Sabine Rückert gewinnt Egon Erwin Kisch-Preis 2008
10. May 2008
Hinweis: Dies ist die leicht abgeänderte Fassung meines Gastbeitrags bei medienlese.com.
Der diesjährige 31. Egon Erwin Kisch-Preis geht an Sabine Rückert. Die Auszeichnung, die seit vier Jahren im Henri Nannen Preis aufgehoben ist, erhält sie für ihre Reportage “Wie das Böse nach Tessin kam” (erschienen am 21.06.2007 in der Zeit). Das Urteil der Jury:
“von brennender Aktualität, die Autorin beschreibt den Boden, aus dem eine gespenstisch anmutende Tat wächst; sie führt den Leser auf beklemmende Weise in die Gedankenwelt und Motivationslage eines Jugendlichen ein, der trotz fürsorglicher und bemühter Eltern aus der Realität gleitet und in einer Welt von Computer-Spielen, der Verachtung des Schwachen und Identifizierung mit dem Starken zum Killer wird”.
Tatsächlich ist Sabine Rückert eine äusserst beklemmende, schlüssige Reportage gelungen.
Sabine Rückert versucht keine Expertendiskussion darüber abzuhandeln, ob und wie Videospiele Gewalt auslösen. Sie appelliert stattdessen an den gesunden Menschenverstand: “Man braucht kein Jugendpsychiater zu sein, um die Wirkung solcher Spiele auf unausgereifte Seelen zu erfassen.”
Mit dieser Meinung ist Sabine Rückert wohl angreifbar. Ein dezidierte Stellungnahme ist aber gerade der Sinn der Reportage. Damit hat sie sich - meiner Meinung nach zurecht - gegen die drei von der Vorjury mitnominierten Texte durchgesetzt.
Namentlich sind dies Das verflixte 70. Jahr von Jürgen Leinemann, Unter Wölfen von Alexander Soltczyk und Das leben neben dem anderen von Alexander Osang.
Wenn man der Jury einen Vorwurf machen will, dann den, dass sie mit ihrem Entscheid dem Sensationshunger der Medienbranche huldige. Das stimmt insofern, als hinter “Wie das Böse nach Tessin kam” sicher die krasseste Geschichte steckt.
Aber wenn ein Fehlentscheid vorliegt, dann trifft er eher die Vorjury, die bei ihrer Auswahl aus insgesamt 12 Texten gerade die sozial engagiertesten weggelassen hat (z.B. “Sklaven in Altona” oder “Tod in Camp Delta”).
Für Stirnrunzeln sorgt in dem Zusammenhang eine Meldung in der taz, wonach in einer anderen Kategorie des Henri Nannen Preises, jenem für die beste investigative Leistung offenbar ein kritischer Beitrag von der Liste der nominierten verschwand.
Insgesamt übrigens wurden 328 Texte eingereicht (32 in Schweizer Medien) und zwar von 267 Autoren und Autorinnen (Frauen mit rund einem Drittel deutlich untervertreten). Sie erschienen in 92 Zeitungen und Zeitschriften .
Kein Chance auf einen Egon Erwin Kisch-Preis haben reine Online-Produktionen, wie man sie beispielsweise bei Soundphotographer, medialism.net oder Mediastorm findet, in denen sich das Genre der Reportage gegenwärtig weiterentwickelt. Immerhin erklärte mir die Pressestelle des Henri Nannen Preises, dass “die Öffnung der bestehenden Kategorien für ‘reine’ Online-Beiträge gegenwärtig in der Diskussion” sei.
Wir drücken die Daumen.
Gespeichert unter Auszeichnung, Die Zeit, Reportage | | 0 Kommentar
Nominierte 3+4: Literarische Raubtiere und ein Oscar
8. May 2008
Am 9. Mai ist es soweit: In Hamburg wird zum 31. Mal der Egon Erwin Kisch Preis verliehen (seit 2005 offiziell unter dem Namen Henri Nannen Preis für die Beste Reportage).
Von den 328 eingereichten Reportagen aus 92 Zeitungen und Magazinen hat die Jury im März 08 bereits vier ausgewählt. Zwei davon habe ich im Reportagenblog bereits vorgestellt (Jürgen Leinemann und Sabine Rückert), zwei bin ich schuldig geblieben: Alexander Smoltczyk und Alexander Osang. Voilà les deux.
Alexander Smoltczyk: Unter Wölfen. Erschienen im Spiegel vom 15. Oktober 2007.
Schriftsteller sind “einsame, marktscheue Existenzen. Sie ringen mit ihren Romanfiguren, nicht gern mit Managern”. So stellen wir uns die noble Sphäre der Literatur vor. Und so schildert sie uns Smoltczyk. Doch auch Manuskripte werden gehandelt. Und wie:
“‘Ed Vicor senkt die Stimme: “Es war ein Gladiatorenkampf. Noch nie in meiner Laufbahn habe ich für etwas so viel Geld bekommen.’ Und er hätte gern, so heisst es, noch 700′000 Euro pro Land dazu.”
