 Kommentar

Falsche Reportagen bei der NZZ

20. July 2007

Seit ihrem Relaunch vom 6. Juli 2007 sind die Inhalte der NZZ online neu strukturiert. Unter “Magazin” gibt es jetzt eine Rubrik “Reportagen” (die man sich mit einem Trick sogar als RSS abonnieren kann). Das hat mich natürlich gefreut! Doch leider nicht lange.

Über die Beträge selbst mag ich ja an sich gar nicht meckern. Auch nicht über den hier:

Eisenerz – eine Stadt rüstet sich für eine kleinere Zukunft

Zusammen mit dem Bild eines Tagebau-Bergwerks attraktiv aufgemacht, erwarte ich von dem Titel eine abwegige, interessante Geschichte und bin mit dem ersten Abschnitt auch schon auf dem besten Weg dazu:

Besonders modisch sind sie nicht, die Schuhe im Schaufenster des Schusterladens “Am Platzl 1″ in Eisenerz. Dafür aber sehen sie bequem und sehr gesund aus. Auch die Damenkleider in der Auslage von Mode Sagmeister nebenan wirken zeitlos praktisch. Ein paar Schritte weiter, im Fenster von Foto Freisinger, guckt ein Grüppchen Erstkommunikanten mit ernsten Mienen auf den Freiheitsplatz.

Doch dann merke ich gleich: Die “rund zwei Dutzende Kinder”, die in “diesem Frühling den Leib Christi empfangen” haben sind nur dazu da, mir zu demonstrieren, dass in dem “am meisten überalterten Gemeinwesen Österreichs” bei 5560 Einwohnern zwei Dutzend Erstkommunikanten ganz wenig sind. Tschüss Erstkommunikanten.
Ein wenig springt mein Herz dann doch noch, wenn es weiter geht:

Bei Janzer am Freiheitsplatz zum Beispiel liegt bloss Krempel im Fenster. Ein Kinderstuhl mit abgeschossenem Kunststoffbezug, drei defekte Nähmaschinen samt Fadenspulen sowie altertümliche Lichtschalter und Sicherungsdosen aus Porzellan verstauben neben zwei vergessenen Plüschtierchen. Im Krämerladen gegenüber der Liebfrauenkirche behauptet ein Kleber über einigen vergammelten Waschpulverpackungen schreiend grün auf gelb: “Ihr Kaufmann hat’s”. Auf einem Zettel steht “Zu verkaufen”, und auch eine Telefonnummer ist notiert. Gewählt hat sie noch niemand.

Natürlich möchte man schon wissen, woher denn der Autor weiss, dass eine bestimmte Telefonnummer nie gewählt wurde. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass die Beschreibungen nur belanglose Beispiele sind mit der Aufgabe, zu illustrieren, was den Artikel als Thema durchzieht: Die Gemeinde Eisenerz verliert ihre Einwohner, die jungen zuallererst.

Nichts erfahre ich in meiner weiteren Lektüre über die Adresse “Am Platzl 1″, über den Modeverkäufer “Sagmeister”, über den Fotografen “Freisinger”, über “Janzer” mit seinem “Krempel”.

Reden dürfen dafür der Bürgermeister Gerhard Freiinger, sein Parteifreund Christian Berger, der Soziologe Rainer Rosegger, der Finanzstadtrat Horst Litschinger. Dazu gibt es etwas geschichtlichen Hintergrund, Aufklärung über die österreichische Parteipolitik.

Nicht, dass ich etwas dagegen hätte. Vielleicht gibt es nichts Bewegenderes zu sagen über Eisenenrz. Aber meine Erwartungen werden enttäuscht, wenn mir die NZZ diesen Artikel als “Reportage” verkauft - zusammen mit den 4 seit dem Relaunch sonst noch hier erschienenen:

Die NZZ bedient sich des Begriffs “Reportage” also offensichtlich für beliebige Artikel, die keiner Tagesaktualität geschuldet und etwas länger sind als der Durchschnitt. Ein schwaches Konzept.

Gespeichert unter Gesellschaft, Tagespresse | | 0 Kommentar

Mit Jacob Holdt in Amerika

11. July 2007

23 Jahre alt, vierzig Dollar in der Tasche - so reist der Däne Jacob Holdt 1970 per Anhalter durch die USA. Er ist auf dem Weg nach Chile, wo der Sozialist Salvador Allende eben Präsident geworden ist.

Doch aus der geplanten Durchreise wird eine fünf Jahre dauernde Begegnung mit Armut, Rassismus, Drogen und - Gastfreundschaft.

Holdt berichtet seine Erlebnisse nachhause. Der Vater kann die Schilderungen seines Sohnes kaum glauben und weil er seinen Augen mehr traut als seinen Ohren, schickt er eine Kamera.

Daraus ist eine Sammlung von rund 15′000 Dias entstanden und 1977 ein Buch: “American Pictures. A personal journey through the American underclass”.

