Flaschenbäume auf Sokotra

28. June 2007

Ein Eiland wie aus Seefahrermärchen” - so wird die Reportage über die Insel Sokotra auf der Titelseite der Juli-Ausgabe von GEO angeteasert. Hier zuerst einmal die Zutaten:

Ort: Eine abgelegene Insel, etwa 350 Kilometer südlich der Arabischen Halbinsel.

Personen, lebende: Der Autor Uwe George (”Als ich das erste Mal nach Sokotra kam, der Insel, von der ich so lange geträumt hatte,…”) sowie Athony G. Miller und Miranda Morris (Autoren einer Ethnoflora über Sokotra).

Personen, verstorbene: Sindbad der Seefahrer, Georg Schweinfurth (erster deutscher Forschungsreisender auf Sokotra), Emil Riebeck (Schweinfurhts Begleiter), James Raymond Wellsted (Marineoffizier auf einem bitischen Handelsschiff).

Dinge, verschiedene: Sardinen (”unglaubliche Massen”), Stachelmakrelen, Seeschwalben (Hunderte), Möwen (dösend), Weihrauchbäume (”so weit ich blicken konnte”), Dünen (über hundert Meter hoch), das Blaue Lieschen (ein Enziangewächs), ein Kalksteinplateau, Mineralwasserquellen (am Fuss der Dünen), zwei Bussarde, Flaschenbäume (siehe weiter unten), Drachenblutbäume (”zu Hunderten”, eine endemische Art).

Zwei Dinge habe ich wirklich gemocht: Den Einschub aus Tausendundeiner Nacht -

“Ich erhob mich, durchwanderte die Insel nach rechts und links und stieg schliesslich auf einen hohen Baum, von dessen Gipfel aus ich Umschau hielt. Doch gewahrte ich nichts als Himmel und Wasser, Insel und sandige Dünen, Bäume und Vögel. Als ich jedoch schärfer ausspähte, sah ich in der Ferne einen grossen, weissen Gegenstand…

Und als ich näher kam, sah ich, dass es eine grosse, hoch in die Luft ragende weisse Kuppel von mächigem Umfang war. Ich schritt rings um sie herum, doch fand ich weder Tür noch Treppe. Die Kuppel zählte fünfzig starke Schritte im Umfang. Da erwog ich denn bei mir, wie ich wohl hineinzukomen vermöchte, als mit einem Male die Sonne vor meinen Augen verhüllt wurde und die Luft sich verfinsterte. Ich hob meinen Blick und sah einen riesigen Vogel von gewaltigem Leib und weiten Schwingen daherschweben. Da fiel mir ein, was ich einst von Reisenden gehört hatte, dass auf einer Insel ein riesiger Vogel, Roch geheissen, lebte, der seinen Jungen Elefanten zum Futter bringe. Und ich erkannte nun, dass die Kuppel nichts anderes war als das Ei des Roch.” (die ganze Geschichte - in einer leicht anderen Fassung)

- und die Flaschenbäume (Adenium obesum var. socotranum)

“…jene Gestalten zwischen den Weihrauchbäumen, die aus der ferne wie vom Künstler Fernando Botero geschaffene Menschen wirken: mit dicken, bronzehäuptigen Leibern, kleinen Armen, Beinen und Köpfen. [...] Und obwohl manche von ihnen das Volumen von Elefanten hatten, brachten sie aus ihren monströsen Umfängen etwas sehr Filigranes hervor: leuchtende Blüten im zartesten Rosa.”

Leider ist das auch schon alles. Natürlich sprechen im GEO in erster Linie die Fotografien (und so erfährt man in einer Bildlegende auch noch, dass der Stamm als Wasserspeicher dient). Dennoch hätte ich mich zu diesen pflanzlichen Laiber gern noch etwas näher hinführen lassen. Klingen sie hohl, wenn man an ihnen klopft? Riechen die Blüten? (ja, “zart süß nach Blüten, die durch Regen erfrischt wurden”, wie man andernorts erfahren kann).

Insgesamt finde ich die Reportage lieblos geschrieben, mit jeder Menge Allerweltsadjektiven (wild, bizarr, wundersam) und uninspiriert. Eine Entäuschung, besonders von einem so renomierten Wissenschaftsjournalisten wie Uwe George.

Stossend finde ich auch, wie die Bevölkerung Sokotras lediglich als abstrakte Masse vorgeführt wird (”Erst seit wenigen Jahrzehnten erreichen Sokotra nun einige Errungenschaften der modernen Pharmakologie. Mit der Folge, dass die Bevölkerungzahl wächst, nicht aber die Ressourcen für ein ausbalanciertes Wirtschaften zunehmen”). Die Bühne betreten (mit Ausnahme Sindbads) einzig und allein Europäer.

Meine Empfehlung: Die Bilder bei Flickr anschauen, die sind mindestens gleichwertig:

Dazu den viel originelleren Beitrag von Claus-Peter Lieckfeld im Spiegel vom 24. Januar 2007 (ursprünglich bei GEO Saison 09/2006) lesen (der ist - im Gegensatz zum Artikel Georges - auch online): An den Hüter der Schönheit.

Für Fakten - wie üblich - den Artikel in der Wikipedia.

Nachtrag vom 5. Juli 2007: unterdessen ist die Reportage bei GEO online. Da kann sich jede und jeder sofort selbst ein Bild machen…

Gespeichert unter GEO, Natur, Reportage | |

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