Dieses Etwas sind zehn zusammengeheftete Seiten (plus die Rechte auf mehr). Diktiert hat sie Rolling-Stones-Gittarist Keith Richards. Nicht ganz wörtlich, aber ungefähr, auf einem einstündigen Tonband.
Gehandelt wird dieses “Exposé” am Rand der Frankfurter Buchmesse und zwar von einem Literaturagenten (Ed Victor). Der ist nicht der einzige Agent und Keith Richard nicht der einzige Promi, der in Smoltczyks Reportage vorkommt.
“‘Wylie ist ein Raubtier’, sagt Andrew Nurnberg, auch er ein Alphatier der Branche [...]. ‘Aber er hat unseren Job prickelnder gemacht. Keiner kann sich seiner Autoren mehr sicher sein.’”
“Er hat unter anderen Salman Rushdie, Susan Sontag und W.G Seebald ihren Stammagenten und Hausverlagen entrissen, allesamt linke Autoren. Aber Wylies sechs- und siebenstelligen Argumenten konnten sie sich nicht entziehen.”
Smoltczyks Thema ist die Branche. Der Text liest sich gut, weil man diese Szene kaum kennt und weil Smoltczyk eine spitze Feder hat. Was bisweilen aber auch ins Geschmacklose kippt (”Der Deutsche negert eben gern”).
Zuletzt schüttelt man als Literaturliebhaber resigniert den Kopf ob soviel schnöder Geschäftsttüchtigkeit. Das Kopfschütteln ist indes kalkuliert. Die Reportage erhält einen klaren Fluchtpunkt, der aber nicht in die Tiefe führt, sondern sich damit begnügt zu unterhalten.
Alexander Osang: Das leben neben dem anderen. Erschienen im Spiegel vom 5. März 2007.
Osangs Reportage handelt vom Schauspieler Ulrich Mühe, der im Film “Das Leben der Anderen” einen Stasi-Hauptmann spielt und dafür unter anderem mit dem Europäischen Filmpreis für den Besten Schauspieler ausgezeichnet wurde. Der Regisseur des Films, Florian Henckel von Donnersmarck, konnte am 25. Februar 2007 in Los Angeles den Preis für den Besten fremdsprachigen Film entgegennehmen.
Ulrich Mühe ist in Sachsen aufgewachsen, ein zurückaltender, ruhiger Typ. Donnersmarck dagegen ist weltmännisch, stammt aus einer schlesischen Adelsfamilie, ist gewöhnt im Mittelpunkt zu stehen.
“Seine [Donnersmarcks] Familienwurzeln lassen sich bis ins 14. Jahrhundert verfolgen, er hat in Oxford und Leningrad studiert, er ist verheiratet, hat zwei Kinder und hat als Junge in New York [...] gespielt [...]. Donnersmarck ist ein beeindruckender Mann, und manchmal schaut ihn Ulrich Mühe an wie seinen Vater.”
Dies obwohl Mühe 20 Jahre älter ist als Donnersmarck mit Jahrgang 1973. Eine wunderschöne kleine Szene ist die:
“Mühe [...] hat Clint Eastwood getroffen und im gesagt, dass er seine Filme mag.
Und was hat Easwood gesagt?
‘Danke’, sagt Mühe.”
Osang erklärt die Unterschiede zwischen Mühe und Donnersmark, geht ihren Biographien nach, in zahlreichen Schleifen. Dazu begleitet er Ulrich Mühe die vier Tage von dessen Ankunft in Los Angeles bis kurz nach der Preisverleihung.
Und dann gibt es diese Geschichte mit Mühes Ex-Frau Jenny Gröllmann. Donnersmarck hatte nicht nur einen Film gedreht, sondern auch noch ein Buch dazu herausgegeben. In diesem Buch sagt Mühe über seine damalige Frau, sie habe bei der Staatssicherheit als IM gearbeitet. Gröllmann ging gerichtlich gegen die Aussage vor und der Verlag musste das Buch zurückziehen.
Alle diese Elemente und Ebenen verweben sich zu einer ziemlich komplexen Geschichte, die sich mir nicht gerade leicht erschlossen hat, was wohl auch damit zu tun hat, dass ich den Film nicht kenne. Am 22. Juli 2007 schliesslich, wenige Wochen nach Veröffentlichung der Reportage, ist Ulrich Mühe an einem Karzinom gestorben.
Gespeichert unter Der Spiegel, Reportage | | 1 Kommentar
Wallraffs Brötchen
4. May 2008
Nach seinem letztjährigen Einsatz bei zwei Callcentern war Günter Wallraff im Februar 2008 wieder undercover.
“Ich gebe vor, 51 Jahre alt zu sein statt 65, und habe mir die Identität eines Freundes geliehen. Frank K. heisse ich jetzt. [...] Falsche Haare und ein dünner Oberlippenbart verjüngen mich.”
Dieses Mal geht es für das Zeit-Magazin “Leben” nach Stromberg, in die Backfabrik Weinzheimer. Dort werde unter unwürdigen Bedingungen geschuftet, hatte ein Briefschreiber Wallraff alarmiert. Weinzheimer beliefert den Discounter Lidl mit Brötchen.