Das Buch gibt es in einer Online-Version (mit 10′900 Bildern - ich habe sie nicht nachgezählt) und es gibt Holdts Bilder in einer Ausstellung, die noch bis am 19. August 2007 in meiner Heimatstadt zu sehen ist.

Das Besondere an Holdts Bildern: Sie sind vieldeutig, rätselhaft, beredt - doch Holdt belässt sie nicht in diesem Myterium, sondern er webt sie ein in eine wortkarge Geschichte, die der Autor herunterliest wie ein Adressbuch.

Da steht zum Beispiel ein Sofa mit Häkeldecke auf einem grün-beigen Flausenteppich. Ein Ehemann sitzt darauf und zwinkert mit einem breiten Lächeln in die Kamera. In seiner Linken hält er einen Revolver, in der Linken ein Gewehr. Neben ihm sitzt eine blonde Frau, die gelockten Haare toupiert. In der rechten Hand ein Gewehr. Neben ihr ein blonder Junge in Shorts, der sein Gewehr anschaut. Neben ihm ein Teenager in kurzem Rock, quadratische Brillengläser auf der Nase, Turnschuhe. In der Rechten ein Gewehr - wohl eine Antiquität. Dazu diese drei Sätze:

Vicky aus Michigan war eine von vielen weissen Frauen, die sich damals trauten, Anhalter mitzunehmen. Sie nahm mich mit nachhause zu ihrer glücklichen Waffen-Familie. Sie sagte, sie brauchten die Gewehre, “um sich vor den Niggern zu schützen”. (Fear and guns)

Oder das Bild einer alten Frau in einem Bretterverschlag, die mit einem kleinen Reisigbesen den Boden fegt:

Als ich durch Alabama trampte, begegnete ich dieser Frau an einer abgelegenen Landstrasse. In drückender Hitze bat ich um einen Schluck Wasser und verbrachte letztendlich viel Zeit bei ihr. Anna King starb später in einem Pflegeheim in Atlanta. (Old woman sweeping shack)

Und noch ein letztes Beispiel:

Diese arme 87-jährige Frau in Alabama bat mich, sie nach Phoenix, Arizona zu fahren. Sie wollte dort sterben. Ich half ihr, die Fenster ihrer verfallenen Hütte nahe Tuskegee mit Brettern zu vernageln. Sie wusste zwar, dass sie nicht mehr zurückkehren würde, aber sie wollte nicht, dass Schwarze aus der Gegend dort einzogen. Während der ganzen Fahrt legte sie die Pistole nicht aus der Hand und hatte eine Heidenangst wegen meiner langen Haare und meines Barts. Sie war so schwach, dass ich sie, immer an ihre Pistole geklammert, tragen musste, wenn sie aus dem Auto wollte. (Auszug aus einem längeren Text)

Über Jacob Holdt könnte man viel erzählen. Er engagiert sich weiterhin gegen Rassismus, hält immer noch Kontakt zu einigen seiner Photosujets und sein unterdessen vergriffenes Buch kann nicht neu aufgelegt werden, weil ihm die 45′000 Dollar für den Druck fehlen. Vielleicht kommt über die laufende Ausstellungsserie noch etwas Geld herein.

 

Zum Schluss noch ein geschichtsloses Bild, das mir nicht aus dem Kopf will: obdachlose Frau.

Gespeichert unter Gesellschaft, Reportage | | 0 Kommentar

Ende einer Lederfabrik

4. July 2007

Der 27. Juli 2006 war der letzte Tag der Kripper-Lederfabrik in der Nähe von Bonn. Monatelang stand die Fabrik leer, bis das Unternehmen schliesslich liquidiert wurde. Volker Lannert und Benjamin O’Daniel lassen sich für ihre Audio-Foto-Reportage von einem ehemaligen Mitarbeit durch das verlassene Gebäude führen und dokumentieren die Versteigerung.

Die stimmungsvollen Fotografien - oft im Streif- oder Gegenlicht - zeigen viele Details. Eine von Grünspan überzogene Temperaturanzeige. Ausgestanzte Lederflocken auf einen Holpflock. Der Begleitkommentar - zur Hauptsache von einem ehemaligen Mitarbeiter gesprochen - ist mit Geräuschen der Maschinen (wann wurden die aufgenomen?), Stimmen des Auktionators, der Bietenden ergänzt.

“In Glanzzeiten gabs hier 120 Mitarbeiter. Ich hab’ die Stechuhr gesehen, da waren 120 Fächer für Mitarbeiter. Als ich hier eingestellt wurde, waren es noch 50, Jahre später nur noch 30 und zum Schluss noch 20 Leute.”

Es gibt Stellen, wo Bild und Ton eng aufeinander abgestimmt sind, z.B. bei der Erklärung eines pneumatischen Spannrahmens:

“Acht bis zehn, zwölf Klammern an einem Fell. Vier Mitarbeiter, zwei hinten, zwei vorne, die also hier das Leder auf diesen Spannrahmen aufgespannt haben, wie mit Wäscheklammern.”