Der Kunde bezahlt bei Lidl 10.5 Cent für ein Brötchen von Weinzheimer.
Der übliche Stundenlohn bei Weinzheimer beträgt 7.66 Euro brutto.
Wallraff findet eine marode Fabrikationsanlage vor, er stellt mangelnde Hygiene fest, kritisiert die prekäre Arbeitssicherheit und dokumentiert einen völlig menschenverachtenden Umgangston.
“Beim Hochstemmen der Bleche über Kopf zischt es auf der Haut meines rechten Arms, und es bilden sich dicke Brandblasen. [...] Als die stählerne Kette des Bandes plötzlich abspringt, herrscht Chaos. Die Kollegen brüllen sich an, greifen mit den Händen ins laufende Band, um die Kette wieder in die Halterung zu bringen. [...] Der Schimmel [...] blüht permanent [...] an schwer zugänglichen Stellen der Anlage rieselt er an verrotteten Eisenteilen herunter und entwickelt sich im Gärschrank.”
Wallraff stellt sich viele Fragen:
“Wie reagiert ein Betrieb, der in Deutschland produziert [angesichts der Globalisierung] auf den Kostendruck?”
“Kann es sein, dass die Arbeitsbedingungen der sogenannten Dritten Welt bereits Einzug gehalten haben in unsere ’schöne neue Arbeitswelt’?”
“Warum kaufen die Kunden diese Brötchen, die nicht gut schmecken?”
“Was treibt einen Menschen [gemeint ist Firmeninhaber Bernd Westerhorstmann], eine Firma so zu führen? [...] Welchen Teil der Schuld trägt er selbst?”
Alle diese Fragen sind berechtigt und richtig. Doch Wallraff gibt bestenfalls oberflächliche Antworten.
- Auf den Kostendruck reagiert ein Betrieb in Deutschland mit Lohndumping und Verzicht auf Investitionen. Kaum überraschend.
- Einen Vergleich mit Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt bleibt Wallraff schuldig.
- Bei den Kaufmotiven äussert Wallraff Verständnis, wenn “ein Hartz-IV-Empfänger solche Billigbrötchen kauft”. Den übrigen KäuferInnen attestiert Wallraff mangelnde Vernunft.
- Über Westerhorstmanns Motive spekulieren “einige Arbeiter”, “dass er einzig daran interessiert sei, in der Zeit bis zu seinem Ruhestand das Maximum aus dem Betrieb herauszupressen”.
Trotz lobenswertem Engagement finde ich Wallraffs Reportage enttäuschend. Was bleibt ist ein Skandal (unbestreitbar), eine Skandalisierung. Und ein Aufruf zum Boykott:
“Lidl diktiert Weinzheimer die Preise und trägt damit Verantwortung dafür, wie Menschen dort arbeiten müssen. Solange die Arbeiterrechte dort systematisch verletzt werden, sollten die Kunden Lidl und seine dürftigen Brötchen boykottieren.”
Das immerhin ist mutig. Allerdings nicht von Wallraff, sondern von der Zeit.
Und Lidl rechnet vor, dass Aldi, Penny und Netto im Laden keinen Cent mehr für ihre Brötchen verlangen. Ein guter Grund, auch dort nicht mehr einzukaufen.
Update: Wallraff erzählt im Interview mit der Zeit vom 8. Mai 2008 über Reaktionen auf seine Reportage.
Gespeichert unter Die Zeit, Gesellschaft, Reportage | | 0 Kommentar
Pulitzer-Preis für Feature Writing
7. April 2008
Den diesjährigen Pulitzer-Preis für “Feature Writing” - eine Art Preis für die beste Reportage - ging dieses Jahr an Gene Weingarten von der Washington Post für Pearls Before Breakfast. Weingarten hatte den Star-Geiger Joshua Bell überredete, als Strassenmusiker verkleidet in einer Metro-Station zu spielen. Wenige Leute merkten, was ihnen da vorgetragen wurde…
Weitere Finalisten sind:
- Thomas Curwen für A hike into horror and an act of courage in Glacier National Park, erschienen in der Los Angeles Times vom 29. April 2007 - die Geschichte einer Grizzlybär-Attacke.
- Kevin Vaughan für The Crossing, eine Serie über den Zusammenstoss zwischen einem Bus und einem Zug, bei dem 1961 zwanzig Kinder umkamen, erschienen in den Rocky Mountain News.
Gespeichert unter Auszeichnung, Englisch, Reportage | | 1 Kommentar
Nominierte 2/4: Sabine Rückerts böses Tessin
1. April 2008
Sabine Rückert wurde für ihre Reportage “Wie das Böse nach Tessin kam” am 19. März 2008 für den Egon Erwin Kisch-Preis nominiert. Der Text erschien am 21.06.2007 in der Zeit. Rückert war 2002 schon einmal für denselben Preis nominiert, sie gewann damals den zweiten Platz.
Das böse Tessin befindet sich in Mecklenburg. Hingekommen ist das Böse mit einem Doppelmord. Der 17-jährige Felix ersticht (mit Hilfe des gleichaltrigen Torben, über den man im weiteren Verlauf praktisch nichts erfährt) am Abend des 13. Januar 2007 mit mehreren Messern ein benachbartes Ehepaar. Felix ist ein erfolgreicher Gymnasiast, ein “wohlerzogener Sohn, der jedermann höflich grüsste”. Die Tat löst Unverständnis aus. Wie konnte so etwas passieren?
Sabine Rückert kommt einer Antwort nahe. Sie tut dies ohne Kontakt zum Täter. Auskunft geben der Vater von Felix, ehemaliger Vorsitzende des Betriebsrates im Zeit-Verlag, die Mutter von Felix, Marionettenspielerin, Felix’ jüngere Schwester Jana und deren Freundin Eyleen (die meisten Quellen lassen sich nur indirekt erschliessen). Ausserdem gibt es die Aufzeichnung eines Polizeinotrufs, ein Tagebuch und eine Loseblattsammlung mit Zeichnungen, Texten.
Der Text stellt Nähe her, indem praktisch alle Ereignisse im Indikativ - in der berichteten Rede, stellenweise als wörtliche Zitate - erzählt werden. Nur ganz selten wird eingestreut, wer da spricht. Auch offensichtlich rekonstruierte Stellen kommen als konsequente Szenen ohne Relativierung daher (sorry, die Dramatik verbietet eigentlich eine so formalistische Betrachtung - aber trotzdem):
“Als Antje E. röchelnd in ihrem Blut liegt, schickt Felix den Freund Torben los: Er soll die Geisel aus dem Schuppen holen. Eyleen soll sich das angerichtet Unheil genau ansehen, dann wird sie wohl auföhren zu grinsen, dann wird sie erkennen, dass die Welt Grund hat, sich vor Felix zu fürchten. [...] Dann sticht er Antje E. noch einmal heftig in den Kopf, während das Mädchen sich abwendet. Und sich aufrichtend, fragt er sie: Glaubst dus jetzt?”
Kurz vor der Tat hatten sich die Jugendlichen den Film Final Fantasy VII angesehen, die filmische Fortsetzung eines Videospiels. Auf seine PlayStation spielte Felix auch Spiele wie Doom oder Prey. Stundenlang. Worum es dabei geht?
“Um ihr Leben wimmernde Männer und Frauen werden vor meinen Augen von einer speziellen Menschenvernichtungsmaschine aufgespießt und zerquetscht, wahnsinnige kleine Kinder zerfetzen und durchbohren einander. [...] Die rechte [Hand] ist blutbesudelt und hält einen blutverkrusteten Schraubenschlüssel, mit dem ich auf alles einhacke, was sich rührt. Meine Gegner zerplatzen, die Organe treten aus. Manchmal treffe ich hilflos umherirrende Personen, die den Außerirdischen entkommen sind. Halb nackt sind sie und vor Angst halb verrückt. ‘Ist besser für dich’, lässt der Computer mich sagen, wenn ich ihnen mit dem Schraubenschlüssel den Schädel zertrümmere. “
Sabine Rückert versucht keine Expertendiskussion darüber abzuhandeln, ob und wie Videospiele Gewalt auslösen (der Sachverständigen-Gutacheter des Gerichts wird nur via Eltern zitiert). Sie appelliert stattdessen an den gesunden Menschenverstand: “Man braucht kein Jugendpsychiater zu sein, um die Wirkung solcher Spiele auf unausgereifte Seelen zu erfassen.”
Die Reportage ist keine intellektuelle Analyse. Sie ist ein Versuch, zu erklären, Verständnis herzustellen ohne Identifikation. Sie ist eine Anklage. Das ist Sabine Rückert hervorragend gelungen.
Einziger Patzer ist der Anfang, wo es in einer Szene heisst: “…man raucht eine Zigarette und weiss beim Anstecken noch nicht, dass es die letzte sein wird”. Man denkt natürlich, wer hier raucht sei das Opfer. Sicher wir der Leser bewusst irregeführt - doch jener, der in dieser Szene raucht - es ist der Vater von Felix - hat da keineswegs seine letzte Zigarette geraucht, er wird vielmehr später zum Kettenraucher. Das Rätsel soll wohl Spannung erzeugen - geht schliesslich aber nicht auf.
Wenig überzeugt mich auch der gesucht bedeutungsschwangere Schluss: “Er [gemeint ist Felix] hat Menschen das Leben genommen. Und diese Erfahrung ist nichts wert. Einfach nur nichts.”
Gespeichert unter Die Zeit, Gesellschaft, Reportage | | 1 Kommentar
Nominierte 1/4: Jürgen Leinemanns verflixtes 70. Jahr
22. March 2008
Die Jury des Henri Nannen-Preises hat “Das verflixte 70. Jahr” von Jürgen Leinemann für die Kategorie “Reportage” (d.h. für den Egon Erwin Kisch-Preis) nominiert. Von den insgesamt vier Nominationen in dieser Kategorie ist dies zweifellos die kontroverseste. Dass dies auch in der Jury so gewesen sein dürfte, ist daran abzulesen, dass zum ersten Mal überhaupt vier statt drei Beiträge ausgewählt wurden.