Bei andere Partien des etwas über 6 Minuten langen Hauptteils sind Kommentar und Fotografie nur lose aufeinander bezogen. Die Abfollge der Bilder ist oft etwas schnell, zu schnell für mich. Neben dem Hauptteil gibt es noch 4 kürzere Episoden von rund einer halben Minute.

Insgesamt erzeugt die Reportage einen lebhaften Eindruck, ich konnte das Leder riechen und fühlte mich zuletzt ganz nostalgisch.

Die Form der mehrteiligen Audio-Foto-Reportage ist keine revolutionäre Umsetzung fürs Internet, aber eine funktionierende. Um als Augenzeugenbericht zu wirken, braucht eine Reportage die Führung des Autors, sie braucht eine gewisse Linearität. Im Web möchte man aber auch ein bisschen selbst Regisseur sein - auswählen, herumklicken, neu kombinieren, kommentieren, etc. Von all dem bieten Volker Lannert und Benjamin O’Daniel gerade das Minimum. Interessant wäre zum Beispiel, wenn man einzelne (speziell gekennzeichnete) Fotos anklicken könnte und dadruch in eine Zusatzschlaufe geführt würde.

“Die Zerschlagung der Kripper-Lederfabrik” ist bei Medialism.net erschienen. Am 25. Juni 2007 online gegangen, soll dort “über kurz oder lang ein kleines, aber feines Multimedia-Magazin, eine Sammlung neuer multimedialer Formen” entstehen. Viel Glück!

Gespeichert unter Gesellschaft, Reportage, Web | | 1 Kommentar

Irrer Nerz

3. July 2007

Britta Stuff konnte am 31. Juni 2007 den 9. Graubünden Nachwuchspreis für Reisejournalisten in Empfang nehmen. Gewonnen hat sie den mit 2000 Franken dotierten Preis für eine Reportage über zwei Zimmermädchen im Grandhotel Kempinski in St. Moritz.

Rosa und Patrizia führen die Autorin während dreier Tage ein in die Kunst der systematisch-aseptischen Zimmerreinigung :

“Rosa [...] arbeitet an einem Ort, an dem Staubkörner Feinde sind, die es zu vernichten gilt, und der Gast ein Freund ist, der immer Recht hat. An dem Stifte in bestimmten Winkeln zu liegen haben und das Shampoo selbst im Fall eines nationalen Notstands vor dem Conditioner stehen muss. [...]

Das Putzritual beginnt: Kopfkissen abziehen, Bettdecke so straff ziehen, dass keine Falte bleibt, Kissen schütteln, Bett machen, Tagesdecke drüber. Kissen so anordnen, dass die Reißverschlüsse zum Fenster zeigen.”

Am nächsten Tag geht es weiter im selben Stil:

“Patrizia kontrolliert alle bereits geputzten Zimmer. Wie ein Adler kreist sie umher, und sieht sie einen Wasserfleck, dann stürzt sie sich auf ihn und poliert ihn zu Tode. [...]

Hier fällt der Vorhang nicht richtig, dort steht ein Kissen schief. Auch an Patrizia ist alles gerade.”

Die Sprache sitzt, die der Rhythmus stimmt, für Witz ist gesorgt. Und dennoch plätschert die Geschichte etwas gar gefällig dahin - bis zu dieser Stelle ganz am Schluss:

“Im letzten Zimmer hängt neben der Tür ein Nerzmantel, weiß wie Schnee. Patrizia, die gerade noch mit eine Flasche Reiniger in der Hand in den Raum stürmen wollte, streift den Mantel zufällig mit der Wange. Sie hält an, klemmt die Flasche unter den Arm und legt die Hände auf das Fell. Sie streichelt den Pelz, vergräbt ihr Gesicht darin. Für einen Moment bleibt die Zeit stehen. “Schön weich”, sagt sie und sieht auf. Dann ist der Moment vorbei.”

Mit dieser Pointe, diesem überraschenden Aufbrechen ist die Geschichte für mich gerettet. Gratulation!

Bei dem Bündner Nachwuchspreis übrigens werden jedes Jahr um die 20 Autorinnen und Autoren aus dem Reise-Journalismus - allesamt unter 32 Jahren - zu einem einwöchigen Recherche-Seminar nach Graubünden eingeladen. Die Tourismusbranche profitiert durch Präsenz in den Medien - im Fall von Britta Stuff in der Welt am Sonntag - der Nachwuchs profitiert von Weiterbildungen - und, wer Glück hat, gar von einem (bescheidenen) Preisgeld. Gutes Konzept. Hoffentlich leidet die journalistische Unabhängigkeit nicht zu sehr?

Gespeichert unter Gesellschaft, Reportage, Sonntagspresse | | 0 Kommentar

  • Pages

  • Letzte Beiträge

  • Archiv

  • Suche

  • Meta

  •