Jürgen Leinemann war 35 Jahre lang Journalist beim Spiegel, bis er Anfang 2007, wenige Monate vor seinem 70. Geburtstag, in den Ruhestand trat und kurz darauf an einem lebensbedrohenden Zungenkrebs erkrankte.
Wie der Titel vermuten lässt, ist Leinemanns Text autobiographisch. Er ist gut geschrieben und man wünschte, die Nominierung habe die Kraft, Krankheit - ja gar den Tod - zu verscheuchen. Doch die Frage ist: kann man ihn als Reportage lesen?
Natürlich haben Reportagen fast zwangsläufig einen autobiografischen Anteil indem sie dokumentieren, was ihr Autor erlebt hat. Es steht nirgends geschrieben, wie gross dieser Anteil sein darf, wie gross er sein muss.
Es gibt Reportagen, in denen macht sich der Autor fast unsichtbar. Er taucht ein in seinen oder seine Protagonistin, schildert von dem Material nur, was diese gesehen, erlebt haben kann.
Und es gibt Reportagen, in denen ist der Autor selbst der Protagonist, der im Zentrum steht. Dass dies nicht immer funktioniert, kommentiert Tom Wolfe (The New Journalism, 1973) am Beispiel von Norman Mailer. Dieser hatte die autobiografische Methode erfolgreich bei seinem “Marsch aufs Pentagon” (The Armies of the Night, 1968) angewandt, scheiterte jedoch (nach Ansichts Wolfes) kläglich beim Versuch, auch die erste Mondlandung (Of a Fire on the Moon, 1970) in dieser Art zu inszenieren:
“Why did it fail so badly? Because this time he was not, in fact, a leading character in the event, and his use of an autobiographical point of view merely set up a clumsy and tedious distraction in the foreground, viz., himself.”
Scheitert Jürgen Leinemann? Nicht als Erzähler. Die kleinen Dialoge mit dem stürmischen Dr. W. beispielsweise sind hervorragend:
“Eher beiläufig teilt er mir mit: ‘Sie müssen operiert werden.’
‘Wann?’, frage ich. ‘ Jetzt’, sagt er. ‘Jetzt? Was heisst das?’ ‘Jetzt heisst sofort.’[...]
Als die silberne Lifttür zugeglitten ist, sehen wir uns zum ersten mal an. ‘Und wer operiert mich jetzt?’, will ich wissen. ‘Ich’, sagt er.
Wie lange so eine Fahrstuhlreise über sechzehn Etagen sein kann. Dr. W. blickt mich an. ‘Schöne Scheisse, was?’ Mir treten die Tränen in die Augen, ich nicke. Er drückt mir die Hand: ‘Ich werde mein Bestes tun, das kriegen wir schon hin.’ Er sieht mir in die Augen, und ich glaube ihm. Vertrauen kann sehr plötzlich entstehen.”
Trotzdem wird auch gerade an dieser Stelle eine Schwäche sichtbar: Jürgen Leinemann schreibt aus der Ich-Perspektive, aber er behandelt sich nicht wie eine Figur, die charakterisiert, entwickelt, inszeniert werden muss. Darum bleibt er selbst in dem Text merkwürdig blass. Oder sollte dies beabsichtigt sein? Ausdruckt von Bescheidenheit, von Demut (der Text nimmt gegen Ende eine religiöse Wende)?
Aber wie passen dann Passagen ins Bild, bei denen Leinemann seinen Abschied beim Spiegel mit sämtlichen Namen des politischen Who is who Deutschlands schmückt, angefangen bei Richard von Weizsächer über Gerhard Schörder bis Angela Merkel?
Doch zurück zur Ausgangsfrage nach der Textgattung. Lesen wir hier eine Reportage? Wenn es eine wäre, wovon handelte sie? Von Alter, Krankheit, Schmerz, von Glauben, von Tod könnte man argumentieren, doch wäre dies ein Vorwand. Der Text handelt von Jürgen Leinemann. Und das darf er auch.
Jürgen Leinemann hat einen Ausschnitt aus seiner Lebensgeschichte erzählt. Und er bedient sich Mitteln, die zum Repertoire auch - aber keineswegs nur - der Reportage gehören: Zitate, Dialoge, Ortsbeschreibungen, Subjektivität, Perspektive, Stimmungsbilder, etc. Man gratuliert ihm gerne dazu. Doch für den Egon Erwin Kisch-Preis gehört er nicht nominiert.
Gespeichert unter Der Spiegel, Die Zeit, Gesellschaft, Reportage | | 2 Kommentare
Egon Erwin Kisch-Preis: Die Nominierten
20. March 2008
Folgende Journalisten und ihre Arbeiten wurden gemäss Communiqué vom 20.03.2008 für den diesjährigen Egon Erwin Kisch-Preis nominiert (seit 2005 unter dem Namen Henri-Nannen-Preis):
- Jürgen Leinemann, Das verflixte 70. Jahr (Zeit Magazin Leben)
- Alexander Osang, Das Leben neben dem anderen (Der Spiegel)
- Sabine Rückert, Wie das Böse nach Tessin kam (nein, nicht in die Schweiz, sondern in Mecklenburg) (Zeit Magazin Leben)
- Alexander Smoltczyk, Unter Wölfen (Der Spiegel)
Alle vier (!) wurden schon früher mit dem Egon Erwin Kisch-Preis ausgezeichnet (bei Jürgen Leinemann ist es allerdings schon eine Weile her). Postiv: alle Texte sind online vollständig nachzulesen - und demnächst hier ausführlicher kommentiert.
Gespeichert unter Autoren, Meta, Reportage | | 1 Kommentar
Die tägliche Reportage bei Blick
17. March 2008
Am 5. März 2008 ist ein neuer Blick herausgekommen. Zu den Neuerungen gehört die tägliche Reportage, angekündigt beispielsweise im Interview von “Schweizer Journalist” mit Chefredaktor Bernhard Weissberg:
“‘Solange wir uns eine grössere Redaktion leisten als die Gratiszeitungen, wo die Leute zumeist an den Pulten sitzen, müssen wird die Journalisten rausschicken.’
‘Sie verlangen ihnen auch täglich eine Reportage ab.’
‘Ja, das ist eine Willenserklärung. Wer nicht 300 Reportagen im Jahr liefern will, der schafft auch nicht 250 oder 200. Wir suchen mit der täglichen Reportage die latente Aktualität. Wir begleiten also zum Beispiel einen Wirtschaftsführer, der in den Schlagzeilen steht, oder schauen uns an einem Brennpunkt um, wie in Thun während der Sexaffäre.’
‘Das schaffen Sie mit diesem Personal nie.’
‘Sie unterschätzen meine Leute: Die wollen selber Reportagen schreiben. Wir bilden also nicht einen Elite-Stosstrupp, sondern lassen Leute aus allen Ressorts ran. Die Fokusgruppen meinten übrigens, die Reportage wäre ein starker Grund, den Blick zu kaufen. Die ReaderScan-Studien haben uns gezeigt, dass die längsten Texte am besten gelesen werden.’”
Online übrigens ist von den Blick-Reportagen nichts zu sehen (die aktuellste ist vom 23. Februar). Die folgenden sechs Kurzbesprechungen kommen darum ganz ohne Links aus. Entweder man will die Exklusivität unterstreichen oder man traut den Online-Lesern nicht zu, soooo lange Texte zu lesen (die maximale Reportagenlänge beträgt gerade mal 7000 Zeichen)?
Vaduz bei Nacht. Besuch im Schwarzgeld-Tresor Europas (5.03.2008). Lukas Rüttimann und der Fotograf Tomas Wüthrich besuchen Abends im “Städtle” ein Hotel, zwei Restaurants (eines davon scheint zum Hotel zu gehören), eine Bar und das Fürstenschloss (von aussen). Dokumentiert sind Gespräche mit einem Gast, einem Kellner, einem Zimmermädchen, einer Hotelchefin, einem Wächter, einem Wachmann, einem holländischen Kameramann, einem ehemaligen Gemeindepolizisten und einem, der nur “einer” heisst. Ausser dem Gemeindepolizisten sagt keiner mehr als 1-2 belanglose Sätze. Eine Ortsbeschreibung gibts vom Fürstenschloss:
“Statt der weltberühmten Frontansicht - mit den Schneebergen im Hintergrund - wirkt die Burg beim Eindunkeln bedrohlich und düster. Dazu passt, dass ein Kran wie eine riesige Zange nach dem Fürstenschloss zu greifen scheint.”
Auf dem Bild des Schlosses ist vom Kran dann leider nichts zu sehen (beleuchtungsbedingt?). Keine guten Beschreibungen, keine Charakterisierungen, beliebige Zitate. Die Reportage macht keinen tieferen Eindruck.
Das Googly Prinzip (06.03.2008). Angekündigt ist “Google” und zwar mit einem Blick “hinter die Kulissen seines Sitzes in Zürich” verknüpft mit einem “Besuch in den USA”, wo Bernhard Weissberg, Chefredaktor des Blick “das wahre Erfolgsgeheimnis hinter den sechs farbigen Buchstaben der Suchmaschine” entdeckt haben will. Im Text kommt Zürich dann mit keinem Wort mehr vor. Egal. Bei dem Besuch in Mountain View sagt uns Sandy, 24:
“‘It’s easy’”
Das ist alles. “Easy” bezieht sich auf ihre Fähigkeit, rückwärts zu gehen und zu sprechen.
Anfangs sieht es so aus, als ob Teo, 24 auch nicht mehr sagen würde:
“‘It’s fun!’”
Doch dann erklärt er, wonach Google in den Bewerbungen für einen der begehrten Jobs im Unternehmen sucht:
“‘Du musst googly sein!’
‘Was?’
‘Googly. Anders, speziell, eine schräge Seite haben.’
‘Und die Uni? Der Abschluss?’
‘Gut musst du hier sowieso sein. Nein, du brauchst noch das gewisse Etwas dazu!’
Googly also. Was ist den googly an dir, Teo?
‘Ich kann sieben Sprachen, und ich hab alle Fremdsprachen dort gelernt, wo sie gesprochen werden!’”
Teo erzählt noch von einem Kollegen, und natürlich werden Sergey Brin und Larry Page erwähnt. Weissberg versucht sich noch an einer Beschreibung kleiner “Kabäuschen, hell verglast statt grau stoffbespannt wie anderswo” und verbrät, was man über Google sonst noch so weiss. Der Dialog mit Teo ist eindeutig das Witzigste.
Die Golan Cowboys (07.03.2008). Der Artikel ist eine Übersetzung, bei der leider so vieles schief ging, dass eine Besprechung hier kaum in Frage kommt. So etwa die Einführung der Golanhöhen als “ein Gebiet, welches das Ziel hitziger Debatten um das Eigentumsrecht ist” oder der wunderbare Schlussatz:
“Die Cowboys leben ihr Leben - jeden Morgen neu.”
Gut immerhin, die Idee aus dem selten genutzten Fundus fremdsprachiger Reportagen zu schöpfen.
Im Sawiri-Land (08.03.2008). Ins Bergdorf Andermatt, wo der Ägypter Samih Sawiri eine riesige Tourismus-Anlage plant, führt Hanspeter Bundi - einer, der ohne Frage Reportagen schreiben kann. Doch in seiner Blick-Reportage stolpert man zuerst einmal - und zwar über den Imperfekt. Warum schildert er seinen Besuch in Andermatt bloss in der Vergangenheit?
Kaum ist man über diesen Stolperstein hinweg, findet man sich verwirrt. Eigentlich kündigt sich mit jedem Absatz eine lange, ausladende Reportage an - doch die ist zu Ende, kaum hat sie begonnen. Mit gut 7000 Zeichen ist Sawiri-Land die bislang längste Blick-Reportage, doch das ist für diese Geschichte zu wenig.
“‘Er war hell begeistert, als er an jenem Anend heimkam’, sagte mir Regula Zopp, seine Frau, die in Gurtnellen aufgewachsen ist, wo die Berge eng und dunkel beieinander stehen. Ich traf sie im Stall, der mitten in der gleissenden Ebene steht. Regula Zopp kauerte hinter den Kühen, setzte die Saugnäpfe der Melkmaschine an, und während sie sprach, strich sie fein über das Euter der Tiere, damit die Milch leichter fliesse.”
Beobachten, das kann Bundi. Premiere auch des “Ichs”.
Ballett-Traum (10.03.2008). Karin Baltisberger verfolgt das Casting von fünf 11- bzw. 12-Jährigen in der Tanz Akademie Zürich. Interessant ist das eigentlich nur dort, wo gegen Clichés verstossen wird:
“‘Eines Tages kam Thierry heim: ‘Mami, ich will ins Ballett.’ Karin Jaquemet, studierte Landwirtin aus Dielsdorf, schluckte leer. [...] Einen Monat später trainierte er mit lauter Mädchen. [...] Die bodenständige Mutter mit Kurzhaarschnitt und blauem Faserpelzpulli holt tief Luft [...]. ‘Ich dachte nur: brotlose Kunst. Ein Pilot oder Arzt wäre mir lieber gewesen. [...] ‘Meine Tochter spielt Fussball auf hohem Niveau. Wir sind jetzt halt die Familie mit den komischen Kindern.’”
Gut geschrieben, für die Lokalberichterstattung sogar exzellent, über die Zürcher Seefeldstrasse hinaus aber vier Fünftel zu lang.
Jobben im Callcenter (11.03.2008). “Callcenter heisst die Käfighaltung von Angestellten. Eingestellt ist man schnell. Ich habe es versucht.” Hatte nicht Günther Wallraff eben dies vor einen Jahr schon getan? Muss ich mir diese Geschichte - aus Schweizer Perspektive selbstverständlich - nochmals antun? Es tut weniger weh als gedacht.
Dies liegt vor allem an Matthias Pfanders Tempo, mit dem er die einfache Story schnörkellos zu Ende bringt. “‘Man muss gut drauf sein, um Erfolg zu haben’, sagt die Personalverantwortliche. ‘Aber wir ziehen den Kunden nicht über den Tisch.’” Zuerst gehts bergauf (”Meine Quote ist nach dem ersten Tag beeindruckend: 10 Prozent”), dann bergab (”Meine Quote [...] liegt bei null.”) aber das ist jetzt egal: “Ich habe gekündigt”.
Kein Engagement, weder für die Täter noch für die Opfer.
Fazit: Soviel also nach einer Woche Blick-Reportage. Im Einzelnen selten Qualität, viel Belanglosigkeit aber dennoch eine überraschende Vielfalt, Mut zum Experiment. Jeder Text ist eine “echte” Reportage mit Vor-Ort-, Personen- und Sach-Ebene. Mit Dialog (Weissberg), Details (Bundi), Ausland, Lokalem, mit einem Selbstversuch.
Ich wünsche den Reportagen generell mehr (soziales) Engagement und Hanspeter Bundi mehr Glück mit der geforderten Kürze. Zum regelmässigen Blick-Leser bin ich allerdings nicht konvertiert.
Gespeichert unter Reportage, Tagespresse | | 0 Kommentar
Karl Lüönd über Reporter
11. March 2008
Karl Lüönd, ehemlas Chefredaktor beim Blick, Herausgeber der Zeitschrift Jagd & Natur, Publizist und Autor einer Unternehmensbiographie zu Ringier äusserst sich im Interview mit persönlich zur Rolle des Reporters:
Matthias Ackeret:
“Sie zelebrieren in Ihrem Ringier-Buch immer wieder den Beruf des Reporters. Doch dieser existiert im Zeitalters des Internets und der Gratiszeitungen gar nicht mehr …”
Karl Lüönd:
“Leider haben Sie recht. Ich denke, dies wäre eine Retro-Strategie, die sich wieder lohnen würde. Grosse Journalisten von heute wie Erwin Koch, Constantin Seibt und Esther Girsberger beweisen ihre Qualitäten im Nahkampf und in der direkten Feindberührung. Aber im Allgemeinen verlieren die Journalisten im Laufe der Jahre die Berührung mit dem wirklichen Leben. Schuld daran sind all die Datenbanken, SMD-Recherchen und dieses ganze öde Copy-Engineering.
Die Arbeit des Reporters ist nur begrenzt rationalisierbar, sie ist Manufaktur, nicht industrielle Serienfertigung. Sie ist eine intellektuelle Dienstleistung wie Beratung, Seelsorge, Unterricht. So gesehen wäre eine Rückkehr zu den alten Reporterfähigkeiten — hingehen, schauen, denken, berichten — auch ein Gewinn für die Leser. Es gab und gibt Reporter von geradezu literarischer Qualität: Joseph Roth, Graham Greene, John dos Passos, Tom Wolfe, das sind meine Hausheiligen. Und schauen Sie sich doch Leader-Medien wie den Spiegel an. Seit dort wieder verschiedene eigenartige Aromen, sogenannte Edelfedern, zugelassen sind, ist das Blatt wieder spannend.”
Ich glaube zwar nicht, dass Journalisten wegen den elektronischen Recherchemöglichkeiten einfach so “die Berührung mit dem wirklichen Leben” verlieren. Auch haben die neuen Chefredaktoren von Blumencron und Mascolo nach dem Abgang von Stefan Aust beim Spiegel eben gerade “nicht mehr nur schön geschriebene Reportagen” gewünscht - was man durchaus als Kampfansage auffassen kann.
Das mit der Retro-Strategie ist aber tatsächlich ein Konzept, dem ich etwas abgewinnen kann. Zu den Reportagen beim neu lancierten Blick komme ich später.
Gespeichert unter Meta | | 2 Kommentare
Roman, Reportage, Essay
9. March 2008
In der NZZ vom 8. März 2008 erklärt Angelika Overath auf geistreiche Art den Unterschied zwischen Essay und Reportage:
“… ganz grob kann gesagt werden, dass im Unterschied zu den erzählenden Genres der Essay keine Raumerfahrung vermittelt. Das gibt ihm eine ungeheure Freiheit. “
“Ein Essay kann jede Materialschlacht wagen. Was ihn zusammenhält, ist nicht einmal ein roter Faden. Ihn stützen ein paar rote Punkte vielleicht und die Haltung, der Atem dessen, der spricht. So darf ein Essay alles, was er stilistisch trägt. Die Reportage hingegen darf, unabhängig von ihrem sprachlichen Niveau, vor allem sehr vieles nicht.”
…und denjenigen zwischen Reportage und Roman:
“Was die Reportage von den sogenannten fiktionalen Genres grundsätzlich unterscheidet, ist ihr Verhältnis zur Welt. Eine Reportage muss in dem, was überprüfbar ist, stimmen. Aber ist Faktentreue ein Kriterium, das Literatur ausschliesst?”
“Nicht die Recherche, nicht die Sorgfalt im Hinsehen, nicht einmal die stilistischen Techniken trennen für mich eine Reportage von Kurzgeschichte, Erzählung oder Roman. Den Unterschied macht eine kleine Drehung hin zu psychischen Prozessen.”
“Eine Formulierung wie ‘Sie atmete die Mutter’ ist nur die Umsetzung einer sehr konkreten Erfahrung beim Sortieren der getragenen Wäsche. In einer Reportage wäre dieser Satz suspekt; im Roman aber bewährt sich die Reportertreue zu Details, ohne die sich die radikalen Räume des Empfindens nicht öffnen würden. Damit aber ist der Roman eine Reportage aus der Intimität.”
Das Material zum Artikel (ein Essay…) stammt aus Overaths Band “Vom Sekundenglück brennender Papierchen” und aus ihrem Roman “Nahe Tage. Roman in einer Nacht”. Angelika Overath gewann 1996 den zweiten Platz des Egon-Erwin-Kisch-Preises.
Gespeichert unter Meta | | 0 Kommentar